Eoin Colfer: Artemis Fowl

Und alles beginnt mit dem perfekten Verbrechen…

Artemis_Fowl_cover

Artemis Fowl ist ein zwölfjähriges Genie und entstammt einer Verbrecher-Dynastie. Sein Vater ist verschwunden, seine Mutter versinkt immer tiefer im Wahnsinn, das Familienvermögen ist im Schwinden begriffen. Um wenigstens letzterem abzuhelfen, plant er ein gewagtes Verbrechen, etwas, dass noch niemandem zuvor gelungen ist: Er will eine Elfe fangen und eine Tonne 24-karätiges Gold in nicht markierten Barren vom unterirdischen Volk erpressen. Normalerweise unmöglich – doch Artemis hat ein Exemplar des geheimen Buchs der Unterirdischen ergattern können, und so ist er seinen Gegenern immer einen Schritt voraus. Doch am Ende ist auch er sich unsicher, ob er sich nicht doch verrechnet hat.

Science-Fantasy

Artemis Fowl ist das erste Buch einer achtbändigen Reihe des irischen Autors Eoin Colfer. Auch wenn Artemis der realen Welt angehört, spielen Fantasy-Elemente die zentrale Rolle: seine Gegenspieler gehören der Welt der Erdvölker an: Zwerge, Elfen Zentauren, Trolle, Feen. Vor Jahrhunderten sind sie den raumgreifenden Menschen gewichen – unter die Erde. Die meisten sehnen sich immer noch an die Oberfläche zurück, auch wenn sie das Tageslicht nicht mehr vertragen. Ungewöhnlich ist, dass Colfer in dieses Fantasy-Szenario Science-Fiction-Elemente einbaut, indem er die Unterirdischen über eine Technologie gebieten lässt, die der menschlichen weit überlegen ist.

Great Expectations

Als ich mich zu Beginn des Jahres mit der Frage beschäftigt habe, welche Klassiker ich 2018 zu lesen gedenke, habe ich mir auch einige Kanones zu Gemüte geführt. Überrascht war ich, auf einer dieser Listen auch Artemis Fowl zu finden. Ich hatte das Buch bereits geschenkt bekommen, aber keine besondere Lust gehabt, es zu lesen – was ich allein dem von Nikolaus Heidelbach gestalteten Cover der deutschen Ausgabe bei Ullstein List zuschreibe. Viele preisen diesen Illustrator, aber ich kann gar nichts mit seinem Stil anfangen. Nehmen wir als Beispiel die Elfe auf dem Artemis-Fowl-Cover: Ich finde sie in höchstem Maße hässlich und unsympathisch, Frisur und Make-up erinnern an eine 60-jährige Sachbearbeiterin, nicht an eine junge, aufmüpfige Officerin der Aufklärungseinheit der Zentralen Untergrundpolizei. Auch alles andere sieht schlicht oll aus, als sei Nikolaus Heidelbach vor 70 Jahren einfach hängen geblieben.

Ein Klassiker der englischsprachigen Literatur?

In meiner Erinnerung handelte es sich bei der Liste, auf der ich Artemis Fowl entdeckt hatte, um einen Kanon klassischer Literatur für Erwachsene (wonach ich schließlich gesucht hatte), weshalb meine Erwartungen an das Buch übermäßig hoch waren. Ich ging mindestens von Herr-der-Ringe-Niveau aus. Wenig überraschend, dass mich die Lektüre unter diesen Bedingungen enttäuschte. Dieses harsche Urteil wird dem Buch aber kaum gerecht. Heere Erwartungen beseite geschoben, handelt es sich um einen gut geschriebenen Roman für Kinder. Die Charaktere haben einen gewissen Tiefgang, unterscheiden sich auch in ihrer Sprache, und die Geschichte ist konsistent. Einzig bemängeln würde ich den absoluten Mangel an Humor. Das würde mich auch nicht gestört haben, wenn Colfer nicht durchblicken lassen würde, dass er manchmal intendiert hatte, komisch zu sein:

War es möglich, dass nach sechs Fehlalarmen auf drei Kontinenten diese versoffene Heilerin das Gold am Ende des Regenbogens sein sollte? Beinahe hätte Artemis geschmunzelt. Gold am Ende des Regenbogens! Er hatte einen Scherz gemacht. Das kam nun wahrlich nicht jeden Tag vor. [S. 12/13]

Jedes Mal, wenn jemand einen Scherz macht, wird explizit darauf hingewiesen (man hätte es sonst auch nicht gemerkt, da die Scherze nie komisch sind), und meist ergänzt, wie ungwöhnlich das für denjenigen ist. Das ist leider nicht lustig, sondern lächerlich bis lästig. Man muss überhaupt nicht komisch sein – aber wenn man es nicht ist, sollte man nicht versuchen, es zu erzwingen.

Als ich für diesen Artikel nochmals nach der Liste suchte, stellte ich fest, dass es sich nicht eigentlich um einen Klassikerkanon, sondern vielmehr um eine Liste der beliebtesten Bücher der Briten handelt: BBC Big Read. Auf dieser sind auch viele andere Kinderbücher zu finden, von Greens Der Wind in den Weiden über Rowlings Harry Potter zu Matilda von Roald Dahl. In diese Reihe passt Artemis Fowl, mit etwas Wohlwollen, durchaus.


Das Zitat stammt aus der Ausgabe:

Colfer, Eoin: Artemis Fowl. Roman. Aus dem Englischen von Claudia Feldmann, Berlin (List Taschenbuch) 23. Auflage 2017, S. 12 f.

¹¹¹¹¹¹¹MerkenMerken

Advertisements

Repoetisierung 3 – Mascha Kaléko

Im Zuge meiner Repoetisierung will ich 2018 jede Woche eine*n Dichter*in etwas näher kennenlernen.

Die in dieser Woche Auserkorene dürften die meisten kennen. Auch mir war der Name Mascha Kaléko geläufig – ich verband damit die Zeit um 1930, Neue Sachlichkeit, sogenannre Gebrauchslyrik. Ich wusste, dass viele für Mascha Kaléko regelrecht schwärmen. Aber ich konnte mich nicht erinnern, jemals (!) ein Gedicht von ihr gelesen zu haben. Dem musste abgeholfen werden..

