Hermann Hesse: Unterm Rad

Vor einigen Jahren standen wir in der Kaffeepause auf dem Hofe des Eikones-Institutes über dem Rhein in Basel und unterhielten uns über Fragen wie die, ob wir (angehende) Literaturwissenschaftler noch Bücher privat läsen oder was wohl in den kommenden Jahren etwas Überraschendes in der Literaturwissenschaft sein könnte. Unser Dozent meinte damals, es wäre überraschend, wenn es jemandem gelänge, etwas Interessantes zu Hermann Hesse zu schreiben. Ist seitdem, soweit ich weiß, nicht eingetroffen. Hesse ist in der Literaturwissenschaft, zumindest in den Gefilden, in denen ich mich herumgetrieben habe, seit Jahrzehnten absolut tot.

Hesse gilt vielen als Autor der Adoleszenz. Doch auch damals konnte ich nicht viel mit ihm anfangen, habe mal auf Drängeln einer Freundin Demian gelesen und war froh, als ich durch war; ich könnte heute nicht mehr sagen, worum es ging. Mit selbiger Freundin dann noch eine Erzählung – Erinnerungen an den Abend sind vorhanden, keine an die Erzählung, ich bin mir nicht mal mehr sicher, welchen Namen sie trug. Und ich habe im Allgemeinen ein gutes Gedächtnis.

Wie kam es dann, dass ich vor einiger Zeit doch nochmal Hesse gelesen habe? Ich glaube, die Erzählung Unterm Rad fiel mir eher zufällig in die Hände, es hieß, es ginge um Hochbegabung, Erziehung und Schulsystem, Zerbrechen am Leistungsdruck und so weiter. Das sind Themen, die mich interessieren, und wahrscheinlich wollte ich es deshalb lesen, vielleicht spielte auch dieses elende „Klassiker lesen“, dem ich seit 2018 anhänge, mit rein. Also las ich die 1903 entstandene Erzählung um Hans Giebenrath, der es, als einer von 36 unter 118 Kandidaten, Dank seiner intellektuellen Begabung und seines Fleißes, aber auch durch den unablässigen Ansporn des Lehrers und des Pfarrers, aus einer schwäbischen Kleinstadt ins Priesterseminar schafft – die einzige Chance auf intellektuelle Bildung, die sein Vater sich leisten kann.

Zuerst wollte ich nicht darüber schreiben, weil mir nicht recht etwas einfallen wollte. Später dann fiel mir auf, dass das vielleicht genau der Punkt ist.

Unterm Rad ist an sich keine schlechte Erzählung. Gelungen sind besonders die detailreichen, lebendigen Naturbeschreibungen, die von einer Gabe zur gänzlichen Vertiefung und zur neugierigen, genauen Beobachtung zeugen sowie von aufmerksamer Vertrautheit mit dem Gegenstand der Betrachtung, der Natur. Diese Beschreibungen finden sich hauptsächlich in den ersten Kapiteln und lassen nach, als Hans im Seminar ist. Und tatsächlich heißt es dort schließlich:

Früher, in den Lateinschuljahren, hatte Hans den Frühling anders als diesmal betrachtet, lebhafter und neugieriger und mehr im einzelnen.

Hesse, Hermann: Unterm Rad, Berlin (Suhrkamp) 2012, S. 156. [Erstausgabe Berlin 1905/6]

Und diese Explizitheit scheint mir genau das Problem mit Hesses Prosa zu sein: Alles ist ein bisschen zu offensichtlich. So zum Beispiel auch die Konstitution Hans Giebenraths: Er ist hochbegabt, sensibel, introvertiert, schüchtern – we get it. Es ist sehr genau und treffend und mehr als ausführlich genug beschrieben. Dass ihm das starre Schulsystem und der Ehrgeiz seiner Lehrer nicht bekommt, dürfte auch zum weniger empathischen Leser durchsickern. Aber Hesse muss uns – nur so zur Sicherheit – direkt drauf stoßen:

Alle diese ihrer Pflicht beflissenen Lehrer der Jugend, vom Ephorus bis auf den Papa Giebenrath, Professoren und Repetenten, sahen in Hans ein Hindernis ihrer Wünsche, etwas Verstocktes und Träges, das man zwingen und mit Gewalt auf gute Wege zurückbringen müsse. Keiner, außer vielleicht jenem mitleidigen Repetenten, sah hinter dem hilflosen Lächeln des schmalen Knabengesichts eine untergehende Seele leiden und im Ertrinken angstvoll und verzweifelt um sich blicken. Und keiner dachte etwa daran, [171] daß die Schule und der barbarische Ehrgeiz eines Vaters und einiger Lehrer dieses gebrechliche Wesen soweit gebracht hatten. Warum hatte er in den empfindlichsten Knabenjahren täglich bis in die Nacht hinein arbeiten müssen? Warum hatte man ihm seine Kaninchen weggenommen, ihn den Kameraden in der Lateinschule mit Absicht entfremdet, ihm Angeln und Bummeln verboten und ihm das hohle, gemeine Ideal eines schäbigen, aufreibenden Ehrgeizes eingeimpft? Warum hatte man ihm selbst nach dem Examen die wohlverdienten Ferien nicht gegönnt?

Hesse, Hermann: Unterm Rad, Berlin 2012, S. 170 f.

