ZLB Themenraum: Lyrik von Jetzt

Der aktuelle Themenraum in der Amerika-Gedenkbibliothek widmet sich der deutschen und internationalen Gegenwartslyrik auf ausgesprochen vielfältige Weise. Neben Gedichtbänden und Anthologien finden sich auch Audios von Dichterlesungen, Vertonungen und Verfilmungen von Lyrik, Theorie und Praxis werden bedacht, Websites, Internetportale und Tweets eingebunden. Nur noch bis 20. 04. 2017!

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ZLB Themenraum „Lyrik von Jetzt“ © Eva Wißkirchen

Auf dem Tisch im Mittelpunkt des Themenraums wird deutschsprachige Gegenwartslyrik präsentiert, sowie die „Vorgänger_innen“, Dichter_innen der vorigen Generation, die wegbereitend für die heutige Lyrik waren und deren Werk zu kennen daher das Verständnis aktueller Lyrik vertiefen kann. Hierzu zählen für die Kuratorin Lea Schneider zum Beispiel Szymborska, Plath und Mayröcker. Bei der deutschen Gegenwartslyrik finden sich bekannte Namen wie Jan Wagner, der 2014 den Preis der Leipziger Buchmesse gewann, neben neuen Stimmen, die zum Beispiel in den Anthologien Lyrik von Jetzt (Berlin Verlag) zu Wort kommen.

An der Wand gegenüber der Fensterfront wird zum einen die internationale Gegenwartslyrik präsentiert, die von Südafrika bis in die Niederlande, von Südamerika über China und Russland bis nach Portugal reicht; viele der Bände sind zweisprachig. Zum anderen hat man dort über einen Computer Zugriff auf die Website lyrikline – listen to the poet!über die man von den DichterInnen selbst gelesene Gedichte hören kann. 1166 Dichter, 10456 Gedichte, 75 Sprachen. Dazu gibt es 15440 Übersetzungen, allerdings nicht vertont. Diese Auswahl ist überwältigend, aber da es sich um eine Website handelt, kann man die Inhalte ja auch von Zuhause jederzeit abrufen. Der Rechner in der AGB war bei meinem Besuch leider zu leise eingestellt. Außerdem finden sich Medien zur Vertonung/Verfilmung von Gedichten; in diesen Bereich gehört natürlich auch der letztjährige Literaturnobelpreisträger Bob Dylan.

© Eva Wißkirchen
Internationale Gegenwartslyrik © Eva Wißkirchen

Theorie und Praxis finden sich an der anderen Wand. Der Bereich Selber Schreiben möchte zum eigenen Experimentieren mit Sprache anregen, unter dem Stichwort Denken in Gedichten sind Essays und poetologische Reflexionen von DichterInnen subsumiert. Besonders hervorheben möchte ich hier die schlicht und schön gehaltenen Bände der edition poeticon.

ZLB Themenraum Lyrik von Jetzt © Eva WißkirchenIm Übergangsbereich zum restlichen Salon stehen Tablets zur Verfügung, an denen man die ZLB-Themenraum-App ausprobieren, sich durch Netznews, Twitter und Linkliste klicken kann. Oder man laden sie sich gleich kostenlos aufs eigene SmartPhone oder iPad. In der App sind auch die Kooperationspartner Goethe-Institut, Haus für Poesie und das Berliner Lyrikkollektiv G13 präsent. Daneben gibt es jede Menge klassisches Infomaterial zum Mitnehmen, wer aber Papier sparen möchte kann sich die Themenraum-Bibliographie-Lyrik auch auf der Website der ZLB herunterladen.

Im Themenraum gibt es viel zu entdecken. Ich bin mehrmals dort gewesen und habe nicht alles gesehen. Vollständigkeit sollte aber auch nicht unbedingt das Ziel sein. Weite Bereiche der Lyrik sprechen mich überhaupt nicht an, die konnte ich schnell zur Seite legen. Anderes begeistert mich unmittelbar und verlangt nach mehrfacher, konzentrierter Lektüre. Für diesen Fall kann man die ausgestellten Medien auch ausleihen, allerdings zu anderen Konditionen als gewöhnlich: die Leihfrist halbiert sich auf 14 Tage, Verlängerungen und Vorbestellungen sind nicht möglich. Die Ausstellung läuft aber ohnehin nur noch eine Woche, danach sind die Titel wieder wie gewohnt zu haben. Übrigens: Die Ausstellung kann man ohne Benutzerkarte ansehen, zur Ausleihe braucht man dann allerdings eine.

Ich bin kein ausgesprochener Lyrikenthusiast, aber wenn sie mich trifft, dann richtig.

Uljana Wolf Meine schönste Lengevitch_Fotor

Daher bin ich froh, im Themenraum Uljana Wolfs Meine schönste Lengevitch (kookbooks) entdeckt zu haben. Ebenfalls gut gefallen mir Margret Kreids Einfache Erklärung. Alphabet der Träume (Edition Korrespondenzen) und Inger Christensens Sommerfugledalen/Das Schmetterlingstal (Suhrkamp). Letzteres aber vielleicht in erster Linie, weil ich Schmetterlinge und Dänisch mag.

Wer die Möglichkeit hat, sollte den Themenraum schnell noch besuchen (läuft bis 20.04.). Wenn Ihr es schafft, schreibt mir doch, wie es Euch gefallen hat und welche Entdeckungen Ihr gemacht habt!

 

 

Nele Pollatschek – Das Unglück anderer Leute

Liebe, Enttäuschung, Reibung, Fürsorge, Auflehnung, Vergebung, Verzweiflung, Scham – ein breites Spektrum der Gefühle, die man in einer weit verzweigten Familie erleben kann, findet in Nele Pollatscheks Familienroman „Das Unglück anderer Leute“ seinen Platz. Auch wenn der erste Absatz anderes behauptet:

„Ich hasse sie, ich hasse sie, ich hasse sie“, sagte ich. Nicht voller Wut. Voller Wahrheit. Wut hatte ich hinter mir gelassen. Meistens zumindest. Nun sprach ich nur noch aus, was sowieso alle dachten. Klar und ruhig, laut und deutlich, ohne Wenn, ohne Aber: Ich hasste meine Mutter. [S. 9]

Die Widersprüchlichkeit und Unzuverlässigkeit der Erzählerin wird hier bereits deutlich. Die Aussage im ersten Satz kommt gar nicht „klar und ruhig“ daher, sondern als Epizeuxis. Und  auch wenn wir uns diese nicht als Exclamatio denken (ein Ausrufungszeichen ist nicht da), wirkt es eindeutig pathetisch und übertrieben. Sie regt sich über ihre Mutter auf, sie ist von ihr genervt und enttäuscht. Mit Hass ginge der Wunsch einher, ihr auch zu schaden, den hat die Protagonistin Thene nicht. Was ist aber so schlimm an Thenes Mutter?

Die exzentrische Mutter, stets feuerrot gekleidet und mit weißblond gefärbtem Pixie-Kurzhaarschnitt, glaubt jeden retten zu müssen: Männer aus ihrem eintönigen Alltag, eine schwangere Frau vor der Abschiebung ihres Ex-Ehemannes, einen Informanten vor der Mafia und dann noch die ganze Welt mithilfe ihres Blogs. Konventionen sind ihr dabei so egal wie Realitätssinn und Gesetze. Je geringer die Aussicht auf Erfolg, desto besser.

Schlimm daran ist für Thene, wie im Laufe des Romans deutlich wird, dass jeder diesem „Manic Pixie-Dream-Girl“ [S. 97] wichtiger zu sein scheint als ihre Kinder. Außerdem befürchtet Thene, dass die Mutter ihr mit ihren unmöglichen Ideen die feierliche Verleihung ihres Mastergrads in Oxford verderben wird. Und tatsächlich: Die Mutter besteht darauf, auf der Autobahn abgeholt zu werden und wird prompt vom Laster überrollt.

