Repoetisierung 2 – Selma Merbaum

Im Zuge meiner Repoetisierung will ich 2018 jede Woche eine*n Dichter*in etwas näher kennenlernen.

Erste Eindrücke

In dieser Woche fiel meine Wahl auf Selma Merbaum, auf die ich unter dem Namen Selma Meerbaum-Eisinger in der App Poesi aufmerksam wurde. Mir war so, als hätte ich den Namen schon gehört. Hatte ich vielleicht Übersetzungen von ihr gelesen? Ich kam nicht darauf.

Als ich die ersten Gedichte von ihr las, fand ich sie naiv – auf eine ansprechende, nicht dumme Art – und dabei sehr stilsicher und musikalisch. Hier zum Beispiel in ihrem ersten erhaltenen Gedicht:

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Ein zu kurzes Leben

Das machte mich neugierig auf ihre Lebensumstände. In den Informationen der Poesi-App erfuhr ich, dass sie nur 18 Jahre alt geworden war, und las auf Wikipedia weiter. Mich machte stutzig, dass der Artikel mit „Selma Meerbaum-Eisinger“ überschrieben war, im Text dann aber meist „Selma Merbaum“ geschrieben wurde. Ich besorgte mir die Biografie von Marion Tauschwitz, die diesen Punkt gut erklärt: Selma wurde 1924 als Tochter von Frieda und Max Merbaum geboren. Ihr Vater verstarb wenig später; auf seinem Grabstein steht zum ersten mal Meerbaum mit doppeltem „e“. Die Mutter heiratete wieder: Leo Eisinger. Er hat Selma nicht adoptiert und sie hat nie seinen Namen angenommen. Der erfundene Doppelname geht wohl auf ihren ehemaligen Lehrer Hersch Segal zurück, der 1976 in Israel ihre Gedichte im Eigenverlag herausbrachte.

Selma Merbaum und Else Schächter
Selma (rechts) mit ihrer Freundin Else Schächter im Sommer 1940

Selma wurde in Czernowitz in der Bukowina geboren, einer Stadt, die vor dem ersten Weltkrieg ein kulturelles Zentrum war. Die Bukowina hat eine bewegte politische Geschichte, das Gebiet liegt heute halb auf ukraninischem, halb auf rumänischem Territorium. Selma Merbaum wurde als Rumänin geboren, gehörte aber zur deutsch-jüdischen Mehrheit in Czernowitz, zu der auch Rose Ausländer und Paul Celan zählten. Dieser war ihr Cousin zweiten Grades und hat, nach den Recherchen der Biografin Marion Tauschwitz, weit mehr Zeit mit Selma verbracht als bisher angenommen. Zusammen mit der Freundin Else lasen sie sich gegenseitig ihre Gedichte vor.

Schon während ihrer Schulzeit hatte Selma als Jüdin unter Repressalien zu leiden. Sie engagierte sich daher in einer sozialistisch angehauchten zionistischen Jugendbewegung und träumte vom Auswandern nach Palästina. Als im Sommer 1940 die Sowjetunion das Gebiet besetzte, wurden die Soldaten teils stürmisch begrüßt, und tatsächlich besserte sich die Situation zunächst: Selma konnte eine jiddische Schule besuchen, wo unter anderem Hersch Segal, der später ihre Gedichte herausgab, ihr Lehrer war. Sicher das glücklichste Jahr ihrer Schulzeit.

Doch schon ein Jahr später kamen die Rumänen zurück. Unter dem faschistischen Antonescu-Regime wurde Selma in ein Lager in Transnistrien deportiert, zunächst in ein rumänisches, später ein deutsches, wo sie schließlich an Fleckfieber starb.

Überlieferung und Rezeption

Ihre Gedichte – in Schönschrift abgeschrieben und zu einem Heft gebunden, welches sie mit „Blütenlese I“ betitelte – hatte sie vor der Deportation an Else überbringen lassen, die es Leiser Fichman zukommen lassen sollte. Leiser war auch in der zionistischen Gruppe Hashomer Hazair gewesen und wagte später die riskante Auswanderung nach Palästina. Aus Sorge um die Gedichte gab er sie Else zur Aufbewahrung zurück – tatsächlich ertrank er bei der Übersiedlung.

Else nahm den Gedichtband mit nach Israel, wo Hersch Segal sie 1976 veröffentlichte. Nach Deutschland gelangten die Gedichte über Hilde Domin. Sie setzte sich für ihre Bekanntwerdung ein, was 1980 schließlich über den Stern-Reporter Jürgen Serke gelang.

Da die Gedichte Leiser Fichman übergeben werden sollten, wurden bisher viele von ihnen als Liebesgedichte für Leiser interpretiert, so auch das oben zitierte „Lied“. Marion Tauschwitz integriert immer wieder Ausschnitte aus den Gedichten in ihre Biografie und stellt der bisherigen eine andere Lesart gegenüber: „Lied“ bezieht sie beispielsweise auf Selmas schwieriges Verhältnis zu ihrer Mutter – tatsächlich ist sie zu der Zeit, in der das Gedicht entstand, zu ihrer Großmutter gezogen: „Und ich – ging“. Mit Leiser verband sie wohl eher Freundschaft als eine Liebesbeziehung.

Nicht nur aufgrund dieser autonomen Interpretationen ist die Biografie von Marion Tauschwitz lesenswert: Sie ist sehr gründlich recherchiert, wissenschaftlich fundiert, dabei spannend und stilistisch einfühlsam geschrieben. Wo sie spekulativ sein muss, weil keine genauen Informationen zu bekommen waren, wird dies durch die Formulierungen stets deutlich. Außerdem hat Marion Tauschwitz für die Ausgabe im zu Klampen Verlag alle Gedichte nach Fotografien der Handschrift neu transskribiert und so einige Fehler in der bisherigen Überlieferung ausfindig machen können. Sämtliche Gedichte sind als zweiter Teil der Biografie im Band enthalten.

