Deborah Feldman: Unorthodox

Als Unorthodox vor einigen Jahren erschien, wollte ich es gleich lesen. Allerdings studierte ich damals noch und hatte jede Menge Pflichtlektüre. Privat kam ich eigentlich nur noch zum Lesen, wenn ich meinen Kindern vorlas. Man kennt es. So geriet Unorthodox in Vergessenheit.

Dann kam die Netflix-Limited-Series. Die gefiel mir sehr gut, nur leider war sie so kurz. Den Ausschlag, das Buch dann doch auch noch zu lesen, gab eine Rezension von Juliane auf Poesierausch, in der sie schrieb, sie sei froh es gelesen zu haben, denn: „Deborah Feldmans Memoir ist nämlich um Längen besser als die Verfilmung.“

Zum Vergleich Serie – Buch komme ich später. Anschließend ziehe ich den Vergleich zu Chaim Potoks Roman Die Erwählten. Doch zunächst Deborah Feldmans Buch.

Das Buch

Unorthodox von Deborah Feldman

Deborah Feldman wuchs im New Yorker Stadtteil Williamsburg in der ultraorthodoxen chassidischen Satmarer-Gemeinde auf. Das Leben ist geprägt von strengen Regeln und Verboten. Zu den von vielen Juden mehr oder weniger befolgten Speiseregeln etwa kommen noch strenge Kleidervorschriften, Geschlechtertrennung, ein Verbot englischer Bücher und vieles mehr. Deborah ist das als Kind schon alles zu eng: sie möchte frei sein, selber denken. Doch sie weiß auch, dass ein Ausstieg endgültig wäre; ihre Mutter hatte früh die Gemeinde verlassen und war nun eine Ausgestossene, die als Verrückte bezeichnet wurde.

Deborahs Einstieg in den Ausstieg ist das Lesen verbotener englischer Bücher: Mathilda von Roald Dahl, Die Erwählten von Chaim Potok, Stolz und Vorurteil von Jane Austen, Little Women von Louisa May Alcott, Anne auf Green Gables von Lucy Maud Montgomery und noch einige mehr. Klassiker, bei denen sich viele Eltern freuten, wenn ihre Kinder sie läsen. Deborah muss sie unter der Matratze oder hinter der Kommode verstecken.

Trotz diesem frühen leisen Widerstand bleibt sie zunächst auf ihrem vorbestimmten Weg: mit 17 Jahren wird sie verheiratet, mit 19 bekommt sie ein Kind. Sie hatte sich von der Ehe mehr Freiheiten versprochen, aber es beginnt nur ein neuer Leidensweg. Sie leidet unter Vaginismus; und zu den Schmerzen kommt die Demütigung, dass die ganze Familie sich einmischt, sie unter Druck setzt und ihr die Schuld zuweist. Diese Phase ihres Lebens wird auch in der Netflixserie dargestellt.

Vergleich Serie – Buch

© Netflix

Es überrascht wenig, dass das Buch viel ausführlicher ist, es behandelt auch Deborahs Kindheit und alles wird insgesamt detailreicher dargestellt. Dadurch ist das Buch auch in gewisser Weise krasser – durch einige Erlebnisse, die in der Serie nicht vorkommen, wie auch durch die intensiven Schilderungen ihrer Gedanken und Gefühle. Andererseits ist der Bruch mit der Gemeinde in der Serie härter dargestellt: Esty (wie die Protagonistin in der Serie heißt) fliegt direkt von Williamsburg nach Berlin, völlig auf sich allein gestellt und ohne ihr Kind. Deborah zieht zunächst mit ihrem Mann aus Williamsburg in eine Kleinstadt in Upstate NY, wo sie etwas weniger überwacht ist und erkämpft sich so peu à peu ihre Unabhängigkeit. Nach Berlin kommt sie erst Jahre später.

Ein großer Unterschied liegt auch in der Bedeutung der Literatur: Heimliches Lesen spielt nicht nur inhaltlich eine große Rolle, Deborah Feldman nutzt ihre Lektüreerfahrung auch zur Strukturierung der Erzählung. Allen neun Kapiteln ist ein Zitat eines Buches vorangestellt, und innerhalb des Kaptitels nimmt sie immer wieder auf dieses Buch Bezug und reflektiert die Beziehung zu ihrem Leben. Schließlich beginnt sie selbst zu schreiben und studiert Literatur. Diese Rolle der befreienden Kunst fällt in der Serie der Musik zu: Esty erhält heimlich Klavierstunden und bewirbt sich in Berlin an der Musikhochschule.

