#Indiebookday 2017

Auch ich möchte den heutigen Indiebookday zum Anlass nehmen, eine subjektive Liste lesenswerter Indie-Publikationen zu erstellen. Manches habe ich bereits hier auf dem Blog ausführlicher besprochen, manches mehrfach gelesen, anderes vor längerer Zeit, das ein oder andere habe ich gerade erst angefangen, aber mit so viel Begeisterung, dass ich es doch teilen wollte. Die Reihenfolge der Liste stellt übrigens keine Wertung dar.

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  1. Fische retten von Annelies Verbeke bei mare: Heute angefangen, schon zur Hälfe durch. Gut, es ist kurz (185 Seiten). Aber eben auch sehr kurzweilig: Eine Schriftstellerin kehrt nach dem Ende einer großen Liebe der Literatur den Rücken um fortan die Fische der Meere zu retten. Zu diesem Zweck hält sie Vorträge auf ichtyologischen Kongressen, die als „Literarisches Intermezzo“ angekündigt und eher verhalten aufgenommen werden. Ich schätze, dass sie auch in der zweiten Hälfte des Buches die Fische nicht wird retten können, aber vielleicht rettet sie sich selbst. Ich hatte das Buch schon länger hier liegen, wurde aber erst von Verbekes Beitrag zur Reihe Hausbesuch, der mir sehr gut gefallen hat, zum Lesen animiert.
  2. Ein dreifach Hoch auf die Milchstraße! von Kurt Vonnegut bei Kein & Aber: Frühe Kurzgeschichten von Kurt Vonnegut, übersetzt von Harry Rowohlt. Da kann man gar nichts falsch machen, macht man auch nicht. Gibt es offensichtlich nur noch als E-Book. Die Sammlung erinnerte mich an die Multiversums-Theorie, der zufolge es in den multiplen Universen alles gibt, was wir uns vorstellen können, und noch viel mehr. Genau wie bei Vonnegut. Es gibt Welten, die genau wie unsere, vielleicht nur mit einem kleinen aber möglicherweise entscheidenen Unterschied. Einige der Geschichten scheinen in solchen Welten zu spielen: Alles ganz realistisch, bis plötzlich …
  3. Von der Notwendigkeit, den Weltraum zu ordnen von Pippa Goldschmidt bei CulturBooks: Wo wir gerade bei Kurzgeschichten und Weltraum sind – diesen Band der Astrophysikerin Goldschmidt habe ich letztes Jahr mit Gewinn gelesen und bereits ausführlich besprochen.
  4. Der Letzte macht das Buch aus von Stephan Porombka bei Frohmann: Es gibt eine ganze Reihe wunderbare Twitterbücher bei Frohmann; das Besondere an diesem ist, dass der Autor persönlich es nochmal in „Schönschrift“ abgeschrieben hat. Das ist schon eine Vorausdeutung auf das Flackern zwischen Online und RL, Pop- und Hochkultur, Philosophie und Spaß (wenn denn solche Kategorien sinnvoll wären), performen und gleich noch mit reflektieren.
  5. Hacking Coyote von Alan Mills bei mikrotext: Letztes Jahr im September als E-Book erschienen (und damals von mir ausführlich besprochen worden), gibt es den Essay seit Januar 2017 auch als gedrucktes Buch.
  6. Die Rosenbaum-Doktrin von Wolfgang Herrndorf bei SuKuLTuR: Habe ich erst diesen Monat entdeckt, gelesen und besprochen. Die Begeisterung hält weiter an.
  7. Der Literatur-Express von Lasha Bugadze bei der Frankfurter Verlagsanstalt: Bin gerade erst auf dieses letztes Jahr im März erschienene Buch aufmerksam geworden, aber schon das Setting hört sich sehr vielversprechend an:  Hundert Autoren aus ganz Europa sollen gemeinsam im Zug von Lissabon nach Moskau fahren, darunter der Protagonist und wenig erfolgreiche georgische Autor Zaza. Obwohl Bugadze einer der meistgelesenen Autoren Georgiens ist, dürfte seine Übersetzerin Nino Haratischwili bei uns weit bekannter sein. Mehr Informationen und eine Leseprobe gibt es hier.

Es wird schon spät, der Indiebookday neigt sich seinem Ende, deshalb sollen sieben Vorschläge dieses Jahr genug sein. Ich hoffe, es ist die ein oder andere Anregung für Euch dabei!


© mare

Verbeke, Annelies: Fische retten. Aus dem niederländischen von Andreas Gressmann, Hamburg (mare) 2011.

 

 

© Kein & Aber

Vonnegut, Kurt: Ein dreifach Hoch auf die Milchstraße! Übersetzt von Harry Rowohlt, Zürich (Kein & Aber) 2010.

 

 

 

© CulturBooks

Goldschmidt, Pippa: Von der Notwendigkeit, den Weltraum zu ordnen. Übersetzt von Zoë Beck, Berlin (CulturBooks) 2014.

 

 

© Frohmann

Porombka, Stephan: der Letzte macht das Buch aus. Berlin (Frohmann) 2013.

 

 

Cover – Alan Mills – Hacking Coyote

Mills, Alan: Hacking Coyote. Berlin (mikrotext) 2016, print 2017.

 

 

Wolfgang Herrndorf: Die Rosenbaum-Doktrin, © SuKuLTuR

Herrndorf, Wolfgang: Die Rosenbaum-Doktrin, Berlin (SuKuLTuR) 2007.

 

 

© Frankfurter Verlagsanstalt

Bugadze, Lasha: Der Literatur-Express. Übersetzt von Nino Haratischwili, Frankfurt a. M. (Frankfurter Verlagsanstalt) 2016.

Europe, que me veux-tu?

Bei Frohmann Verlag erscheint derzeit eine vom Goethe-Institut herausgegebene siebensprachige Buchreihe, die sich mit europäischen Identitäten befasst. Dazu wurden zehn Autoren eingeladen, sich zwei europäische Städte mit Goethe-Institut auszusuchen, eine davon in Deutschland. Dort wurden sie mit Einwohnern ins Gespräch gebracht und lasen aus ihren Werken. In welcher Form sie anschließend darüber schreiben wollten, blieb ganz ihnen überlassen. Daher sind die Bücher der Reihe, trotz des gemeinsamen Konzepts, ganz unterschiedlich.

Noch sind nicht alle Bände erschienen, und ich habe erst fünf der bereits erhältlichen Beiträge gelesen: Marie Darrieussecq, Jordi Puntí, Alina Bronsky, Annelies Verbeke und Sasha Marianna Salzmann.

Für die übrigen warte ich auf die am 21. März erscheinende Anthologie. Diese versammelt die Texte der genannten Autoren, sowie die von Guy Helminger, Gonçalo M. Tavares, David Wagner, Michela Murgia, Katja Lange-Müller.