Als ich nach einer schönen Ausgabe der Gedichte suchte, die den Originaltitel „Blütenlese“ verwendet – häufig erscheinen sie unter dem Titel: „Ich bin in Sehnsucht eingehüllt“, was mir nicht gefällt – stieß ich auf einen Beitrag auf dem Blog Sätze & Schätze über Selma Meerbaum-Eisinger, der dort vor einigen Monaten erschienen ist. Daher wird mir womöglich der Name bekannt vorgekommen sein.

Zweite Eindrücke

Vor dem Hintergrund der Biografie lesen sich die Gedichte noch einmal ganz anders. In ein paar Zeilen aus dem „Poem“ scheint sich mir ihr Charakter, voll Lebenslust und Tatendrang, besonders gut auszudrücken:

Selma_Merbaum_Poem(Auszug)

Es ist eine Schande, wie viel der Nationalsozialismus in der Welt zerstört hat. Wie viele Menschenleben, aber auch wie viel Kultur. Was hätte Selma Merbaum noch alles schreiben können? Sie hatte unverkennbar großes Talent, dass sich in ihrem zu kurzen Leben nicht voll entfalten konnte.


Ich empfehle die Biografie von Marion Tauschwitz, in der auch alle Gedichte in neuer Transskription enthalten sind:

Marion Tauschwitz: Selma Merbaum. Ich habe keine Zeit gehabt zuende zu schreiben

 

Tauschwitz, Marion: Selma Merbaum. Ich habe keine Zeit gehabt zuende zu schreiben. Biografie und Gedichte, Springe (zu Klampen Verlag) 2014.

Hardcover, 350 Seiten, 28,00 € (als Epub 20,99)

ISBN-13: 9783866744042
ISBN-10: 3866744048

Weitere Ausgaben:

  • Meerbaum-Eisinger, Selma: Blütenlese. Gedichte, hrsg. von Markus May, Stuttgart (Reclam) 2013. ISBN: 978-3-15-019059-3, 136 Seiten, 4,00 €.
  • Meerbaum-Eisinger, Selma: Ich bin in Sehnsucht eingehüllt. Gedichte, hrsg. von Jürgen Serke, Hamburg (Hoffmann und Campe) 2015. ISBN: 978-3-455-40573-6, gebunden, 112 Seiten, 15,00 €. Auch als Hörbuch.
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Repoetisierung 1 – Giosuè Carducci

Im Zuge meiner Repoetisierung will ich 2018 jede Woche eine*n Dichter*in etwas näher kennenlernen.

Giosuè Carducci im Zauberberg

Dass meine erste Wahl auf Giosuè Carducci fiel, ist in erster Linie dem Unstand geschuldet, dass ich in meinem anderen Jahresprojekt Klassiker lesen gerade Thomas Manns Zauberberg studiere. Im dritten Kapitel – Unterkapitel Satana – zitiert die Figur Ludovico Settembrini den italienischen Dichter und Revolutionär Giosuè Carducci:

O salute, o Satana, o Ribellione, o forza vindice della Ragione … [S. 65]

Schon gleich als Joachim Ziemßen seinem Vetter, dem Protagonisten Hans Castorp, Settembrini vorstellt, geschieht dies mit Verweis auf den Zusammenhang mit Carducci:

„Herr Settembrini ist Literat“, sagte Joachim erläuternd und etwas verlegen. „Er hat für deutsche Blätter den Nachruf auf Carducci geschrieben – Carducci, weißt du.“ Und er wurde noch verlegener, da sein Vetter ihn verwundert ansah und zu sagen schien: Was weißt du denn von Carducci? Ebensowenig wie ich, sollte ich meinen. [S. 64]

Und ebensowenig wie die meisten heutigen deutschen Leser, sollte wiederum ich meinen. In der Amerika-Gedenkbibliothek in Berlin – immerhin die größte Öffentliche Bibliothek Deutschlands – gibt es keinen einzigen Band von ihm, nur eine Anthologie von Dante bis Carducci, in dem nur ein Gedicht enthalten ist, und zwar gerade das, aus dem Settembrini zitiert. Es scheint bei weitem das (heute noch) bekannteste zu sein: Inno a Satana, die Hymne an den Satan. Doch den Satanisten, die es für sich beanspruchen und als „Gebet an Satan“ auf ihre Internetseiten stellen, muss leider gesagt werden, dass es zwar ein Gedicht gegen den Katholizismus ist, aber keine tatsächliche Teufelsanbetung. „Weiche, Satan!“ hielt so mancher Vertreter der Kirche jedem fortschrittsgläubigem Humanisten entgegen, und so steht Satana hier für Vernunft, Demokratie, Menschlichkeit, wissenschaftlichen Fortschritt, Freiheit und Lebensfreude. Es geht nicht um eine Verherrlichung des Bösen, sondern allein dessen, was von der Kirche, den Reaktionären als Böse angesehen wurde.

Man könnte auch sagen, Satana steht für alles, wofür auch Settembrini im Zauberberg steht. Dieser bezeichnet sich als Schüler Carduccis: „Ich verdanke ihm alles, was ich an Bildung und Frohsinn mein eigen nenne.“ [S. 64] Mit seinem Lehrer und Vorbild hat der Schriftsteller, Redner und Intellektuelle vieles gemeinsam: Beruf, Gesinnung, Begeisterung für die Antike und das Klassische, und nicht zuletzt haben beide einen für seine politischen Einstellungen inhaftierten Vorfahren: Bei Settembrini ist es der Großvater, bei Carducci der Vater, wodurch man Settembrini als Carduccis Sohn denken kann, zumal Settembrinis Vater als Poet bezeichnet wird.

Giosuè Carducci im echten Leben

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Der junge Giosuè Carducci, Fotografie von R. Borghi, ca. 1870

Carducci wurde am 27. Juli 1835 in Valdicastello (das heute zu Pietrasanta gehört) in der toskanischen Provinz Lucca geboren. Sein Vater war Arzt und „Carbonaro“, er wurde sogar als Mitglied dieses patriotischen Geheimbundes inhaftiert.