Berliner Großstadtgefühl

Mascha Kaleko wurde 1907 in Galizien geboren, gelangte über Umwege 1918 nach Berlin. Sie integrierte sich schnell und legte sich „Berliner Schnauze“ zu. In der Zwanziger und Dreißiger Jahren gehörte sie zur künstlerischen Bohème rund ums Romanische Café. Sie schrieb Gedichte für Zeitungen, die schließlich bei Rowohlt gesammelt unter dem Titel Das lyrisches Stenogramheft erschienen. Man war entzückt von ihrer kessen Jugendlichkeit und so machte sie sich gleich noch fünf Jahre jünger. Das scheint damals nicht schwer gewesen zu sein – Irmgard Keun tat genau das gleiche aus den gleichen Gründen: Die junge, schreibende Bohèmienne ließ sich gut vermarkten, je jünger, desto besser.

Als ich so um die zwanzig war, hatte ich große Sehnsucht nach jenen Jahren vor 1933 und der künstlerischen Szene, in der sich auch Kaléko umtrieb. Hermann Hesse schrieb in Neue Deutsche Bücher (1935-1936) zu Mascha Kalékos Gedichten und zu der Stimmung, die sie einfingen:

Es ist eine aus Sentimetalität und Schnoddrigkeit großstädtisch gemischte, mokante, selbstironisierende Art der Dichtung, launisch und spielerisch, direkt von Heinrich Heine abstammend […]. Die Verse und Prosaskizzen der jungen Dame entsprechen in ihrer ganzen Weltanschauung – vielmehr, in ihrer ganzen Lebensstimmung trotzdem einem großen Teil der großstädtischen Jugend und finden bei ihr ein starkes Echo. Es ist eine Stimmung voll Jugend und zugleichvoll Ernüchterung, eine verfrühte Enttäuschung und heimliche Verzweiflung liegt im Kampf mit den starken Instinkten der Jugend, man ist voll Gefühl und Sehnsucht, weiß damit aber wenig anderes anzufangen, als darüber zu spotten, man möchte gern an irgend etwas glauben und weiß nicht an was.¹

Das war in dem Alter auch meine Stimmung – warum bin ich damals nicht auf Kaléko gestoßen? Sicher hätten mich ihre Zeilen noch sehr viel mehr angesprochen als jetzt. Zum Beispiel diese aus dem Osterspaziergang:

Mascha Kaléko Osterspaziergang (Auszug)

Im Exil

Letzte Woche war meine Repoetisierung Selma Merbaum gewidmet, die mit zarten 18 Jahren in der Shoa umkam. Diesem Schicksal entkam Mascha Kaleko glücklicherweise: Sie wanderte bereits 1938, noch vor der Pogromnacht in die USA aus. Doch auch das ist nicht leicht. Zwar lernt sie schnell Englisch, aber zum Schreiben kommt sie kaum, es fehlt die Zeit – sie kümmert sich um ihren kleinen Sohn und die Auftritte ihres Mannes mit seinem chassidischen Chor -, aber es fehlt vielleicht auch der Anschluss und die Anerkennung, die das Umfeld des Romanischen Cafés in Berlin ihr geboten hatte. In Amerika schreibt sie vornehmlich Kinderverse, viel später veröffentlicht im Band Die Mamagei, der Papagei und andere komische Tiere. Albert Einstein allerdings soll gerade diese Gedichte besonders geschätzt haben.

Ich frage mich, in welche Richtung sich ihre Dichtung entwickelt hätte, wenn sie nicht aus Berlin hätte fliehen müssen, wenn sich in der Kultur nicht dieser Abgrund aufgetan hätte.

Nachgedanken

Mascha Kalékos Lyrik aus der Zeit um 1930 (andere habe ich mir noch nicht nähergebracht), versammelt im Lyrischen Stenogrammheft und im Kleinen Lesbuch für Große, ist ohne Zweifel witzig, ironisch, dabei auch oft melancholisch und authentischer Ausdruck der Epoche. Sicherlich nicht schlechter als etwa Kästner. Lyrik für den Alltag, doch deshalb nicht alltäglich. Aber irgendetwas fehlt mir, ist mir nicht verdichtet genug.


Mascha Kaléko: Die paar leuchtenden Jahre

¹ Hesse, Hermann: Neue Deutsche Bücher. Zitiert nach: Kaléko, Mascha: Die paar leuchtenden Jahre. Herausgegeben, eingeleitet und mit der Biographie ›Aus den sechs Leben der Mascha Kaléko‹ von Gisela Zoch-Westphal, München (dtv) 12., durchgesehene Auflage 2014 (zuerst 2003), S. 232.

 

Der Auszug aus dem Gedicht Osterspaziergang ist zitiert nach:

Mascha Kaléko: Das lyrische Stenogrammheft

Kaléko, Mascha: Das lyrische Stenogrammheft. Das Keine Lesebuch für Große, München (dtv) 2016.

Das Lyrische Stenogrammheft. Verse vom Alltag erschien zuerst 1933 bei Rowohlt in Berlin. Kleines Lesebuch für Große. Gereimtes und Ungereimtes erschien 1934 ebenfalls bei Rowohlt. Von 1956 an erschienen beide Bände zusammen.

 

Repoetisierung 2 – Selma Merbaum

Im Zuge meiner Repoetisierung will ich 2018 jede Woche eine*n Dichter*in etwas näher kennenlernen.

Erste Eindrücke

In dieser Woche fiel meine Wahl auf Selma Merbaum, auf die ich unter dem Namen Selma Meerbaum-Eisinger in der App Poesi aufmerksam wurde. Mir war so, als hätte ich den Namen schon gehört. Hatte ich vielleicht Übersetzungen von ihr gelesen? Ich kam nicht darauf.