Marie Darrieussecq: Naples-Dresde en Europe

Marie Darrieussecqs Essay ist ein Geflecht aus Textzitaten und deren Reflexion. Der rote Faden, der sich durch dieses Geflecht zieht, ist die zerstörte Stadt: Neapel und Dresden, die beiden Städte, die sie im Rahmen des Projekts besucht hat; Malaparte, Klemperer und Vonnegut, die über die Zerstörung dieser Städte geschrieben haben. Hinzu kommen Hiroshima und Nagasaki, Pompeji und Gernika, Aleppo und Alesia. Zerstörte Städte von der Antike bis zur Gegenwart. Darrieussecq setzt sie in Beziehung und lässt so die veschiedenen und doch vergleichbaren Ereignisse sich gegenseitig beleuchten. Sie zieht aus dem so in neuem Licht Besehenem ihre Schlüsse und ermisst die Bedeutung für Europa. Das ist sowohl hinsichtlich der Textgestaltung, als auch rein inhaltlich, spannend nachzuvollziehen.

Europa ist weder eine vom Stier entführte Jungfrau noch das Riesenrad eines Jahrmarkts. Europa ist durch die Vernichtungslager geschritten, durch Dresden und Gernika, Pompeji und Alesia, durch Athen und die Wälder der Goten. Europa ist eine Amphore, ein Wikkinger-Drakkar, ein thrazischer Kelch, diverse untergegangene Königsgeschlechter, Schützengräben und Stacheldraht. […] Europa ist ein gemischtes Land, sehr alt, sehr schmerzhaft und sehr schön, voller Hoffnung und Furcht, und es wird die Metaphern ebenso überleben wie die Faschisten, die Terroristen, die Arbeitslosigkeit und die Korruption, selbst seine eigenen Mythen wird es überleben, ich weiß nur nicht, in welchem Zustand. Vielleicht nur als tektonischer Sockel. [S. 80f./311].

Jordi Puntí: La paciència

Der katalanische Schriftsteller Jordi Puntí erzählt in La paciència sein Erzählersein:

Ich wüsste nicht zu sagen, welche Art von Erzähler ich bin. Manchmal gehe ich wild entschlossen auf die Jagd, und manchmal, wahrscheinlich häufiger, bleibe ich sitzen und versuche zu angeln. Diese Gedanken machte ich mir im Zug, und mir fiel auf, dass ich im Moment beides zugleich tat: Ich war unterwegs an einen unbekannten Ort, auf der Suche nach einer Geschichte, und zugleich saß ich still und schaute mir die Landschaft an. [S. 62/257]

Was ihm begegnet, prüft er unwillkürlich auf seine Eignung als Geschichte: Das liegendelassene Schmicketui einer Amerikanerin, die ihm gegenüber saß, löst eine Flut fiktiver Möglichkeiten aus: „Aber ich sage mir: Ruhe bewahren.“ [S. 68/257]

In Nancy angekommen, legt er sich im Hotel aufs Bett, und damit beginnt unvermittelt die Fiktion, markiert nur durch die Grammatik, durch den Übergang von der ersten zur dritten Person.

Auf der Suche nach einer Geschichte lässt Puntí nun seinen fiktiven Autor Felipe Quero durch die Stadt streifen, die mysteriöserweise von Schriftstellern und Literaturenthusiasten überlaufen ist. Es stellt sich heraus, dass ein großes Literaturfestival stattfindet, das er zu meiden versucht, denn: „Geschichten mit Schriftstellern als Hauptfiguren waren ihm zuwider.“ [S. 75/257]

Es ist ein Spiel der Fiktionsebenen: Puntí erzählt zwar von einem Aufenthalt in Nancy auf Einladung des Goethe-Instituts, aber als Fiktion eines Schriftstellers, der einen Schriftsteller auf der Suche nach einer Geschichte durch Nancy schlendern lässt, wo er einem Mann begegnet, der seine Faru dabei fotografiert, wie sie Monumente betrachtet. Schließlich tritt auch noch ein Schriftsteller namens Jordi Puntí auf den Plan …

Alina Bronsky: Menschen kennenlernen

Alina Bronsky folgt in ihrem Text einem journalistischen Ansatz. Sie berichtet – ich bin versucht zu schreiben: brav – über ihren Besuch in Turin, angereichert mit italienischen Kochrezepten. Das Ergebnis könnte so auch im Zeit-Magazin stehen. Dass Bronsky ihre Schwierigkeiten mit der Textgestaltung und der reflexiven Tiefe anspricht, macht es nicht wirklich besser:

Ich werde das Gefühl nicht los, dass nun irgendwas zum großen europäischen Gedanken angesagt ist. Ich weiß aber auch, dass mir das nicht gelingen wird. Große gesellschaftliche Themen kann ich, wenn überhaupt, weder frontal noch direkt aufgreifen. Und leider auch nicht mit dem nötigen Ernst. [S. 38/168]

Ernst wäre auch nicht nötig bewesen. Aber ich werde das Gefühl nicht los, dass sie sich ein bisschen mehr Mühe hätte geben können. Andererseits bin ich vielleicht nur deshalb etwas enttäuscht, weil ich mir von Alina Bronskys Text viel versprochen hatte – ich habe erst im vergangenen Jahr ihre Erzählung Baba Dunjas letzte Liebe mit Enthusiasmus gelesen.

Annelies Verbeke: Al die mensen, al die eeuwen

Auch Annelies Verbeke beschreibt ihre Aufenthalte in Genua und Schwäbisch Hall, allerdings in der distanzschaffenden Perspektive der dritten Person und mit ansteckender Reiselust: In Genua gibt sie sich mit Wonne dem Verlorengehen hin, genießt die Überraschungen der Stadt und fotografiert exzessiv die schönen Mosaikfußböden, und selbst im kleinen Schwäbisch Hall besucht sie mehrere Museen. Zugleich ist ihr Text politischer als der von Alina Bronsky: Der Titel All diese Menschen, all diese Jahrzehnte bezieht sich auf die Migration, die seit Jahrhunderten Europa prägt.