Giosuè studierte Philologie, wurde Professor für Griechisch, später für Italienische Literatur.  1890 wird er Senatore, Abgeordneter im Parlament in Rom.

1906, kurz vor seinem Tod am 16. Februar 1907, bekommt er den Nobelpreis für Literatur zuerkannt, ist aber schon zu krank, um in in Schweden empfangen zu können; er wird ihm vom schwedischen Botschafter in Italien überreicht.

Poetisches Werk

Carducci gilt als Dichter des Risorgimento, obwohl er sich nicht aktiv politisch an der italienischen Unabhängigkeitsbewegung beteiligt hat. Seine Gedichte sind aber inhaltlich und stilistisch stark auf diese Bewegung und ihre Werte bezogen. Das ist vielleicht auch der Grund, weshalb Carducci heute – seinem Nobelpreis zum Trotz – kaum noch bekannt ist. Der Literaturkritiker Natalino Sapegno bezeichnete ihn 1949 gar als „poeta minore“, als unbedeutenden Dichter.¹

Diesem Eindruck muss ich mich leider anschließen: Ich kann, abgesehen vom rein Historischen, der Poesie Carduccis nichts abgewinnen, all den Oden und Hymnen auf diesen und jene.

Hin und wieder finden sich – vor allem beim älteren Carducci – auch andere Töne, und passend zum Winter möchte ich eines dieser etwas weniger triumphal-kämpferisch-lauten Gedichte aus dem Jahre 1889 vorstellen – Nevicata aus der Sammlung Odi Barbare:

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Es finden sich eine Menge der gängigen Symbole des Todes: Farblosigkeit, Kälte, Winter, das Schlagen der Turmuhr, Stille, Dunkelheit – ich wollte gerade „Krähen“ schreiben, aber da ist wohl die Phantasie mit mir durchgegangen; das Gedicht erinnert mich so an Schuberts Winterreise, dass ich die dortige Krähe nach Italien habe fliegen lassen. Das Gegensatzpaar Tod und Leben hat Carducci viel beschäftigt, hier kommt das Leben allerdings nur negiert vor: Lieder, Jugend, Liebe, alles fort, nicht einmal die schreiende Gemüsefrau zeugt noch davon.

Möglich, dass ich gerade dieses Gedicht ausgewählt habe, weil es Motive verwendet, die auch für den Zauberberg bedeutsam sind: Gegensatzpaare, insbesondere Tod und Leben; und dann kommt wohl noch ein Schneesturm, auf den ich schon sehr gespannt bin.


¹ N.Sapegno, Storia di Carducci, in Id., Ritratto del Manzoni e altri saggi, Bari, 1962.

Die Zitate aus dem Zauberberg stammen aus der Ausgabe – Mann, Thomas: Der Zauberberg, Stuttgart/Hamburg (Deutscher Bücherbund) o.J., zuerst Berlin (S. Fischer) 1924.

Den italienischen Text von Nevicata habe ich der Website www.skuola.net entnommen. Die Übersetzung ist – zugestanden – nicht unbedingt ein Meisterwerk; ich finde es aber doch schade, dass das E-Book, dem ich sie entnommen habe, nicht angibt, von wem sie stammt – Giosuè Carducci: Gesammelte Gedichte, Musaicum 2017. Wie gesagt, waren die Gedichtbände von Carducci nicht so leicht zu bekommen, und ich wollte auch nicht so viel Zeit darauf verwenden. Bitte verzeiht mir meine mangelnde Korrektheit.

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Klassiker lesen

Ich kann mich nicht entsinnen, jemals Neujahrsvorsätze gefasst zu haben – bis jetzt.

Denn im letzten Jahr war ich mit meinen Lektüren nicht recht glücklich. Zwar las ich nicht nur Unbefriedigendes, doch im Nachhinein blieb wenig Eindruck. Viel zu oft hat sich auch das Leben vor das Lesen in den Vordergrund geschoben.

Für 2018 habe ich mir daher vorgenommen, in erster Linie Klassiker zu lesen, Bildungslücken zu füllen. Viele der aspirierenden Titel wollte ich schon seit Jahren lesen, habe oft sogar schon damit begonnen, aber aus Gründen – oder ohne – die Lektüre abgebrochen. Gute Literatur verlangt eben manchmal nach einer gewissen Überwindung oder Anstrengung, die sich aber fast immer rentiert. Deshalb der Zwang des guten Vorsatzes in diesem Jahr.

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Wall of shame – eine kleine Auswahl der Werke, die ich schon seit Jahren lesen wollte. (Den Dostojewski werde ich mir aber in der Neuübersetzung – Verbrechen und Strafe – besorgen.)

Ich habe spontan eine umfangreiche Liste verfasst, die alles andere als spruchreif ist und sich sicher noch sehr wandeln wird. Was ich auf dem Blog mit den gelesenen Büchern anstellen werde, weiß ich auch noch nicht genau. Es geht mir nicht darum, einen Kanon zu erstellen und abzuarbeiten, ich möchte das Kanonische und seine Sinnhaftigkeit aber hin und wieder reflektieren.

Lange Jahre war ich von umfangreichen Büchern abgeschreckt; am liebsten las ich ein Buch in einem Zuge aus, beinahe rauschhaft in höchstens zwei, drei Tagen, gerne auch in einer Nacht. In meiner Jugend las ich daher viel Theaterstücke, sowie Erählungen und Romane bis ca. 180, max. 240 Seiten. Erst spät war Der Name der Rose, soweit ich mich erinnere, mein erstes Buch über 600 Seiten. Gänzlich von meiner Megalophobie geheilt war ich allerdings erst, als ich in einem kurzen Sommersemester neben allem anderen Kleinkram sowohl Tolstois Krieg und Frieden als auch Stifters Der Nachsommer lesen musste. Fürderhin schockte mich nichts mehr und ich las für meine Masterarbeit alle Romane Fontanes, nochmals den Nachsommer und Musils Mann ohne Eigenschaften komplett mit Nachlassschriften.

