Angie Thomas: The Hate U Give

Lange hat mich kein Roman mehr so mitgenommen.

Die sechszehnjährige Starr wächst in Garden Heights auf, einem ärmeren, von Ganggewalt geprägten Viertel in einer nicht näher bestimmten Stadt, wahrscheinlich in Mississippi, wo auch die Autorin Angie Thomas lebt. Als Starr mit zehn Jahren miterleben muss, wie ihre beste Freundin Natasha bei einem Drive-by-shooting erschossen wird, beschließen ihre Eltern, keine Kosten und Mühen zu scheuen, um Starr und ihre Geschwister auf eine Schule in einem besseren Viertel zu schicken, das im Gegensatz zu Garden Heights mehrheitlich von Weißen bewohnt wird. So lebt Starr in zwei penibel getrennten Welten, für die sie sich zwei Sprachen, zwei Verhaltensnormen, zwei Persönlichkeiten zulegt.

Auf einer Party in Garden Heights – Veranstaltungen wie diese meidet sie normalerweise – trifft sie ihren besten Freund Khalil wieder; sie sind zusammen aufgewachsen, aber da Starr eine andere Schule besucht, hatten sie sich zuletzt aus den Augen verloren. Doch sobald sie sich sehen ist alles wie früher – man hat sogar den Eindruck, zwischen den beiden könnte mehr sein. Plötzlich kommt es auf der Party zu einer Schlägerei, die beiden verlassen die Party zusammen und Khalil bietet an, Starr nach Hause zu fahren. Im Auto hören sie 2Pac und unterhalten sich über die Bedeutung des von ihm geprägten Akronyms Thug Life (Gangsterleben): „The Hate U Give Little Infants Fucks Everybody.“

Wie bedeutungsschwanger dieses Gespräch ist, ahnen die beiden nicht. Dann das Geräusch der Polizeisirene.

„When I was 12, my parents had two talks with me. One was the usual birds and bees. […]

The other talk was about what to do if a cop stopped me. Momma fussed and told Daddy I was too young for that. He argued that I wasn’t too young to get arrested or shot. ‚Starr-Starr, you do whatever they tell you to do‘, he said. ‚Keep your hands visible. Don’t make any sudden moves. Only speak when they speak to you. I knew it must’ve been serious. Daddy has the biggest mouth of anybody I know, and if he said to be quiet, I needed to be quiet.

I hope somebody had the talk with Khalil.“

Angie Thomas: The Hate You Give, Berlin (Cornelsen) 2019, S. 26.

Offenbar nicht. Und so wird Starrs Leben zum zweiten Mal durch die Ermordung eines engen Freundes erschüttert. Der Großteil des Buches handelt davon, wie sie damit umgeht – wie sie es psychisch verarbeitet, aber auch welche Konsequenzen es für ihr Leben, ihre Familie, ihre Community, ihre Stellung in der Gesellschaft hat. Starr will als Zeugin aussagen, damit der Polizist, der Khalil erschossen hat, zur Verantwortung gezogen wird. Aber sie hat auch Angst, sich dadurch in Gefahr zu bringen: Khalil hatte anscheinend Ärger mit King, dem Gang-Leader der King Lords. Und der möchte nicht, dass Starrs Aussage die Aufmerksamkeit der Polizei auf seine Drogengeschäfte lenkt.

Den Anstoß zu dieser Geschichte gab Angie Thomas die Ermordung von Oscar Grant durch einen Polizisten an Neujahr 2009. Doch The Hate U Give erzählt nicht einfach dessen Geschichte. Man könnte sagen, es basiert nicht auf einer wahren Begebenheit, sondern auf viel zu vielen, sich immer wiederholenden wahren Begebenheiten. Es ist keine individuelle Geschichte, sondern die Geschichte eines Systems.

Diesem Problem wird The Hate U Give gerecht, indem es anhand eines persönlichen Schicksals das dem zugrundeliegende System darstellt und beleuchtet. Dabei kommen viele Facetten zum Vorschein. Der Roman ist nicht nur soziologisch und zeithistorisch wertvoll, er ist auch ein politisches Buch, wie Tupac Amaru Shakur ein politischer Künstler war. Über den Einfluss Tupacs auf den Roman spricht Angie Thomas unter anderem in diesem Interview:

©Epic Reads

Der Roman ist nicht nur brillant konzipiert und die Figuren bis in die Nebenfiguren hinein überzeugend klar charakteristisch gestaltet, er ist auch sprachlich sehr gelungen. Nicht allein, aber besonders in der lebendigen direkten Rede, die durch authentische Dialekte, Soziolekte und verschiedene Sprachregister gekennzeichnet ist und so zur Charakterisierung der Figuren wesentlich beiträgt.

Die Übersetzung kenne ich nicht, aber ich kann mir bei aller Hochachtung, die ich für dieses Metier hege, nicht vorstellen, dass es möglich ist, das adäquat zu übertragen und würde daher in diesem Fall – wann immer möglich – zum Original raten.

Kommentar verfassen (Ihre Kommentareingaben werden zwecks Anti-Spam-Prüfung an den Dienst Akismet gesendet. Wir nutzen die eingegebene E-Mailadresse zum Bezug von Profilbildern bei dem Dienst Gravatar. Hinweise zum Widerrufsrecht finden sich in der Datenschutzerklärung.)

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.