Als ich die ersten Gedichte von ihr las, fand ich sie naiv – auf eine ansprechende, nicht dumme Art – und dabei sehr stilsicher und musikalisch. Hier zum Beispiel in ihrem ersten erhaltenen Gedicht:

Selma_Merbaum_Lied_Fotor

 

Ein zu kurzes Leben

Das machte mich neugierig auf ihre Lebensumstände. In den Informationen der Poesi-App erfuhr ich, dass sie nur 18 Jahre alt geworden war, und las auf Wikipedia weiter. Mich machte stutzig, dass der Artikel mit „Selma Meerbaum-Eisinger“ überschrieben war, im Text dann aber meist „Selma Merbaum“ geschrieben wurde. Ich besorgte mir die Biografie von Marion Tauschwitz, die diesen Punkt gut erklärt: Selma wurde 1924 als Tochter von Frieda und Max Merbaum geboren. Ihr Vater verstarb wenig später; auf seinem Grabstein steht zum ersten mal Meerbaum mit doppeltem „e“. Die Mutter heiratete wieder: Leo Eisinger. Er hat Selma nicht adoptiert und sie hat nie seinen Namen angenommen. Der erfundene Doppelname geht wohl auf ihren ehemaligen Lehrer Hersch Segal zurück, der 1976 in Israel ihre Gedichte im Eigenverlag herausbrachte.

Selma Merbaum und Else Schächter
Selma (rechts) mit ihrer Freundin Else Schächter im Sommer 1940

Selma wurde in Czernowitz in der Bukowina geboren, einer Stadt, die vor dem ersten Weltkrieg ein kulturelles Zentrum war. Die Bukowina hat eine bewegte politische Geschichte, das Gebiet liegt heute halb auf ukraninischem, halb auf rumänischem Territorium. Selma Merbaum wurde als Rumänin geboren, gehörte aber zur deutsch-jüdischen Mehrheit in Czernowitz, zu der auch Rose Ausländer und Paul Celan zählten. Dieser war ihr Cousin zweiten Grades und hat, nach den Recherchen der Biografin Marion Tauschwitz, weit mehr Zeit mit Selma verbracht als bisher angenommen. Zusammen mit der Freundin Else lasen sie sich gegenseitig ihre Gedichte vor.

Schon während ihrer Schulzeit hatte Selma als Jüdin unter Repressalien zu leiden. Sie engagierte sich daher in einer sozialistisch angehauchten zionistischen Jugendbewegung und träumte vom Auswandern nach Palästina. Als im Sommer 1940 die Sowjetunion das Gebiet besetzte, wurden die Soldaten teils stürmisch begrüßt, und tatsächlich besserte sich die Situation zunächst: Selma konnte eine jiddische Schule besuchen, wo unter anderem Hersch Segal, der später ihre Gedichte herausgab, ihr Lehrer war. Sicher das glücklichste Jahr ihrer Schulzeit.

Doch schon ein Jahr später kamen die Rumänen zurück. Unter dem faschistischen Antonescu-Regime wurde Selma in ein Lager in Transnistrien deportiert, zunächst in ein rumänisches, später ein deutsches, wo sie schließlich an Fleckfieber starb.

Überlieferung und Rezeption

Ihre Gedichte – in Schönschrift abgeschrieben und zu einem Heft gebunden, welches sie mit „Blütenlese I“ betitelte – hatte sie vor der Deportation an Else überbringen lassen, die es Leiser Fichman zukommen lassen sollte. Leiser war auch in der zionistischen Gruppe Hashomer Hazair gewesen und wagte später die riskante Auswanderung nach Palästina. Aus Sorge um die Gedichte gab er sie Else zur Aufbewahrung zurück – tatsächlich ertrank er bei der Übersiedlung.

Else nahm den Gedichtband mit nach Israel, wo Hersch Segal sie 1976 veröffentlichte. Nach Deutschland gelangten die Gedichte über Hilde Domin. Sie setzte sich für ihre Bekanntwerdung ein, was 1980 schließlich über den Stern-Reporter Jürgen Serke gelang.

Da die Gedichte Leiser Fichman übergeben werden sollten, wurden bisher viele von ihnen als Liebesgedichte für Leiser interpretiert, so auch das oben zitierte „Lied“. Marion Tauschwitz integriert immer wieder Ausschnitte aus den Gedichten in ihre Biografie und stellt der bisherigen eine andere Lesart gegenüber: „Lied“ bezieht sie beispielsweise auf Selmas schwieriges Verhältnis zu ihrer Mutter – tatsächlich ist sie zu der Zeit, in der das Gedicht entstand, zu ihrer Großmutter gezogen: „Und ich – ging“. Mit Leiser verband sie wohl eher Freundschaft als eine Liebesbeziehung.

Nicht nur aufgrund dieser autonomen Interpretationen ist die Biografie von Marion Tauschwitz lesenswert: Sie ist sehr gründlich recherchiert, wissenschaftlich fundiert, dabei spannend und stilistisch einfühlsam geschrieben. Wo sie spekulativ sein muss, weil keine genauen Informationen zu bekommen waren, wird dies durch die Formulierungen stets deutlich. Außerdem hat Marion Tauschwitz für die Ausgabe im zu Klampen Verlag alle Gedichte nach Fotografien der Handschrift neu transskribiert und so einige Fehler in der bisherigen Überlieferung ausfindig machen können. Sämtliche Gedichte sind als zweiter Teil der Biografie im Band enthalten.

Als ich nach einer schönen Ausgabe der Gedichte suchte, die den Originaltitel „Blütenlese“ verwendet – häufig erscheinen sie unter dem Titel: „Ich bin in Sehnsucht eingehüllt“, was mir nicht gefällt – stieß ich auf einen Beitrag auf dem Blog Sätze & Schätze über Selma Meerbaum-Eisinger, der dort vor einigen Monaten erschienen ist. Daher wird mir womöglich der Name bekannt vorgekommen sein.

Zweite Eindrücke

Vor dem Hintergrund der Biografie lesen sich die Gedichte noch einmal ganz anders. In ein paar Zeilen aus dem „Poem“ scheint sich mir ihr Charakter, voll Lebenslust und Tatendrang, besonders gut auszudrücken:

Selma_Merbaum_Poem(Auszug)

Es ist eine Schande, wie viel der Nationalsozialismus in der Welt zerstört hat. Wie viele Menschenleben, aber auch wie viel Kultur. Was hätte Selma Merbaum noch alles schreiben können? Sie hatte unverkennbar großes Talent, dass sich in ihrem zu kurzen Leben nicht voll entfalten konnte.


Ich empfehle die Biografie von Marion Tauschwitz, in der auch alle Gedichte in neuer Transskription enthalten sind:

Marion Tauschwitz: Selma Merbaum. Ich habe keine Zeit gehabt zuende zu schreiben

 

Tauschwitz, Marion: Selma Merbaum. Ich habe keine Zeit gehabt zuende zu schreiben. Biografie und Gedichte, Springe (zu Klampen Verlag) 2014.