Da ich ausschweifende Romane so lange gemieden habe, finden sich natürlich viele Werke von epischer Länge auf meiner Liste – Kürze kenne ich schon! So auch gleich mein erster Klassiker: Der Zauberberg von Thomas Mann. Ich hatte ihn schon einmal angefangen; warum ich ihn damals weglegte, weiß ich absolut nicht mehr. Begleitend möchte ich Nietzsches Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik lesen; ich vermute da einen gewissen Einfluss auf den Roman. Die Geburt der Tragödie meine ich schon einmal gelesen zu haben, erinnere mich aber nicht mehr gut genug.

Ein anderes Vorhaben ist, dass ich mir jede Woche eine Lyrikerin, einen Lyriker genauer ansehen möchte. Da habe ich noch sehr ungenaue Vorstellungen (Mallarmé, Sappho, Pindar…) und bin für Vorschläge dankbar. Übrigens auch für Vorschläge zur Klassikerliste – wenn Ihr EIN Buch wisst, ohne das gelesen zu haben ich nicht noch ein weiteres Jahr leben sollte: Bitte!

Ich weiß noch nicht, ob ich es immer schaffe, über meine Klassiker-Lektüren hier auf dem Blog sinnvoll und erhellend zu schreiben (und anders lohnt es ja nicht!), weil ich ab nächsten Montag die Aufgabe übernehme, eine Schulbibliothek aus Ruinen auferstehen zu lassen, der Zukunft zuzuwenden und mit viel Leben zu füllen. Eine spannende Aufgabe, auf die ich mich sehr freue – ich weiß nur nicht, wie viel Zeit sie mir für meine ambitionierten privaten Lesepläne lässt. Zumal ich daneben ja auch noch Lese- und Literaturpädagogik studiere.

Ich wünsche Euch allen ein gutes neues Lesejahr! Habt Ihr auch Vorsätze?

Imaginiere das Glück des Beschenkten

Immer wieder in der Vorweihnachtszeit geht mir durch den Kopf, was Adorno in Minima Moralia übers Schenken schrieb:

Wirkliches Schenken hatte sein Glück in der Imagination des Glücks des Beschenkten. Es heißt wählen, Zeit aufwenden, aus seinem Weg gehen, den anderen als Subjekt denken: das Gegenteil von Vergeßlichkeit.¹

Horkheimer freut sich über Adornos Geschenk
Horkheimer und Adorno. Foto © Jeremy J. Shapiro

Eines der aufwendigsten Geschenke, die ich je gemacht habe, war ein in rotes Leinen gebundenes Notizbuch, das ich wochenlang in Schönschrift gefüllt habe mit Gedichten, Kurzgeschichten, Auszügen aus theoretischen Schriften und ähnlichem. Keinen eigenen, nur selbst ausgewählten. Während des Schreibens das Glück der Beschenkten zu imaginieren, machte mich glücklich und die Erinnerung daran wurde zum Geschenk an mich selbst. Damals war ich 17, und da ich niemals Hausaufgaben gemacht habe, hatte ich unendlich viel Zeit, die mir heute fehlt. Die Bücher werden demnach schon vollgeschrieben gekauft. Aber ich wähle immer noch mit Bedacht aus, was drin steht.

Über mir wie ein Damoklesschwert die Stunde des Geschäftsschluss‘ und ich spute mich

Kurz vor Weihnachten schnell noch das nächstbeste Verlegenheitsgeschenk kaufen für jemanden, den man ganz vergessen hatte – vielleicht sollte man das einfach lassen und nur etwas schenken, wenn einem die Person wirklich wichtig ist. Aber auch dann kann es vorkommen, dass einem ewig nichts Passendes einfällt. Und während man unkreativ im vorweihnachtlichen Delirium umhertaumelt, rückt Heiligabend immer näher.

Zu meinem großen Glück lesen die meisten meiner Zubeschenkenden gern Bücher, oder schauen sich zumindest gern die Bilder an (Kinder, Künstler … ). Sollte also noch ein Geschenk fehlen, ist der erste und meist letzte Nothafen immer eine gute Buchhandlung. Entscheidend ist, etwas zu finden, das mit der Person, idealer Weise zusätzlich mit meiner Verbindung zu ihr, zu tun hat und das die Person überrascht und bereichert. Ein Buch der Lieblingsautorin können (wahrscheinlich sogar: werden) die Zubeschenkenden sich auch selbst kaufen (oder schlimmer noch: schon gekauft haben). Größer ist vielleicht die Freude über die Entdeckung eines neuen Autors, eines neuen Genres, einer neuen Art zu lesen – wie wäre es zur Abwechslung mal mit eBooks? Die lassen sich sogar noch in allerletzer Minute verschenken, und sogar über weite Strecken an Personen, die kein Paket vor Weihnachten mehr erreichen würde.

Wie kann man eBooks verschenken?

Heutzutage dürfte fast jeder ein Gerät haben, auf dem sich eBooks lesen lassen: Smartphone/iPhone, Tablet/iPad, eReader, sogar auf dem Desktop oder Laptop könnte man eBooks lesen (z.B. mit Calibre oder iBooks). Liest der Empfänger schon regelmäßig eBooks, wäre es gut zu wissen, welcher eReader benutzt oder ob das Smartphone bevorzugt wird. Hier ein paar Beispiele, wie man vorgeht:

iBooks für iPhone, iPad oder Mac(Book)

Man sucht im iBooks Store nach dem Buch, das man verschenken möchte, klickt auf den Winkel rechts neben dem Preis und wählt die erste Option „Buch verschenken“ aus. Im nächsten Schritt gibt man die Email-Adresse der Empfängerin an und wählt aus, wann das Buch verschenkt werden soll (max. 90 Tage im Voraus). Optional kann man eine persönliche Nachricht hinzufügen.