Thene ist fassungslos und wütend, aber nicht eigentlich traurig über ihren Tod; die zur Schau getragene Trauer des Vater regt sie nur auf, sie kommt ihr pathetisch und falsch vor. Im Hintergrund des Romans entwickeln sich Reflexionen über Gefühle, angemessenes Verhalten, die Schicksalhaftigkeit des Charakters. Auch die Beziehungen zwischen den anderen Familienmitgliedern sind schwierig, alle sind mehr oder minder exzentrische Persönlichkeiten. Nur ihren Halbbruder Elijah liebt Thene vorbehaltlos und fürsorglich. Dieser wiederum hat Schwierigkeiten mit seinem Vater, der sich fünf Jahre nach Elis Geburt zum orthodoxen Judentum bekannte und die Familie verließ. In dieser Ausnahmesituation, in der all diese eigensinnigen Charaktere gezwungenermaßen auf engstem Raum zusammen sind, werden Fragen nach Wahrscheinlichkeit, Jenseits und Zusammenhang immer drängender. Insbesondere als die Handlung (bewusst!) zunehmend unglaubwürdiger wird. Ganz am Ende – das ich jetzt nicht vorwegnehmen möchte – wechselt die Erzählung von einer, wie mir schien, fiktiv-realistischen auf eine rein metaphorische Ebene, die die Erzählung wie ein Rückstrahler in einem neuen Licht erscheinen lässt und die vorherige Lektüre in Zweifel zieht. Die Erzählerin gelangt zu einer Einsicht und mit ihr der gewillte Leser.

Gestört hat mich an dem Roman bisweilen die clichégesättigte Flapsigkeit der Erzählerin, die wohl komisch wirken soll:

Trotz der üblichen bürokratischen Unfähigkeit am Leihwagenschalter, die allen Engländern zusammen mit der Fähigkeit, sich Sonnenbrand auch bei Regenschauern zuzuziehen und um neun Uhr abends schon kotzend vor dem Pub zu stehen in die Wiege gelegt werden, saßen wir bereits dreißig Minuten später in einem lilafarbenen Vauxhall Vectra B. [S. 55]

Derartige Stellen gibt es mehrere, ganz so schlimm ist es nicht durchgehend. Komisch wirkt das nicht, eher unbeholfen. Dennoch fand ich den Ton für eine 25-jährige, leicht egozentrische Oxford-Doktorandin nicht unglaubwürdig und Thene verändert sich auch im Laufe des Geschehens, was sich in geringem Maße sprachlich niederschlägt.

Die Figuren kamen mir nicht besonders glaubwürdig vor, in dem Sinne, dass sie nicht wie reale Personen wirkten. Diese überzeichnete Typenhaftigkeit lässt den Versuch einer Exemplifikation philosophischer Thesen zur Zufälligkeit des Daseins deutlicher hervortreten. Die Thesen weden zusätzlich noch im Gespräch der Figuren reflektiert. Einem Leser, dem die Geschehnisse, speziell gegen Ende des Romans, zu unrealistisch vorkommen, könnte man Elis Erklärung, warum der Shuffle-Mode beim iPod nicht wirklich zufällig ist, entgegenhalten:

Am Anfang war der Shuffle-Mode wirklich zufällig generiert. Aber die Kunden haben sich furchtbar aufgeregt, wenn das gleiche Lied dreimal hintereinander kam. Weil Menschen nicht verstehen, dass, wenn sie 100 Lieder auf dem iPod haben und eines davon ist I Got You Babe, dann die Chance, dass I Got You Babe gespielt wird, bei jedem Mal genau 1 zu 100 ist. Also, dass die Wahrscheinlichkeit, dass beim nächsten Mal I Got You Babe gespielt wird, immer noch 1 zu 100 ist. Also hat Apple den Shuffle-Mode weniger zufällig gemacht, damit er zufälliger wirkt. [S. 201]

In ähnlicher Weise erwarten viele Leser von (realistischer) Literatur, dass sie die Wirklichkeit nicht einfach abbildet (mal angenommen, das ginge), sondern eine Wirklichkeit konstruiert, die real wirkt, weil sie schlüssig ist. Die reale Wirklichkeit wirkt hingegen manchmal so unrealistisch, wie man es – zumindest in unserem immer noch (oder vielmehr wieder) ziemlich auf Realismus fixierten Literaturbetrieb – keinem Roman durchgehen lassen würde. Das spielt Nele Pollatschek in „Das Unglück anderer Leute“ gedanklich durch, und ich fand das kurzweilig und ziemlich unterhaltsam.


Nele Pollatschek Das Unglück anderer Leute Ich zitiere nach der Ausgabe:

Nele Pollatschek: Das Unglück anderer Leute, Berlin (Galiani) 2016

224 Seiten, gebunden mit SU, ISBN 978-3-86971-137-9

Erschienen am: 11.08.2016

Schlachtenbilder in Krieg und Frieden

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„Die Schlacht um Moskau“ von Louis-François Lejeune

Tolstois Meisterwerk Krieg und Frieden behandelt auf über 2000 Seiten die napoleonischen Kriege, soweit sie Russland betrafen. Er verbindet dabei die Mikroebene individueller Schicksale mit der Makroebene des politischen Weltgeschehens, bindet historische Quellen ein und liefert zugleich eine philosophische Kritik der Geschichtsschreibung. Zu seinen vielfältigen Darstellungselementen gehören auch immer wieder Schlachtenbeschreibungen. Manuel Köppen interpretiert diese in Das Entsetzen des Beobachters. Krieg und Medien im 19. und 20. Jahrhundert als „vorfilmisches Schreiben“. Eine interessante Perspektive, der ich einige Überlegungen hinzufügen möchte.

Vergleicht man zunächst einmal Tolstois Darstellung der Schlacht von Borodino mit ähnlichen Passagen aus Stendhals Die Kartause von Parma, fällt die Multiperspektivität Tolstois besonders auf. Zwar gibt es viele Parallen in der Erzählung Stendhals aus der Sicht  Fabrizios mit Tolstois aus der Sicht Pierre Besuchows. Zu dieser personalen Perspektive kommen bei Tolstoi jedoch noch etliche andere hinzu.

Vor der Beschreibung des eigentlichen Kampfes wird das Schlachtfeld von Borodino in mehreren Schichten dargestellt, die sich nach und nach übereinanderlegen, sich gegenseitig perspektivieren und so ein Bild des Raumes im Leser erzeugen: Die Totalperspektive des auktorialen Erzählers, in die historische Quellen und historiographische Darstellungen einbezogen werden, die auch kommentiert werden (272-280[1]) sowie als nichtliterarisches Element eine Skizze des Schlachtfeldes (279), die Tolstoi angefertigt hatte, als er im September 1867 diese Gegend inspizierte[2]; eine zivile Perspektive Pierres, die detailliert die Gestalt der Landschaft beschreibt, erst als Panoramablick von einem erhöhen Beobachterstandpunkt aus, dann dynamisiert beim Abreiten der Linie; die militärische Perspektive, einerseits wie sie Pierre erläutert wird, andererseits aus Sicht Napoleons. Hier werden nur militärisch ausschlaggebende Aspekte der Gegend beschrieben: „Dieser Teil der Front war nicht mehr befestigt, nicht mehr geschützt durch den Fluss, und nur vor ihr war offeneres und ebeneres Gelände.“ (320); was aus der Perspektive Pierres „ein sich gelb färbender […] Birken- und Tannenwald“ (286) oder „wie vom Hagel getroffene[r] Roggen“ war, ist aus der Perspektive Napoleons schlicht Wald oder offenes Gelände.