Hardcover, 350 Seiten, 28,00 € (als Epub 20,99)

ISBN-13: 9783866744042
ISBN-10: 3866744048

Weitere Ausgaben:

  • Meerbaum-Eisinger, Selma: Blütenlese. Gedichte, hrsg. von Markus May, Stuttgart (Reclam) 2013. ISBN: 978-3-15-019059-3, 136 Seiten, 4,00 €.
  • Meerbaum-Eisinger, Selma: Ich bin in Sehnsucht eingehüllt. Gedichte, hrsg. von Jürgen Serke, Hamburg (Hoffmann und Campe) 2015. ISBN: 978-3-455-40573-6, gebunden, 112 Seiten, 15,00 €. Auch als Hörbuch.

Repoetisierung 1 – Giosuè Carducci

Im Zuge meiner Repoetisierung will ich 2018 jede Woche eine*n Dichter*in etwas näher kennenlernen.

Giosuè Carducci im Zauberberg

Dass meine erste Wahl auf Giosuè Carducci fiel, ist in erster Linie dem Unstand geschuldet, dass ich in meinem anderen Jahresprojekt Klassiker lesen gerade Thomas Manns Zauberberg studiere. Im dritten Kapitel – Unterkapitel Satana – zitiert die Figur Ludovico Settembrini den italienischen Dichter und Revolutionär Giosuè Carducci:

O salute, o Satana, o Ribellione, o forza vindice della Ragione … [S. 65]

Schon gleich als Joachim Ziemßen seinem Vetter, dem Protagonisten Hans Castorp, Settembrini vorstellt, geschieht dies mit Verweis auf den Zusammenhang mit Carducci:

„Herr Settembrini ist Literat“, sagte Joachim erläuternd und etwas verlegen. „Er hat für deutsche Blätter den Nachruf auf Carducci geschrieben – Carducci, weißt du.“ Und er wurde noch verlegener, da sein Vetter ihn verwundert ansah und zu sagen schien: Was weißt du denn von Carducci? Ebensowenig wie ich, sollte ich meinen. [S. 64]

Und ebensowenig wie die meisten heutigen deutschen Leser, sollte wiederum ich meinen. In der Amerika-Gedenkbibliothek in Berlin – immerhin die größte Öffentliche Bibliothek Deutschlands – gibt es keinen einzigen Band von ihm, nur eine Anthologie von Dante bis Carducci, in dem nur ein Gedicht enthalten ist, und zwar gerade das, aus dem Settembrini zitiert. Es scheint bei weitem das (heute noch) bekannteste zu sein: Inno a Satana, die Hymne an den Satan. Doch den Satanisten, die es für sich beanspruchen und als „Gebet an Satan“ auf ihre Internetseiten stellen, muss leider gesagt werden, dass es zwar ein Gedicht gegen den Katholizismus ist, aber keine tatsächliche Teufelsanbetung. „Weiche, Satan!“ hielt so mancher Vertreter der Kirche jedem fortschrittsgläubigem Humanisten entgegen, und so steht Satana hier für Vernunft, Demokratie, Menschlichkeit, wissenschaftlichen Fortschritt, Freiheit und Lebensfreude. Es geht nicht um eine Verherrlichung des Bösen, sondern allein dessen, was von der Kirche, den Reaktionären als Böse angesehen wurde.

Man könnte auch sagen, Satana steht für alles, wofür auch Settembrini im Zauberberg steht. Dieser bezeichnet sich als Schüler Carduccis: „Ich verdanke ihm alles, was ich an Bildung und Frohsinn mein eigen nenne.“ [S. 64] Mit seinem Lehrer und Vorbild hat der Schriftsteller, Redner und Intellektuelle vieles gemeinsam: Beruf, Gesinnung, Begeisterung für die Antike und das Klassische, und nicht zuletzt haben beide einen für seine politischen Einstellungen inhaftierten Vorfahren: Bei Settembrini ist es der Großvater, bei Carducci der Vater, wodurch man Settembrini als Carduccis Sohn denken kann, zumal Settembrinis Vater als Poet bezeichnet wird.

Giosuè Carducci im echten Leben

giosuè carducci
Der junge Giosuè Carducci, Fotografie von R. Borghi, ca. 1870

Carducci wurde am 27. Juli 1835 in Valdicastello (das heute zu Pietrasanta gehört) in der toskanischen Provinz Lucca geboren. Sein Vater war Arzt und „Carbonaro“, er wurde sogar als Mitglied dieses patriotischen Geheimbundes inhaftiert.

Giosuè studierte Philologie, wurde Professor für Griechisch, später für Italienische Literatur.  1890 wird er Senatore, Abgeordneter im Parlament in Rom.

1906, kurz vor seinem Tod am 16. Februar 1907, bekommt er den Nobelpreis für Literatur zuerkannt, ist aber schon zu krank, um in in Schweden empfangen zu können; er wird ihm vom schwedischen Botschafter in Italien überreicht.

Poetisches Werk

Carducci gilt als Dichter des Risorgimento, obwohl er sich nicht aktiv politisch an der italienischen Unabhängigkeitsbewegung beteiligt hat. Seine Gedichte sind aber inhaltlich und stilistisch stark auf diese Bewegung und ihre Werte bezogen. Das ist vielleicht auch der Grund, weshalb Carducci heute – seinem Nobelpreis zum Trotz – kaum noch bekannt ist. Der Literaturkritiker Natalino Sapegno bezeichnete ihn 1949 gar als „poeta minore“, als unbedeutenden Dichter.¹

Diesem Eindruck muss ich mich leider anschließen: Ich kann, abgesehen vom rein Historischen, der Poesie Carduccis nichts abgewinnen, all den Oden und Hymnen auf diesen und jene.