In Genua, Italiens bedeutendster Hafenstadt, begegnet sie dem Thema überall, im Palazzo Rosso und im Palazzo Bianco beim Betrachten von Gemälden:

Ihre Schöpfer kamen überwiegend aus Antwerpen nach Genua: Rogier van der Weyden, Joos van Cleve, Frans Pourbus, Jan Wildens, Jan Roos, Abraham Teniers, Jan Provost, Gerard David, Jan Massys, Joachim Beukelaer, Peter Paul Rubens, sie alle sind hier versammelt. Sie wurden eingeladen, blieben viele Jahre hier hängen und werden nun, Jahrhunderte nach ihrem Tod, noch immer auf Händen getragen. Erfolgsmigranten. [63/211]

ebenso wie auf der Straße, wo ein Akkordeonspieler Astor Piazzolla spielt:

Denn plötzlich trifft es sie mitten ins Herz: die Erkenntnis, dass Piazollas Eltern nach Argentinien ausgewanderte Italiener gewesen sein müssen. Die Unabwendbarkeit der Migration überwältigt sie, die Vitalität der Entscheidung, die Tragik des Hintersichlassens und Wiederaufbauens, all die Menschen, die sich seit vielen Jahrhunderten einschiffen, die auf der Durchreise sind, sich auf neuem Boden wiederfinden. [S. 63f./211]

Verbeke bespricht das Thema auch bei den Hausbesuch-Veranstaltungen. Sowohl in Genua als auch in Schwäbisch Hall scheint es, trotz aller Kosmopolität, vor allem Besorgnis hervorzurufen, wobei in Genua die größte Sorge immer noch die Mafia bleibt.

Am Ende zieht Verbeke ein Fazit, das für fast alle der von mir bisher gelesenen Hausbesuch-Texte gelten könnte:

Von ihrem Hausbesuch nimmt die Autorin die Erkenntnis mit: Nicht sie hat das Thema der Migration als roten Faden für ihren Reisebericht gewählt, es hat sie aufgenommen, weil es schon dagewesen, allgegenwärtig ist. [S. 77/211]

Tatsächlich ist es auffällig, aber keineswegs überraschend, dass viele Texte das Thema Migration so prominent behandeln. Es ist einerseits die große, gemeinsame europäische Aufgabe unserer Zeit, anderseits hat sie die europäische Kultur schon immer stark geprägt. Und genau darum geht es schließlich in der Reihe.

Sasha Marianna Salzmann: In das Maul des Wolfes will ich Dich stecken

Salzmanns Erzählung ist gewiss der freieste der fünf Beiträge – von einer Einladung des Goethe-Instituts ist nirgendwo die Rede. Die Erzählerin ist in Palermo und hängt dort in Gedanken einer vergangenen Liebe nach:

Ich höre Blut in meinen Ohrmuscheln, höre deine Stimme sprechen. Sehe die Bewegung deiner Lippen. Du sagst so viele Sätze und sagst nichts. SieklebenaneinanderohneAbstand du konntest nie das sagen, was du sagen wolltest, suchtest nur das, was dir entglitt. Wiederholtest, holtest nach, holtest auf, verstolpertest dich in Wörtern, die alle gleich klangen, fielst über das Einfache, versuchtest mir etwas zu erklären. Und du hast, ich wollte nicht verstehen. Du warfst mich raus, immer und immer wieder, es war kalt, der Geruch von Katzenpisse an den Hauswänden, ich stieß meinen Kopf dagegen, wollte rein, so oft, bis ich verschwand, weg war, dann wolltest du mich, sofort wolltest du mich, sofort wolltest du wissen, wo ich bin, sagtest, ich gehöre dir, so würde es sich gehören, dass ich bei dir Bericht abllege über ein Leben, dass du nicht verstehst. Ich schlug mich weit und dir gelang es trotzdem, kaum war ich weg, irgendeine Katastrophe und ich rief an, lief zurück. Nicht dieses Mal. Ich bin für immer weg. [29f./206]

Gleichzeitig beginnt sie eine Affäre mit einer jungen Frau, die die Flucht über das Mittelmeer überlebt hat:

Wenn man hier Tiere aus dem Meer isst, isst man die Ertrunkenen. Schwertfisch, Thunfisch – alle haben Leichen gefressen, die sie hätte sein können, sagt Angela. [S. 29/206]

Salzmann beschäftigt sich nicht distanziert-philosophisch mit Flucht, Migration, Terrorismus und Krieg, sondern unmittelbar, ungeschönt, als rauer Lebensrealität, in einer eindringlichen Sprache, die alle Sinne aufrührt – man sieht, riecht, hört, schmeckt und fühlt, was sie schreibt. Ob man will oder nicht.

So viele Menschen, so viele Sprachen, so viele Gedankenräume

Die Diversität der Buchreihe ist ihre große Stärke, ganz so wie es die große Stärke Europas ist. Was mich an Europa schon immer fasziniert hat, ist die Menge an verschiedenen Sprachen und Kulturen auf engem Raum. Je mehr dieser Sprachen man lernt, desto mehr werden Unterschiede, vor allem aber Gemeinsamkeiten bewusst.

Der beste Freund meines Vaters, der schon sehr viele Sprachen spricht und immer noch mehr lernt, erklärt seine Motivation damit, dass er verstehen will, wie die jeweiligen Muttersprachler denken. Die Sprache formt das Denken, das Denken formt die Sprache. Grammatische Strukturen, Bildsprache, Sprachklang teilen etwas mit, dass nicht immer übersetzbar ist. Deshalb ist es für die europäische Verständigung – nicht nur auf kommunikativer Ebene – wichtig, möglichst viele Sprachen zu lernen.

Und deshalb ist es so wichtig, dass die Texte der Hausbesuch-Reihe als siebensprachige Ausgaben erscheinen. Man kann sich erst einmal am Originaltext versuchen (zum Glück haben Ebooks eine eingebaute Wörterbuchfunktion), dann die zu einem passende Übersetzung lesen, Vergleiche anstellen, schauen, wie bestimmte Passagen in andere Sprachen übersetzt wurden … Die Reihe Hausbesuch mit ihrem überzeugenden Gesamtkonzept ist eine große Bereicherung und ich freue mich schon sehr auf die Anthologie.


