Christopher Ecker: Andere Häfen

 

Christopher Ecker legt in seiner Sammlung Andere Häfen so diverse, so vielschichtige und schlicht so viele (87!) Texte vor, dass eine inhaltliche Zusammenfassung schwer fällt: Das Spektrum reicht etwa von einer albtaumhaften Wohnungsübergabe mit einer wachsenden Zahl von feindlich gesinnten Vermietern, über zwei Jungen, die eine verbotene Exkursion in ein verlassenes Bergwerk wagen, bis zu einem personifizierten Märchen, das im Verlaufe seines Aufwachsens immer mehr herunterkommt, bis es keinerlei erkennbare Handlung mehr hat. Es scheint ein sinnloses Unterfangen, diese vielen Stoffe hier auszubreiten.

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Vielleicht vermittelt man eher ein Bild von diesem Werk, indem man seine Formen beschreibt, die allerdings kaum weniger vielfältig sind: Eckers Texte erinnern an Kurt Vonnegut, wenn sie scheinbar in einer realistischen Welt spielen, dann aber etwas phantastisches passiert; sie erinnern an Texte des frühen französischen Surrealismus, wenn sie absurden Träumen gleichen; sie erinnern an Kafkas parabolische Erzählungen, wenn die Lesenden nachhaltig verunsichert werden, weil sie das Gefühl beschleicht, dass hinter dem Gesagten noch etwas ganz anderes, etwas Dunkels und Unheimliches steht.

Doch Ecker collagiert nicht einfach Vonnegut, Surrealismus und Kafka zusammen. Seine Texte sind etwas sehr Eigenes, es ist tatsächlich eine neue Art des Erzählens, die er mit Andere Häfen vorlegt. Dabei weiß er alle Sprachregister kunstvoll zu bedienen, krasse Sprünge zwischen diesen inbegriffen. So zum Beispiel in der Geschichte Fagaröm, in welcher ein Professor in auffallend affektiertem Ton darüber berichtet, wie ihm ein ominöser Gegenstand namens „Fagaröm“ übergeben wird, bis dann plötzlich dieser Satz aus dem Ruder läuft:

Im Grunde verabscheue ich Banalitäten, und diese hastig hingeworfene Notiz vor meiner Abreise ähnelte verdächtig den Banalitäten, die ich normalerweise verabscheue, und wahrscheinlich hat sich, es ist eine gottverdammte, grässliche ohne Rezept heillos zusammengerührte Scheiße dieses Leben, hat sich verfluchte Kacke, hat sich also in meinem verfickten Leben niemals etwas geändert, nichts ändert sich jemals, auch wenn mir dieser, wie mir nun auffällt, grenzenlos blöde aussehende Gegenstand mitten in einer mitreißenden Vorlesung von einem meiner dümmsten und zudem seit Jahren mausetoten Studienkollegen dergestalt präsentiert wurde, als sollte ich vor diesem idiotischen Götzen aus einem Material, das nicht einmal irdisch war, jubilierend auf die Knie fallen. [S. 32]

Der Verlag bewirbt Andere Häfen mit der Behauptung, so müsse ein Autor heutzutage schreiben. Mir widerstrebt das Imperative an dieser Aussage, aber Eckers Erzählweise hat tatsächlich etwas Aktuelles. Inhaltlich haben die Texte zwar keinen gesteigerten Gegenwartsbezug, aber formal: Die bewusste Verunsicherung des Lesers passt in eine immer unübersichtlicher werdende Welt ohne feste Gewissheiten. Die Geschichten stehen unverbunden hintereinander wie Posts in einer literarischen Timeline, nicht nur die Länge vieler Texte lässt sie, wenn auch nicht als Tweets, so doch als Facebook-Posts geeignet erscheinen. Dazu passt auch das stete Spiel mit der Metafiktion, das mitunter an Kommunikation mit den Lesenden erinnert.

Man kann durch Eckers Kompendium surfen wie durchs Internet. Aber man kann die Texte schlecht alle mit gleicher Aufmerksamkeit ohne abzusetzen lesen; man braucht Zeit und Abstand, um sich auf den jeweils nächsten einzulassen. Es würde ihnen daher gut angestanden haben, in regelmäßigen Abständen auf einem Social-Media-Kanal zu erscheinen. Aber ein Buch kann man schließlich auch immer wieder aus der Hand legen.  Ein Close-Reading würde sich vermutlich bei den meisten Geschichten lohnen, über viele könnte man voluminöse Essays schreiben. So könnte diese Sammlung kurzer Prosapreziosen ein Liebling der Literaturwissenschaft werden.


Ich danke dem Mitteldeutschen Verlag für das Rezensionsexemplar.

Das Zitat entstammt der Ausgabe:

Christopher Ecker: Andere Häfen

Ecker, Christopher: Andere Häfen, Halle a. d. S. (Mitteldeutscher Verlag) 2017

gebunden, 236 Seiten, EUR 16, 95 [D], ISBN 978-3-95462-915-2

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Patricia McCormick: Der Tiger in meinem Herzen

Arn ist elf Jahre alt, als die Roten Khmer 1975 in Kambodscha die Herrschaft übernehmen. Alle Stadtbewohner werden aufs Land getrieben, um dort Reis anzubauen. Schon auf diesem Gewaltmarsch sterben viele Menschen an Hunger und Erschöpfung, oder sie werden ermordet, weil sie nicht schritthalten können. Familien werden auseinandergerissen, die Arbeitsgruppen eingeteilt nach Männern, Frauen, Kindern. Die Arbeit ist extrem hart, die Verpflegung völlig unzureichend, Krankheiten grassieren. Arn schafft es zu überleben, sich durchzuwinden, allerdings nicht ohne sich an der Gewalt der Roten Khmer zu beteiligen.

