Klassiker lesen

Ich kann mich nicht entsinnen, jemals Neujahrsvorsätze gefasst zu haben – bis jetzt.

Denn im letzten Jahr war ich mit meinen Lektüren nicht recht glücklich. Zwar las ich nicht nur Unbefriedigendes, doch im Nachhinein blieb wenig Eindruck. Viel zu oft hat sich auch das Leben vor das Lesen in den Vordergrund geschoben.

Für 2018 habe ich mir daher vorgenommen, in erster Linie Klassiker zu lesen, Bildungslücken zu füllen. Viele der aspirierenden Titel wollte ich schon seit Jahren lesen, habe oft sogar schon damit begonnen, aber aus Gründen – oder ohne – die Lektüre abgebrochen. Gute Literatur verlangt eben manchmal nach einer gewissen Überwindung oder Anstrengung, die sich aber fast immer rentiert. Deshalb der Zwang des guten Vorsatzes in diesem Jahr.

Wall_of_shame_Fotor
Wall of shame – eine kleine Auswahl der Werke, die ich schon seit Jahren lesen wollte. (Den Dostojewski werde ich mir aber in der Neuübersetzung – Verbrechen und Strafe – besorgen.)

Ich habe spontan eine umfangreiche Liste verfasst, die alles andere als spruchreif ist und sich sicher noch sehr wandeln wird. Was ich auf dem Blog mit den gelesenen Büchern anstellen werde, weiß ich auch noch nicht genau. Es geht mir nicht darum, einen Kanon zu erstellen und abzuarbeiten, ich möchte das Kanonische und seine Sinnhaftigkeit aber hin und wieder reflektieren.

Lange Jahre war ich von umfangreichen Büchern abgeschreckt; am liebsten las ich ein Buch in einem Zuge aus, beinahe rauschhaft in höchstens zwei, drei Tagen, gerne auch in einer Nacht. In meiner Jugend las ich daher viel Theaterstücke, sowie Erählungen und Romane bis ca. 180, max. 240 Seiten. Erst spät war Der Name der Rose, soweit ich mich erinnere, mein erstes Buch über 600 Seiten. Gänzlich von meiner Megalophobie geheilt war ich allerdings erst, als ich in einem kurzen Sommersemester neben allem anderen Kleinkram sowohl Tolstois Krieg und Frieden als auch Stifters Der Nachsommer lesen musste. Fürderhin schockte mich nichts mehr und ich las für meine Masterarbeit alle Romane Fontanes, nochmals den Nachsommer und Musils Mann ohne Eigenschaften komplett mit Nachlassschriften.

Da ich ausschweifende Romane so lange gemieden habe, finden sich natürlich viele Werke von epischer Länge auf meiner Liste – Kürze kenne ich schon! So auch gleich mein erster Klassiker: Der Zauberberg von Thomas Mann. Ich hatte ihn schon einmal angefangen; warum ich ihn damals weglegte, weiß ich absolut nicht mehr. Begleitend möchte ich Nietzsches Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik lesen; ich vermute da einen gewissen Einfluss auf den Roman. Die Geburt der Tragödie meine ich schon einmal gelesen zu haben, erinnere mich aber nicht mehr gut genug.

Ein anderes Vorhaben ist, dass ich mir jede Woche eine Lyrikerin, einen Lyriker genauer ansehen möchte. Da habe ich noch sehr ungenaue Vorstellungen (Mallarmé, Sappho, Pindar…) und bin für Vorschläge dankbar. Übrigens auch für Vorschläge zur Klassikerliste – wenn Ihr EIN Buch wisst, ohne das gelesen zu haben ich nicht noch ein weiteres Jahr leben sollte: Bitte!

Ich weiß noch nicht, ob ich es immer schaffe, über meine Klassiker-Lektüren hier auf dem Blog sinnvoll und erhellend zu schreiben (und anders lohnt es ja nicht!), weil ich ab nächsten Montag die Aufgabe übernehme, eine Schulbibliothek aus Ruinen auferstehen zu lassen, der Zukunft zuzuwenden und mit viel Leben zu füllen. Eine spannende Aufgabe, auf die ich mich sehr freue – ich weiß nur nicht, wie viel Zeit sie mir für meine ambitionierten privaten Lesepläne lässt. Zumal ich daneben ja auch noch Lese- und Literaturpädagogik studiere.

Ich wünsche Euch allen ein gutes neues Lesejahr! Habt Ihr auch Vorsätze?

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17 Gedanken zu “Klassiker lesen

  1. Liebe Eva,
    ich kann deinen Entschluß gut verstehen. Als Buchhändlerin musste ich immer aktuelle Belletristik lesen. Dass mir noch viele Klassiker fehlten, wusste ich. Als ich dann nicht mehr als Buchhändlerin arbeitete, habe ich mit den Klassikern beschäftigt. Viele Russen habe ich gelesen und mochte sie sehr (Dostojewski: Der Idiot, Gontscharow: Oblomow). Auch Dickens habe ich da erst entdeckt. Den Zauberberg kannte ich schon vorher und er ist einer meiner Lieblinge. Im Moment liegt hier Swifts Gullivers Reisen, den ich noch nie gelesen habe. Ich bin sehr gespannt auf deine Wahl und würde mich freuen, wenn du den ein oder anderen hier vorstellen würdest. Du hast oft einen weiteren (tieferen?) Blick auf deine Lektüre.
    Viele Grüße!