Ich zitiere nach:

Darrieussecq, Marie: Hausbesuch. Naples-Dresde en Europe 
(Neapel-Dresden in Europa, Nápoles-Dresde en Europa, Napoli-Dresda in Europa, Napels – Dresden in Europa, Nápoles-Dresden na Europa), Reihe Hausbesuch, hg. vom Goethe-Institut,
Vol. 1, E-Book (ePub/mobi), Berlin (Frohmann) 10.01.2017

Jordi PuntíHausbesuch. La paciència
(Geduld, La paciencia, La patience, Ospiti a casa, La pazienza, Het geduld, A paciência), Reihe Hausbesuch, hg. vom Goethe-Institut, Vol. 4, E-Book (ePub/mobi), Berlin (Frohmann)
31.1.2017

Alina BronskyHausbesuch. Menschen kennenlernen
(Conocer gente. Faire connaissance. Conoscere persone nuove. Mensen leren kennen. Conhecer pessoas), Reihe Hausbesuch, hg. vom Goethe-Institut, Vol. 3, E-Book (ePub/mobi), Berlin (Frohmann) 24.01.2017

Annelies VerbekeHausbesuch. Al die mensen, al die eeuwen
(All diese Menschen, all diese Jahrzehnte / Toda esa gente, todos esos siglos / Tous ces gens, des siècles durant / Tutta quella gente, per tutti quei secoli / Todas essas pessoas, todos esses séculos), Reihe Hausbesuch, hg. vom Goethe-Institut, Vol. 7, E-Book (ePub/mobi), Berlin (Frohmann) 21.2.2017

Sasha Marianna SalzmannHausbesuch. In das Maul des Wolfes will ich dich stecken
(Quiero meterte en la boca del lobo, Je veux te fourrer dans la gueule du loup, In bocca al lupo, In de bek van de wolf wil ik je stoppen, É na boca do lobo que te quero pôr), Reihe Hausbesuch, hg. vom Goethe-Institut, Vol. 2, E-Book (ePub/mobi), Berlin (Frohmann), 17.1.2017

Da die E-Books keine festen Seiten haben, gebe ich dazu an, wie viele Seiten das Buch auf meinem Gerät bei meinen Einstellungen insgesamt hat. [80/311] heißt also: Seite 80, wenn die Gesamtseitenzahl 311 ist. Ich hoffe, diese Angabe ist annähernd genau genug.

Wolfgang Herrndorf – Die Rosenbaum-Doktrin

Wolfgang Herrndorf: Die Rosenbaum-DoktrinSo ein schmales Heftchen, gerademal 18 Seiten, und so viel Gehalt: Meine besten 15-Minuten Lesezeit dieses jungen Jahres. Herrndorfs Rosenbaum-Doktrin ist eine Gesprächsdokumentation wie aus einem Feature von Alexander Kluge, changierend zwischen Ernst und Spaß, mehrheitlich Spaß, untermalt von einer nicht unangenehmen leichten Verunsicherung ob der Faktualität.

Wolfgang Herrndorf besucht den Kosmonauten Friedrich Jaschke im Altersheim und redet mit ihm über die Zeit der Raumfahrtpioniere. Jaschke hat seine Ausbildung zusammen mit Sigmund Jähn absolviert, und obschon er besser im Kopfrechnen war (sehr wichtig in der russischen Raumfahrt!) und auch in Sachen Pysik und Physiologie der Erste war, wurde Jähn, der Parteiliebling, bevorzugt. Jähn flog ins All und Jaschke blieb unten.

Neben der interessanten Perspektive, die Jaschke bietet, begeistert vor allem sein lakonischer, zum Schnodderigen tendierender Ton:

Herrndorf: Aber es gab auch Rückschläge.

Jaschke: Die Mondsache, klar. Mond war natürlich die Königsdisziplin.

Kulturwissenschaftlich interessant und beinahe philosophisch wird es, als sie auf die Rosenbaum-Doktrin zu sprechen kommen: Wie reagiert man, wie reagiert die Sowjetunion, wenn man im Weltraum Irrationalem begegnet?

Auf den wenigen Seiten des Heftes gibt es mehrere Gelegenheiten zum lauten Auflachen, die ich alle genutzt habe. Ich hätte noch stundenlang weiterlesen mögen. Wenn es überhaupt etwas an dem Büchlein auszusetzen gibt, dann, dass es zu kurz ist.


Wolfgang Herrndorf: Die Rosenbaum-Doktrin, © SuKuLTuR

Das Gespräch erschien zuerst in der Reihe Schöner Lesen (Band 64) bei SuKuLTuR. Das Heft ist auf der Seite des Verlags bestellbar.

 

Wolfgang Herrndorf: Die Rosenbaum-Doktrin, © Rowohlt

Eine E-Book-Version ist bei Rowohlt erschienen.

Unterstreichungen und Marginalien

An diesem Thema scheiden sich die Geister: Die einen empfinden Anstreichungen und Marginalien in Büchern als Sakrileg, die anderen gestehen verschämt oder postulieren selbstbewusst – je nach Charakter und Haltung -, dass sie gar nicht mehr ohne Stift in der Hand lesen können. Aber Unterstreichungen als Motiv in Romanen wird überraschend wenig Aufmerksamkeit zuteil, obwohl es ein lohnender Untersuchungsgegenstand ist.

 

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Eskalierte Unterstreichungen in Benjamins Surrealismus-Essay

Ich selbst habe auf der Schule als hemmungslose Unterstreicherin angefangen, beschränke diese Tätigkeit aber inzwischen auf Kopien und Ebooks; in gedruckten Büchern markiere ich Stellen nur noch durch diese kleinen bunten Index-Haftstreifen. Will man einen Text intensiv bearbeiten, reicht das jedoch nicht aus.

 

Unterstreichen als Steigerungsform des Lesens

Texte mit Unterstreichungen und handschriftlichen Marginalien zu versehen, gehört zum Grundrepertoire literaturwissenschaftlichen Arbeitens und erfüllt viele Funktionen: Argumentations-, Erzähl- oder sonstige rhetorische Strukturen sollen hervorgehoben werden; Stellen, die man zu zitieren gedenkt, werden markiert, um sie später schneller wieder zu finden; Marginalien können Querverweise zu anderen Texten, anderen Kunstwerken oder anderen Stellen des selben Textes sein oder eigene Gedanken. Oft entwickeln sich dabei persönliche Strategien und Zeichensysteme, mitunter fast bis ins Zwanghafte gesteigert.

Beim „privaten“ Lesen ist die Unterstreichung eine Möglichkeit, für sich selbst im Moment des Lesens die Bedeutung des Gelesenen zu betonen, zum Beispiel Zustimmung oder Ablehnung Ausdruck zu verleihen. Das kann rein impulsiv geschehen oder bereits mit der Absicht, die Stelle später wiederzufinden und selbst noch einmal zu lesen oder einem anderen zu zeigen.

Das Unterstreichen und Annotieren stellt in jedem Fall eine Intensivierung des Leseprozesses dar. Der Leser verhält sich zum Text, setzt sich zu ihm in Beziehung, interpretiert ihn und macht ihn dabei zu etwas Eigenem. Der expressive Duktus der Unterstreichung gibt dabei viel von der Haltung dem Text gegenüber preis, mitunter auch vom Wesen des Unterstreichenden: So verrät eine mit dem Lineal mit stets der gleichen Strichstärke im stets gleichen Abstand zur Textzeile absolut parallel gezogene Linie vielleicht weniger über das Verhältnis des Lesers zur Textstelle, aber doch etwas über dessen Akuratesse und damit über seinen (zwanghaften?) Charakter.