Auch die Schlacht wird nicht allein aus Besuchows Perspektive erzählt. Neben den personalen Perspektiven Pierres (333-350), Napoleons (333, 351-352, 355-362), Kutusows (362-368) und Andrejs (368-379) gibt es rein auktoriale Erzählsituationen (die auch die personalen Perspektiven immer wieder durchbrechen), in die wieder Dokumente eingearbeitet sind (etwa die Aufzeichnungen Napoleons auf St. Helena, 381-384).

Manuel Köppen bezeichnet diese multiperspektivische Darstellungsweise als „vorfilmisches Schreiben“[3] und beschreibt dementsprechend:

Jede Schlachtendarstellung in Krieg und Frieden beginnt zunächst mit einem Schlachtengemälde, einer Übersichtseinstellung. Dem „Establishing Shot“ folgen in aller Regel Szenen oder Beschreibungen, die filmischen Heransprüngen ähneln.[4]

Dies ist sicher keine falsche Beobachtung, jedoch belässt es Tolstoi nicht bei einem Establishing shot, sondern braucht allein um das Gelände im Vorfeld darzustellen mehrere „Einstellungen“ und „Kamerafahrten“ (wie weiter oben bereits gezeigt wurde). Nur die ersten, von einem erhöhten, festen Punkt aus beobachteten Eindrücke können mit Recht als „Schlachtengemälde“ bezeichnet werden.

Hier ist das Bild des „Gemäldes“ allerdings fruchtbarer als Köppen es macht: Die mehrfache Schilderung der Szenerie erinnert an die Schichtenmalerei klassischer Schlachtengemälde: Der einleitende Satz: „Am 24. war die Schlacht an der Schewardino-Redoute, am 25. wurde kein Schuss abgegeben, weder von der einen noch von der anderen Seite, am 26. fand die Schlacht bei Borodino statt“ (272) ist die Grundierung, die noch keinerlei Vorstellung gibt, die Beschreibung des aukorialen Erzählers mitsamt der historischen Quellen und der Skizze sind gleichsam die Vorzeichnung, die folgenden detaillierten Schilderungen Pierres und des Offiziers (im Gespräch mit Pierre) bilden die ersten Farbschichten und quasi den Hintergrund für den Anblick, der sich Pierre am nächsten Morgen bietet:

Das war dasselbe Panorama, das er gestern von diesem Hügel aus bewundert hatte, doch jetzt war das ganze Gelände von Truppen und den Rauchwolken der Schüsse bedeckt, und die schrägen Strahlen der leuchtenden Sonne, die weiter links hinter Pierre aufging, warfen in der Morgenluft ein stechendes, golden und rosa getöntes Licht und dunkle, lange Schatten darauf. (334)

Die klassische Schichtenmalerei, bei der immer dickere auf dünnere Schichten Farbe aufgetragen werden, ermöglicht häufiges Umarbeiten, so auch von einem statischen Bild einer Landschaft mit kampierenden Truppen zu einem Schlachtengemälde. Die Statik, die kurz darauf aufgehoben wird, aber in dieser ersten Schilderung der Schlacht noch besteht, und nicht zuletzt die detaillierte Beschreibung der Lichtverhältnisse erinnert an eine Ekphrasis.

Die dynamisierten und dynamisierenden Beschreibungen sprengen jedoch die Rede vom Gemälde. Allein ein Wechsel der Perspektiven auf einen statischen Gegenstand könnte noch mit der Malerei des Kubismus verglichen werden (die es selbstredend zur Zeit der Niederschrift von Krieg und Frieden ebenso wenig gab wie den Film). Doch schon Köppen weist darauf hin, dass das Ausschlaggebende weniger der Wechsel der Perspektive, als der Wechsel der Distanz ist:

Tolstois Schlachtendarstellungen sind ein Paradebeispiel dessen, was als vorfilmisches Schreiben verstanden wird: ein Effekt, der sich einer multiperspektivisch angelegten Geschehensvergegenwärtigung verdankt, die nicht nur auf einem Wechsel der Standpunkte, sondern vor allem auf dem Wechsel von Distanz und Nähe, in filmischer Erzählkonvention: der Einstellungsgrößen, beruht.[5]

Film hat jedoch auch einen Nachteil, den Alexander Kluge so benennt: „Die Kamera nimmt immer zuviel auf.“[6] In der literarischen Beschreibung hat jede beschreibende Person einen bestimmten Fokus, nimmt dementsprechend nur bestimmte Dinge wahr; alle anderen (die von der Kamera zwangsläufig auch aufgenommen werden würden) kommen in der Schilderung nicht vor. In der literarischen Beschreibung ist es daher einfacher, die Intentionen der Sprechenden durch die Beschreibung zu vermitteln.

Diese Spezifik der einzelnen Perspektiven erinnert an Bachtins Ausführungen zur Redevielfalt im dialogischen Roman:

[A]lle Sprachen der Redevielfalt stehen, welches Prinzip ihrer Abgrenzung zugrunde liegen mag, für spezifische Sichten der Welt, für eigentümliche Formen der verbalen Sinngebung, besondere Horizonte der Sachbedeutung und Wertung. [7]

Allerdings zeigt Tolstoi diese Sprachen nicht objekthaft als „ein Rededing“ [8], als „Bild der Sprache“[9]. Zwar sind für die Differenzierung dieser Sprachen die Intentionen der Sprechenden wichtiger als die linguistischen Merkmale [10] (das gilt auch für Tolstoi), aber entscheidend für das Bild der Sprache ist die künstlerische Abbildung der Sprache im Lichte einer anderen Sprache [11]. Die personalen Perspektiven der Schlachtendarstellung sind keine diskreten Sprachen, die miteinander oder mit der Sprache des auktorialen Erzählers in einen Dialog treten, sie sind nicht einmal wirklich verschiedene Perspektiven, da die Perspektive des auktorialen Erzählers in allen klar zu erkennen ist: Der Leser ist durch die den ganzen Roman durchziehenden Autorkommentare so sehr präpariert, dass in der Perspektive Drubezkois, Wolzogens oder Napoleons (von den Historikern ganz zu schweigen) von vorneherein nur die „falsche“ Perspektive erkannt werden kann. Daher urteilt Bachtin auch in „Probleme der Poetik Dostoevskijs“ hinsichtlich der Dialogizität der Sprache Tolstois: „Die Welt Tolstois ist einheitlich monologisch; das Wort des Helden ist in den festen Rahmen der Autorenworte über ihn eingeschlossen.“ [12]

Die Darstellung der Schlacht in „Krieg und Frieden“ ähnelt also weder einem Gemälde, noch einem Film, noch Bachtins Bild der Sprache, und doch allen ein wenig. Vielleicht ist eine Wurzel dieses Bestimmungsproblems die Dominanz des Visuellen in unserer Kultur. Denn obgleich eine literarische Darstellung nicht nur den Sehsinn anspricht, neigt man zu dem Versuch, das Dargestellte in visuellen Begriffen zu beschreiben und spricht von einem „Bild“. Um Tolstois Darstellung mit dem Begriff „Schlachtenbild“ gerecht zu werden, müsste man einen stark erweiterten Bildbegriff zu Grunde legen, in dem deutlich wird, dass alle Sinne angesprochen sind.