Film und Buch sind grundsätzlich verschiedene Medien – eine zu große Texttreue bei der filmischen Adaption kann einer Untreue gegenüber dem Grundgedanken gleichkommen. Ich bin mir nicht sicher, ob man hier wie bei Übersetzungen von Wirkungsäquivalenz sprechen sollte, aber es geht sicher in die Richtung. Was das Lesen und Schreiben für Deborah bedeuten lässt sich im audio-visuellen Medium Film besser anhand von Musik verdeutlichen. Auch finde ich die Beschränkung auf die Jahre ihrer Ehe und die Radikalisierung ihres Befreiungsprozesses angesichts der Kürze der Serie überzeugend. Zudem finde ich sowohl die Regisseurin Maria Schrader als auch die Schauspieler*innen hervorragend und mir gefällt besonders, dass das Jiddische in der Serie viel präsenter ist.

Meines Erachtens lohnt es sich also tatsächlich, beides zu rezipieren.

Vergleich Die ErwähltenUnorthodox

© Europäische Verlagsanstalt CEP

Die Erwählten von Chaim Potok spielt wie Unorthodox in Williamsburg, allerdings etwa ein halbes Jahrhundert früher, während und kurz nach dem Zweiten Weltkrieg. Deborah Feldman reflektiert es im zweiten Kapitel.

Ich hatte noch nicht viel von der Serie gesehen als mir gleich Die Erwählten einfiel. Es ist fast 20 Jahre her, dass ich es (ich glaube zweimal) gelesen habe und es ist mir noch gut in Erinnerung. Was mir damals nie aufgefallen war, aber durch den Bezug zu Unorthodox geradezu ins Auge springt: In Die Erwählten kommen praktisch keine Frauen vor, oder sie spielen keine Rolle. Bedenkt man die strenge Geschlechtertrennung in chassidischen Gemeinden, ist das nicht überraschend. Aber dadurch wird Unorthodox mit seinem Fokus auf Frauen desto mehr eine wichtige Ergänzung zu diesem Klassiker.

Die Erwählten handelt von der Freundschaft zwischen Reuven Malters und Danny Sauders. Beide sind ungewöhnlich intelligent, beide Söhne von Rabbis. Aber Reuvens Vater ist liberal, Dannys der Rebbe einer chassidischen Gemeinde mit russischen Wurzel (die Satmarer, zu denen Deborah Feldman gehörte, stammen aus Ungarn). Nachdem Danny Reuven absichtlich beim Baseball schwer verletzt hat, will er ihn im Krankenhaus besuchen und lernt dort Reuvens Vater kennen, der zu einem wichtigen intellektuellen Sparringspartner wird. Schließlich freunden sich auch Reuven und Danny an. Beide lernen die unterschiedlichen jüdischen Welten des jeweils anderen kennen. Die sich zunächst gut entwickelnde Beziehung zwischen den Familien wird kompliziert, als die Väter konträre Positionen zur Gründung Israels einnehmen.

Danny ist in einem ähnlichen Dilemma wie Deborah, wenn auch in einer privilegierteren Position. Als Sohn des Rebbe muss er später dessen Platz als Führer der Gemeinde einnehmen, er möchte diese ihm zugedachte Rolle aber nicht ausfüllen. Wie Deborah lechzt auch Dannys Geist nach anderer als der ihm zugedachten Nahrung. Neben dieser intellektuellen Unterdrückung und dem Verbot, eigene Lebensentscheidungen zu treffen, ist Deborah allerdings noch anderen Einschränkungen, Verletzungen und Demütigungen ausgesetzt, die Danny nicht treffen.

In Die Erwählten lernt man viel über die Spiritualität und die Geschichte des Chassidismus, er wird nicht so ausschließlich negativ dargestellt wie in Unorthodox. Ich möchte ungern zu viel vorwegnehmen, aber ein wesentlicher Punkt in Die Erwählten war für mich, dass Reuven sich freiwillig dazu entschließt, Rabbi zu werden, wohingegen Danny, dem es vorherbestimmt war, dies erfolgreich verweigert. Nicht die Religion an sich ist so schlimm, sondern die Unfreiheit und der Dogmatismus. Als tolerante Atheistin finde ich das eine gute Botschaft. Diesen Gedanken greift Deborah Feldman dann im Nachwort zur deutschen Ausgabe dann doch noch auf, als sie schreibt:

„Ich verstehe mich immer noch als Jüdin, denn dies ist mein kulturelles Erbe, aber ich bekomme vom Judaismus nicht besonders viel spirituelle Nahrung. Ich versuche, meinen Sohn in keiner Weise in dieser Richtung zu beeinflussen; […] Wenn er erwachsen ist und sich entscheidet, ein Rabbiner werden zu wollen oder ein Talmud-Gelehrter, dann weiß ich, dass er aus eigenen Stücken zu seinem Judentum gefunden haben wird, und darin liegt der große Unterschied.“

Feldman, Deborah: Unorthodox. Epilog zur deutschsprachigen Ausgabe, München(btb E-Book), S. 650/688.

Wem Unorthodox gefallen hat, dem kann ich Die Erwählten sehr empfehlen.

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