Unterstreichungen und oft auch Randbemerkungen sind oft verhältnismäßig vage. Aus Unterstreichungen anderer gezogene Rückschlüsse bleiben daher meist hochgradig spekulativ. Dadurch geben sie aber auch ein fruchtbares Motiv in Romanen und Erzählungen ab, denn ein Kunstwerk lebt von seiner Bedeutungsvielfalt. Fontane verwendet das Motiv besonders eifrig, aber auch bei Stifter, Musil und ein paar weiteren kann man Beispiele finden.

Unterstreichungen bei Theodor Fontane

Fontane scheint eine besondere Vorliebe für Unterstreichungen gehabt zu haben: In der Mehrzahl seiner Romane (Vor dem Sturm, Graf Petöy, Cécile, Irrungen, Wirrungen, Quitt, Unwiederbringlich, Effi Briest) und in zwei Erzählungen (Schach von Wuthenow, Mathilde Möhring) und damit während der gesammten Zeit seines literarisches Schaffens verwendet er das Motiv als Gestaltungsmittel.

Es dient Fontane hauptsächlich zur indirekten Charakterisierung seiner Figuren. Die Figuren erkennen etwas über sich selbst, als sie Unterstreichungen anderer lesen oder selbst gemachte Unterstreichungen später wieder betrachten; sie schließen aus Unterstreichungen anderer auf deren Charakter oder ziehen für sich nützliche Informationen daraus; oder die Verschiedenheit der Unterstreichungspraxis zweier Figur führt dem Leser nochmals deren kongruente charakterliche Verschiedenheit vor Augen. Formal fungieren die Unterstreichungen mitunter als Wendepunkt oder Pointe.

Unterstreichungen bei Adalbert Stifter

Adalbert Stifter setzt das Motiv nur im Nachsommer ein;[1] hier ist das Motiv allerdings von besonderer Bedeutung und von größerer Komplexität als bei Fontane. Es gibt zwei Stellen im Nachsommer, in denen Untersteichungen eine Rolle spielen: Die erste Stelle beschreibt, wie die alte Fürstin, mit der Heinrich Drendorf in der Stadt bekannt ist, Unterstreichungen wieder liest, die sie vor vielen Jahren gemacht hatte.[2] Diese Passage ist eng verbunden mit dem speziellen Bildungskonzept, das dem Nachsommer zugrunde liegt, und das ich in seiner Komplexität hier nicht darstellen kann. Erdbildung und Bildung der Persönlichkeit werden parallel geführt, die Unterstreichungen sind gedanklich verwoben mit Fossilien und Falten des Gesichts.

Die zweite Stelle beschreibt, wie Mathilde dem Sohn Gustav ihre Gesamtausgabe der Werke Goethes schenkt. Er ist beglückt; als er jedoch die Unterstreichungen gewahrt, will er die Bände nicht annehmen, weil diese Unterstreichungen ihr Eigentum seien und er sie nicht berauben wolle. Die Mutter betont, dass die Unterstreichungen ein Band zwischen ihnen darstellen:

Wenn du in den Büchern liesest, so liesest du das Herz des Dichters und das Herz deiner Mutter, welches, wenn es auch an Werthe tief unter dem des Dichters steht, für dich den unvergleichlichen Vorzug hat, daß es dein Mutterherz ist. Wenn ich an Stellen lesen werde, die ich unterstrichen habe, werde ich denken, hier erinnert er sich an seine Mutter, und wenn meine Augen über die Blätter gehen werden, auf welche ich Randbemerkungen niedergeschrieben habe, wird mir dein Auge vorschweben, welches hier von dem Gedruckten zu dem Geschriebenen sehen und die Schriftzüge von Einer vor sich haben wird, die deine beste Freundin auf der Erde ist. So werden die Bücher immer ein Band zwischen uns sein, wo wir uns auch befinden. [3]

Die Goethe-Bände verbinden Mutter und Sohn emotional, aber das Band zwischen den Zeilen – die Unterstreichung – stellt auch eine Lenkung der Lektüre dar: das Band wird zur Leine, die verhindert, dass Gustav im Geiste wandern kann, wohin auch immer es ihn verschlagen mag; wird mithin zu einem Sicherungsband, das, ähnlich wie das Sicherungsseil beim Bergsteigen, eine Katastrophe verhindern soll.[4] Denn Kunst ist im Nachsommer immer auch gefährlich, wenn der leicht zu beeindruckende jugendliche Geist unbegleitet und unvorbereitet auf sie trifft.

Das „Band zwischen uns“ ist rhetorisch betrachtet ein Unterpunkt der ubiquitären Bandmetapher im Nachsommer: Das Wort „Band“ taucht in metaphorischen wie wörtlichen Bedeutungen vielfach in der Erzählung auf (Landschaftsbeschreibungen, Hortikultur, Gestaltungselement, Familienbande); alle Bedeutungen sind miteinander in Beziehung zu setzen. Die Bandmetapher ist wiederum mit anderen Metaphern und Symbolen verwoben zu einem extrem dichten, extrem interessanten Text.

Unterstreichungen bei Robert Musil

In Robert Musils Der Mann ohne Eigenschaften bekommt das Unterstreichen und die dadurch mögliche Beeinflussung des späteren Lesers vollends eine unheimliche Nuance. Im Rahmen der Parallelaktion bemüht sich General Stumm von Bordwehr, Diotima, in die er verliebt ist, „den erlösenden Gedanken […] zu Füßen zu legen.“[5] Um diesen „Gedanken, nach dem Diotima sucht“[6] zu finden, begibt er sich in die Staatsbibliothek, wo er von den unfassbaren Mengen an Büchern überwältigt ist. Er bittet einen Bibliothekar um Hilfe, der ihm, nach einem längeren Gespräch darüber, was Stumm eigentlich möchte, die Bücher bringt, die Diotima sich hat reservieren lassen. Die Suche nach dem „erlösenden Gedanken“ tritt in den Hintergrund angesichts des Vergnügens, das diese Konstellation dem General zu bieten vermag:

[W]enn ich jetzt in die Bibliothek komme, ist das geradezu wie eine heimliche geistige Hochzeit, und hie und da mach ich vorsichtig mit dem Blei an den Rand einer Seite ein Zeichen oder ein Wort undweiß, daß sie es am nächsten Tag finden wird, ohne eine Ahnung zu haben, wer da in ihrem Kopf drinnen ist, wenn sie darüber nachdenkt, was das heißen soll!“[7]

Wie sehr der General schon allein den Gedanken an diese heimliche Hochzeit genießt, wird im Anschluss noch deutlicher: „Der General machte eine selige Pause. Aber danach riß er sich zusammen, bitterer Ernst strömte in sein Gesicht[.]“[8] Dieser Genuss steht im Konflikt mit Diotimas Gefühlen dem General gegenüber, wie sie nach seinem ersten Besuch bei ihr dargestellt werden: Sie verabscheut ihn zutiefst, ist extrem aufgewühlt und empfindet seine Gegenwart und seine Blicke als unbestimmte Beleidigung. Sie nimmt den objektiv wenig furchteinflößenden, etwas naiv wirkenden Stumm von Bordwehr als Bedrohung wahr, sowohl für sich persönlich, als auch für die Parallelaktion, und glaubt, sich durch „die Macht der Idee“[9] vor seinem Zugriff schützen zu können.