  1. Seitenangaben, die in runden Klammern im Fließtext stehen beziehen sich auf die Ausgabe: Tolstoi, Lew: Krieg und Frieden. Zweiter Band. Aus dem Russischen neu übersetzt und kommentiert von Barbara Conrad, München (dtv) 2011.
  2. Es wird nicht gesagt, dass die Grafik in der hier verwendeten Ausgabe der Skizze Tolstois entspricht, den Anmerkungen ist aber zu entnehmen, dass die Originalausgabe von „Vojna i Mir“ diese Skizze enthielt. Es lässt sich zumindest festhalten, dass in beiden Fällen ein graphisches Element zur Darstellung hinzugezogen wird.
  3. Köppen, Manuel: Das Entsetzen des Beobachters. Krieg und Medien im 19. und 20. Jahrhundert, Heidelberg (Winter) 2005, S. 106
  4. Ebd. S. 108
  5. Köppen, Manuel: Das Entsetzen des Beobachters. Krieg und Medien im 19. und 20. Jahrhundert, Heidelberg (Winter) 2005, S. 106
  6. Rötzer, Florian: Kino und Grabkammer. Gespräch mit Alexander Kluge. In: Schulte, Christian: Die Schrift an der Wand. Alexander Kluge: Rohstoffe und Materialien, Osnabrück (Rasch) 2000, Seite 35
  7. Bachtin, Michail: Das Wort im Roman (1934/35), in Bachtin, M./Grübel, Rainer (Hg.): Die Ästhetik des Wortes. Frankfurt a. M. (1979), S. 183
  8. Ebd. S. 190
  9. Ebd. S. 223 f.
  10. Ebd. S. 184
  11. Ebd. S.
  12. Bachtin, Michail: Probleme der Poetik Dostoevskijs, Berlin (Ullstein) 1985, S. 63. Dieses Urteil Bachtins sollte allerdings relativiert werden, was ich eventuell in einem folgenden Beitrag versuchen werde.

#Indiebookday 2017

Ich möchte den heutigen Indiebookday zum Anlass nehmen, eine subjektive Liste lesenswerter Indie-Publikationen zu erstellen. Manches habe ich bereits hier auf dem Blog ausführlicher besprochen, manches mehrfach gelesen, anderes vor längerer Zeit, das ein oder andere habe ich gerade erst angefangen, aber mit so viel Begeisterung, dass ich es doch teilen wollte. Die Reihenfolge der Liste stellt übrigens keine Wertung dar.

Fische retten_Fotor

  1. Fische retten von Annelies Verbeke bei mare: Heute angefangen, schon zur Hälfe durch. Gut, es ist kurz (185 Seiten). Aber eben auch sehr kurzweilig: Eine Schriftstellerin kehrt nach dem Ende einer großen Liebe der Literatur den Rücken, um fortan die Fische der Meere zu retten. Zu diesem Zweck hält sie Vorträge auf ichtyologischen Kongressen, die als „Literarisches Intermezzo“ angekündigt und eher verhalten aufgenommen werden. Ich schätze, dass sie auch in der zweiten Hälfte des Buches die Fische nicht wird retten können, aber vielleicht rettet sie sich selbst. Ich hatte das Buch schon länger hier liegen, wurde aber erst von Verbekes Beitrag zur Reihe Hausbesuch, der mir sehr gut gefallen hat, zum Lesen animiert.
  2. Ein dreifach Hoch auf die Milchstraße! von Kurt Vonnegut bei Kein & Aber: Frühe Kurzgeschichten von Kurt Vonnegut, übersetzt von Harry Rowohlt. Da kann man gar nichts falsch machen, macht man auch nicht. Gibt es offensichtlich nur noch als E-Book. Die Sammlung erinnerte mich an die Multiversums-Theorie, der zufolge es in den multiplen Universen alles gibt, was wir uns vorstellen können, und noch viel mehr. Genau wie bei Vonnegut. Es gibt Welten, die genau wie unsere sind, vielleicht nur mit einem kleinen aber möglicherweise entscheidenen Unterschied. Einige der Geschichten scheinen in solchen Welten zu spielen: Alles ganz realistisch, bis plötzlich …
  3. Von der Notwendigkeit, den Weltraum zu ordnen von Pippa Goldschmidt bei CulturBooks: Wo wir gerade bei Kurzgeschichten und Weltraum sind – diesen Band der Astrophysikerin Goldschmidt habe ich letztes Jahr mit Gewinn gelesen und bereits ausführlich besprochen.
  4. Der Letzte macht das Buch aus von Stephan Porombka bei Frohmann: Es gibt eine ganze Reihe wunderbare Twitterbücher bei Frohmann; das Besondere an diesem ist, dass der Autor persönlich es nochmal in „Schönschrift“ abgeschrieben hat. Das ist schon eine Vorausdeutung auf das Flackern zwischen Online und RL, Pop- und Hochkultur, Philosophie und Spaß (wenn denn solche Kategorien sinnvoll wären), performen und gleich noch mit reflektieren.
  5. Hacking Coyote von Alan Mills bei mikrotext: Letztes Jahr im September als E-Book erschienen (und damals von mir ausführlich besprochen), gibt es den Essay seit Januar 2017 auch als gedrucktes Buch.
  6. Die Rosenbaum-Doktrin von Wolfgang Herrndorf bei SuKuLTuR: Habe ich erst diesen Monat entdeckt, gelesen und besprochen. Die Begeisterung hält weiter an.
  7. Der Literatur-Express von Lasha Bugadze bei der Frankfurter Verlagsanstalt: Bin gerade erst auf dieses letztes Jahr im März erschienene Buch aufmerksam geworden, aber schon das Setting hört sich sehr vielversprechend an:  Hundert Autoren aus ganz Europa sollen gemeinsam im Zug von Lissabon nach Moskau fahren, darunter der Protagonist und wenig erfolgreiche georgische Autor Zaza. Obwohl Bugadze einer der meistgelesenen Autoren Georgiens ist, dürfte seine Übersetzerin Nino Haratischwili bei uns weit bekannter sein. Mehr Informationen und eine Leseprobe gibt es hier.

Es wird schon spät, der Indiebookday neigt sich seinem Ende, deshalb sollen sieben Vorschläge dieses Jahr genug sein. Ich hoffe, es ist die ein oder andere Anregung für Euch dabei!


© mare

Verbeke, Annelies: Fische retten. Aus dem niederländischen von Andreas Gressmann, Hamburg (mare) 2011.

 

 

© Kein & Aber

Vonnegut, Kurt: Ein dreifach Hoch auf die Milchstraße! Übersetzt von Harry Rowohlt, Zürich (Kein & Aber) 2010.

 

 

 

© CulturBooks

Goldschmidt, Pippa: Von der Notwendigkeit, den Weltraum zu ordnen. Übersetzt von Zoë Beck, Berlin (CulturBooks) 2014.

 

 

© Frohmann

Porombka, Stephan: der Letzte macht das Buch aus. Berlin (Frohmann) 2013.

 

 

Cover – Alan Mills – Hacking Coyote

Mills, Alan: Hacking Coyote. Berlin (mikrotext) 2016, print 2017.

 

 

Wolfgang Herrndorf: Die Rosenbaum-Doktrin, © SuKuLTuR

Herrndorf, Wolfgang: Die Rosenbaum-Doktrin, Berlin (SuKuLTuR) 2007.

 

 

© Frankfurter Verlagsanstalt

Bugadze, Lasha: Der Literatur-Express. Übersetzt von Nino Haratischwili, Frankfurt a. M. (Frankfurter Verlagsanstalt) 2016.

Europe, que me veux-tu?

Bei Frohmann Verlag erscheint derzeit eine vom Goethe-Institut herausgegebene siebensprachige Buchreihe, die sich mit europäischen Identitäten befasst. Dazu wurden zehn Autoren eingeladen, sich zwei europäische Städte mit Goethe-Institut auszusuchen, eine davon in Deutschland. Dort wurden sie mit Einwohnern ins Gespräch gebracht und lasen aus ihren Werken. In welcher Form sie anschließend darüber schreiben wollten, blieb ganz ihnen überlassen. Daher sind die Bücher der Reihe, trotz des gemeinsamen Konzepts, ganz unterschiedlich.