Jetzt passiert etwas Merkwürdiges. Etwas Schönes. Aber sehr Merkwürdiges. Auf meinem Gesicht breitet sich ein Lächeln aus. Kein falsches Lächeln, wie wenn wir die Lieder über die Angka singen. Sondern ein echtes Lächeln. Sogar ein Lachen. Und Nässe auf meinen Wangen, wie Regen, aber es sind Tränen. Drei Jahre lang war Lachen verboten, Weinen verboten. Jetzt auf diesem Pferd lache ich so sehr, dass ich weine. [S. 127]

Patricia McCormick gelingt es überzeugend, die Geschehnisse aus Sicht eines Kindes zu schildern. Sie erreicht dies zum einen durch eine einfache, durch Parataxen strukturierte Sprache. Das gewählte Erzähltempus Präsens unterstützt in diesem Fall den Eindruck des Kindlichen, da es nachempfinden lässt, wie der Ich-Erzähler Arn von Augenblick zu Augenblick überlebt, immer bereit, sich den ständig willkürlichen wechselnden, unübersichtlichen Gegebenheiten anzupassen.

Dazu passt auch, dass er als Kind keinen historischen Überblick hat, der es ihm ermöglichte, das Geschehen einzuordnen. Darüber erfahren demnach auch die Lesenden nichts: Sie lesen von mehreren Reisernten pro Jahr, völlig ausgelaugten Böden, Arbeitsschichten von fünfzehn bis unfassbaren zwanzig einhalb Stunden – für Kinder.

Heute Abend wird ein neuer Zeitplan vorgestellt. Wir arbeiten jetzt von 1 Uhr bis 7 Uhr, 7 Uhr 30 bis 13 Uhr, 13 Uhr 30 bis 19 Uhr, 19 Uhr 30 bis 23 Uhr. Tag und Nacht sind jetzt gleich.

Das Wort „schlafen“ ist nicht mehr erlaubt. „Pause“ darf man sagen, aber nicht „schlafen“. Das Wort gibt es nicht mehr. [S. 101]

Dass die Regierung 1976 einen Vier-Jahres-Plan aufgestellt hat, der vorsah, die landwirtschaftliche Produktivität Kambodschas zu verdreifachen (ohne entsprechende Produktionsmittel und Infrastruktur), um Devisen ins Land zu bringen, muss man aus seinem Vorwissen ergänzen oder sich paralell anlesen. Es ist ein guter Ansatz, die Geschichte des Terrorregimes auf einer persönlichen Ebene zu erzählen, zumal es dem Vorhaben der Roten Khmer zuwider läuft, alles Individuelle vollständig zu tilgen. Noch besser wäre freilich, wenn die Lektüre dazu anregt, sich mit diesem Teil der Geschichte Kambodschas auch noch auf anderen Ebenen zu befassen.

Überrascht hat mich, welch große Bedeutung Musik für die Bevölkerung hat. Arn beschreibt das gleich auf der ersten Seite:

 

Am Abend ist in unserer Stadt überall Musik, Bei den Reichen. Bei den Armen. Alle haben Musik.

Radios. Plattenspieler. Kassettenrekorder. Selbst die Rikschafahrer haben kleine Radios auf dem Lenker und singen für ihre Passagiere.

In dieser Stadt ist die Musik wie Luft, sie ist überall.

Die Musik hat später wesentlichen Anteil an Arns Überleben. Innerhalb von fünf Tagen sollen er und ein paar andere Kinder im Lager ein Instrument lernen, die Khim. Er ist der einzige, der es schafft. Die anderen Kinder und der Lehrer werden getötet. Alle alten Musiklehrer werden getötet, damit die traditionelle kambodschanische Musik vergesen wird. Doch die Roten Khmer wissen nicht, dass der alte Lehrer Arn nicht nur das Khimspielen, sondern auch die alten Melodien begebracht hat. Arn bringt daraufhin anderen Kindern die neuen Kampflieder der Roten Khmer bei, schnelle Lieder mit schrecklichen Texten. Diese Lieder dienen zur Unterhaltung der Anführer, aber sie haben auch noch einen anderen grausamen Zweck…

Der Tiger in meinem Herzen behandelt nicht nur die Jahre im Lager, sondern auch Arns Zeit in Amerika, wo er über Kambodscha berichten soll. Hier wird deutlich, dass das Grauen nicht einfach vorbei ist, wenn man ihm räumlich entkommen ist. Was Arn gesehen und getan hat, hat tiefe Wunden hinterlassen. Doch auch hier hilft ihm die Musik, sie zu heilen.

Der Roman wird mich sicher lange nicht loslassen und hat mich dazu angeregt, mich weiter mit dem Thema zu beschäftigen. Neben Sachbüchern habe ich mir eine weitere (Auto-)Biografie vorgenommen, die Ähnliche Themen verbindet, aber ganz anders darstellt: Durch die Stille der Nacht. Mein Überleben mit der Macht der Musik im Kambodscha der Roten Khmer von Daran Kravanh und Bree Lafreniere, schildert die Geschichte nicht als unmittelbares Geschehen, sondern als bereits reflektiertes Vergangenes, das historisch eingeordnet wird.

Der Tiger in meinem Herzen von Patricia McCormick war 2016 für den Deutsche Jugendliteraturpreis (Preis der Jugendjury) nominiert. Als Lesealter wird dort „ab 16 Jahre“ angegeben, für jüngere Leser ist es m.E. auch nicht geeignet.