Hin und wieder finden sich – vor allem beim älteren Carducci – auch andere Töne, und passend zum Winter möchte ich eines dieser etwas weniger triumphal-kämpferisch-lauten Gedichte aus dem Jahre 1889 vorstellen – Nevicata aus der Sammlung Odi Barbare:

Carducci_Nevicata_Schneefall_vertikal_Fotor

Es finden sich eine Menge der gängigen Symbole des Todes: Farblosigkeit, Kälte, Winter, das Schlagen der Turmuhr, Stille, Dunkelheit – ich wollte gerade „Krähen“ schreiben, aber da ist wohl die Phantasie mit mir durchgegangen; das Gedicht erinnert mich so an Schuberts Winterreise, dass ich die dortige Krähe nach Italien habe fliegen lassen. Das Gegensatzpaar Tod und Leben hat Carducci viel beschäftigt, hier kommt das Leben allerdings nur negiert vor: Lieder, Jugend, Liebe, alles fort, nicht einmal die schreiende Gemüsefrau zeugt noch davon.

Möglich, dass ich gerade dieses Gedicht ausgewählt habe, weil es Motive verwendet, die auch für den Zauberberg bedeutsam sind: Gegensatzpaare, insbesondere Tod und Leben; und dann kommt wohl noch ein Schneesturm, auf den ich schon sehr gespannt bin.


¹ N.Sapegno, Storia di Carducci, in Id., Ritratto del Manzoni e altri saggi, Bari, 1962.

Die Zitate aus dem Zauberberg stammen aus der Ausgabe – Mann, Thomas: Der Zauberberg, Stuttgart/Hamburg (Deutscher Bücherbund) o.J., zuerst Berlin (S. Fischer) 1924.

Den italienischen Text von Nevicata habe ich der Website www.skuola.net entnommen. Die Übersetzung ist – zugestanden – nicht unbedingt ein Meisterwerk; ich finde es aber doch schade, dass das E-Book, dem ich sie entnommen habe, nicht angibt, von wem sie stammt – Giosuè Carducci: Gesammelte Gedichte, Musaicum 2017. Wie gesagt, waren die Gedichtbände von Carducci nicht so leicht zu bekommen, und ich wollte auch nicht so viel Zeit darauf verwenden. Bitte verzeiht mir meine mangelnde Korrektheit.

MerkenMerken

Klassiker lesen

Ich kann mich nicht entsinnen, jemals Neujahrsvorsätze gefasst zu haben – bis jetzt.

Denn im letzten Jahr war ich mit meinen Lektüren nicht recht glücklich. Zwar las ich nicht nur Unbefriedigendes, doch im Nachhinein blieb wenig Eindruck. Viel zu oft hat sich auch das Leben vor das Lesen in den Vordergrund geschoben.

Für 2018 habe ich mir daher vorgenommen, in erster Linie Klassiker zu lesen, Bildungslücken zu füllen. Viele der aspirierenden Titel wollte ich schon seit Jahren lesen, habe oft sogar schon damit begonnen, aber aus Gründen – oder ohne – die Lektüre abgebrochen. Gute Literatur verlangt eben manchmal nach einer gewissen Überwindung oder Anstrengung, die sich aber fast immer rentiert. Deshalb der Zwang des guten Vorsatzes in diesem Jahr.

Wall_of_shame_Fotor
Wall of shame – eine kleine Auswahl der Werke, die ich schon seit Jahren lesen wollte. (Den Dostojewski werde ich mir aber in der Neuübersetzung – Verbrechen und Strafe – besorgen.)

Ich habe spontan eine umfangreiche Liste verfasst, die alles andere als spruchreif ist und sich sicher noch sehr wandeln wird. Was ich auf dem Blog mit den gelesenen Büchern anstellen werde, weiß ich auch noch nicht genau. Es geht mir nicht darum, einen Kanon zu erstellen und abzuarbeiten, ich möchte das Kanonische und seine Sinnhaftigkeit aber hin und wieder reflektieren.

Lange Jahre war ich von umfangreichen Büchern abgeschreckt; am liebsten las ich ein Buch in einem Zuge aus, beinahe rauschhaft in höchstens zwei, drei Tagen, gerne auch in einer Nacht. In meiner Jugend las ich daher viel Theaterstücke, sowie Erählungen und Romane bis ca. 180, max. 240 Seiten. Erst spät war Der Name der Rose, soweit ich mich erinnere, mein erstes Buch über 600 Seiten. Gänzlich von meiner Megalophobie geheilt war ich allerdings erst, als ich in einem kurzen Sommersemester neben allem anderen Kleinkram sowohl Tolstois Krieg und Frieden als auch Stifters Der Nachsommer lesen musste. Fürderhin schockte mich nichts mehr und ich las für meine Masterarbeit alle Romane Fontanes, nochmals den Nachsommer und Musils Mann ohne Eigenschaften komplett mit Nachlassschriften.

Da ich ausschweifende Romane so lange gemieden habe, finden sich natürlich viele Werke von epischer Länge auf meiner Liste – Kürze kenne ich schon! So auch gleich mein erster Klassiker: Der Zauberberg von Thomas Mann. Ich hatte ihn schon einmal angefangen; warum ich ihn damals weglegte, weiß ich absolut nicht mehr. Begleitend möchte ich Nietzsches Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik lesen; ich vermute da einen gewissen Einfluss auf den Roman. Die Geburt der Tragödie meine ich schon einmal gelesen zu haben, erinnere mich aber nicht mehr gut genug.

Ein anderes Vorhaben ist, dass ich mir jede Woche eine Lyrikerin, einen Lyriker genauer ansehen möchte. Da habe ich noch sehr ungenaue Vorstellungen (Mallarmé, Sappho, Pindar…) und bin für Vorschläge dankbar. Übrigens auch für Vorschläge zur Klassikerliste – wenn Ihr EIN Buch wisst, ohne das gelesen zu haben ich nicht noch ein weiteres Jahr leben sollte: Bitte!

Ich weiß noch nicht, ob ich es immer schaffe, über meine Klassiker-Lektüren hier auf dem Blog sinnvoll und erhellend zu schreiben (und anders lohnt es ja nicht!), weil ich ab nächsten Montag die Aufgabe übernehme, eine Schulbibliothek aus Ruinen auferstehen zu lassen, der Zukunft zuzuwenden und mit viel Leben zu füllen. Eine spannende Aufgabe, auf die ich mich sehr freue – ich weiß nur nicht, wie viel Zeit sie mir für meine ambitionierten privaten Lesepläne lässt. Zumal ich daneben ja auch noch Lese- und Literaturpädagogik studiere.