Gerade diese Suche nach einer großen Idee ist es aber dann, die Stumm von Bordwehr in die Bibliothek treibt und so die heimliche Zudringlichkeit via Unterstreichung initiiert. Die Vorstellung des Generals von einer „heimlichen geistigen Hochzeit“ könnte als romantisch aufgefasst werden, wenn nicht zugleich offenkundig wäre, wie erschreckend und abstoßend Diotima ihn findet, also mit einer Hochzeit gleich in welchem Sinne niemals einverstanden wäre und sich schon von dem Ansinnen beleidigt fühlen würde. Besonders unheimlich wird sein Verhalten durch den Genuss, den ihm die Vorstellung bereitet, dass Diotima nicht wissen kann, wer es ist, der in ihren Kopf eindringt und durch die Marginalien Macht auf ihre Gedanken ausübt. Er zwingt ihr die Verbindung auf; dass er ihr keine Freiheit zur Zustimmung oder Ablehnung lässt, schützt ihn vor Zurückweisung und Entwertung. Die „heimliche geistige Hochzeit“ krankt an der Beziehungsasymetrie einer Zwangsehe.

Wie ist steht Ihr zu Anmerkungen und Marginalien? Macht Ihr selbst welche? Und wie findet ihr es, wenn Ihr in Bibliotheksexemplaren welche findet?

Vor allen Dingen würde mich auch interessieren, ob Ihr weitere Texte kennt, in denen Unterstreichungen eine Rolle spielen.

 


  1. Auch in der Erzählung Kalkstein aus der Sammlung Bunte Steine werden Unterstreichungen beschrieben, diese haben aber keinen Bezug zu einer Figur, den zu untersuchen sich lohnte, sie haben auch keinerlei Auswirkungen auf das Geschehen, und gleichen somit nicht den anderen Beispielen, die ich hier vorstellen möchte. Vgl.: Stifter, Adalbert; Doppler, Alfred [Hrsg.]; Frühwald, Wolfgang [Hrsg.]: Werke und Briefe. Historisch-kritische Gesamtausgabe, Band 2,2. Bunte Steine. Buchfassungen, herausgegeben von helmut Bergner, Stuttgart (Kohlhammer) 1982, S. 108. Im Folgenden Stifter HKG
  2. Stifter HKG 4,2, S. 56.
  3. Stifter HKG 4,1, S. 250.
  4. Heinrich verwendet ein solches Sicherungsband auf einer Bergwanderung mit seinen Arbeitern (HKG 4,3, S. 108f.): „Wir banden uns die Stricke um den Leib, und leißen ein ziemlich langes Stück von der Leibbinde des einen zu der des anderen gehen, damit, wenn einer, da wir jetzt über eine sehr schiefe Fläche zu gehen hatten, gleiten sollte, er durch den anderen gehalten würde.“ Ein Abgleiten im metaphorischen Sinne zu verhindern, ist auch eine Aufgabe der Unterstreichungen und der Vorauswahl der Bücher (Heinrich darf nur diejenigen Werke Goethes lesen, welche sein Ziehvater für ihn auswählt).
  5. Musil, Robert; Frisé, Adolf [Hrsg.]: Gesammelte WErke in neun Bänden. Band 2, zweite verbesserte Auflage, Reinbek bei Hamburg (Rowohlt) 1981, S. 459. Im Folgenden: Musil GW.
  6. Ebd.
  7. Ebd. S. 463f.
  8. Ebd. S. 464.
  9. Musil GW 1, S. 268.

Buchhandlung am Moritzplatz

Das Aufbauhaus am Moritzplatz beherbergt nicht nur den Verlag, nach dem es benannt ist, sondern auch noch andere anziehende Institutionen und Geschäfte, unter anderem eine kleine, feine Buchhandlung mit dem schlichten Namen Buchhandlung Moritzplatz.

 

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Haupteingang des Aufbauhauses, direkt am Ausgang des U-Bahnhof Moritzplatz (U8)

 

Der Schwerpunkt der Buchhandlung liegt auf Belletristik, Design und hochwertigen Kinderbüchern, bei deren Auswahl offenkundig besonderer Wert auf eine gelungene grafische Gestaltung gelegt wird.

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Neben einigen Bestsellern gibt es eine hervorragende Auswahl an aktueller Literatur, schöne Klassikerausgaben, sowie einen eigenen Bereich für Bücher der Anderen Bibliothek, die inzwischen zum Aufbau Verlag gehört und auch im Haus beheimatet ist. Ein Regal ist der Englischen Literatur gewidmet, im Bereich Sprachen gibt es zudem eine Auswahl an spanischen und französischen Originaltiteln, sowie zweisprachige Ausgaben in vielen weiteren Sprachen, unter anderem Türkisch, Russisch, Chinesisch, Italienisch und Latein.

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Da sich im Aufbauhaus die Design Akademie Berlin befindet und auch das Materialkaufhaus
modulor viele designaffine Menschen anzieht, nimmt es nicht Wunder, dass die Buchhandlung Moritzplatz  eine wohl informierte Designabteilung hat. Man findet dort eine gute Auswahl zu Themen wie Typografie, DIY, kreative Arbeitstechniken, Design- und Architekturgeschichte, dazu Theorieklassiker wie etwa Ornament und Verbrechen von Adolf Loos.

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Betritt man die Buchhandlung durch ihren separaten Eingang an der Oranienstraße, fällt der Blick sofort auf die auffallend schön gestalteten Bilderbücher, die auf quadratischen Tischen aus hellem Holz präsentiert werden. Auch wenn man hier zum Teil Titel findet, die es auch anderswo gibt (etwa die neuen illustrierten Harry-Potter-Ausgaben), fällt doch auf, dass es keinerlei süßliche Kinderbücher gibt, sondern nur solche, die grafisch klar und interessant gestaltet sind.