Noch sind nicht alle Bände erschienen, und ich habe erst fünf der bereits erhältlichen Beiträge gelesen: Marie Darrieussecq, Jordi Puntí, Alina Bronsky, Annelies Verbeke und Sasha Marianna Salzmann.

Für die übrigen warte ich auf die am 21. März erscheinende Anthologie. Diese versammelt die Texte der genannten Autoren, sowie die von Guy Helminger, Gonçalo M. Tavares, David Wagner, Michela Murgia, Katja Lange-Müller.

Marie Darrieussecq: Naples-Dresde en Europe

Marie Darrieussecqs Essay ist ein Geflecht aus Textzitaten und deren Reflexion. Der rote Faden, der sich durch dieses Geflecht zieht, ist die zerstörte Stadt: Neapel und Dresden, die beiden Städte, die sie im Rahmen des Projekts besucht hat; Malaparte, Klemperer und Vonnegut, die über die Zerstörung dieser Städte geschrieben haben. Hinzu kommen Hiroshima und Nagasaki, Pompeji und Gernika, Aleppo und Alesia. Zerstörte Städte von der Antike bis zur Gegenwart. Darrieussecq setzt sie in Beziehung und lässt so die veschiedenen und doch vergleichbaren Ereignisse sich gegenseitig beleuchten. Sie zieht aus dem so in neuem Licht Besehenem ihre Schlüsse und ermisst die Bedeutung für Europa. Das ist sowohl hinsichtlich der Textgestaltung, als auch rein inhaltlich, spannend nachzuvollziehen.

Europa ist weder eine vom Stier entführte Jungfrau noch das Riesenrad eines Jahrmarkts. Europa ist durch die Vernichtungslager geschritten, durch Dresden und Gernika, Pompeji und Alesia, durch Athen und die Wälder der Goten. Europa ist eine Amphore, ein Wikkinger-Drakkar, ein thrazischer Kelch, diverse untergegangene Königsgeschlechter, Schützengräben und Stacheldraht. […] Europa ist ein gemischtes Land, sehr alt, sehr schmerzhaft und sehr schön, voller Hoffnung und Furcht, und es wird die Metaphern ebenso überleben wie die Faschisten, die Terroristen, die Arbeitslosigkeit und die Korruption, selbst seine eigenen Mythen wird es überleben, ich weiß nur nicht, in welchem Zustand. Vielleicht nur als tektonischer Sockel. [S. 80f./311].

Jordi Puntí: La paciència

Der katalanische Schriftsteller Jordi Puntí erzählt in La paciència sein Erzählersein:

Ich wüsste nicht zu sagen, welche Art von Erzähler ich bin. Manchmal gehe ich wild entschlossen auf die Jagd, und manchmal, wahrscheinlich häufiger, bleibe ich sitzen und versuche zu angeln. Diese Gedanken machte ich mir im Zug, und mir fiel auf, dass ich im Moment beides zugleich tat: Ich war unterwegs an einen unbekannten Ort, auf der Suche nach einer Geschichte, und zugleich saß ich still und schaute mir die Landschaft an. [S. 62/257]

Was ihm begegnet, prüft er unwillkürlich auf seine Eignung als Geschichte: Das liegendelassene Schmicketui einer Amerikanerin, die ihm gegenüber saß, löst eine Flut fiktiver Möglichkeiten aus: „Aber ich sage mir: Ruhe bewahren.“ [S. 68/257]

In Nancy angekommen, legt er sich im Hotel aufs Bett, und damit beginnt unvermittelt die Fiktion, markiert nur durch die Grammatik, durch den Übergang von der ersten zur dritten Person.

Auf der Suche nach einer Geschichte lässt Puntí nun seinen fiktiven Autor Felipe Quero durch die Stadt streifen, die mysteriöserweise von Schriftstellern und Literaturenthusiasten überlaufen ist. Es stellt sich heraus, dass ein großes Literaturfestival stattfindet, das er zu meiden versucht, denn: „Geschichten mit Schriftstellern als Hauptfiguren waren ihm zuwider.“ [S. 75/257]

Es ist ein Spiel der Fiktionsebenen: Puntí erzählt zwar von einem Aufenthalt in Nancy auf Einladung des Goethe-Instituts, aber als Fiktion eines Schriftstellers, der einen Schriftsteller auf der Suche nach einer Geschichte durch Nancy schlendern lässt, wo er einem Mann begegnet, der seine Faru dabei fotografiert, wie sie Monumente betrachtet. Schließlich tritt auch noch ein Schriftsteller namens Jordi Puntí auf den Plan …

Alina Bronsky: Menschen kennenlernen

Alina Bronsky folgt in ihrem Text einem journalistischen Ansatz. Sie berichtet – ich bin versucht zu schreiben: brav – über ihren Besuch in Turin, angereichert mit italienischen Kochrezepten. Das Ergebnis könnte so auch im Zeit-Magazin stehen. Dass Bronsky ihre Schwierigkeiten mit der Textgestaltung und der reflexiven Tiefe anspricht, macht es nicht wirklich besser:

Ich werde das Gefühl nicht los, dass nun irgendwas zum großen europäischen Gedanken angesagt ist. Ich weiß aber auch, dass mir das nicht gelingen wird. Große gesellschaftliche Themen kann ich, wenn überhaupt, weder frontal noch direkt aufgreifen. Und leider auch nicht mit dem nötigen Ernst. [S. 38/168]

Ernst wäre auch nicht nötig bewesen. Aber ich werde das Gefühl nicht los, dass sie sich ein bisschen mehr Mühe hätte geben können. Andererseits bin ich vielleicht nur deshalb etwas enttäuscht, weil ich mir von Alina Bronskys Text viel versprochen hatte – ich habe erst im vergangenen Jahr ihre Erzählung Baba Dunjas letzte Liebe mit Enthusiasmus gelesen.

Annelies Verbeke: Al die mensen, al die eeuwen

Auch Annelies Verbeke beschreibt ihre Aufenthalte in Genua und Schwäbisch Hall, allerdings in der distanzschaffenden Perspektive der dritten Person und mit ansteckender Reiselust: In Genua gibt sie sich mit Wonne dem Verlorengehen hin, genießt die Überraschungen der Stadt und fotografiert exzessiv die schönen Mosaikfußböden, und selbst im kleinen Schwäbisch Hall besucht sie mehrere Museen. Zugleich ist ihr Text politischer als der von Alina Bronsky: Der Titel All diese Menschen, all diese Jahrzehnte bezieht sich auf die Migration, die seit Jahrhunderten Europa prägt.

In Genua, Italiens bedeutendster Hafenstadt, begegnet sie dem Thema überall, im Palazzo Rosso und im Palazzo Bianco beim Betrachten von Gemälden:

Ihre Schöpfer kamen überwiegend aus Antwerpen nach Genua: Rogier van der Weyden, Joos van Cleve, Frans Pourbus, Jan Wildens, Jan Roos, Abraham Teniers, Jan Provost, Gerard David, Jan Massys, Joachim Beukelaer, Peter Paul Rubens, sie alle sind hier versammelt. Sie wurden eingeladen, blieben viele Jahre hier hängen und werden nun, Jahrhunderte nach ihrem Tod, noch immer auf Händen getragen. Erfolgsmigranten. [63/211]

ebenso wie auf der Straße, wo ein Akkordeonspieler Astor Piazzolla spielt:

Denn plötzlich trifft es sie mitten ins Herz: die Erkenntnis, dass Piazollas Eltern nach Argentinien ausgewanderte Italiener gewesen sein müssen. Die Unabwendbarkeit der Migration überwältigt sie, die Vitalität der Entscheidung, die Tragik des Hintersichlassens und Wiederaufbauens, all die Menschen, die sich seit vielen Jahrhunderten einschiffen, die auf der Durchreise sind, sich auf neuem Boden wiederfinden. [S. 63f./211]

Verbeke bespricht das Thema auch bei den Hausbesuch-Veranstaltungen. Sowohl in Genua als auch in Schwäbisch Hall scheint es, trotz aller Kosmopolität, vor allem Besorgnis hervorzurufen, wobei in Genua die größte Sorge immer noch die Mafia bleibt.