Die Zitate in eckigen Klammern beziehen sich auf die Ausgabe:

Patricia McCormick Der Tiger in meinem Herzen

McCormick, Patricia: Der Tiger in meinem Herzen, Frankfurt a. M. (S. Fischer) 2015. ISBN 978-3-596-85580-3

Die amerikanische Originalausgabe erschien unter dem Titel Never Fall Down 2012 bei Balzer & Bray, einem Imprint von Harper Collins. Aus dem Amerikanischen von Maren Illinger.

Taschenbuch ISBN 978-3-596-81197-7 (7, 99 EUR), auch als E-Book erhältlich.

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Eine Banane im Jahr des Affen

Que Du Luus „Im Jahr des Affen“ ist ein Entwicklungsroman, an dessen Ende die Brüche in der Identität der Protagonistin zwar nicht verwachsen sind, sie aber aus der erzwungenen Beschäftigung mit ihnen erwachsener hervorgeht.

Que Du Luu Im Jahr des Affen

Mit sechzehn Jahren hat sich Minh Thi an ihr Leben im kleinen westfälischen Herford gewöhnt, daran, dass sie die einzige Chinesin in ihrem Umfeld ist, keine blonden Haare hat und es auf ihren Kindergeburtstagsfeiern statt Kuchen Hühnersalat mit Fischsoße und gebratene Nudeln mit Garnelen gibt. Aber sie schämt sich ständig – für ihr Aussehen, ihren Vater, ihre ärmliche Wohnung. An ihr Leben in Vietnam und an die Flucht im Kleinkindalter kann sie sich fast gar nicht erinnern, es interessiert sie zuerst auch nicht besonders. Sie wäre gern wie die anderen Kinder und ist es nicht, doch wie ihr Vater ist sie auch nicht. Sie wirft ihm vor, sie seien „überhaupt nichts Richtiges“ [S. 89]:

Ich hatte mir immer gewünscht, wir wären Christen. Bei denen gab es nur Jesus. Meine Religionslehrerin hatte mich in der fünften Klasse gefragt, welchem Glauben wir angehörten.

Zu Hause fragte ich meinen Vater. Er sagte, er sei zum kleinen Teil Buddhist, zum Teil Taoist, und zu einem großen Teil sei er gar nichts.

Das hat sich durch das ganze Leben gezogen. Wenn er doch Vollbuddhist gewesen wäre, wenn wir doch richtige Vietnamesen gewesen wären, oder wenigstens richtige Chinesen. „Wo kommst du wech?“ – „Aus Vietnam.“ – „Ah, Vietnamesen also.“ – „Nein, Chinesen.“ – „Ni hau!“ – Nein, Chinesen, die Kantonesisch sprechen.“ – „Hong-Kong-Chinesen?“ – „Nein, aus Vietnam, hab ich doch gesagt.“ [S. 89]

Sie hat sich damit abgefunden, so scheint es wenigstens. Doch dann überschlagen sich die Ereignisse und erschüttern die Routine: Sie verliebt sich in den Schwarm ihrer Freundin, und gerät darüber mit ihr in Streit. Ihr Onkel kommt aus Australien zu Besuch und macht ihr permanent Vorwürfe, sie sei so frech, sie sei so faul, sie könne so schlecht Chinesisch, kurz: sie sei eine Banane – außen gelb, aber innen weiß. Und als ihr Vater dann kurz hintereinander zwei Herzinfarkte hat, muss sie sich plötzlich um das schlecht laufende Restaurant kümmern und Verantwortung für die beiden Angestellten übernehmen, von denen einer, Ling, keine Arbeitserlaubnis und der andere, Bao, keine Wohnung hat und heimlich im Keller des Restaurants schläft. Doch da gibt es noch andere Geheimnisse um Bao, die mit ihrer Flucht zu tun haben, und die plötzlich auch Minhs Vater in ein anderes Licht rücken.

Besonders gut hat mir gefallen, wie Que Du Luu das Verhältnis, das Minh Thi zu ihrer entfremdeten Muttersprache Chinesisch hat, in den Text integriert. Da sie in Herford keine chinesischen Freunde finden konnte und sie mit ihrem Vater kaum mehr als das Nötigste spricht, kann sie es nicht gut; für ernsthafte Gespräche fehlen ihr oft die Worte. Auf der anderen Seite nimmt sie die Bildlichkeit der Sprache viel genauer wahr, weil ihr die Redewendungen nicht so sehr in Fleisch und Blut übergegangen sind, dass deren wörtliche Bedeutung unkenntlich geworden wäre. Beispielsweise nennt ihr Vater die kaukasischen Deutschen „Gwai Lou“ – Gespenstermenschen, weil ihre Haut so weiß ist:

Mein Vater wollte sofort einen eigenen Schlafanzug anziehen, was klar war. In diesen weißen Krankenhaus-Flatterhemden sah man ja aus wie ein Gespenst.

Ich witzelte: „Du ähnelst einem Gespenstermenschen.“

Mein Vater verstand nicht, was ich meinte.

„Wegen der weißen Kleidung“, fügte ich hinzu, aber er verstand immer noch nicht.

Wahrscheinlich dachte er bei Gwai Lou nur an einen Deutschen, und die wörtliche Bedeutung kam ihm gar nicht mehr in den Sinn. [S. 124 f.]

Im Jahr des Affen von Que Du Luu ist für den Deutschen Jugendbuchpreis 2017 nominiert. Doch wie auch das ebenso nominierte Vierzehn von Tamara Bach ist es meines Erachtens mitnichten ein Buch allein für Jugendliche.