Darüber hinaus

Erwähnenswert ist die Abteilung für Philosophie, Geistes- und Sozialwissenschaften, die zwar kleiner ausfällt als die Bereiche Belletristik und Design, aber doch Wesentliches zu bieten hat, darunter vergleichsweise viele Titel der Taschbuchreihe suhrkamp wissenschaft. Auch gibt es einen gesonderten Bereich für feministische Literatur, die Werke wie etwa Chimamanda Ngozi Adichies Why we should all be feminists bereit hält. Was nicht vorrätig ist, verspricht das Team zu besorgen, nicht nur alle lieferbaren Bücher in deutscher, französischer und spanischer Sprache, sondern auch antiquarische Titel.

Als minimalistisch veranlagter Mensch empfinde ich es als ausgesprochen wohltuend, dass es in dieser Buchhandlung nichts Überflüssiges zu geben scheint. Die Verkaufsfläche ist effizient genutzt: Obwohl nicht besonders viel Raum zur Verfügung steht, gibt es eine bemerkenswert große Anzahl Bücher, die ich am liebsten kaufen würde – bedeutend mehr als in so manch vierstöckiger Filiale einer Buchhandelskette. Dabei wirkt der Raum sehr offen und großzügig; nichts steht eng an eng. Diese Wirkung entsteht durch die Konzentration auf das Wesentliche, die klaren Formen der Einrichtung, den Verzicht auf jegliches Ornament (siehe Adolf Loos). Und es gibt so gut wie keine Non-Book-Artikel, die in manch anderen Buchläden noch in die kleinste Freifläche gestopft werden.

Die Buchhandlung am Moritzplatz ist definitiv einen Besuch wert, zumal auch das Aufbauhaus an sich nicht uninteressant ist. Im Sommer lohnt sich auch ein Abstecher in die an der nächsten Ecke des Moritzplatz gelegenen Prinzessinengärten, wo die Kreuzberger dem urban gardening fröhnen und man unter hohen, alten Bäumen einen Kaffee trinken kann.

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Prinzenstraße 85
D-10969 Berlin, Kreuzberg
Mo.-Fr.: 10:00-20:00 Uhr
Sa.: 10:00-18:00 Uhr
U 8 Moritzplatz

 

Winter ade …

Hier in Berlin scheint der Winter schon wieder zu Ende zu gehen, nachdem er Anfang Januar nur mal kurz reingeschneit war. Wer wie ich noch mehr echtes Wintergefühl braucht, um sich auf den Frühling zu freuen, kann es ja mal mit den Tröstungen der Kunst und Wissenschaft versuchen.

Winter comparaison d'être Eisblöcke
Weiße Schallplattensplitter, Detail aus dem Mosaik Schmetterling von Willi Tomes

Winter im Wandel der Zeiten

Die Ausstellung Lichtgestöber. Der Winter im Impressionismus, 11. November 2012 – 14. April 2013 im Arp Museum Bahnhof Rolandseck, zeigte die sehr facettenreichen Darstellungen des Winters in der Malerei des Impressionismus, ergänzt durch Fotografien der spätimpressionistischen Zeit. Sie zeigen alle Arten von Schnee: schneebedeckte Dächer, eingeschneite Häuser, Schneereste am Wegesrand, verschneite Landschaften, Zweige, die sich unter Schneemassen biegen, zersplitterte Eisplatten auf Flüssen.

Ausstellungskatalog Lichtgestöber. Der Winter im Impressionismus, hrsg. von Oliver Kornhoff, kuratiert von Susanne Blöcker, Bielefeld (Kerber Verlag) 2013 © Kerber VerlagAuf den bei Kerber erschienenen Ausstellungskatalog bin ich vor ein paar Jahren gestoßen; ich glaube, als ich mich mit den Relationen zwischen Musik und Malerei beschäftigt habe, beziehungsweise mit Adornos These, dass es sich bei der Annäherung der Musik an den Impressionismus (zum Beispiel bei Debussy) um eine Pseudomorphose handle. Nachhaltig beeindruckt hat mich dann aber etwas ganz anderes: Friedrich-W. Gerstengarbe und Peter C. Werner machen in ihrem Essay Kann man Klima malen? darauf aufmerksam, dass auf den Bildern des Impressionismus Schnee in allen Variationen zu finden ist, in der holländischen Malerei des 17. Jahrhunderts jedoch nicht. Dort sieht man stattdessen häufig Eisflächen, auf denen Menschen Schlittschuh laufen. Daraus kann man ableiten, dass es im 17. Jahrhundert standardmäßig kältere Winter gab, man spricht auch von der Kleinen Eiszeit, die sich etwa ab 1300 entwickelte und bis ca. 1850 dauerte. Auf impressionistischen Bildern gibt es hingegen mehr Schnee, weil es wärmer war: Je kälter, desto weniger Niederschlag. Das war mir vorher nicht bewusst – ich kannte zwar die Schlittschuhszenen und wusste von der Kleinen Eiszeit, aber ich habe da keine Verbindung hergestellt. Inzwischen ist die Erkenntnis, dass man Klima malen kann, einer meiner oft weitergegebenen Infoklassiker.

Einen Blick in den Katalog kann man auf der Website des Kerber Verlags werfen.

„Gefror’ne Tropfen fallen von meinen Wangen ab“

Als schöne Ergänzung empfiehlt sich natürlich Schuberts Winterreise. Ich bin mit der Interpretation von Hermann Prey und Wolfgang Sawallisch aufgewachsen (Philips 1973, Schubert Winterreise Jan Kobow Christoph Hammeraufgenommen München 1971), und liebe diese Einspielung immer noch. Auch empfehlenswert sind die neueren Interpretationen von Thomas Quasthoff und Daniel Barenboim (DVD bei Deutsche Grammophon) oder von Jan Kobow und Christoph Hammer am Hammerflügel – eine historisch informierte Einspielung, an der mich besonders Kobows Schlichtheit begeistert (Atma 2014). Jonas Kaufmanns Interpretation aus dem selben Jahr (Klavier Helmut Deutsch, Sony 2014) spricht mich hingegen gar nicht an – sie ist mir im schlechtesten Sinne zu romantisch. Darüber hinaus gibt es eine Fülle weiterer Einspielungen; am besten leiht man sich in einer Bibliothek verschiedene aus und vergleicht selbst. Ausschnitte der Einspielung von Kobow und Hammer kann man auch über Spotify hören.

Wer sein Verständnis des Liederzyklus vertiefen möchte, dem sei die detaillierte Abhandlung von Arnold Feil ans Herz gelegt. Um die Analyse nachvollziehen zu können, ist musikalische Vorbildung hilfreich, aber die Arbeit enthält auch andere interessante Informationen, die nicht so voraussetzungsreich sind (Arnold Feil: Franz Schubert. Die schöne Müllerin. Die Winterreise, Reclam 1975, 2. bibliografisch ergänzte Auflage 1996).

