Wunderbare Welt der Sprachen

Solang ich zurückdenken kann haben mich Sprachen, Schriftzeichen, Sprachfamilien interessiert, meist eher nebenbei. So habe ich etwa in der Grundschulzeit das griechische Alphabet gelernt, weil ich es schön und geheimnisvoll fand, und als eine Lehrerin in der zweiten Klasse die Bemerkung fallen ließ, das Wort Fenster käme von lateinisch fenestra, fing ich an, verwandte Wörter zu „sammeln“. Ich bin aber auch in einer Familie aufgewachsen, in der beim Abendessen schon mal gesagt wurde: „Hol doch mal das Ethymologische Wörterbuch“, weil man unbedingt sofort wissen musste, woher ein Wort kommt, oder wann es sich in seiner Bedeutung gewandelt hat.

2019 habe ich dann für die „Woche der Mehrsprachigkeit“ in meiner Schulbibliothek ein Kartenspiel erstellt, dass sich im Stile eines Quartetts mit Sprachen und ihren verwandtschaftlichen Verhältnissen beschäftigt.

Dabei habe ich festgestellt, wie schwer trotz unzähliger Internetseiten, die sich damit befassen, verlässliche Informationen zu bekommen sind. Besonders zu bestimmten Teilbereichen: Seit wann gibt es die Sprache? Wieviele Wörter umfasst ihr Gesamtwortschatz? Wieviele Menschen sprechen sie? Ich bin keine Linguistin, ich kenne mich nicht mit der Materie aus und konnte daher auch in den Bibliotheken nichts dazu finden, das mir weitergeholfen hätte.

Obwohl die Arbeit an dem Quartett viel Spaß gemacht hat, und die Kinder das „fertige“ Spiel interessant fanden, blieb ich doch irgendwie unbefriedigt zurück. Viele Fragen wurden durch die Beschäftigung angestoßen, aber Antworten zusammenzusuchen schien zu mühsam.

Ernst Kausen: Die Sprachfamilien der Welt

Deswegen war ich überglücklich, als ich kurz vor Weihnachten dieses zweibändige Mammutwerk im Großformat entdeckte: Die Sprachfamilien der Welt von Ernst Kausen. Es ist 2020 im Buske Verlag erschienen und ist seit über 100 Jahren die erste umfassende vergleichende Darstellung und Systematik aller bekannten Sprachen der Welt, lebender wie toter. Und das sind eine ganze Menge: Kausen listet 6811 Sprachen insgesamt, davon 982 ausgestorbene und 5829. Leider wird dieses Verhältnis sich bald drastisch verändern – die Hälfte aller Sprachen ist vom Aussterben bedroht.

Band 1 befasst sich auf 1052 Seiten mit Europa und Asien, Band 2 auf 1264 Seiten mit Afrika, Indopazifik, Australien, und Amerika. Das Buch richtet sich an interessierte Laien und Studierende, man kann es ohne linguistische Kenntnisse gut lesen. Ich habe bisher mehr fasziniert darin geblättert und mich hier und da festgelesen, anstatt es systematisch durchzuarbeiten, aber dafür eignet es sich schonmal vorzüglich. Vieles, was mich beschäftigt, wird thematisiert: Die Entstehung der Sprachen, ihre Verbreitung, vergleichende Analysen des Wortschatzes, der Grammatik, Morphologie, Phonologie, Syntax, Sprecherzahlen, Lautverschiebungen und vieles, vieles mehr.

Was es, soweit ich das bisher erfasst habe, nicht beinhaltet, ist ein quantitativer Vergleich des Wortschatzes verschiedener Sprachen. Das ist aber vielleicht auch einfach müßig, weil unmöglich zu zählen. Sollte man im Deutschen, in dem Kompositabildungen äußerst beliebt sind, z.B. jede ad-hoc-Bildung als eigenständiges Wort zählen? Der Duden zählt ca. 500.000 Wörter für das Deutsche (ohne Dialekte und Fachwortschätze), das Digitale Wörterbuch der Deutschen Sprache hingegen 5.000.000.

Ein bisschen enttäuscht hat mich, dass allein im Kapitel über die indogermanischen Sprachen auf eine detaillierte historische und grammatische Darstellung einzelner Sprachen verzichtet wurde. Gerade diese größte Sprachfamilie, aus der ich bereits mehrere Sprachen gelernt habe, interessiert mich besonders. Hier eignet sich vermutlich perfekt das bereits 2012 erschienene Buch Die indogermanischen Sprachen vom selben Autor als Ergänzung zu den zwei Bänden. Leider, aber völlig zu Recht, sind alle drei Bücher mit je 70 Euro nicht billig. Ich habe beide Bände der Sprachfamilien der Welt in einem Angebot für zusammen 50 Euro bekommen. Einzeln scheint Band 1 gerade nicht lieferbar zu sein. Die Bücher sind nicht nur inhaltlich, sondern auch handwerklich von hoher Qualität: Papier, Bindung, Einband, Druck – alles sehr schön und solide.

Ein monumentales Werk, das – mir zumindest – absolut gefehlt hat!

Mehr Informationen und ein Interview mit Ernst Kausen findet Ihr auf der Seite des Buske Verlags.

6 Gedanken zu “Wunderbare Welt der Sprachen

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