Ich wünsche Euch allen ein gutes neues Lesejahr! Habt Ihr auch Vorsätze?

Imaginiere das Glück des Beschenkten

Immer wieder in der Vorweihnachtszeit geht mir durch den Kopf, was Adorno in Minima Moralia übers Schenken schrieb:

Wirkliches Schenken hatte sein Glück in der Imagination des Glücks des Beschenkten. Es heißt wählen, Zeit aufwenden, aus seinem Weg gehen, den anderen als Subjekt denken: das Gegenteil von Vergeßlichkeit.¹

Horkheimer freut sich über Adornos Geschenk
Horkheimer und Adorno. Foto © Jeremy J. Shapiro

Eines der aufwendigsten Geschenke, die ich je gemacht habe, war ein in rotes Leinen gebundenes Notizbuch, das ich wochenlang in Schönschrift gefüllt habe mit Gedichten, Kurzgeschichten, Auszügen aus theoretischen Schriften und ähnlichem. Keinen eigenen, nur selbst ausgewählten. Während des Schreibens das Glück der Beschenkten zu imaginieren, machte mich glücklich und die Erinnerung daran wurde zum Geschenk an mich selbst. Damals war ich 17, und da ich niemals Hausaufgaben gemacht habe, hatte ich unendlich viel Zeit, die mir heute fehlt. Die Bücher werden demnach schon vollgeschrieben gekauft. Aber ich wähle immer noch mit Bedacht aus, was drin steht.

Über mir wie ein Damoklesschwert die Stunde des Geschäftsschluss‘ und ich spute mich

Kurz vor Weihnachten schnell noch das nächstbeste Verlegenheitsgeschenk kaufen für jemanden, den man ganz vergessen hatte – vielleicht sollte man das einfach lassen und nur etwas schenken, wenn einem die Person wirklich wichtig ist. Aber auch dann kann es vorkommen, dass einem ewig nichts Passendes einfällt. Und während man unkreativ im vorweihnachtlichen Delirium umhertaumelt, rückt Heiligabend immer näher.

Zu meinem großen Glück lesen die meisten meiner Zubeschenkenden gern Bücher, oder schauen sich zumindest gern die Bilder an (Kinder, Künstler … ). Sollte also noch ein Geschenk fehlen, ist der erste und meist letzte Nothafen immer eine gute Buchhandlung. Entscheidend ist, etwas zu finden, das mit der Person, idealer Weise zusätzlich mit meiner Verbindung zu ihr, zu tun hat und das die Person überrascht und bereichert. Ein Buch der Lieblingsautorin können (wahrscheinlich sogar: werden) die Zubeschenkenden sich auch selbst kaufen (oder schlimmer noch: schon gekauft haben). Größer ist vielleicht die Freude über die Entdeckung eines neuen Autors, eines neuen Genres, einer neuen Art zu lesen – wie wäre es zur Abwechslung mal mit eBooks? Die lassen sich sogar noch in allerletzer Minute verschenken, und sogar über weite Strecken an Personen, die kein Paket vor Weihnachten mehr erreichen würde.

Wie kann man eBooks verschenken?

Heutzutage dürfte fast jeder ein Gerät haben, auf dem sich eBooks lesen lassen: Smartphone/iPhone, Tablet/iPad, eReader, sogar auf dem Desktop oder Laptop könnte man eBooks lesen (z.B. mit Calibre oder iBooks). Liest der Empfänger schon regelmäßig eBooks, wäre es gut zu wissen, welcher eReader benutzt oder ob das Smartphone bevorzugt wird. Hier ein paar Beispiele, wie man vorgeht:

iBooks für iPhone, iPad oder Mac(Book)

Man sucht im iBooks Store nach dem Buch, das man verschenken möchte, klickt auf den Winkel rechts neben dem Preis und wählt die erste Option „Buch verschenken“ aus. Im nächsten Schritt gibt man die Email-Adresse der Empfängerin an und wählt aus, wann das Buch verschenkt werden soll (max. 90 Tage im Voraus). Optional kann man eine persönliche Nachricht hinzufügen.

Für Tolino, Smartphones und Tablets mit Android

Das Vorgehen ist hier im Prinzip identisch mit dem bei iOS, mit dem Unterschied, dass man ein Kundenkonto benötigt. Man wählt in einem Onlinestore wie z.B. eBook.de (Hugendubeltochter) das Buch aus, das man verschenken möchte, ruft die Produktseite auf, indem man auf das Cover oder den Titel klickt, und wählt die dritte Option unter dem Preis: „Verschenken“.

Als nächstes muss man ein kostenloses Kundenkonto einrichten oder sich einloggen. Dann folgt man dem Bestellprozess, gibt die Email-Adresse des Beschenkten sowie den Zeitpunkt des Versands an (nice: hier kann man sogar die Uhrzeit festlegen, zu der der Beschenkte die Email mit dem Link bekommt – also pünktlich zur Bescherung). Auch hier kann man optional einen Text eingeben, der mit der Email versendet wird.

Will die Beschenkte das eBook öffnen, braucht sie ein Kundenkonto und einen Tolino oder die kostelose Tolino App, die man auf Androidgeräte laden kann (übrigens auch auf iOS-Geräte). Dass man den Beschenkten praktisch nötigt, ein Kundenkonto zu eröffnen – kostenlos hin oder her – empfinde ich allerdings als gewissen Nachteil.

Für Kindle

Laut Website kann man eBooks für Kindle nur als Gutschein verschenken, d.h. gar nicht, denn ein Gutschein ist kein Buch. Um nochmal auf Adorno zurück zu kommen:

Der Verfall des Schenkens spiegelt sich in der peinlichen Erfindung der Geschenkartikel, die bereits darauf angelegt sind, daß man nicht weiß, was man schenken soll, weil man es eigentlich gar nicht will. Diese Waren sind

beziehungslos wie ihre Käufer. Sie waren Ladenhüter schon am ersten Tag. Ähnlich der Vorbehalt des Umtauschs, der dem Beschenkten bedeutet: hier hast du deinen Kram, fang damit an, was du willst, wenn dir’s nicht paßt, ist es mir einerlei, nimm dir etwas anderes dafür. Dabei stellt gegenüber der Verlegenheit der üblichen Geschenke ihre reine Fungibilität auch noch das Menschlichere dar, weil sie dem Beschenkten wenigstens erlaubt, sich selber etwas zu schenken, worin freilich zugleich der absolute Widerspruch zum Schenken gelegen ist.²

Der Gutschein, den es zur Zeit der Niederschrift der Minima Moralia wohl noch nicht gab, ist im Grunde ein Umtauschzettel, bei dem der Umtausch übersprungen wird. Ein Gutschein sagt: Du würdest eh umtauschen, was ich Dir schenken würde, also versuche ich es gar nicht erst.