Am Ende zieht Verbeke ein Fazit, das für fast alle der von mir bisher gelesenen Hausbesuch-Texte gelten könnte:

Von ihrem Hausbesuch nimmt die Autorin die Erkenntnis mit: Nicht sie hat das Thema der Migration als roten Faden für ihren Reisebericht gewählt, es hat sie aufgenommen, weil es schon dagewesen, allgegenwärtig ist. [S. 77/211]

Tatsächlich ist es auffällig, aber keineswegs überraschend, dass viele Texte das Thema Migration so prominent behandeln. Es ist einerseits die große, gemeinsame europäische Aufgabe unserer Zeit, anderseits hat sie die europäische Kultur schon immer stark geprägt. Und genau darum geht es schließlich in der Reihe.

Sasha Marianna Salzmann: In das Maul des Wolfes will ich Dich stecken

Salzmanns Erzählung ist gewiss der freieste der fünf Beiträge – von einer Einladung des Goethe-Instituts ist nirgendwo die Rede. Die Erzählerin ist in Palermo und hängt dort in Gedanken einer vergangenen Liebe nach:

Ich höre Blut in meinen Ohrmuscheln, höre deine Stimme sprechen. Sehe die Bewegung deiner Lippen. Du sagst so viele Sätze und sagst nichts. SieklebenaneinanderohneAbstand du konntest nie das sagen, was du sagen wolltest, suchtest nur das, was dir entglitt. Wiederholtest, holtest nach, holtest auf, verstolpertest dich in Wörtern, die alle gleich klangen, fielst über das Einfache, versuchtest mir etwas zu erklären. Und du hast, ich wollte nicht verstehen. Du warfst mich raus, immer und immer wieder, es war kalt, der Geruch von Katzenpisse an den Hauswänden, ich stieß meinen Kopf dagegen, wollte rein, so oft, bis ich verschwand, weg war, dann wolltest du mich, sofort wolltest du mich, sofort wolltest du wissen, wo ich bin, sagtest, ich gehöre dir, so würde es sich gehören, dass ich bei dir Bericht abllege über ein Leben, dass du nicht verstehst. Ich schlug mich weit und dir gelang es trotzdem, kaum war ich weg, irgendeine Katastrophe und ich rief an, lief zurück. Nicht dieses Mal. Ich bin für immer weg. [29f./206]

Gleichzeitig beginnt sie eine Affäre mit einer jungen Frau, die die Flucht über das Mittelmeer überlebt hat:

Wenn man hier Tiere aus dem Meer isst, isst man die Ertrunkenen. Schwertfisch, Thunfisch – alle haben Leichen gefressen, die sie hätte sein können, sagt Angela. [S. 29/206]

Salzmann beschäftigt sich nicht distanziert-philosophisch mit Flucht, Migration, Terrorismus und Krieg, sondern unmittelbar, ungeschönt, als rauer Lebensrealität, in einer eindringlichen Sprache, die alle Sinne aufrührt – man sieht, riecht, hört, schmeckt und fühlt, was sie schreibt. Ob man will oder nicht.

So viele Menschen, so viele Sprachen, so viele Gedankenräume

Die Diversität der Buchreihe ist ihre große Stärke, ganz so wie es die große Stärke Europas ist. Was mich an Europa schon immer fasziniert hat, ist die Menge an verschiedenen Sprachen und Kulturen auf engem Raum. Je mehr dieser Sprachen man lernt, desto mehr werden Unterschiede, vor allem aber Gemeinsamkeiten bewusst.

Der beste Freund meines Vaters, der schon sehr viele Sprachen spricht und immer noch mehr lernt, erklärt seine Motivation damit, dass er verstehen will, wie die jeweiligen Muttersprachler denken. Die Sprache formt das Denken, das Denken formt die Sprache. Grammatische Strukturen, Bildsprache, Sprachklang teilen etwas mit, dass nicht immer übersetzbar ist. Deshalb ist es für die europäische Verständigung – nicht nur auf kommunikativer Ebene – wichtig, möglichst viele Sprachen zu lernen.

Und deshalb ist es so wichtig, dass die Texte der Hausbesuch-Reihe als siebensprachige Ausgaben erscheinen. Man kann sich erst einmal am Originaltext versuchen (zum Glück haben Ebooks eine eingebaute Wörterbuchfunktion), dann die zu einem passende Übersetzung lesen, Vergleiche anstellen, schauen, wie bestimmte Passagen in andere Sprachen übersetzt wurden … Die Reihe Hausbesuch mit ihrem überzeugenden Gesamtkonzept ist eine große Bereicherung und ich freue mich schon sehr auf die Anthologie.


Ich zitiere nach:

Darrieussecq, Marie: Hausbesuch. Naples-Dresde en Europe 
(Neapel-Dresden in Europa, Nápoles-Dresde en Europa, Napoli-Dresda in Europa, Napels – Dresden in Europa, Nápoles-Dresden na Europa), Reihe Hausbesuch, hg. vom Goethe-Institut,
Vol. 1, E-Book (ePub/mobi), Berlin (Frohmann) 10.01.2017

Jordi PuntíHausbesuch. La paciència
(Geduld, La paciencia, La patience, Ospiti a casa, La pazienza, Het geduld, A paciência), Reihe Hausbesuch, hg. vom Goethe-Institut, Vol. 4, E-Book (ePub/mobi), Berlin (Frohmann)
31.1.2017

Alina BronskyHausbesuch. Menschen kennenlernen
(Conocer gente. Faire connaissance. Conoscere persone nuove. Mensen leren kennen. Conhecer pessoas), Reihe Hausbesuch, hg. vom Goethe-Institut, Vol. 3, E-Book (ePub/mobi), Berlin (Frohmann) 24.01.2017

Annelies VerbekeHausbesuch. Al die mensen, al die eeuwen
(All diese Menschen, all diese Jahrzehnte / Toda esa gente, todos esos siglos / Tous ces gens, des siècles durant / Tutta quella gente, per tutti quei secoli / Todas essas pessoas, todos esses séculos), Reihe Hausbesuch, hg. vom Goethe-Institut, Vol. 7, E-Book (ePub/mobi), Berlin (Frohmann) 21.2.2017

Sasha Marianna SalzmannHausbesuch. In das Maul des Wolfes will ich dich stecken
(Quiero meterte en la boca del lobo, Je veux te fourrer dans la gueule du loup, In bocca al lupo, In de bek van de wolf wil ik je stoppen, É na boca do lobo que te quero pôr), Reihe Hausbesuch, hg. vom Goethe-Institut, Vol. 2, E-Book (ePub/mobi), Berlin (Frohmann), 17.1.2017

Da die E-Books keine festen Seiten haben, gebe ich dazu an, wie viele Seiten das Buch auf meinem Gerät bei meinen Einstellungen insgesamt hat. [80/311] heißt also: Seite 80, wenn die Gesamtseitenzahl 311 ist. Ich hoffe, diese Angabe ist annähernd genau genug.

Wolfgang Herrndorf – Die Rosenbaum-Doktrin

Wolfgang Herrndorf: Die Rosenbaum-DoktrinSo ein schmales Heftchen, gerademal 18 Seiten, und so viel Gehalt: Meine besten 15-Minuten Lesezeit dieses jungen Jahres. Herrndorfs Rosenbaum-Doktrin ist eine Gesprächsdokumentation wie aus einem Feature von Alexander Kluge, changierend zwischen Ernst und Spaß, mehrheitlich Spaß, untermalt von einer nicht unangenehmen leichten Verunsicherung ob der Faktualität.