Seitenangaben in eckigen Klammern beziehen sich auf die Ausgabe:

9783551560193Que Du Luu (Text)
Im Jahr des Affen
Königskinder Verlag
ISBN: 978-3-551-56019-3
€ 16,99 (D), [als E-Book 11,99]
Ab 13

Etwas Besseres als den Tod findest Du überall. Außer im Heim: „Die Unerwünschten“ von Dimitri Verhulst

Der flämische Schriftsteller Dimitri Verhulst erlangte 2007 auch in Deutschland größere Bekanntheit durch seinen Episodenroman Die Beschissenheit der Dinge, in dem er erzählt und reflektiert, wie es war, mit Vater, Oma und drei ständig alkoholisierten Onkeln auf dem Dorf aufzuwachsen. Seine Zeit im Kinderheim, die dort ausgespart wurde, bietet nun den autobiografischen Hintergrund für zwei Geschichten, die im Band Die Unerwünschten 2016 auf Deutsch erschienen sind.

Gianna sagte: „Das Problem ist nicht , dass es zu viele Menschen auf der Welt gibt. Das Problem sind die vielen Unerwünschten!“ / Und du wusstest: Um diesen Satz je zu vergessen, müsstest du Alzheimer bekommen. [S. 39]

In beiden Geschichten, die auf wahren, zum Teil autobiografischen Begebenheiten beruhen, sorgen die Unerwünschten selbst dafür, dass sie wieder weniger werden.

Lieber tot als im Heim bleiben

Die Unerwuenschten von Dimitri Verhulst

Die stille Gianna ist aus dem Fenster ihres Kinderheims gesprungen. Der Erzähler, der dort einige Jahre mit ihr gelebt hat, besucht ihre Beerdigung und führt dabei ein stummes Selbstgespräch – der Text ist in der 2. Person Singular geschrieben, aber es ist deutlich, dass er sich selbst anspricht. Er denkt dabei nicht nur an Gianna zurück, sondern auch an Hartwig und Gerda, das Heimleiterehepaar, deren Ehe an der Aufgabe fast gescheitert wäre, den kleinen Willem, dessen Mutter ihn einst mit den Worten: „Ich komm meinen Kleinen hier abliefern, ich will ihn nicht mehr“ [S. 56] im Heim entsorgt hatte. Er beschreibt die Zustände im Heim, das unstillbare Sexbedürfnis der Jungen und Mädchen, die Zurückweisung, die sie immer wieder erfahren. Die Beschreibungen sind dabei mitunter eindrücklich, wenn Details – pars pro totum – für das Leben im Heim stehen:

Sollten sie sich erstmal umsehen, das Spielzeug auf dem Boden betrachten, die abgerissenen Puppenköpfe mit denen die Kleinsten Szenen aus ihrer bereits sehr bewegten Vergangenheit nachspielten, das schlaff gespannte Netz des Pingpongtisches mit den eingedellten Bällen drum herum, den Billardstock ohne Leder. [S. 26]

Manchmal verliert sich Verhulst aber auch in Formulierungen, reiht sie aneinander, als habe er sich nicht für das richtige Bild entscheiden können:

Schließlich wart ihr Chamäleons geworden, gewohnt in einem fort umzuziehen. Pendler, Zigeuner. Schachfiguren, die vom Jugendamt lustlos übers Spielfeld geschoben wurden. [S. 64 f.]

Die mitunter zu hohe Dichte an geschwätzigen rhetorischen Figuren (Periphrasen, Litotes, Accumulatio, Floskeln…) in bewusst umständlich konstruierten Sätzen soll wohl einen komischen Kontrast zum niedrigen gesellschaftlichen Ansehen der beschriebenen Personen herstellen, wirkt jedoch oft nur albern manieriert.

Das Selbstgespräch des Erzählers wird immer wieder unterbrochen von Satzfetzen der katholischen Begräbnisliturgie. Dass die Manierismen und Floskeln zum Teil eingesetzt werden, um diese typische Kirchensprache zu karrikieren, ist daher möglich. Es ist aber nicht wahrscheinlich, da der Kontrast zwischen vulgärem Inhalt und gehobenem Sprachgestus auch in anderen Werken Verhulsts das hervorstechendste Merkmal seines Stils ist, der allerdings in „Die Beschissenheit der Dinge“ origineller und treffender umgesetzt ist und daher sein Ziel besser erreicht.

Das Nebeneinander verschiedener Sprachebenen findet sich gleich im Titel der ersten Erzählung: Requiem für eine Fotze. „Requiem“ ist hier ein Euphemismus für die lieblose Bestattungsfeier, „Fotze“ eine Beleidigung, die der Wachmann eines Einkaufzentrums Gianna einst an den Kopf warf. Nicht erschlossen hat sich mir, wieso der Originaltitel Kaddisj voor een kut die Zeremonie mit einem Kaddisch in Verbindung bringt. Das Kaddisch ist im Judentum ein Lobgebet auf Gott, der von einem Minjan (10 mündigen Juden, im liberalen Judentum auch Frauen) in jedem Gottesdienst gesprochen wird, aber auch zum Totengedenken, für gerade Verstorbene und am Grab, obwohl sein Text keinen Bezug zum Tod hat. Sind nur 10 Menschen bei auf der schlecht besuchten Feier? Gibt es einen lobpreisenden Subtext? Ist der Bezug zum Lobpreis sarkastisch gemeint? Möglich, dass mir ein Schlüssel zum Verständnis des Textes entgangen ist. Möglich, dass Verhulst den Begriff lediglich aufgrund der Alliteration wählte. Im niederländischen Original ist Kaddisj voor een kut auch der Gesamttitel des Buches; diese Vulgariät hat der Luchterhand Verlag offenbar gescheut und sich für den leiseren Titel Die Unerwünschten entschieden, den ich durchaus für beide Geschichten treffend finde.

