Alexandre Dumas: Die Kameliendame

Marguerite Gautier, betörende femme entretenue der Pariser Halbwelt, stirbt – wie es sich für eine junge, schöne Romanheldin des 19. Jahrhunderts gehört – an der Schwindsucht. Ihre luxuriösen Besitztümer, alles Geschenke ihrer betuchten Liebhaber, sollen versteigert werden und die feine Gesellschaft nutzt die Gelegenheit, ihr Appartement – den Ort des Geschehens – zu begaffen. Auch der Erzähler der Rahmenhandlung ist neugierig und ersteigert schließlich ein Exemplar des Romans Manon Lescaut von Abbé Prevost, weil darin eine Widmung und Randglossen zu finden sind, wovon er sich einen intimen Einblick in Marguerites Gefühle verspricht. (Wer öfter auf diesem Blog vorbeischaut, kennt vielleicht meine leichte Obsession mit Anstreichungen und Marginalien als Motiv und wird sich denken können, dass ich Manon Lescaut auch gleich lesen musste. Mehr dazu folgt im nächsten Beitrag.)

Einige Zeit später meldet sich ein junger Mann bei ihm, Armand Duval, von dem die Widmung stammt und der ihr das Buch geschenkt hatte. Duval erzählt nun in der Binnenhandlung die tragische Liebesgeschichte zwischen ihm und Marguerite. Er lernt sie kennen als sie schon schwer von ihrer Krankheit gezeichnet ist. Sie ist noch jung, aber als femme entretenue lange etabliert; sie hat schon viele reiche Liebhaber gehabt, lebt in großem Luxus, den sie sich durch Liebe zu erwirtschaften verstand, sie ist allseits bekannt und heiß begehrt, womöglich auf dem Höhepunkt ihrer Karriere. Armand Duval, obschon aus ordentlichem Hause, hat ihr finanziell nichts zu bieten. Doch es rührt sie, wie er sich während ihrer Krankheit jeden Tag nach ihr erkundigt hat, obwohl sie sich zuvor nur ein einziges Mal gesehen hatten. Und so verliebt sie sich schließlich in ihn wie er in sie, was beide unweigerlich ins Unglück führt.

Die Käuflichkeit der Liebe wird hier mit einer abgeklärten Sachlichkeit behandelt, die ich erstaunlich fand. Die dargestellten ökonomischen Zwänge (die strenggenommen keine Zwänge sind, sondern Resultate freiwillig getroffener Entscheidungen) erinnern zum Teil an die Argumentationslogik aktueller Kapitalismuskritik und dabei erschien Die Kameliendame 1848.

Blumenmetaphern

„Camelia1304“ by juantiagues is licensed under CC BY-SA 2.0

Die Kamelie war im 19. Jahrhundert die Modeblume schlechthin und ist damit die ideale Metapher für Marguerite Gautier. Dass Marguerite nichts als weiße Kamelien als Blumengeschenk akzeptiert, ist bezeichnend. Sie weiß, was en vogue ist und mit anderem gibt sie sich nicht ab. Es ist nicht allein ihre angeborene Schönheit, die ihren Reiz ausmacht, auch nicht die kokette Art, die sie sich bis zur Perfektion angeeignet hat. Nein, sie versteht es meisterhaft, durch ihr Modebewusstsein sich selbst in Mode zu bringen und als Mode zu inszenieren. Marguerite ist in – man muss sie einfach haben.

Die Kamelie wird dem Leser geradezu aufgedrängt: schon im Titel, durch die mehrfach erwähnte Vorliebe Marguerites für diese Blumen und nicht zuletzt durch das eindrückliche Bild ihres mehrfach beschriebenen Grabes, das Armand ohne Kosten zu scheuen über und über mit stets frischen Kamelien bepflanzen lässt. Diese Überbetonung lässt eine ganz andere Blumenmetapher in den Hintergrund treten, obwohl sie doch immer präsent ist: in Marguerites Vornamen.

„Marguerite“ by AlanYe is licensed under CC BY-NC-SA 2.0

Die Margerite ist eine gänzlich andere Blume. Laut einer französischen Website über Blumenbedeutungen steht sie für Unschuld, Reinheit, einen Neuanfang, die wahre Liebe – all das kennzeichnet die Beziehung zwischen Marguerite und Armand. Besonders aber eine letzte Bedeutung, die dort genannt wird: Wer eine Margerite gibt, kann ein Geheimnis bewahren, und dieses Geheimnis zu wahren zeigt, dass man eine Person wahrhaft liebt. Es ist frappierend, wie sehr das auf Marguerite zutrifft.

Warum ich Die Kameliendame lesen wollte und welche Ausgabe ich gewählt habe

Meine Eltern haben in ihrer Bibliothek Die Kameliendame als bibliophile Dünndruckausgabe in blauem Leinen mit Goldprägung. Schon als Kind nahm ich sie oft zur Hand, weil ich sie so schön fand und den Titel geheimnisvoll. Dennoch bin ich erst jetzt dazu gekommen es zu lesen (leider nicht in der schönen Ausgabe). Das liegt vor allem daran, dass ich immer meine, Französische, Italienische, Niederländische Bücher im Original lesen zu müssen, meine Kenntnisse in diesen Sprachen aber nur auf mittlerem Niveau um B1-2 herum sind. Für manche Romane reicht es, für andere, besonders ältere Klassiker, leider nicht. Um endlich in diesen Literaturen „hinterher zu kommen“, lese ich nun also Übersetzungen.

Übersetzungen sind natürlich immer so eine Thematik für sich. Ich habe Die Kameliendame zunächst in einer ominösen E-Book-Sammlung Große Klassiker der Französischen Literatur angefangen. Wer diese Übersetzung besorgt hat, ist leider nicht angegeben; zu Beginn des E-Books werden lediglich alle Übersetzer*innen der über 40 Werke der Sammlung genannt. (Das ist doch die Wertschätzung, die sich Übersetzende wünschen.)

Die Übersetzung ist jedoch schon sehr angestaubt, und so habe ich, nachdem ich schon die Hälfte gelesen hatte, mit der Neuübersetzung von Andrea Spingler (Insel Verlag 2012) noch einmal von vorn angefangen. Ich habe die Übersetzungen nicht im Detail verglichen, aber es war frappierend, wie viel frischer die neue insgesamt wirkte. Einzig, dass Marguerite immer als femme entretenue bezeichnet wird, hat mir persönlich an der alten Übersetzung besser gefallen.

Dieser Beitrag ist Teil der Reihe Klassiker lesen.

Ein Gedanke zu “Alexandre Dumas: Die Kameliendame

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