Françoise Sagan: Bonjour Tristesse

Die knapp 18-jährige Cécile verbringt die Ferien mit ihrem Vater in einer kleinen Villa an der Côte d’Azur. Seine momentane Freundin Elsa stört dabei kaum. Céciles Mutter starb als sie 2 Jahre alt war, ihre Kindheit verbrachte sie bei Nonnen im Internat. Erst seit zwei Jahren lebt sie mit ihrem Vater in Paris und sie führen gemeinsam ein unbeschwertes Leben voller Parties und Ausschweifungen. Dass Cécile durchs Examen gefallen ist, nimmt beide nicht weiter mit. Der Vater hat seine Elsa und Cécile fängt aus einer Laune heraus etwas mit dem Jurastudenten Cyril an, der in der Nachbarschaft seine Ferien verbringt.

Doch dann taucht Anne Larsen auf, eine Freundin der verstorbenen Mutter, eine intellektuelle Schönheit, eine erfolgreiche Modedesignerin voll Eleganz und Selbstbewusstsein. Cécile hatte nach dem Internat einige Zeit mit ihr verbracht – sie bewundert Anne, ist aber auch eingeschüchtert von ihr. Anne hat so eine ruhige, bestimmte Art, eine Aura von Kompetenz, dass es ihr leicht gelingt andere zu lenken. So betört sie Céciles Vater, der Elsa sogleich fallen lässt.

Doch als sie auch Céciles Leben in die richtigen Bahnen lenken will – sie soll für ihre Nachprüfung im Herbst lernen und den Umgang mit Cyril aufgeben – regt sich Widerstand. Cécile weiß zunächst nicht, was sie der starken Anne entgegensetzen soll. Sie spürt, dass Anne recht hat, argumentativ kann sie nicht gegen sie vorgehen, aber der Trotz, sich den eigenen müßigen Lebensstil nicht verbieten zu lassen, wird stärker und stärker und macht Cécile überraschend erfinderisch. Sie wehrt sich gegen Annes Einfluss, um ihre Freiheit zu verteidigen:

„Die Freiheit des Denkens, auch mal das Falsche zu denken oder weniger zu denken, die Freiheit, selbst sein Leben zu wählen, mich zu wählen. Ich kann nicht sagen, „ich selbst zu sein“, da ich nichts anderes war als ein modellierbarer Teig, aber doch die Freiheit, sich einer Backform zu verweigern.“

Françoise Sagan: Bonjour Tristesse, aus dem Französischen von Rainer Moritz, Berlin (Ullstein) 2019, Original Paris (Julliard) 1954, S. 67.

Dieser Trotz, diese Verweigerung gegenüber dem Vernünftigen, die kalte, manipulative Rücksichtslosigkeit, die hier daraus folgt, haben mich fasziniert; das Ende hat mich überrascht, besonders Céciles Reaktion auf das Ereignis, für das Verantwortung zu übernehmen, ihr niemals auch nur als Überlegung in den Sinn kommt.

Gleich im ersten Satz wird als eine Art Prolepse von „Trauer“ gesprochen – „tristesse“. Ich war etwas verwundert, dass Rainer Moritz nicht Traurigkeit übersetzte. Erst am Ende des Buches ergab diese Übersetzung für mich Sinn, und durch die Irritation war mir der Anfang auch noch gut im Gedächtnis. Ich denke, dass mir das entgangen wäre, hätte ich den Roman auf Französisch gelesen, und frage mich, wie das auf Menschen mit Französisch als Muttersprache (oder einfach besseren Französischkenntnissen als ich sie habe) wirkt. Hat Françoise Sagan die Doppeldeutigkeit angelegt? Soll man erst an Traurigkeit denken und es im Nachhinein als Trauer umkodieren? Oder ist bei guten Französischkenntnissen die „tristesse“ am Anfang sogleich als „Trauer“ zu erkennen? Kann man das im Französischen überhaupt so trennen?

Als sie ihr Debüt Bonjour tristesse schrieb, war Sagan erst 18 Jahre alt. Es wäre unfair und falsch zu sagen, das Buch sei gut für das Werk einer 18-Jährigen – es ist gut ohne Relativierung. Aber zugegebenermaßen trägt das Alter der Autorin zu der Faszination und dem Respekt, die das Werk an sich mir einflößt, noch entscheidend bei.

Dieser Beitrag ist Teil der Reihe Klassiker lesen.

2 Gedanken zu “Françoise Sagan: Bonjour Tristesse

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