Für Tolino, Smartphones und Tablets mit Android

Das Vorgehen ist hier im Prinzip identisch mit dem bei iOS, mit dem Unterschied, dass man ein Kundenkonto benötigt. Man wählt in einem Onlinestore wie z.B. eBook.de (Hugendubeltochter) das Buch aus, das man verschenken möchte, ruft die Produktseite auf, indem man auf das Cover oder den Titel klickt, und wählt die dritte Option unter dem Preis: „Verschenken“.

Als nächstes muss man ein kostenloses Kundenkonto einrichten oder sich einloggen. Dann folgt man dem Bestellprozess, gibt die Email-Adresse des Beschenkten sowie den Zeitpunkt des Versands an (nice: hier kann man sogar die Uhrzeit festlegen, zu der der Beschenkte die Email mit dem Link bekommt – also pünktlich zur Bescherung). Auch hier kann man optional einen Text eingeben, der mit der Email versendet wird.

Will die Beschenkte das eBook öffnen, braucht sie ein Kundenkonto und einen Tolino oder die kostelose Tolino App, die man auf Androidgeräte laden kann (übrigens auch auf iOS-Geräte). Dass man den Beschenkten praktisch nötigt, ein Kundenkonto zu eröffnen – kostenlos hin oder her – empfinde ich allerdings als gewissen Nachteil.

Für Kindle

Laut Website kann man eBooks für Kindle nur als Gutschein verschenken, d.h. gar nicht, denn ein Gutschein ist kein Buch. Um nochmal auf Adorno zurück zu kommen:

Der Verfall des Schenkens spiegelt sich in der peinlichen Erfindung der Geschenkartikel, die bereits darauf angelegt sind, daß man nicht weiß, was man schenken soll, weil man es eigentlich gar nicht will. Diese Waren sind

beziehungslos wie ihre Käufer. Sie waren Ladenhüter schon am ersten Tag. Ähnlich der Vorbehalt des Umtauschs, der dem Beschenkten bedeutet: hier hast du deinen Kram, fang damit an, was du willst, wenn dir’s nicht paßt, ist es mir einerlei, nimm dir etwas anderes dafür. Dabei stellt gegenüber der Verlegenheit der üblichen Geschenke ihre reine Fungibilität auch noch das Menschlichere dar, weil sie dem Beschenkten wenigstens erlaubt, sich selber etwas zu schenken, worin freilich zugleich der absolute Widerspruch zum Schenken gelegen ist.²

Der Gutschein, den es zur Zeit der Niederschrift der Minima Moralia wohl noch nicht gab, ist im Grunde ein Umtauschzettel, bei dem der Umtausch übersprungen wird. Ein Gutschein sagt: Du würdest eh umtauschen, was ich Dir schenken würde, also versuche ich es gar nicht erst.

Einen Link verschenken? Wie sieht das denn aus? Das kann man doch gar nicht anfassen!

Damit es auch optisch und haptisch ein schönes Geschenk wird, kann man eine Karte dazu basteln, z.B. eine, die vorn das Cover des Buches zeigt, hinten einen Klappentext und innen eine Erklärung bereithält, wie der Beschenkte das eBook lesen kann (falls nötig). Eine ausführliche Erklärung wie man eBooks liest, findet man auf mikrotext. Tania Folaji vom Blog Elektro vs. Print schlug letztes Jahr vor, diese Anleitung doch gleich ausgedruckt und laminiert mit zu verschenken. Ich plädiere dafür, die Anleitung dem Beschenkten anzupassen und entsprechend zu verkürzen.

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Zum Schluss noch ein paar Empfehlungen von eBook first/only Veröffentlichungen, die ich auf dem Blog bereits besprochen habe:

© CulturBooks

Pippa Goldschmidt: Von der Notwendigkeit den Weltraum zu ordnen

 

 

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Sasha Marianna Salzmann: In das Maul des Wolfes will ich Dich stecken. Reihe Hausbesuch (Sammelrezension)

 

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David Wagner: Welche Farbe hat Berlin

 

 

Cover – Alan Mills – Hacking Coyote

Alan Mills: Hacking Coyote

 

 

Jane Gardam: Hetty

Jane Gardam: Hetty

 

 

Natürlich kann man nicht nur eBook-first- und eBook-only-Veröffentlichungen verschenken. Nahezu jede Neuveröffentlichung und viele Backlisttitel gibt es heute auch als eBook. Manche schönen Backlisttitel sogar nur noch als eBook, zum Beispiel das – gerade für die Jahreszeit – sehr empfehlenswerte Jugendbuch Jetzt ist hier von Tamara Bach.


¹ Adorno, Theodor W.: Minima Moralia. In: Gesammelte Schriften. Band IV, Franfurt a. M. (Suhrkamp) 1980, S. 46-48.

² Ebd.

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Träume der Kieferninseln

Dies ist keine Rezension. Marion Poschmanns Roman Die Kieferninseln ist zu Recht breit besprochen worden, es waren auf unzähligen Blogs und in einschlägigen Zeitungen x Inhaltsangaben und Beurteilungen zu lesen. Da muss ich nicht, dachte ich mir, die x+1te schreiben. Stattdessen möchte ich über etwas schreiben, das mich am Roman beschäftigt hat: Gilberts Träume und ihre Deutung.

Wer Die Kieferninseln noch nicht gelesen hat, erhält hier vielleicht mehr Informationen, als wünschenswert. Allerdings glaube ich, dass bei einem Roman, der so wenig auf Suspense angelegt ist, kein Spoiler möglich ist – es geht hier schließlich um die Erfahrung beim Lesen, um das Wie, nicht das Was.