Lieber töten als ins Heim geben

Der zweite Teil handelt von Sarah Smeekens und Stefaan Cools, die der aufmerksame Leser vielleicht als Nebenfiguren des ersten Teils wiedererkennt. Dimitri Verhulst war ihr Mitbewohner im Kinderheim. Als er in der Zeitung lesen musste, wie das Ehepaar seine beiden kleinen Kinder in einem Hotelzimmer ermordet hatte, nahm er sich vor, schließlich doch über seine Zeit im Heim zu schreiben.

Der Text ist in sieben, mit römischen Zahlen numerierte Abschnitte gegliedert und entweder kursiv gesetzt oder, in der Art eines Theatertextes, als direkte Rede von Sarah oder Stefaan. Mitunter wurde der Text daher von der Kritik als Theaterstück aufgefasst – die kursiven Anteile sind allerdings keine Bühnenanweisungen, sondern eine dritte Stimme, die aus ihrer Perspektive von den Beiden erzählt und die zum Teil auf deren Aussagen eingeht.  Im Niederländischen ist der Text als „stemmentekst“ (Stimmentext) untertitelt, die deutsche Übersetzung bietet keinen Paratext, der über die Form Auskunft gäbe. Das Verhältnis, in dem die Stimmen zueinander stehen ist wechselhaft: Mal spricht der Erzähler (kursiv) über Sarah und Stefaan, als ob sie nicht anwesend seien, aber sie reagieren auf ihn, mal ist es umgekehrt, mal gibt es einen gesprächsähnlichen Austausch, mal gibt der Erzähler in indirekter Rede Aussagen weiterer Personen wieder (Zeugen, Richter), dazwischen sprechen Stefan und Sara miteinander – manchmal im Präsens, als ob wir live hörten, was sie im Hotelzimmer sprechen; manchmal im Präteritum, als ob sie sich im Gerichtssaal erinnerten, was sie getan haben. Präteritum in der direkten Rede wirkt im Deutschen befremdlich, ungewöhnlich – Perfekt ist im mündlichen Deutsch vorherrschend. Das ist im Niederländischen nicht so; hier bringt die Übersetzung vielleicht eine Nuance hinein, die das Original (das ich nicht gelesen habe) eventuell nicht so stark hat.

Der Text spricht kein deutliches Urteil über die beiden Kindsmörder. Sarah und Stefaan wirken bis zuletzt uneinsichtig, scheinen weder Schuld noch Strafe zu begreifen, obgleich ein Gutachten zitiert wird, das sie als durchschnittlich intelligent und schuldfähig ausweist. Ihre Gefühle bleiben dem Leser verborgen, es scheint fast, sie hätten keine, vielleicht fehlen auch nur die Kapazitäten, sie auszudrücken. Die Vorgeschichte der beiden wird ausgebreitet ohne direkt als Rechtfertigung oder gar Entschuldigung zu dienen. Dass sie am Ende erklären, sie hätten ihre Kinder getötet, aus Angst, diese könnten sonst im Kinderheim landen, wirkt plakativ. Hat Stefaan tatsächlich so etwas gesagt?

Ich wusste nicht viel, aber eins wusste ich: Meine Kinder würden sie nicht in ein Heim stecken. Nur über meine Leiche. Also, was sollten wir tun? Wir haben unsere Kinder kaputtgemacht. Zu ihrem eigenen Besten. [S. 141 f.]

Ich hatte immer wieder Schwierigkeiten, die Stimmen des Textes als authentisch wahrzunehmen, obwohl es sich um einen realen Fall handelt. Wahrscheinlich weil alle Stimmen trotz allem nach Dimitri Verhulst klingen.

 


Die Seitenzahlen hinter den Zitaten beziehen sich auf die Ausgabe:

Verhulst, Dimitri: Die Unerwünschten. Zwei Geschichten nach wahren Begebenheiten. Aus dem Niederländischen von Rainer Kersten, München (Luchterhand) 2016.

Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 144 Seiten, 12,5 x 20,0 cm

ISBN: 978-3-630-87479-1

€ 18,00 [D] | € 18,50 [A] | CHF 24,50* (* empfohlener Verkaufspreis)

Erschienen: 03.10.2016

Weltalphabetisierungstag

Es ist ja jeden Tag irgendein Tag, oft sogar ein Welttag. Wie ich gerade erst auf Twitter erfahren habe, ist heute Weltalphabetisierungstag. Das möchte ich zum Anlass nehmen, über etwas zu schreiben, dass mir sehr am Herzen liegt, über das ich schon länger einmal schreiben wollte, von dem ich nur nicht wusste, ob es hier auf den Blog passt: Mein Leben als Lesepatin.

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Beispielhafte Kreuzberger Grundschule

Als Lesepatin gehe ich einmal pro Woche für zwei Schulstunden in eine Grundschulklasse (seit diesem Schuljahr in zwei), und lasse mir da von Kindern vorlesen. „Meine“ Schule praktiziert Jahrgangsübergreifendes Lernen (JüL), das heißt, es sind immer 3 Jahrgänge zusammen in einer Klasse (1/2/3 und 4/5/6, pro Klasse ca. 24 Kinder). Ich strukturiere die Leseförderung so, dass jeweils zwei Kinder mit mir für 45 Minuten in einen separaten Raum gehen, jedes Paar fünf Wochen hintereinander. Das muss aber nicht so gemacht werden, und mit der 1/2/3 Klasse, die ich jetzt zu meiner 4/5/6 dazu bekomme, werde ich sicher anders vorgehen. In der 4/5/6 habe ich es bisher so gemacht: Am Anfang stelle ich ihnen Bücher vor, die ich für angemessen halte, daraus wählen sie eines aus und dann lesen sie abwechselnd daraus vor, manchmal lese ich auch ein bisschen, wenn ich merke, dass die Kinder an dem Tag vielleicht etwas müde sind, oder wir das Buch in den fünf Wochen sonst nicht schaffen. Das hat sich alles bewährt.

