Abbé Prévost: Manon Lescaut

„Liebe, ach Liebe!“, rief dieser würdevolle Richter, als er mich hinausgehen sah, „bist Du denn niemals mit der Klugheit zu versöhnen?“

Abbé Prévost: Die Geschichte des Chevalier de Grieux und der Manon Lescaut, übersetzt von Jörg Trobitius, Zürich (Manesse) 2013, S. 277.
© Manesse

Mag man im Allgemeinen zu Recht verneinen, dass sich Liebe und Klugheit ausschlössen, kann man dem Richter im Fall Manons und ihres Geliebten Chevalier de Grieux nur beipflichten. Was die beiden für Liebe halten, ist dermaßen irrational, dass es nicht mehr auszuhalten ist.

Auf den Roman Manon Lescaut bin ich durch Alexandre Dumas Kameliendame gestoßen, in dem die Protagonistin diesen Roman von ihrem Geliebten geschenkt bekommt und Anmerkungen an die Ränder schreibt. Es wird eine gewisse Beziehung zwischen beiden Geschichten angedeutet und dem wollte ich nachgehen.

Ich war davon ausgegangen, dass Manon ebenso wie Marguerite eine femme entretenue ist, die schließlich die wahre Liebe findet. Doch es verhält sich anders. Manon und der Chevalier treffen einander als sie noch sehr jung sind. Sie soll gerade ins Kloster gebracht werden, weil ihre Familie befürchtet, ihre Lebenslust sei zu ausgeprägt.

Er verliebt sich auf den ersten Blick unsterblich in sie; und sie erkennt in ihm eine Gelegenheit, dem Kloster zu entkommen. Oder sie liebt ihn auch auf den ersten Blick unsterblich – bei ihr weiß man nicht so genau, woran man ist. Die beiden fliehen nach Paris. Ihre bescheidenen finanziellen Mittel neigen sich sehr bald dem Ende.

Ein sich später wiederholendes Schema beginnt sich zu etablieren: Manon kriegt von Männer Geld angeboten und sieht nicht, wieso sie es nicht nehmen, aber auch nicht, wieso sie im Gegenzug etwas schuldig sein sollte; der Chevalier wird von Familie oder Freunden mit Gewalt oder guten Worten zur Abkehr von Manon gedrängt; diverse Verbrechen werden begangen (aus Liebe – klar). Werden sie durch etwas auseinander gerissen, finden sie doch immer wieder zueinander zurück.

Geld zur Liebe, Liebe zum Geld

Das ständige Problem: Der Chevalier braucht Geld, denn

Ich kannte Manon; war sie mir auch treu und ergeben, wenn es uns gut ging, so hatte ich ja hinreichend erfahren, dass im Elend auf sie nicht zu zählen war. Sie liebte Überfluss und Lustbarkeiten zu sehr, um ihrer meinetwegen zu entsagen.

Abbé Prévost: Die Geschichte des Chevalier de Grieux und der Manon Lescaut, übersetzt von Jörg Trobitius, Zürich (Manesse) 2013, S. 87.

Er stellt nie in Frage, was für eine merkwürdige Art der Liebe das sein soll, die derartige Bedingungen verlangt. Er ist absolut blind vor Liebe und sieht in ihr immer nur das Gute. So beschreibt er etwa ihre Beziehung zu Geld:

Manon war ein Geschöpf von außerordentlichem Charakter. Niemals war einem Mädchen weniger an Geld gelegen als ihr, und doch hatte sie keinen Moment Ruhe, sobald sie fürchtete, es könne daran mangeln. Was sie brauchte waren Lustbarkeiten und Zeitvertreib. Sie hätte niemals auch nur einen Sou angerührt, wenn man sich hätte vergnügen können, ohne dass es etwas kostete. Sie erkundigte sich nicht einmal, wie es um unsere Mittel bestellt war, solange sie den Tag auf angenehme Weise verbringen konnte. Und da sie sich weder übermäßig dem Spiel hingab, noch an protziger Geldverschwendung gefallen fand, war nichts leichter, als sie zufrieden zu stellen, wenn man ihr alle Tage Amüsements nach ihrem Geschmack bot. Allerdings waren ihr diese Lustbarkeiten so unentbehrlich, dass ohne dergleichen weder auf ihre gute Laune noch auf ihre Zuneigung zu zählen war.

Abbé Prévost: Die Geschichte des Chevalier de Grieux und der Manon Lescaut, übersetzt von Jörg Trobitius, Zürich (Manesse) 2013, S. 101f.

Wie kann er sagen, ihr sei nicht an Geld gelegen? Wer interessiert sich denn schon für Geld an sich? Geld bezieht doch seinen Wert für uns allein daraus, dass man es für Dinge und Dienstleistungen eintauschen kann. Selbst wenn man sein Geld lieber spart, dann doch meistens um des beruhigenden Gefühls willen, dass durch die Gewissheit entsteht, man werde sich oder anderen in Notsituationen damit helfen können. Dass sie sich nicht nach ihren Mitteln erkundigt, zeigt doch nicht, dass ihr Geld nichts bedeutet – lediglich, dass sie keinerlei Verantwortungsbewusstsein hat; vielleicht nicht einmal Realitätssinn.

