Jane Austen: Pride and Prejudice

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Jane Austen © public domain, Künstler unbekannt

Jane Austen gehört zu den Klassiker*innen, von denen ich tatsächlich bis vor einigen Jahren noch nie etwas gelesen, und bis heute noch nie etwas zu Ende gelesen hatte. Als ich 2018 den Entschluss fasste, mehr Klassiker zu lesen, kam sie natürlich gleich auf die Liste. Ich erinnere mich nicht mehr, ob ich danach oder davor, mit Northanger Abbey einen ersten Lektüreversuch machte. Ich glaube es war schon davor, aber es konnte mich nicht richtig fesseln, obwohl ich es ganz nett fand. Mein Enthusiasmus, es noch einmal mit Jane Austen zu versuchen, war also nicht überschwänglich, meine Entschlossenheit aber in der Lage, dafür zu entschädigen.

Ich mutmaßte, dass Northanger Abbey vielleicht der falsche Einstieg gewesen war, und informierte mich, was Janeisten, wie man ihre begeisterten Anhänger*innen nennt, als Einstieg empfehlen. So blieb mir die Wahl zwischen Emma und Pride and Prejudice. Letzteres hatte mich schon als junges Mädchen dem Titel nach angesprochen, wohl weil ich große Schwierigkeiten mit der Empfindung Stolz hatte und mich die Unausweichlichkeit von Vorurteilen schon lange fasziniert; besonders der Umstand, dass die Gefahr den eigenen Vorurteilen zu erliegen um so größer ist, je fester die Überzeugung ist, man habe keine.

Über die Handlung von Pride und Prejudice, sofern sie nicht ohnehin bekannt ist, möchte ich gar nicht viel Worte verlieren: Eine Familie mit fünf Töchtern auf dem Land, einige Gentlemen kommen dazu, es entwickeln sich Gefühle, nicht immer die erwünschten, es stellt sich einiges an Missverständnissen, Familie und unglücklichen Umständen dazwischen und am Ende wird doch geheiratet.

Die hohe Kunst der Charaktergestaltung

Meist lese ich Literatur wie einen Code, den es zu dechiffrieren gilt. Ich achte auf Symbole, Motive, Rhetorik, philosophische Diskurse, die direkt oder indirekt verhandelt werden oder – besser noch – vom Erzähler vorgeschoben, aber von der Handlung oder den Gesprächen der Protagonisten konterkariert werden. Kurz: Literatur, die sehr viel Anlass und Spielraum zur Interpretation bietet.

Jane Austens Kunst liegt, wie mir scheint, auf einem anderen Gebiet. Mit wenigen Worten, Gesten, Handlungen charakterisiert sie ihre Figuren, ohne auf bewertende Erzählerkommentare zurückgreifen zu müssen. Und dabei sind diese Figuren auch noch tatsächlich lebendig und individuell.

Die Handlung konnte mich im Großen nicht überraschen, dafür aber umso mehr die auch sprachlich vielfältige Ausgestaltung der Figuren. Bei einem Roman wie Stifters Nachsommer etwa, der durch seinen Reichtum an Bildern, Verflechtungen und philosophischem Gehalt seit Generationen die Literaturwissenschaft zu beschäftigen weiß, fehlt diese Figurengestaltung völlig: Die Charaktere sind alle gleich, reden alle gleich, tun alle das Immergleiche. Gut, im Nachsommer mag das zum Konzept gehören. Aber es ist doch faszinierend, wie überragend Jane Austen in dieser Hinsicht schreibt.

Aus dieser sprachlichen Kunst der Charakterisierung entspringt natürlich auch eine Menge Witz und Ironie. Das Gehabe der Mutter oder jüngeren Schwestern geben beim Lesen soviel Anlass zu Erheiterung wie sie der Heldin Elizabeth Bennet Anlass zur Scham geben. Und es ist kaum zu glauben, was etwa Mr Collins so von sich gibt, und dabei noch so völlig blind bezüglich seiner Wirkung auf andere ist. Am schönsten fand ich seine Reaktion, als Elizabeth seinen Heiratsantrag ablehnt (ich glaube nicht, dass ich damit zu viel verraten habe):

„I am not now to learn,“ replied Mr. Collins, with a formal wave of the hand, „that it is usual with young ladies to reject the addresses of the man whom they secretly mean to accept, when he first applies for their favour; and that sometimes the refusal is repeated a second, or even a third time. I am therefore by no means discouraged by what you have just said, and shall hope to lead you to the altar ere long.“

Jane Austen: Pride and Prejudice, Chapter 19.

Trotz Elizabeths eindringlicher Versicherung, dass sie nicht zu solchen jungen Damen gehöre, dass sie bezweifle, dass solche Damen überhaupt existieren, ist er nicht von seinen Vorstellungen abzubringen. Er meint ihr erklären zu können, was Frauen denken und fühlen – ja, was sie persönlich denkt und fühlt. Mansplaining sowohl avant la lettre als auch par exellence.

Stolz und Vorurteil

Hochinteressant ist auch wie die Konzepte „Stolz“ und „Vorurteil“ während des ganzen Romans fortwährend, oft hintergründig, verhandelt werden. Sagt der Vorwurf, jemand sei stolz und voller Vorurteile, nicht mitunter mehr über das Vorhandensein eben dieser Eigenschaften beim Sprecher aus als beim Objekt? Ähnlich wie schon im ersten Satz, die Vorzeichen eigentlich umgekehrt sein müssten: „It is a truth universally acknowledged, that a single man in possession of a good fortune, must be in want of a wife.“ Sind es doch eigentlich die Töchter, angetrieben von den Müttern, die keine anderen Zweck im Leben zu kennen scheinen, als einen solchen Ehemann mit gutem Vermögen für sich zu gewinnen. Letztendlich haben die jungen Frauen Anfang des 19. Jahrhunderts auch kaum andere Möglichkeiten, als sich ihr Auskommen durch eine Heirat zu sichern – arbeiten dürfen sie nicht, auch kein Land oder Haus erben, was Einkommen generieren könnte (dank primogeniture).

Ebensowenig kann man seinen Vorurteilen entkommen – denen, die einem entgegengebracht werden, ebensowenig wie denen, die man selbst zu Unrecht hegt. Und so zeigt sich im Verlauf des Romans, dass keiner von Stolz und Vorurteilen frei ist. Zuerst wollte ich Jane Bennet, Elizabeths ältere Schwester, davon ausnehmen, aber bei genauerer Betrachtung ist über jeden Menschen stets nur Gutes zu denken auch ein Vorurteil.

Oft muss erst der Stolz beschädigt werden, damit man seine Vorurteile erkennt. Oder die Vorurteile entdeckt, damit man seinen Stolz wahrnimmt. Dann aber kommt Bewegung ins Spiel…

Auch ich hatte wohl Vorurteile. Ich hatte geglaubt, Jane Austen hätte mir nicht viel zu sagen. Die Begeisterung, die ich jetzt nach dem Lesen empfinde, belehrt mich eines Besseren. Es wird Literatur oft nachgesagt, sie steigere bei den Lesenden die Fähigkeit zur Empathie. Hier stimmt das in besonderem Maße, weil die Charaktere und deren Gefühle und Gedanken so exzellent dargestellt sind und noch dazu so vielfältige.

Dieser Beitrag ist Teil der Reihe Klassiker lesen.

3 Gedanken zu “Jane Austen: Pride and Prejudice

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