Einen Link verschenken? Wie sieht das denn aus? Das kann man doch gar nicht anfassen!

Damit es auch optisch und haptisch ein schönes Geschenk wird, kann man eine Karte dazu basteln, z.B. eine, die vorn das Cover des Buches zeigt, hinten einen Klappentext und innen eine Erklärung bereithält, wie der Beschenkte das eBook lesen kann (falls nötig). Eine ausführliche Erklärung wie man eBooks liest, findet man auf mikrotext. Tania Folaji vom Blog Elektro vs. Print schlug letztes Jahr vor, diese Anleitung doch gleich ausgedruckt und laminiert mit zu verschenken. Ich plädiere dafür, die Anleitung dem Beschenkten anzupassen und entsprechend zu verkürzen.

EBook_verschenken2_Fotor

 

Zum Schluss noch ein paar Empfehlungen von eBook first/only Veröffentlichungen, die ich auf dem Blog bereits besprochen habe:

© CulturBooks

Pippa Goldschmidt: Von der Notwendigkeit den Weltraum zu ordnen

 

 

tumblr_inline_ojpyjbwyxn1ryyflu_500

Sasha Marianna Salzmann: In das Maul des Wolfes will ich Dich stecken. Reihe Hausbesuch (Sammelrezension)

 

1199_l

David Wagner: Welche Farbe hat Berlin

 

 

Cover – Alan Mills – Hacking Coyote

Alan Mills: Hacking Coyote

 

 

Jane Gardam: Hetty

Jane Gardam: Hetty

 

 

Natürlich kann man nicht nur eBook-first- und eBook-only-Veröffentlichungen verschenken. Nahezu jede Neuveröffentlichung und viele Backlisttitel gibt es heute auch als eBook. Manche schönen Backlisttitel sogar nur noch als eBook, zum Beispiel das – gerade für die Jahreszeit – sehr empfehlenswerte Jugendbuch Jetzt ist hier von Tamara Bach.


¹ Adorno, Theodor W.: Minima Moralia. In: Gesammelte Schriften. Band IV, Franfurt a. M. (Suhrkamp) 1980, S. 46-48.

² Ebd.

MerkenMerken

MerkenMerken

MerkenMerken

MerkenMerken

MerkenMerken

Träume der Kieferninseln

Dies ist keine Rezension. Marion Poschmanns Roman Die Kieferninseln ist zu Recht breit besprochen worden, es waren auf unzähligen Blogs und in einschlägigen Zeitungen x Inhaltsangaben und Beurteilungen zu lesen. Da muss ich nicht, dachte ich mir, die x+1te schreiben. Stattdessen möchte ich über etwas schreiben, das mich am Roman beschäftigt hat: Gilberts Träume und ihre Deutung.

Wer Die Kieferninseln noch nicht gelesen hat, erhält hier vielleicht mehr Informationen, als wünschenswert. Allerdings glaube ich, dass bei einem Roman, der so wenig auf Suspense angelegt ist, kein Spoiler möglich ist – es geht hier schließlich um die Erfahrung beim Lesen, um das Wie, nicht das Was.

godaido_at_matsushima_by_takahashi_yuichi
Godaido auf Matsushima von Takahashi Yuichi ca. 1881

Nüchtern

Gilbert Silvester träumt, seine Frau betrüge ihn. Von diesem Traum erwacht, macht er einen folgenschweren Schritt: er frühstückt nicht. Walter Benjamin schreibt in Einbahnstraße:

Eine Volksüberlieferung warnt, Träume am Morgen nüchtern zu erzählen. Der Erwachte verbleibt in diesem Zustand in der Tat noch im Bannkreis des Traumes. Die Waschung nämlich ruft nur die Oberfläche des Leibes und seine sichtbaren motorischen Funktionen ins Licht hinein, wogegen in den tieferen Schichten auch während der morgendlichen Reinigung die graue Traumdämmerung verharrt, ja in der Einsamkeit der ersten wachen Stunde sich festsetzt.¹

Gilbert ist nüchtern im physiologischen, nicht im logischen Sinn: Er hält den Traum für Realität und lässt sich von Mathilda nicht davon abbringen. Er verharrt in der Traumdämmerung und verlässt sie über die gesamte Länge des Romans nicht.² Traum und Wirklichkeit vermischen sich – gibt es Yosa Tamagotchi, ist er ein Geist, ist er ein Traum?

Alles im Traum ist ein Aspekt des Träumers selbst

Ich bin gewiss keine Expertin in psychoanalytischer Traumdeutung, und eine solche von außen an einer fiktiven Person vorzunehmen, wäre auch ohnedies unredlich. Doch als Gedankenspiel, als Interpretationsmöglichkeit, ohne zu behaupten, damit den Schlüssel zum Roman in Händen zu halten – die eine Wahrheit gibt es ohnehin nicht in der Kunst – sei es erlaubt.

Wie ich die tiefenpsychologische Traumdeutung verstehe, ist alles im Traum Anteil der Psyche des Träumenden, d.h. Mathilda ist im Traum nicht Mathilda, sondern ein Symbol für einen Aspekt Gilberts: Nicht seine Frau betrügt ihn, er betrügt sich selbst. Er ist unzufrieden – mit seinem Job, seiner Beziehung, seinem Leben. Aber er übernimmt keine Verantwortung dafür, sondern gibt die Schuld den anderen: dem Wissenschaftsbetrieb, in dem es nicht auf Begabung, sondern auf Beziehungen ankommt; seiner Frau, die ihn im Traum betrügt, und damit dazu drängt, nach Japan zu reisen, ein Land das er nicht mag. Schließlich trifft er Yosa Tamagotchi, einen jungen Mann, der es nicht einmal schafft, sich würdevoll umzubringen. Yosa dient ihm als Projektionsfläche seiner eigenen Selbstmordgedanken, die er schon im Flugzeug andeutet, und fortan kann er Yosa dafür verachten, dass er nicht mal einen Suizid zustande bringt, anstatt sich selbst dafür verachten zu müssen.