Manon ist keine Elizabeth Bennet

Manon bleibt für mich eine flache Figur. Man erfährt wenig über sie, über ihre Art zu denken, ihre wahren Gefühle, selbst über ihr Aussehen. Sie wird immer nur gespiegelt dargestellt. Nicht sie wird beschrieben, sondern ihre Wirkung auf andere, auf Männer (andere Frauen spielen praktisch keine Rolle), und allein daraus leitet sich ihre Schönheit ab. Auch wird eher gesagt, dass sie zärtlich oder mitreißend unterhaltsam ist, als dass es gezeigt würde.

Es ist der größtmögliche Gegensatz zu Jane Austens Erzähltechnik zur Figurengestaltung: Bei ihr sind solche Zuschreibungen unnötig, ihre Figuren charakterisieren sich durch ihr Verhalten und ihre Sprache. Sie sind alle, auch die Nebenfiguren, greifbar und lebendig. So ist völlig nachvollziehbar, warum Mr Darcy sich gegen seinen Willen in Elizabeth Bennet verliebt. Diese Nachvollziehbarkeit fehlte mir bei Manon Lescaut.

Mein Eindruck ist außerdem, dass Elizabeth Bennet eine Figur ist, die im Gegensatz zu Manon Lescaut nicht nur Männer zu begeistern vermag. Manon ist bloß ein Objekt, das nur durch einen bestimmten männlichen Blick gezeigt wird und deshalb auch nur für einen bestimmten Typ Mann „verständlich“ ist, oder in ihrer Unverständlichkeit reizvoll.

Manon ist auch keine Marguerite Gautier

Der Text der Kameliendame lässt leider keine Schlüsse zu, welche Anmerkungen Marguerite in ihre Manon Lescaut geschrieben hat und die Lektüre der Manon Lescaut hat mir auch zu keinerlei Erkenntnissen in dieser Hinsicht verholfen. Schade – ich hätte das sehr interessant gefunden. Hat Marguerite sich in Manon wiedererkannt? Ich kann es mir fast nicht vorstellen. Für mich ist die Kluft zwischen den beiden unüberwindlich.

Manon lässt sich zwar wie Marguerite auf Männer ein, die ihr Geld und Luxus versprechen, sie tut dies aber rein impulsiv und ohne jedes Verantwortungsgefühl. Für Marguerite hingegen ist es ein Geschäft, das sie sehr überlegt eingeht, und an dessen ungeschriebene Gesetze sie sich hält. Sie trifft Entscheidungen – vernünftig und sachlich. Als sie begreift, dass Armand sie um ihrer selbst willen liebt, kann sie sich ohne weiteres ein bescheidenes Leben ohne Luxus vorstellen. Sie gibt Armand schließlich nicht aus Vergnügungssucht auf, sondern aus selbstloser Liebe. Sie ist eine selbstbestimmte Frau, die Verantwortung für ihr Leben übernimmt.

Manon hingegen wirkt völlig fremdbestimmt – eher wie eine Spielfigur als wie ein selbstständiges, denkendes Wesen – sei es durch ihre Umgebung oder ihre unkontrollierten Gefühle. Manon und der Chevalier folgen stets nur ihren Impulsen und stürzen dabei von einer Katastrophe in die nächste. Aus Schaden wird man klug? Nicht diese beiden.

Ein Klassiker?

Mit zunehmender Lesedauer kam mir das Verhalten der beiden immer lächerlicher vor, und schließlich kam ich aus dem Kopfschütteln gar nicht mehr heraus. Wenn es in der Literatur darum ginge, Emotionen beim Publikum hervorzurufen, und Sich-über-die-Irrationalität-der-Protagonisten-aufregen zu diesen Emotionen zählte, dann verstünde ich gut, warum Manon Lescaut zu den großen Klassikern der französischen Literatur zählt.

4 Gedanken zu “Abbé Prévost: Manon Lescaut

    1. Du meinst wahrscheinlich die Oper von Puccini? Habe ich nicht gesehen, kann mir aber vorstellen, dass es dann anders wirkt. Ich fand auch den Roman nicht komplett schrecklich, es war ganz unterhaltsam zu lesen, nur konnte ich die beiden eben nicht ernst nehmen und fand das Geschehen deswegen auch nicht dramatisch, obwohl es ja durchaus abenteuerlich angelegt ist. Ich werde halt schnell ungehalten, wenn jemand sich ausschließlich auf seine Gefühle verlässt. 😀

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      1. Ja, Puccini. In der Hauptrolle Netrebko, die auch damals schon etwas zu alt für die Rolle war, aber sehr glaubwürdig / traurig dahingestorben ist. Ich seh das insgesamt als Kunstprodukt, von Liebe in dieser Wahnsinnsform habe ich noch nie etwas gehalten. 😉

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