Die allermeisten sind mit Feuereifer dabei, auch die nicht so starken LeserInnen. Wenn ich in die Klasse komme, drängeln sie sich schon um mich: „Darf ich heute lesen?“ – „Bin ich heute dran?“ – „Ich war noch gar nicht!“ Manche Kinder motiviert man am besten mit dem iPad zum Lesen, andere wollen lieber „richtige“ Bücher (und nennen das auch tatsächlich so). Bei mir können sie zwischen E-Book und Print wählen, sofern es beides gibt.

In Deutschland gibt es 7,5 Mio. funktionale, 2,3 Mio. vollständige Analphabeten

Es ist interessant zu beobachten, wie unterschiedlich gut die Kinder bereits lesen. Es ist spannend und lustig, sich mit ihnen zu unterhalten. Ich merke, es tut nicht nur mir gut, sondern auch den Schülern. Und es ist eine wichtige Aufgabe, denn 7,5 Millionen Menschen in Deutschland sind funktionale Analphabeten, sie können zwar einzelne Sätze lesen und schreiben, jedoch keine zusammenhängenden Texte, nicht mal kurze. 2,3 Millionen sind sogar vollständige Analphabeten, die höchstens ihren Namen und einzelne Wörter, keine Sätze, lesen und schreiben können.¹ Aber ohne Lesekompetenz läuft heute wirklich gar nichts mehr.

Ziel der Lesepatenschaft ist es, die Lese- und Lernmotivation zu steigern, neue Literatur zu vermitteln und die Lesekompetenz zu stärken. Und natürlich jede Menge Spaß zu haben und den Kindern eine Auszeit im Schulalltag zu gönnen. Für mich ist dieses Ehrenamt wahnsinnig bereichernd und ich hoffe, für meine Lesekinder auch (es hat aber den Anschein…).

Wer sich auch für eine Lesepatenschaft interessiert und in Berlin lebt, kann sich beim VBKI melden, der die Lesepatenschaften organisiert und die Freiwilligen auf die Grundschulen verteilt. Es werden immer welche gesucht!


¹ Vgl.: Bundesministerium für Bildung und Forschung: Dekade für Alphabetisierung

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Tamara Bach: Vierzehn

© Carlsen https://www.carlsen.de/sites/default/files/styles/layer_480/public/produkt/cover/9783551583598.jpg?itok=bskoXSwB
In Berlin ist es heute wieder so weit: Erster Schultag nach den Sommerferien. Die Schüler haben ihre Freunde vielleicht Wochen nicht gesehen, vielleicht ist was passiert, das sie selbst oder die anderen verändert hat – mit Vierzehn kann es schnell gehen, dass plötzlich alles ganz anders ist. Dazu kommen Anpassungsschwierigkeiten bei der Umstellung von Ferien- auf Schulalltagsmodus (biologische Uhr, Schreibkrämpfchen u.ä.). Passen die alten Freunde noch und was ist mit der Neuen in der Klasse? Hoffentlich gibt es neue Lehrer. Coolere.

Von so einem ganz normalen ersten Schultag nach den Sommerferien handelt Tamara Bachs für den Deutschen Kinder- und Jugendbuchpreis 2017 nominierte Erzählung Vierzehn. Beh konnte nicht mit ihren Freundinen ins Feriencamp fahren, weil sie krank war, und hat jetzt eine riesige Informationslücke, die sie erst auffüllen müsste. Es interessiert sie aber nicht besonders, denn ihre Ferien waren auch nicht ereignislos; die Eltern lassen sich scheiden, und sie hat einen Jungen kennengelernt. Die Neue setzt sich neben Beh, scheint ganz nett zu sein, man weiß nicht, was daraus wird.

So weit so durchschnittlich. Das Besondere an Vierzehn ist, dass Tamara Bach diese Durchschnittlichkeit formal reflektiert.

Die Erzählung ist ganz in der zweiten Person Singular Präsens geschrieben.

Du hast schon wieder vergessen, wie das geht, erster Schultag. Dass KLS Klassenlehrerstunde heißt. Dass es den Stundenplan eigentlich online gab und ihr gleich gesammelt zur Schulbuchausgabe gehen werdet. Jetzt sucht man sich die Plätze, die man den Rest des Jahres behält. Das ewige Handtuch auf dem Liegestuhl am Pool. [S. 16]

Noch im 19. Jahrhundert war das Präsens ein Indikator fürs Faktuale, Fiktion wurde im epischen Präteritum geschrieben. Goethe ließ es sich zwar nicht nehmen, auch schon mal mitten im Satz ins Präsens zu wechseln; die intendierte kontrastive Wirkung konnte sich aber nur vor dem Hintergrund eines ansonsten stabilen Präteritums entfalten. Auch die Avangarden des frühen 20. Jahrhunderts verwendeten das Präsens noch mit der Intention, antinarrativ und antifiktional zu schreiben.¹

In der inzwischen über hundertjährigen Geschichte des Präsensromans hat sich die Wirkung des Tempus auf den Leser gewandelt. Vierzehn wirkt als Fiktion, als geschlossenes Narrativ. Wie auch das Epische Präteritum im Roman nie einfach Vergangenheit anzeigte („Morgen war Weihnachten.“²), verliert auch das „Epische Präsens“ seine grammatische Funktion:

Du bist müde. Der Tag ist gerade mal halb rum. Du fragst Dich, warum Du so müde bist.