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Godaido auf Matsushima von Takahashi Yuichi ca. 1881

Nüchtern

Gilbert Silvester träumt, seine Frau betrüge ihn. Von diesem Traum erwacht, macht er einen folgenschweren Schritt: er frühstückt nicht. Walter Benjamin schreibt in Einbahnstraße:

Eine Volksüberlieferung warnt, Träume am Morgen nüchtern zu erzählen. Der Erwachte verbleibt in diesem Zustand in der Tat noch im Bannkreis des Traumes. Die Waschung nämlich ruft nur die Oberfläche des Leibes und seine sichtbaren motorischen Funktionen ins Licht hinein, wogegen in den tieferen Schichten auch während der morgendlichen Reinigung die graue Traumdämmerung verharrt, ja in der Einsamkeit der ersten wachen Stunde sich festsetzt.¹

Gilbert ist nüchtern im physiologischen, nicht im logischen Sinn: Er hält den Traum für Realität und lässt sich von Mathilda nicht davon abbringen. Er verharrt in der Traumdämmerung und verlässt sie über die gesamte Länge des Romans nicht.² Traum und Wirklichkeit vermischen sich – gibt es Yosa Tamagotchi, ist er ein Geist, ist er ein Traum?

Alles im Traum ist ein Aspekt des Träumers selbst

Ich bin gewiss keine Expertin in psychoanalytischer Traumdeutung, und eine solche von außen an einer fiktiven Person vorzunehmen, wäre auch ohnedies unredlich. Doch als Gedankenspiel, als Interpretationsmöglichkeit, ohne zu behaupten, damit den Schlüssel zum Roman in Händen zu halten – die eine Wahrheit gibt es ohnehin nicht in der Kunst – sei es erlaubt.

Wie ich die tiefenpsychologische Traumdeutung verstehe, ist alles im Traum Anteil der Psyche des Träumenden, d.h. Mathilda ist im Traum nicht Mathilda, sondern ein Symbol für einen Aspekt Gilberts: Nicht seine Frau betrügt ihn, er betrügt sich selbst. Er ist unzufrieden – mit seinem Job, seiner Beziehung, seinem Leben. Aber er übernimmt keine Verantwortung dafür, sondern gibt die Schuld den anderen: dem Wissenschaftsbetrieb, in dem es nicht auf Begabung, sondern auf Beziehungen ankommt; seiner Frau, die ihn im Traum betrügt, und damit dazu drängt, nach Japan zu reisen, ein Land das er nicht mag. Schließlich trifft er Yosa Tamagotchi, einen jungen Mann, der es nicht einmal schafft, sich würdevoll umzubringen. Yosa dient ihm als Projektionsfläche seiner eigenen Selbstmordgedanken, die er schon im Flugzeug andeutet, und fortan kann er Yosa dafür verachten, dass er nicht mal einen Suizid zustande bringt, anstatt sich selbst dafür verachten zu müssen.

Verdächtig ist schon der Name des Japaners: Tamagotchi – ein elektronischer Haustierersatz, Yosa – ein Joghurtersatz auf Haferbasis. Zwei Dinge, die das eigentliche nur vorstellen.³ Yosa war andererseits das Pseudonym eines großen japanischen Dichters, der auf den Pfaden seines Vorbilds Matsuo Bashō wandelte, wie auch Yosa mit Gilbert den Bashō-Pfad begehen soll. In Die Kieferninseln taucht der Dichter unter seinem früheren Pseudonym Saigyō auf: Im Park Saigyō Modoshi no Matsu („Die-Kiefer-an-der-Saigyō-umkehrte“) hofft Gilbert, Yosa möge niemals zurückkehren.

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Haiku-Monument von Matsuo Bashō am Yuno-Pass

Küchenpsychologische Ferndiagnose: Narzissmus

Seit Donald Trump Präsident ist, sind psychologische Ferndiagnosen en vogue, insbesondere der Begriff Narzissmus wird häufig gebraucht. Narzissmus ist ein natürlicher Anteil der Persönlichkeit jedes Menschen. Erst wenn er den Menschen selbst oder seine Mitmenschen beeinträchtigt, spricht man von einer narzisstischen Störung. Ein stark narzisstischer Mensch veranschlagt – unbewusst – seinen Selbstwert gering: er muss etwas leisten, um geliebt zu werden; wenn das nicht gelingt, darf es bloß nicht seine Schuld sein. Dabei redet er sich selbst und der Welt ständig ein, er sei der Größte.

Auch wenn Gilbert sicher kein Narzisst in Reinform ist, so zeigt er doch eine leichte Ausprägung einer solchen Störung. Er stellt seine Bedürfnisse über die seiner Frau, und erwartet noch, dass sie sich dafür entschuldigt. An seinen Misserfolgen will er selbst keine Schuld tragen. Auf Yosa und die Traditionen der „Teeländer“ sieht er überheblich herab. Selbst bei der Bildung seines Charakters geht es ihm um Außenwirkung:

Gilbert hatte sich in den vergangenen Tagen daran gewöhnt, daß man einen Ausflug unternahm, um Bäume zu bewundern, eine vollkommen nutzlose Sitte, die aber in der japanischen Kultur tief verwurzelt blieb. Es handelte sich nicht um eine Bildungsreise im europäischen Stil, mit der man sich hinterher brüsten konnte, so wie man nach Rom fuhr und dann ein für allemal eine Person war, die die Sixtinische Kapelle gesehen hat, das Kolosseum und die Thermen und das Porträt von Innozenz X. Die Schau der Naturerscheinung war weder mit Kunst noch mit Architektur, noch mit Geschichte verbunden, sie war zart und geheimnisvoll, und wenn daraus doch eine Form von Bildung erwuchs, ließ sie sich hinterher weder erklären noch abrufen. [S. 163]

Er flieht seinen Traum und stellt sich ihm doch

Statt sich mit seinem Ehebruchstraum analytisch auseinanderzusetzen, flieht er nach Japan, ein Teeland, ja sogar die „höchste Steigerungsstufe des Teelandes“ [S.15], ins – für ihn – maximal Fremde. Dahin, wo es wehtut. Zwar blickt er überheblich auf die kontemplativen Traditionen, lässt sich aber doch auf sie ein: er trinkt – widerwillig – Tee, er dichtet Haikus, er sucht mit Yosa typische Selbstmordorte auf, er bereist den Bashō-Pfad nach Matsushima, zur Kieferninsel. Und trotz aller Gegenwehr bildet ihn diese Reise, auf unerklärliche und nicht abrufbare Weise. Das zeigt sich erst im letzten Absatz:

Er würde sie anrufen, sagte er sich. Mathilda, Liebste, würde er sagen. Wir treffen uns in Tokyo, nahm er sich vor zu sagen, es ist ganz einfach, komm zu mir nach Japan. Die Laubfärbung beginnt. [S. 165]

Als Gilbert vor Jahren eine Gastprofessur in den USA hatte, kam Mathilda ihn besuchen, um ihn, aber auch um die spektakuläre Laubfärbung zu sehen. Damals war ihm das unverständlich geblieben. Mathildas Wunsch war ihm nur Störung. Sie kam zu früh, und obwohl sie stundenlang durch Neuengland fuhren, bekam Mathilda keine Laubfärbung zu sehen.