Wolfgang Herrndorf besucht den Kosmonauten Friedrich Jaschke im Altersheim und redet mit ihm über die Zeit der Raumfahrtpioniere. Jaschke hat seine Ausbildung zusammen mit Sigmund Jähn absolviert, und obschon er besser im Kopfrechnen war (sehr wichtig in der russischen Raumfahrt!) und auch in Sachen Pysik und Physiologie der Erste war, wurde Jähn, der Parteiliebling, bevorzugt. Jähn flog ins All und Jaschke blieb unten.

Neben der interessanten Perspektive, die Jaschke bietet, begeistert vor allem sein lakonischer, zum Schnodderigen tendierender Ton:

Herrndorf: Aber es gab auch Rückschläge.

Jaschke: Die Mondsache, klar. Mond war natürlich die Königsdisziplin.

Kulturwissenschaftlich interessant und beinahe philosophisch wird es, als sie auf die Rosenbaum-Doktrin zu sprechen kommen: Wie reagiert man, wie reagiert die Sowjetunion, wenn man im Weltraum Irrationalem begegnet?

Auf den wenigen Seiten des Heftes gibt es mehrere Gelegenheiten zum lauten Auflachen, die ich alle genutzt habe. Ich hätte noch stundenlang weiterlesen mögen. Wenn es überhaupt etwas an dem Büchlein auszusetzen gibt, dann, dass es zu kurz ist.


Wolfgang Herrndorf: Die Rosenbaum-Doktrin, © SuKuLTuR

Das Gespräch erschien zuerst in der Reihe Schöner Lesen (Band 64) bei SuKuLTuR. Das Heft ist auf der Seite des Verlags bestellbar.

 

Wolfgang Herrndorf: Die Rosenbaum-Doktrin, © Rowohlt

Eine E-Book-Version ist bei Rowohlt erschienen.

Unterstreichungen und Marginalien

An diesem Thema scheiden sich die Geister: Die einen empfinden Anstreichungen und Marginalien in Büchern als Sakrileg, die anderen gestehen verschämt oder postulieren selbstbewusst – je nach Charakter und Haltung -, dass sie gar nicht mehr ohne Stift in der Hand lesen können. Aber Unterstreichungen als Motiv in Romanen wird überraschend wenig Aufmerksamkeit zuteil, obwohl es ein lohnender Untersuchungsgegenstand ist.

 

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Eskalierte Unterstreichungen in Benjamins Surrealismus-Essay

Ich selbst habe auf der Schule als hemmungslose Unterstreicherin angefangen, beschränke diese Tätigkeit aber inzwischen auf Kopien und Ebooks; in gedruckten Büchern markiere ich Stellen nur noch durch diese kleinen bunten Index-Haftstreifen. Will man einen Text intensiv bearbeiten, reicht das jedoch nicht aus.

 

Unterstreichen als Steigerungsform des Lesens

Texte mit Unterstreichungen und handschriftlichen Marginalien zu versehen, gehört zum Grundrepertoire literaturwissenschaftlichen Arbeitens und erfüllt viele Funktionen: Argumentations-, Erzähl- oder sonstige rhetorische Strukturen sollen hervorgehoben werden; Stellen, die man zu zitieren gedenkt, werden markiert, um sie später schneller wieder zu finden; Marginalien können Querverweise zu anderen Texten, anderen Kunstwerken oder anderen Stellen des selben Textes sein oder eigene Gedanken. Oft entwickeln sich dabei persönliche Strategien und Zeichensysteme, mitunter fast bis ins Zwanghafte gesteigert.

Beim „privaten“ Lesen ist die Unterstreichung eine Möglichkeit, für sich selbst im Moment des Lesens die Bedeutung des Gelesenen zu betonen, zum Beispiel Zustimmung oder Ablehnung Ausdruck zu verleihen. Das kann rein impulsiv geschehen oder bereits mit der Absicht, die Stelle später wiederzufinden und selbst noch einmal zu lesen oder einem anderen zu zeigen.

Das Unterstreichen und Annotieren stellt in jedem Fall eine Intensivierung des Leseprozesses dar. Der Leser verhält sich zum Text, setzt sich zu ihm in Beziehung, interpretiert ihn und macht ihn dabei zu etwas Eigenem. Der expressive Duktus der Unterstreichung gibt dabei viel von der Haltung dem Text gegenüber preis, mitunter auch vom Wesen des Unterstreichenden: So verrät eine mit dem Lineal mit stets der gleichen Strichstärke im stets gleichen Abstand zur Textzeile absolut parallel gezogene Linie vielleicht weniger über das Verhältnis des Lesers zur Textstelle, aber doch etwas über dessen Akuratesse und damit über seinen (zwanghaften?) Charakter.

Unterstreichungen und oft auch Randbemerkungen sind oft verhältnismäßig vage. Aus Unterstreichungen anderer gezogene Rückschlüsse bleiben daher meist hochgradig spekulativ. Dadurch geben sie aber auch ein fruchtbares Motiv in Romanen und Erzählungen ab, denn ein Kunstwerk lebt von seiner Bedeutungsvielfalt. Fontane verwendet das Motiv besonders eifrig, aber auch bei Stifter, Musil und ein paar weiteren kann man Beispiele finden.

Unterstreichungen bei Theodor Fontane

Fontane scheint eine besondere Vorliebe für Unterstreichungen gehabt zu haben: In der Mehrzahl seiner Romane (Vor dem Sturm, Graf Petöy, Cécile, Irrungen, Wirrungen, Quitt, Unwiederbringlich, Effi Briest) und in zwei Erzählungen (Schach von Wuthenow, Mathilde Möhring) und damit während der gesammten Zeit seines literarisches Schaffens verwendet er das Motiv als Gestaltungsmittel.

Es dient Fontane hauptsächlich zur indirekten Charakterisierung seiner Figuren. Die Figuren erkennen etwas über sich selbst, als sie Unterstreichungen anderer lesen oder selbst gemachte Unterstreichungen später wieder betrachten; sie schließen aus Unterstreichungen anderer auf deren Charakter oder ziehen für sich nützliche Informationen daraus; oder die Verschiedenheit der Unterstreichungspraxis zweier Figur führt dem Leser nochmals deren kongruente charakterliche Verschiedenheit vor Augen. Formal fungieren die Unterstreichungen mitunter als Wendepunkt oder Pointe.

Unterstreichungen bei Adalbert Stifter

Adalbert Stifter setzt das Motiv nur im Nachsommer ein;[1] hier ist das Motiv allerdings von besonderer Bedeutung und von größerer Komplexität als bei Fontane. Es gibt zwei Stellen im Nachsommer, in denen Untersteichungen eine Rolle spielen: Die erste Stelle beschreibt, wie die alte Fürstin, mit der Heinrich Drendorf in der Stadt bekannt ist, Unterstreichungen wieder liest, die sie vor vielen Jahren gemacht hatte.[2] Diese Passage ist eng verbunden mit dem speziellen Bildungskonzept, das dem Nachsommer zugrunde liegt, und das ich in seiner Komplexität hier nicht darstellen kann. Erdbildung und Bildung der Persönlichkeit werden parallel geführt, die Unterstreichungen sind gedanklich verwoben mit Fossilien und Falten des Gesichts.