Weil Du so lange krank warst. Weil dein Körper immer noch an allem arbeitet, was kaputt war. Weil du außerdem wächst. Die zwei Zentimeter in den letzen Wochen waren noch nicht das Ende der Fahnenstange. Du wirst noch einen weiteren Zentimeter wachsen. Das schlaucht.

Du bekommst auch in der Tagen deine Tage. Das sagt dir morgen dein Handy.

Du denkst, dass man das wohl einfach wieder üben muss, Schule. Aufstehen am Morgen. Sitzen und nach vorn gucken.

Klingeln, rausgehen, Pause haben, klingeln, Unterricht, sich beteiligen, Synapsen bilden. (Morgen hast Du Bio.) [S. 67]

In einen Abschnitt, der Aspekte eines inneren Monologes zeigt, wird Zukunftswissen einer auktorialen Erzählinstanz eingeflochten („Du wirst…“, „Du bekommst…“), an anderer Stelle kann das Futur hingegen Teil der Gedanken der Protagonistin sein („Morgen hast du Bio.“). Der stark elliptische Stil der Erzählung führt hier zu Unsicherheit, wer spricht.

Die zweite Person wird als durchgehende Erzählperspektive eher selten in Romanen, aber gerne – und wie mir scheint zunehmend – in Kurzgeschichten und Erzählungen verwendet. Mit 107 Seiten ist auch Vierzehn nicht umfangreich, wie übrigens auch die anderen Bücher der Autorin. Sie versteht es meisterhaft, sich kurz zu fassen, was ich sehr schätze.

Die Wirkung der Zweiten Person als Erzählperspektive variiert je nach Kontext. LeserInnen können persönlich angesprochen werden, Assoziationen zu Computerspiel-Lösungen („Du gehst in die Bar und redest mit dem betrunkenen Piraten.“) können sich aufdrängen. Hier jedoch macht die Erzählperspektive die Allgemeingültigkeit deutlich, die Austauschbarkeit. Die Erzählung stellt das Allgemeine – Vierzehn sein – im Besonderen – Beh ist Vierzehn – vor. Der für Tamara Bach typische stark elliptische Stil (kunstvoll umgesetzt, ohne künstlich zu sein) lässt viel Raum für Einbringungen des Lesers, was den Eindruck des Allgemeinen im Besonderen noch verstärkt.

Eine weitere Metaebene erhält die Erzählung durch die Hausaufgabe der Kunstlehrerin, funktionale Ort zu fotografieren, die verlassen wurden. Ein leerer Schulhof am Wochenende, ein spätsommerliches Freibad kurz vor der abendlichen Schließung, „Bushaltestelle. Eine Bank ohne Sitzfläche, vergilbter Fahrplan, übermalt. Angekokeltes Plastik. Dahinter Rapsfelder. Farbe.“[S. 44] Mir schien es, als spiegle diese Aufgabe die Erzähltechnik der Autorin, ihre Ellipsen und inhaltlichen Auslassungen, die Reduktion auf das Wesentliche. Ohne Menschen, die diese Orte nutzen, sind sie dysfunktional, wirken trostlos, etwas Entscheidendes fehlt. Wie auch der Kunst, der Literatur, ohne Menschen, die sie rezipieren, etwas Entscheidendes fehlt. Alexander Kluge spricht oft davon, dass es im Kino die Hälfte der Zeit dunkel ist (wegen der Transportphase zwischen den einzelnen Bildern).³ Das ist der Moment, in dem der Zuschauer sich unbewusst einbringt: Dadurch dass das Gehirn mehr Zeit hat, das Gebotene aufzunehmen, werden eigene Bilder dazuassoziiert. Bach operiert hier mit verschiednen literarischen Möglichkeiten, solche Leerstellen zu erzeugen und den Leser so zu eigenen imaginären Bildern anzuregen.

In meinen Augen ist Vierzehn weniger ein Jugendbuch, als eine literarische Erzählung über eine Jugendliche. Mein Eindruck ist, dass die meisten Jugendbücher irgendein Problem behandeln – Teenieschwangerschaft, Gewalt, Drogenkonsum, Flucht. Jugendlichen durch literarisches Erzählen die verschiedenen Möglichkeiten der menschlichen Existenz erlebbar zu machen, ist auch gut und wichtig. Wichtig ist aber auch, ihnen an einer Existenz, die nah an ihrer eigenen sein dürfte, die Möglichkeiten literarischen Erzählens begreifbar zu machen. Das leistet Vierzehn, weshalb die Erzählung für mich der Favorit um den Jugendbuchpreis ist, den Tamara Bach 2004 schon einmal – für ihr ebenfalls sehr lesenswertes Debüt Marsmädchen – bekommen hat.

Die Bekanntgabe der Preisträger des Deutschen Kinder- und Jugendbuchpreises findet am 13. Oktober auf der Frankfurter Buchmesse statt.


Seitenangaben in eckigen Klammern beziehen sich auf:

Bach, Tamara: Vierzehn, Hamburg (Carlsen) 2016.

¹ Vgl.: Avanessian, Armen; Hennig, Anne [Hrsg.]: Der Präsensroman [Narratologia Bd. 36], Berlin/Boston (De Gruyter) 2013. Einleitung, S. 1-23, hier S. 1.