Jetzt kann Gilbert über sich selbst hinwegsehen und Mathildas Wünsche ernstnehmen. Jetzt ist der richtige Zeitpunkt gekommen: Mathilda wird die Laubfärbung sehen. Eine schöne Metapher für die Verwandlung, die auch Gilbert in Japan durchlebt, und zu der er in Neuengland noch nicht bereit war.


¹ Benjamin, Walter: Einbahnstraße, Frankfurt a. M. (Suhrkamp) 1955, zuerst: Berlin (Rowohlt) 1928, S. 8.

² Zu dieser Traumhaftigkeit passt auch, dass Japan nur von seiner kontemplativen, sauberen, minimalistischen Seite geschildert wird. Das schrille, grellbunt leuchtende, übertriebene Japan, das ja schließlich auch gibt, wird ausgespart.

³ Beim Joghurtersatz sage ich das mit Vorbehalt, da Japan keine Milchprodukttradition hat, man also z.B. nicht sagen kann, die seit Jahrtausenden verwendete Sojamilch sei ein Ersatz für Kuhmilch. Wie es mit Joghurt auf Haferbasis aussieht, kann ich nicht beurteilen.

Die Seitenangaben der Zitate beziehen sich auf die Ausgabe:

Kieferninsel_FotorPoschmann, Marion: Die Kieferninseln, Berlin (Suhrkamp) 2017.

Gebunden, 168 Seiten
ISBN: 978-3-518-42760-6
Auch als E-Book erhältlich

D 20,00 EUR; A 20,60 EUR; CH 28,90 sFr

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„Toni und Moni oder: Anleitung zum Heimatroman“ von Petra Piuk

Petra Piuks „Moni und Toni oder: Anleitung zum Heimatroman“ ist ein einziger riesiger Verfremdungseffekt. Vor lauter Metafiktion ist eine eigentliche Fiktion kaum mehr auszumachen. Und das finde ich grandios.

Toni_und_Moni_FotorDie „Handlung“ muss eigentlich nicht erzählt werden, denn es ist die klassische Handlung jedes „schönen Heimatromans“: Der jugendliche Held (Toni) verliebt sich in das schöne Dirndl von nebenan (Moni). Nachdem eine „harmlose Schwierigkeit“ und ein „Schicksalsschlag“ überwunden wurden, hört man am Ende DIE HOCHZEITSGLOCKEN LÄUTEN (die abgedroschendsten Phrasen sind in Toni und Moni in Versalien gesetzt) .

Damit ist jedoch kaum etwas über den Inhalt von „Toni und Moni“ gesagt. Der Clou liegt in der Form, im Meta- und Paratext. So beschreibt Petra Piuk (oder die „Frau Schriftstellerin“?) z. B. den Ort der Handlung, Schöngraben an der Rauscher, indem sie die Texte aller Schilder des Ortes aneinanderreiht:

Herzlich willkommen. Grüß Gott. Kein Eingang. Eingang um die Ecke. Gerne verwöhnen wir Sie kulinarisch. Montag Ruhetag. Dienstag Ruhetag. Donnerstag Ruhetag. Heute geschlossen. Wir wollen hier nichts kaufen und nichts spenden. Haus zu verkaufen. Lokal zu verkaufen. Echtes Kernöl zu verkaufen [usw. …, S. 12]

In den Fußnoten streitet sich Frau Piuk mit ihrer Lektorin, die dort auch gerne Werbung für fiktive Merchandise-Produkte macht. Immer wieder werden Leserbriefe und Zeitungsausschnitte eingebunden. Fremdenverkehrswerbung wird neben Nachrichten aus Auffanglagern montiert. In die behauptete Idylle bricht so immer wieder die Realität ein und mit ihr: häusliche Gewalt, Sexismus, Fremdenfeidlichkeit, im Mittelmeer ertrinkende oder menschenrechtswidrig behandelte Flüchtlinge, die aus dem klebrigsüßen Hintergrund aus Bergkulisse, Palatschinken, Schlagermusik, G’spritztem und „ewiger Liebe“ krass hervortreten.

Übersteht ein „schöner Heimatroman“ das? Streckenweise scheint er zu entgleisen, all die Eingriffe gehen nicht spurlos an ihm vorbei: Da sich immer alle in den Schreibprozess einmischen (Lektorin, Leser*innen, Romanfiguren, Erzählerin) gibt es mittendrin sogar ein alternatives Ende (übrigens auch ein klassischer V-Effekt), in dem Toni sich fürs Online-Dating anmeldet. Soweit darf es natürlich nicht kommen.

Ich glaube an ein glückliches Ende, die heilige kirchliche Vermählung, Gemeinschaft der Dorfbewohner, Vergebung der Sünden, Auferstehung der Gefühle und die ewige Liebe. Amen. [S. 113]

Petra Piuks Toni und Moni oder: Anleitung zum Heimatroman ist äußerst amüsant und eine literarische Erholung vom ewigen realistischen Erzählen. Sarkasmus, Zynismus und Freude am Spiel mit mehreren Metaebenen sind allerdings unabdingbar, um den Roman wertschätzen zu können. Mariki, der ich die Entdeckung dieses Highlights meines Lesejahres zu verdanken habe, vermutet in ihrer Rezension zu Toni und Moni außerdem, den Roman könne nur verstehen, wer aus Österreich sei. Mag sein, dass mir etwas entgeht – das kann ich dann ja schlecht beurteilen. Es bleibt jedoch immer noch so vieles übrig, das den Roman auch für Nicht-Österreicher lesenswert macht!