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    1. Liebe Marina,
      es freut mich sehr, dass Du Interesse an meinem Vorhaben findest.
      Mit Klassikern ist es eben so eine Sache – selbst als Literaturwissenschaftler liest man oft eher abseitige Sachen, was ja auch seine Berechtigung hat, und in der Literaturboggersphäre rücken oft die Neuerscheinungen zu sehr in den Fokus.
      Russische Literatur habe ich auch schon manches gelesen, Dostojewski allerdings noch gar nichts, was mir sehr schwer auf der Seele liegt. Oblomow habe ich nur angefangen – auch wieder so ein Fall, wo ich nicht weiß, warum ich es nicht weitergelesen habe; höchstwahrscheinlich aus Zeitnot.
      Der Zauberberg gefällt mir bisher auch sehr gut – ich habe ihn schon gut zur Hälfte erklommen.
      Herzliche Grüße!

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  2. Gute Sache. Bei „Ulysses“ wäre ich dabei, den wollte ich auch immer mal noch lesen (zwar schon einmal irgendwann angefangen, aber…). Den Rest von Deinem Foto habe ich schon – bis auf das Buch von Hemingway, aber das reizt mich momentan auch nicht so.

    „Der Zauberberg“ ist eines meiner absoluten Lieblingsbücher. Ob Nietzsches „Geburt der Tragödie“ speziell darauf Einfluss genommen hat (vermutlich eher auf „Doktor Faustus“), weiß ich nicht, aber Nietzsche allgemein mit Sicherheit. Freuds Psychoanalyse ist auf jeden Fall darin zu finden, als „Seelenzergliederung“. Lustig. Nietzsches Zarathustra, Don Quixote und Jesus waren übrigens Gegenstände meiner Abschlussarbeit. Von Nietzsche hatte ich aber schon im Vorfeld alles gelesen.

    Wenn Du den „Ulysses“ erst so irgendwann in der zweiten Hälfte des Jahres anfangen solltest, kannst Du ja mal Bescheid geben. Dann können wir evtl. parallel lesen – vorher werde ich wohl keine Zeit dafür finden… Musst Dich aber natürlich nicht danach richten bei Deinen Lektüre-Planungen… 😉

    Herzlichen Gruß und frohes neues Jahr,
    Anton

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    1. Den Ulysses hatte ich nicht vor so bald zu lesen – ich sage also gerne Bescheid, bevor ich es angehe! Als nächstes kommt wahrscheinlich Der Prozeß. Das Foto zeigt übrigens nur den winzig kleinen Teil meiner jetzt schon rund 50 Titel zählenden unvollständigen Liste. Vielleicht präsentiere ich sie mal, wenn sie etwas „runder“ geworden ist.
      Herzlichen Gruß zurück und auch Dir ein frohes neues Jahr
      Eva

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    1. Hm… mich überrascht es hingegen nicht unbedingt, dass Du es als kitschig empfunden hast. Hemmingway hat, finde ich, immer so etwas von bizarrem Macho-Kitsch. „For whom the bell tolls“ musste ich deshalb abbrechen und auch bei „The old man and the sea“ ist er hier und da zu finden, obwohl ich das noch ganz gut fand. „A moveable Feast“ gehört auf meiner Liste zu den Büchern, die ich weniger begeistert als skeptisch angehen werde. Aber ich möchte es doch irgendwie „hinter mich bringen“, nachdem ich es schon vor fünfzehn Jahren gekauft und angelesen habe… 😉

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  3. Liebe Eva,
    deinem Projekt werde ich gewiss mit Interesse folgen, sooft du darüber berichtest. Die dicken Klassiker sind für mich immer Angst-Lust-Objekte gewesen, die ich mir mit wechselndem Erfolg gelesen habe (Doktor Faustus mehr, Ulysses weniger). Gegenwärtig suche ich nach der verlorenen Zeit, als Hörbuch im Wechsel mit Papier.
    Viel Freude und Erfolg auf deinen verschiedenen Baustellen!
    Gruß
    Ule

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    1. Oh ja, die Suche nach der verlorenen Zeit! Vorletztes Jahr bin ich bis ins dritte Buch gekommen, dann kam ein großer Einschnitt in mein Leben und es blieb bis auf weiteres liegen. Steht also immer noch auf meiner Liste und wird dieses Jahr vorgenommen!
      Liebe Grüße
      Eva

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  4. Da der „Ulysses“ auch wieder auf meiner (Re-)Lektüreliste steht, möchte ich Sie darauf hinweisen, daß Suhrkamp voraussichtlich im Juli eine revidierte Übersetzung „auf der Grundlage der kritischen Edition des Originals“ herausgeben wird: http://www.logbuch-suhrkamp.de/harald-beck/uebersetzen-ist-ein-asymptotisches-handwerk/. Für mich ein mit Spannung und Neugier erwartetes Highlight des Bücherjahres 2018!

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  5. Liebe Eva,

    ich habe mir vor einem guten Jahr den gleichen Vorsatz gefasst und mir ebenfalls eine Klassiker-Liste mit 150 Werken erstellt. Falls du Interesse hast: https://wissenstagebuch.com/150-buecher/
    Ich hätte auch großes Interesse an einer gemeinsamen Ulysses-Lektüre; der englische Text liegt bereit und wartet geduldig.
    Ich habe die Suhrkamp-Gesamtausgabe von Prousts Monumentalwerk zu Weihnachten geschenkt bekommen und mache mich jetzt daran, das Lesen zu planen. Ich bin sehr gespannt darauf.
    Als besonderes lesenswert kann ich ,,1984″ und Feuchtwangers ,,Jud Süß“ empfehlen.

    Herzliche Grüße
    Jana

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