² Hamburger, Käte: Die Logik der Dichtung, Stuttgart (Klett) 1957. Hamburger argumentiert, dass ein Satz wie „Morgen war Weihnachten“ nur in der Dichtung sinnvoll sei.

³ Vgl. z. B. Kluge, Alexander: Der Angriff der Gegenwart auf die übrige Zeit. Abendfüllender Spielfilm, 35 mm, Farbe mit s/w-Teilen, Format 1:1,37. Drehbuch, Frankfurt a. M. (Syndikat) 1985, S. 56. Das gilt streng genommen nur für Filme auf Zelluloid, nicht für Fernsehübertragungen und nicht für digitale Kinofilme. Auch das wird von Kluge reflektiert.

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ZLB Themenraum „Lyrik von Jetzt“ © Eva Wißkirchen

Auf dem Tisch im Mittelpunkt des Themenraums wird deutschsprachige Gegenwartslyrik präsentiert, sowie die „Vorgänger_innen“, Dichter_innen der vorigen Generation, die wegbereitend für die heutige Lyrik waren und deren Werk zu kennen daher das Verständnis aktueller Lyrik vertiefen kann. Hierzu zählen für die Kuratorin Lea Schneider zum Beispiel Szymborska, Plath und Mayröcker. Bei der deutschen Gegenwartslyrik finden sich bekannte Namen wie Jan Wagner, der 2014 den Preis der Leipziger Buchmesse gewann, neben neuen Stimmen, die zum Beispiel in den Anthologien Lyrik von Jetzt (Berlin Verlag) zu Wort kommen.

An der Wand gegenüber der Fensterfront wird zum einen die internationale Gegenwartslyrik präsentiert, die von Südafrika bis in die Niederlande, von Südamerika über China und Russland bis nach Portugal reicht; viele der Bände sind zweisprachig. Zum anderen hat man dort über einen Computer Zugriff auf die Website lyrikline – listen to the poet!über die man von den DichterInnen selbst gelesene Gedichte hören kann. 1166 Dichter, 10456 Gedichte, 75 Sprachen. Dazu gibt es 15440 Übersetzungen, allerdings nicht vertont. Diese Auswahl ist überwältigend, aber da es sich um eine Website handelt, kann man die Inhalte ja auch von Zuhause jederzeit abrufen. Der Rechner in der AGB war bei meinem Besuch leider zu leise eingestellt. Außerdem finden sich Medien zur Vertonung/Verfilmung von Gedichten; in diesen Bereich gehört natürlich auch der letztjährige Literaturnobelpreisträger Bob Dylan.

© Eva Wißkirchen
Internationale Gegenwartslyrik © Eva Wißkirchen

Theorie und Praxis finden sich an der anderen Wand. Der Bereich Selber Schreiben möchte zum eigenen Experimentieren mit Sprache anregen, unter dem Stichwort Denken in Gedichten sind Essays und poetologische Reflexionen von DichterInnen subsumiert. Besonders hervorheben möchte ich hier die schlicht und schön gehaltenen Bände der edition poeticon.

ZLB Themenraum Lyrik von Jetzt © Eva WißkirchenIm Übergangsbereich zum restlichen Salon stehen Tablets zur Verfügung, an denen man die ZLB-Themenraum-App ausprobieren, sich durch Netznews, Twitter und Linkliste klicken kann. Oder man laden sie sich gleich kostenlos aufs eigene SmartPhone oder iPad. In der App sind auch die Kooperationspartner Goethe-Institut, Haus für Poesie und das Berliner Lyrikkollektiv G13 präsent. Daneben gibt es jede Menge klassisches Infomaterial zum Mitnehmen, wer aber Papier sparen möchte kann sich die Themenraum-Bibliographie-Lyrik auch auf der Website der ZLB herunterladen.

Im Themenraum gibt es viel zu entdecken. Ich bin mehrmals dort gewesen und habe nicht alles gesehen. Vollständigkeit sollte aber auch nicht unbedingt das Ziel sein. Weite Bereiche der Lyrik sprechen mich überhaupt nicht an, die konnte ich schnell zur Seite legen. Anderes begeistert mich unmittelbar und verlangt nach mehrfacher, konzentrierter Lektüre. Für diesen Fall kann man die ausgestellten Medien auch ausleihen, allerdings zu anderen Konditionen als gewöhnlich: die Leihfrist halbiert sich auf 14 Tage, Verlängerungen und Vorbestellungen sind nicht möglich. Die Ausstellung läuft aber ohnehin nur noch eine Woche, danach sind die Titel wieder wie gewohnt zu haben. Übrigens: Die Ausstellung kann man ohne Benutzerkarte ansehen, zur Ausleihe braucht man dann allerdings eine.

Ich bin kein ausgesprochener Lyrikenthusiast, aber wenn sie mich trifft, dann richtig.

Uljana Wolf Meine schönste Lengevitch_Fotor

Daher bin ich froh, im Themenraum Uljana Wolfs Meine schönste Lengevitch (kookbooks) entdeckt zu haben. Ebenfalls gut gefallen mir Margret Kreids Einfache Erklärung. Alphabet der Träume (Edition Korrespondenzen) und Inger Christensens Sommerfugledalen/Das Schmetterlingstal (Suhrkamp). Letzteres aber vielleicht in erster Linie, weil ich Schmetterlinge und Dänisch mag.

Wer die Möglichkeit hat, sollte den Themenraum schnell noch besuchen (läuft bis 20.04.). Wenn Ihr es schafft, schreibt mir doch, wie es Euch gefallen hat und welche Entdeckungen Ihr gemacht habt!