Die zweite Stelle beschreibt, wie Mathilde dem Sohn Gustav ihre Gesamtausgabe der Werke Goethes schenkt. Er ist beglückt; als er jedoch die Unterstreichungen gewahrt, will er die Bände nicht annehmen, weil diese Unterstreichungen ihr Eigentum seien und er sie nicht berauben wolle. Die Mutter betont, dass die Unterstreichungen ein Band zwischen ihnen darstellen:

Wenn du in den Büchern liesest, so liesest du das Herz des Dichters und das Herz deiner Mutter, welches, wenn es auch an Werthe tief unter dem des Dichters steht, für dich den unvergleichlichen Vorzug hat, daß es dein Mutterherz ist. Wenn ich an Stellen lesen werde, die ich unterstrichen habe, werde ich denken, hier erinnert er sich an seine Mutter, und wenn meine Augen über die Blätter gehen werden, auf welche ich Randbemerkungen niedergeschrieben habe, wird mir dein Auge vorschweben, welches hier von dem Gedruckten zu dem Geschriebenen sehen und die Schriftzüge von Einer vor sich haben wird, die deine beste Freundin auf der Erde ist. So werden die Bücher immer ein Band zwischen uns sein, wo wir uns auch befinden. [3]

Die Goethe-Bände verbinden Mutter und Sohn emotional, aber das Band zwischen den Zeilen – die Unterstreichung – stellt auch eine Lenkung der Lektüre dar: das Band wird zur Leine, die verhindert, dass Gustav im Geiste wandern kann, wohin auch immer es ihn verschlagen mag; wird mithin zu einem Sicherungsband, das, ähnlich wie das Sicherungsseil beim Bergsteigen, eine Katastrophe verhindern soll.[4] Denn Kunst ist im Nachsommer immer auch gefährlich, wenn der leicht zu beeindruckende jugendliche Geist unbegleitet und unvorbereitet auf sie trifft.

Das „Band zwischen uns“ ist rhetorisch betrachtet ein Unterpunkt der ubiquitären Bandmetapher im Nachsommer: Das Wort „Band“ taucht in metaphorischen wie wörtlichen Bedeutungen vielfach in der Erzählung auf (Landschaftsbeschreibungen, Hortikultur, Gestaltungselement, Familienbande); alle Bedeutungen sind miteinander in Beziehung zu setzen. Die Bandmetapher ist wiederum mit anderen Metaphern und Symbolen verwoben zu einem extrem dichten, extrem interessanten Text.

Unterstreichungen bei Robert Musil

In Robert Musils Der Mann ohne Eigenschaften bekommt das Unterstreichen und die dadurch mögliche Beeinflussung des späteren Lesers vollends eine unheimliche Nuance. Im Rahmen der Parallelaktion bemüht sich General Stumm von Bordwehr, Diotima, in die er verliebt ist, „den erlösenden Gedanken […] zu Füßen zu legen.“[5] Um diesen „Gedanken, nach dem Diotima sucht“[6] zu finden, begibt er sich in die Staatsbibliothek, wo er von den unfassbaren Mengen an Büchern überwältigt ist. Er bittet einen Bibliothekar um Hilfe, der ihm, nach einem längeren Gespräch darüber, was Stumm eigentlich möchte, die Bücher bringt, die Diotima sich hat reservieren lassen. Die Suche nach dem „erlösenden Gedanken“ tritt in den Hintergrund angesichts des Vergnügens, das diese Konstellation dem General zu bieten vermag:

[W]enn ich jetzt in die Bibliothek komme, ist das geradezu wie eine heimliche geistige Hochzeit, und hie und da mach ich vorsichtig mit dem Blei an den Rand einer Seite ein Zeichen oder ein Wort undweiß, daß sie es am nächsten Tag finden wird, ohne eine Ahnung zu haben, wer da in ihrem Kopf drinnen ist, wenn sie darüber nachdenkt, was das heißen soll!“[7]

Wie sehr der General schon allein den Gedanken an diese heimliche Hochzeit genießt, wird im Anschluss noch deutlicher: „Der General machte eine selige Pause. Aber danach riß er sich zusammen, bitterer Ernst strömte in sein Gesicht[.]“[8] Dieser Genuss steht im Konflikt mit Diotimas Gefühlen dem General gegenüber, wie sie nach seinem ersten Besuch bei ihr dargestellt werden: Sie verabscheut ihn zutiefst, ist extrem aufgewühlt und empfindet seine Gegenwart und seine Blicke als unbestimmte Beleidigung. Sie nimmt den objektiv wenig furchteinflößenden, etwas naiv wirkenden Stumm von Bordwehr als Bedrohung wahr, sowohl für sich persönlich, als auch für die Parallelaktion, und glaubt, sich durch „die Macht der Idee“[9] vor seinem Zugriff schützen zu können.

Gerade diese Suche nach einer großen Idee ist es aber dann, die Stumm von Bordwehr in die Bibliothek treibt und so die heimliche Zudringlichkeit via Unterstreichung initiiert. Die Vorstellung des Generals von einer „heimlichen geistigen Hochzeit“ könnte als romantisch aufgefasst werden, wenn nicht zugleich offenkundig wäre, wie erschreckend und abstoßend Diotima ihn findet, also mit einer Hochzeit gleich in welchem Sinne niemals einverstanden wäre und sich schon von dem Ansinnen beleidigt fühlen würde. Besonders unheimlich wird sein Verhalten durch den Genuss, den ihm die Vorstellung bereitet, dass Diotima nicht wissen kann, wer es ist, der in ihren Kopf eindringt und durch die Marginalien Macht auf ihre Gedanken ausübt. Er zwingt ihr die Verbindung auf; dass er ihr keine Freiheit zur Zustimmung oder Ablehnung lässt, schützt ihn vor Zurückweisung und Entwertung. Die „heimliche geistige Hochzeit“ krankt an der Beziehungsasymetrie einer Zwangsehe.

Wie ist steht Ihr zu Anmerkungen und Marginalien? Macht Ihr selbst welche? Und wie findet ihr es, wenn Ihr in Bibliotheksexemplaren welche findet?

Vor allen Dingen würde mich auch interessieren, ob Ihr weitere Texte kennt, in denen Unterstreichungen eine Rolle spielen.

 


  1. Auch in der Erzählung Kalkstein aus der Sammlung Bunte Steine werden Unterstreichungen beschrieben, diese haben aber keinen Bezug zu einer Figur, den zu untersuchen sich lohnte, sie haben auch keinerlei Auswirkungen auf das Geschehen, und gleichen somit nicht den anderen Beispielen, die ich hier vorstellen möchte. Vgl.: Stifter, Adalbert; Doppler, Alfred [Hrsg.]; Frühwald, Wolfgang [Hrsg.]: Werke und Briefe. Historisch-kritische Gesamtausgabe, Band 2,2. Bunte Steine. Buchfassungen, herausgegeben von helmut Bergner, Stuttgart (Kohlhammer) 1982, S. 108. Im Folgenden Stifter HKG
  2. Stifter HKG 4,2, S. 56.
  3. Stifter HKG 4,1, S. 250.
  4. Heinrich verwendet ein solches Sicherungsband auf einer Bergwanderung mit seinen Arbeitern (HKG 4,3, S. 108f.): „Wir banden uns die Stricke um den Leib, und leißen ein ziemlich langes Stück von der Leibbinde des einen zu der des anderen gehen, damit, wenn einer, da wir jetzt über eine sehr schiefe Fläche zu gehen hatten, gleiten sollte, er durch den anderen gehalten würde.“ Ein Abgleiten im metaphorischen Sinne zu verhindern, ist auch eine Aufgabe der Unterstreichungen und der Vorauswahl der Bücher (Heinrich darf nur diejenigen Werke Goethes lesen, welche sein Ziehvater für ihn auswählt).
  5. Musil, Robert; Frisé, Adolf [Hrsg.]: Gesammelte WErke in neun Bänden. Band 2, zweite verbesserte Auflage, Reinbek bei Hamburg (Rowohlt) 1981, S. 459. Im Folgenden: Musil GW.
  6. Ebd.
  7. Ebd. S. 463f.
  8. Ebd. S. 464.
  9. Musil GW 1, S. 268.