„Nördlicher als der Nordpol je sein kann“

Wem Schuberts Winterreise in allen Interpretationen schon zu vertraut ist, dem ist vielleicht mit Alexander Kluges Episodenfilm Wer sich traut reißt die Kälte vom Pferd gedient. Kluge steigt mit Neuer Musik ins Thema Winter ein, es folgen weitere Kurzfilme mit Interviews und Fake-Interviews (Helge Schneider als Nordpol-Expediteur), Landschaftsaufnahmen, Montagen, Zeitraffer-Sequenzen, alles was man so aus der „Gattung Kluge“ (Reemtsma in der Laudatio zur Verleihung des Büchner-Preises) kennt und liebt.

Es ist sehr schwer in aller Kürze etwas zu Wer sich traut reißt die Kälte vom Pferd zu sagen, Alexander Kluge Wer sich traut, reißt die Kälte vom Pferdweil seine 31 Kurzfilme so reich sind an Bildern, Klängen, Informationen, Gedanken, Möglichkeiten und Eindrücken. Wem das zuviel wird, der kann auch einzelne Episoden auswählen – der ganze Film dauert immerhin 180 Minuten (was im Vergleich zu Kluges Nachrichten aus der ideologischen Antike aber eine verschwindend geringe Zeitspanne ist). Es lohnt sich aber auch, über die Anordnung der Episoden nachzudenken, da es ein Anliegen Kluges ist, aus Elementen der Kunst, Musik, Naturwissenschaft, Literatur, Philosophie, Geisteswissenschaft und einfachen Seheindrücken Zusammenhang herzustellen (nicht aber einen bestimmen Zusammenhang).

Kapitel 25, aus dem auch das Zitat in der Überschrift dieses Absatzes stammt, ist ein Gespräch mit Prof. Dr. Ulrike Sprenger über Hans Christian Andersens Märchen Die Schneekönigin. Sprenger regt an, dass es in dem Märchen darum gehe, die beiden Seiten der menschlichen Natur, die Vernunft und das Gefühl, die Mathematik und die Poesie nicht ausschließlich zu betreiben, sich nicht von einer Seite vereinnahmen zu lassen. Auf mich wirkte das zugleich wie ein Kommentar zu Kluges Werk, für das das Zusammenspiel dieser beiden Aspekte, Realismus und Antirealismus des Gefühls, zentral ist.

Der DVD liegt außerdem ein Heft mit 40 Texten bei, die Kluge „Geschichten“ nennt. Aber das ist wieder ein anderes spannendes Thema, zu dem ich in meiner Rezension zu Kluges Geschichten vom Kino schon einige Bemerkungen gemacht habe.

Bevor ich mich auf die Suche nach weiterer winterlicher Literatur mache (Tipps sehr erwünscht!), gebe ich erst einmal der Natur noch eine Chance und probiere, ob sich bei einem Spaziergang über das Tempelhofer Feld auch ohne Schnee und Eis ein winterliches Gefühl einstellt.

 

Kisch & Co.

Literatur in Berlin #2: Kisch & Co. / Buch und Presse

In meiner Serie über Berliner Buchhandlungen und andere Orte der Literaturhuldigung sollte der zweite Beitrag meiner Hausbuchhandlung Kisch & Co. gewidmet sein, in der ich in den letzen Jahren ca. 80% meiner gesamten Buchkäufe getätigt habe. Leider, leider habe ich vorgestern erfahren, dass die Buchhandlung in wenigen Wochen schließen muss. Ein Abgesang.

Buchhandlung Kisch & Co. Buch & Presse Oranienstraße Berlin Kreuzberg © Eva Wißkirchen

Das Angebot der Buchhandlung Kisch & Co. ist ideal in deren Umgebung eingebunden: Der Laden bildet zugleich den Zugang zur nGbK, der neuen Gesellschaft für bildende Kunst, und bietet folgerichtig eine Auswahl an Ausstellungskatalogen und Bildbänden zu zeitgenössischer Kunst, Fotografie und Design. Nur einen Steinwurf entfernt liegt der legendäre Punkclub SO 36, folgerichtig findet man bei Kisch & Co. Literatur zu Punk und alternativer Musik. Kreuzberg ist ein kinderreicher, aber ansonsten armer Bezirk, folgerichtig gibt es jede Menge Kinderbücher und die beste Auswahl an preisreduzierten Mängelexemplaren, die ich je gesehen habe. Es handelt sich dabei nicht um Grabbeltische voll Wegwerfschmöker, sondern um richtige, wichtige Literatur, oft in schönen, gebundenen Ausgaben, denen ich noch nie einen Mangel angemerkt hätte. Es sind auch viele unabhängige Verlage zu finden.

Neben Büchern – der Name Kisch & Co. legt das ja bereits nahe und der Untertitel Buch & Presse spricht es aus – findet man im Eingangsbereich ausgewählte Magazine aus den Sparten, die auch die Bücher abdecken (Literatur, Kunst, Design, Gesellschaft).

Die Regale sind gefüllt mit bester Belletristik und Sachbüchern, vor allem aus dem Bereich Philosophie, Soziologie, Politik, Populärkultur u.ä., auch Reiseführer und Wörterbücher gibt es zuhauf. Ein großer Teil des Standartsortiments einer typischen Buchhandelskette fällt dafür zum Glück weg: keine Ratgeber, kein Esoterikkram, keine historischen Romane (jedenfalls nicht als Genre), nicht bestsellerorientiert. Auch das ziemlich große Angebot an komischer Literatur ist gehoben, eher die Richtung Kreisler, Wiglaf Droste, Max Goldt. Es ist einfach perfekt. Theoretisch könnte ich dort jedes Buch kaufen und würde das auch am liebsten tun.

Es macht mich unglaublich traurig, dass diese Buchhandlung schließen muss, weil der Mietvertrag ausläuft. Die Mieten haben in Kreuzberg in den letzen Jahren unvorstellbar angezogen. Die Gentrifizierung ist real. Ich rate allen Berlinern, den Buchladen zu besuchen, so lange es noch geht, und soviel mitzunehmen wie tragbar ist (finanziell und physisch). Ich jedenfalls werde das tun.

Den Buchhändlern von Kisch & Co. danke ich von Herzen für ihre hervorragende Arbeit und wünsche ihnen alles Gute!


Kisch & Co. Buch & Presse, Oranienstr. 25, 10999 Berlin.

Öffnungszeiten: Mo – Fr 10.00 – 20.00 Uhr; Sa 10.00 -19.00 Uhr

Bus: M 29 Adalbertstraße, 140 Adalbertstr./Oranienstr.; U-Bahn: U1/ U8 Kottbusser Tor, U1 Görlitzer Bahnhof

 

Stadtplan Kisch und Co. erstellt mit www.mapz.com