Diese Kommentare können mitunter in schöne, beißende Formulierungen gekleidet sein, von Sarkasmus strotzend, wie in der Passage über den Ephorus des Seminars, nachdem Hindinger ertrunken, Heilner durchgebrannt und Hans mit einem Nervenzusammenbruch nach Hause geschickt worden war:

[S]ooft er aber in der nächsten Zeit die Stube Hellas betrat und die drei leeren Pulte sah, ward ihm peinlich zumut und er hatte Mühe, den Gedanken in sich niederzukämpfen, daß ihn am Verschwinden zweier begabter Zöglinge vielleicht doch ein Teil der Schuld treffen möge. Als einem tapferen und sittlich starken Manne gelang es ihm jedoch diese unnützen und finsteren Zweifel aus seiner Seele zu bannen.

Hesse, Hermann: Unterm Rad, Berlin 2012, S. 173.

Ich verstehe, wenn man daran Gefallen findet – aber was soll einem dazu noch einfallen? Möglich, dass Hesse deshalb für die Literaturwissenschaft so uninteressant ist: Es gibt nichts zu entdecken, weil der Autor uns alle seine Verstecke zeigt.

Ein ganz anderer Kritikpunkt betrifft die Passagen, in denen Verlangen geschildert wird:

In dieser Stunde zerriß etwas in ihm und tat ein neues, fremdartig verlockendes Land mit fernen blauen Küsten sich vor seiner Seele auf. Er wußte noch nicht oder ahnte nur, was die Bangnis und süße Qual in ihm bedeute, und wußte auch nicht, was größer in ihm war, Lust oder Pein.

Hesse, Hermann: Unterm Rad, Berlin 2012, S. 210.

Eine Flut von durchdringender Lust, von seltsamer Wärme und seliger Müdigkeit überlief sein Wesen, die Luft um ihn her schien ihm lau und föhnfeucht, er sah nicht Gasse noch Garten mehr, nur ein nahes helles Gesicht und ein Gewirre dunkler Haare.

Hesse, Hermann: Unterm Rad, Berlin 2012, S. 218.

Im Gegensatz zu den Naturbeschreibungen wirken diese Formulierungen, von denen es noch viele weitere gibt, gekünstelt und klischiert. Sie stechen aus dem übrigen Text wie Fremdkörper heraus. Sollte das am Ende Absicht sein? Soll es so wirken, weil Hans dieses Verlangen auch noch neu und fremd ist, er es noch nicht richtig in sein Selbstbild integriert hat, und weil junge Menschen eben manchmal noch recht ungelenk im Formulieren solcher Gefühle sind? So wie die Aufmerksamkeit in den Naturbeschreibungen Hans‘ Aufmerksamkeit beim Betrachten derselben entspricht? Aber wenn das so gemeint gewesen wäre, hätte Hesse uns sicher noch im Text darauf aufmerksam gemacht. Nur so zur Sicherheit.

2 Gedanken zu “Hermann Hesse: Unterm Rad

  1. Hesse war so einer, der mich in meiner literarischen Entwicklung sowogl gefördert, als auch zurückgehalten hat. Wenn man ernsthafter anfängt mit dem Schreiben, aber den Weg durch die (älteren wie modernen) Klassiker geht, statt gleich an einer Schreibschule den dt. Einheitsstil zu lernen, geht man ja auch fast unweigerlich durch eine Phase, in der man sich beim Lesen eigener Texte quasi fremdschämt für das, was einem dieser Autor, der man dann am liebsten gar nicht gewesen wäre, vorsetzt. Aber man kriegt es auch noch nicht besser hin. Da hab ich mir dann oft gesagt „das ist normal, das muss bei Literatur so sein, bei Hesse hast du dieses Fremdscham-Gefühl auch öfter“. Was natürlich verhinderte, dass man noch härter an den Texten arbeitete (wobei da meist eh ein komplettes Neuschreiben nötig wäre), aber auch, dass man aufgab.

    Ansonsten denke ich, Lit.Wissenschaft könnte durchaus noch einiges Interessantes zu Hesse sagen, wie es dir hier ja auch gelingt. Wenn sie sich wieder wegbewegt von Schwerpunkten wie dem Enträtseln komplexer Anspielungen zwecks Paperproduktion und der Sozialwissenschaft für Empirie/Statistikfaule und hin zu der Frage wie und warum Texte ästhetisch funktionieren oder eben nicht. Daran anschließend würden sich dann natürlich auch eher sozialwissenschaftliche Fragen aufdrängen, wie etwa die, warum Hesse so gut ankam und teils noch kommt.

    Ich finde die Diskrepanzen zwischen dem Steppenwolf und den anderen Texten Hesses wäre auch noch den ein oder anderen Gedanken wert (https://soerenheim.wordpress.com/2019/07/23/hesses-steppenwolf-wo-das-sujet-den-autor-wachsen-laesst-nebst-kafka-parallele/). Und welche Bedeutung Harry und Hermine aus diesem Roman für ein anderes Duo mit gleichen Namen hatte, wüsste ich auch gern einmal entschlüsselt 😉

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    1. Ah ok, Fremdschamgefühl bei Hesse als Trost junger Autoren – so habe ich es auch noch nicht gesehen 😂
      Steppenwolf habe ich noch nicht gelesen. Der Titel Deines verlinkten Artikels klingt aber vielversprechend – ich fange mal damit an und entscheide dann, ob ich dem Steppenwolf mal eine Chance gebe.
      Harry Potter ist ja voller Literaturanspielungen, so leitet sich zum Beispiel der Name der Schule Durmstrang von Sturm und Drang ab.
      Mit den Moden in der Literaturwissenschaft ist das so eine Sache, manchmal habe ich das Gefühl, dass sich einige nur unkreativ an das dranhängen, was gerade alle machen. Aber so intensiv verfolge ich das nicht mehr.

      Gefällt 1 Person

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