Verdächtig ist schon der Name des Japaners: Tamagotchi – ein elektronischer Haustierersatz, Yosa – ein Joghurtersatz auf Haferbasis. Zwei Dinge, die das eigentliche nur vorstellen.³ Yosa war andererseits das Pseudonym eines großen japanischen Dichters, der auf den Pfaden seines Vorbilds Matsuo Bashō wandelte, wie auch Yosa mit Gilbert den Bashō-Pfad begehen soll. In Die Kieferninseln taucht der Dichter unter seinem früheren Pseudonym Saigyō auf: Im Park Saigyō Modoshi no Matsu („Die-Kiefer-an-der-Saigyō-umkehrte“) hofft Gilbert, Yosa möge niemals zurückkehren.

1599px-haiku_monument_of_matsuo_basho_in_yuno_pass
Haiku-Monument von Matsuo Bashō am Yuno-Pass

Küchenpsychologische Ferndiagnose: Narzissmus

Seit Donald Trump Präsident ist, sind psychologische Ferndiagnosen en vogue, insbesondere der Begriff Narzissmus wird häufig gebraucht. Narzissmus ist ein natürlicher Anteil der Persönlichkeit jedes Menschen. Erst wenn er den Menschen selbst oder seine Mitmenschen beeinträchtigt, spricht man von einer narzisstischen Störung. Ein stark narzisstischer Mensch veranschlagt – unbewusst – seinen Selbstwert gering: er muss etwas leisten, um geliebt zu werden; wenn das nicht gelingt, darf es bloß nicht seine Schuld sein. Dabei redet er sich selbst und der Welt ständig ein, er sei der Größte.

Auch wenn Gilbert sicher kein Narzisst in Reinform ist, so zeigt er doch eine leichte Ausprägung einer solchen Störung. Er stellt seine Bedürfnisse über die seiner Frau, und erwartet noch, dass sie sich dafür entschuldigt. An seinen Misserfolgen will er selbst keine Schuld tragen. Auf Yosa und die Traditionen der „Teeländer“ sieht er überheblich herab. Selbst bei der Bildung seines Charakters geht es ihm um Außenwirkung:

Gilbert hatte sich in den vergangenen Tagen daran gewöhnt, daß man einen Ausflug unternahm, um Bäume zu bewundern, eine vollkommen nutzlose Sitte, die aber in der japanischen Kultur tief verwurzelt blieb. Es handelte sich nicht um eine Bildungsreise im europäischen Stil, mit der man sich hinterher brüsten konnte, so wie man nach Rom fuhr und dann ein für allemal eine Person war, die die Sixtinische Kapelle gesehen hat, das Kolosseum und die Thermen und das Porträt von Innozenz X. Die Schau der Naturerscheinung war weder mit Kunst noch mit Architektur, noch mit Geschichte verbunden, sie war zart und geheimnisvoll, und wenn daraus doch eine Form von Bildung erwuchs, ließ sie sich hinterher weder erklären noch abrufen. [S. 163]

Er flieht seinen Traum und stellt sich ihm doch

Statt sich mit seinem Ehebruchstraum analytisch auseinanderzusetzen, flieht er nach Japan, ein Teeland, ja sogar die „höchste Steigerungsstufe des Teelandes“ [S.15], ins – für ihn – maximal Fremde. Dahin, wo es wehtut. Zwar blickt er überheblich auf die kontemplativen Traditionen, lässt sich aber doch auf sie ein: er trinkt – widerwillig – Tee, er dichtet Haikus, er sucht mit Yosa typische Selbstmordorte auf, er bereist den Bashō-Pfad nach Matsushima, zur Kieferninsel. Und trotz aller Gegenwehr bildet ihn diese Reise, auf unerklärliche und nicht abrufbare Weise. Das zeigt sich erst im letzten Absatz:

Er würde sie anrufen, sagte er sich. Mathilda, Liebste, würde er sagen. Wir treffen uns in Tokyo, nahm er sich vor zu sagen, es ist ganz einfach, komm zu mir nach Japan. Die Laubfärbung beginnt. [S. 165]

Als Gilbert vor Jahren eine Gastprofessur in den USA hatte, kam Mathilda ihn besuchen, um ihn, aber auch um die spektakuläre Laubfärbung zu sehen. Damals war ihm das unverständlich geblieben. Mathildas Wunsch war ihm nur Störung. Sie kam zu früh, und obwohl sie stundenlang durch Neuengland fuhren, bekam Mathilda keine Laubfärbung zu sehen.

Jetzt kann Gilbert über sich selbst hinwegsehen und Mathildas Wünsche ernstnehmen. Jetzt ist der richtige Zeitpunkt gekommen: Mathilda wird die Laubfärbung sehen. Eine schöne Metapher für die Verwandlung, die auch Gilbert in Japan durchlebt, und zu der er in Neuengland noch nicht bereit war.


¹ Benjamin, Walter: Einbahnstraße, Frankfurt a. M. (Suhrkamp) 1955, zuerst: Berlin (Rowohlt) 1928, S. 8.

² Zu dieser Traumhaftigkeit passt auch, dass Japan nur von seiner kontemplativen, sauberen, minimalistischen Seite geschildert wird. Das schrille, grellbunt leuchtende, übertriebene Japan, das ja schließlich auch gibt, wird ausgespart.

³ Beim Joghurtersatz sage ich das mit Vorbehalt, da Japan keine Milchprodukttradition hat, man also z.B. nicht sagen kann, die seit Jahrtausenden verwendete Sojamilch sei ein Ersatz für Kuhmilch. Wie es mit Joghurt auf Haferbasis aussieht, kann ich nicht beurteilen.

Die Seitenangaben der Zitate beziehen sich auf die Ausgabe:

Kieferninsel_FotorPoschmann, Marion: Die Kieferninseln, Berlin (Suhrkamp) 2017.

Gebunden, 168 Seiten
ISBN: 978-3-518-42760-6
Auch als E-Book erhältlich

D 20,00 EUR; A 20,60 EUR; CH 28,90 sFr

MerkenMerken

MerkenMerken