  • Die Seitenangaben der Zitate beziehen sich auf folgende Ausgabe:
  • Petra Pink: Toni und Moni
  • Hardcover mit Schutzumschlag
  • 208 Seiten, Format 12x20cm
  • 1. Auflage, Kremayr & Scheriau 2017
  • 19,90 €
  • ISBN: 978-3-218-01079-5
  • Auch als E-Book!

 

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Verschneite Bilderbücher: „Der Bär auf dem Försterball“ und „Yeti Pleki Plek“

Der Winter will hier in Berlin noch nicht richtig in Gang kommen – obwohl die Wolken gestern einen tapferen, aber vergeblichen Versuch gemacht haben, eine Schneedecke herabzurieseln. Als kleines Kind habe ich mir immer so sehr gewünscht, dass es schneit. Einmal habe ich mich mit der Flöte ans Fenster gesetzt und so lange „Leise rieselt der Schnee“ gespielt, bis es angefangen hat zu schneien und dann habe ich noch weiter gespielt, damit es ja nicht aufhört. Dem magischen Denken bin ich längst entwachsen, aber es hat auch etwas Magisches, wenn man mithilfe von Büchern ein Schnee-und-Eis-Gefühl erzeugt, dass einen tröstet, bis es „in echt“ schneit.

Da es so viel schöne Bücher zum Thema Winter, Schnee und Weihnachten gibt, möchte ich sie über mehrer Beiträge verteilen; heute sind erstmal die Bilderbücher dran.

Peter Hacks: Der Bär auf dem Försterball

Der_Bär_auf_dem_Försterball_FotorDer Bär wankt verkleidet und betrunken durch den verschneiten Wald. Die Förster halten ihn für den Oberförster, weil er den dicksten Bart und die tiefste Stimme hat und am meisten trinken kann.

Der Förster sagte mit einer tiefen Bassstimme: „Gute Nacht, Herr Kollege, auch zum Försterball?“

„Brumm“, sagte der Bär, und sein Bass war so tief wie die Schlucht am Weg, in die die Omnibusse fallen.

„Um Vergebung“, sagte der Förster erschrocken, „ich wusste ja nicht, dass Sie der Oberförster sind.“

Auf dem Försterball schlägt der schließlich Bär vor, sie wollten ausgehen, den Bären schießen. Aber den können sie komischerweise nicht so leicht finden…

Es ist eine wahnsinnig lustige Verwechslungskomödie und zugleich ein tiefsinniges Buch über fatale Gruppendynamik, stilistisch hervorragend, mit überraschendem Wortwitz und gutem Rhythmus. Ich möchte eine absolute Empfehlung aussprechen für dieses wunderbare Buch, welches das Schattendasein, das es fristet, ganz und gar nicht verdient hat.

Auf dem Bild oben ist eine Ausgabe mit Illustrationen von Walter Schmögner zu sehen, basierend auf der ersten westdeutschen Ausgabe von 1972. Bei Kein & Aber erschien 2006 eine Ausgabe mit neuen, weniger bunten und – wenn man so will – weniger kindlichen Illustrationen von Peter Gut. Beide Ausgaben sind leider, soweit ich das überblicke, nicht mehr regulär lieferbar, aber antiquarisch über die üblichen Wege gut zu bekommen.

Eva Susso, Benjamin Chaud: Yeti Pleki Plek

Die Brüder Uno und Max gehen nach draußen, Snowboard fahren; Papa wünscht viel Spaß und stopft ihnen noch schnell ein paar Mandarinen in die Tasche. Spaß haben sie auch – solange es bergab geht. Doch man kennt das ja: Wenn man einen Berg erst runtergesaust ist, muss man ihn wieder hochgehen. Max und Uno essen lieber erstmal die Mandarinen und dann glauben sie, sie kämen ums Berghochsteigen herum, indem sie einen anderen Weg nehmen. Natürlich verlaufen sie sich.

Zum Glück werden sie von einem netten Yeti gefunden, der sie in seine Höhle bringt und sie wunderbar umsorgt, mit Wärme, Essen, Schlafgelegenheit und einem Geschenk – einer Holzeule, geschnitzt von Opa Yeti. Zwar spricht er nur die Yeti-Sprache: „Yeti Pleki Plek“, aber sie verstehen sich trotzdem ganz prima. Nach einem kuscheligen Nickerchen bringt der Yeti sie zurück. Der Vater steht am Herd und backt Pfannkuchen und über ihm auf dem Regal steht schon eine von Opa Yeti geschnitzte Eule.

Yeti_Fotor

Die Illustrationen von Benjamin Chaud fangen sehr schön die verschneite, ruhige, gemütliche Atmosphäre ein. Obwohl die Kinder sich im Wald verlaufen und von einem Yeti entführt werden, bleibt alles freundlich und hell. Zwar ist das Original schwedisch und nicht dänisch, aber es verbreitet jede Menge hygge.

Die Geschichte ist getragen von überwältigender Gelassenheit. Zwar jammert Max ein bisschen, als sie sich im Wald verlaufen, aber die Brüder nehmen es doch, wie es kommt, sind offen für alles, haben keine Angst – vor dem Fremden, dem Unschwarscheinlichen, dem angeblich Monströsen. Und sie behalten recht. Eine gute Botschaft.

Yeti Pleki Plek von Eva Susso und Benjamin Chaud, aus dem Schwedischen übersetzt von Karl-Axel Daude, ist 2015 im Bohem Verlag erschienen (ISBN: 978-3-95939-019-4, 14,95€). Miriam Schaps schrieb in ihrer Rezension auf dem Blog Geschichtenwolke, die Yeti-Sprache erinnere sie an Finnisch, was mir (ohne vorzeigbare Finnischkenntnisse) absolut genauso ging.