Warum fällt der idealen Mutter das Kind in den See?

Close-Reading einer Szene aus Goethes Roman Die Wahlverwandtschaften

In Friedrich Kittlers berühmtem Essay zu Goethes Roman „Die Wahlverwandtschaften“ mit dem Titel „Ottilie Hauptmann“ heißt es, Ottilie sei die ideale Mutter.1 Ideal meint hier zum einen, dass sie nicht die reale, d.h. nicht die empirische Mutter des Kindes Otto ist, um welches sie sich wie eine Mutter kümmert.2 Zum anderen meint es aber, dass sie, analog zum Hauptmann, der den Prototyp des modernen Beamten verkörpert, der Prototyp der Mutter als Erzieherin ist: Die ideale, die beste Mutter für das junge 19. Jahrhundert.3 Hinsichtlich dieser zweiten Bedeutung drängt sich jedoch die Frage auf, wieso die „ideale Mutter“ das ihr anvertraute Kind in den See fallen lässt.

Die Szene birgt aber noch andere Auffälligkeiten: Es findet sich hier einer der an verschiedenen Stellen des Romans vorkommenden Tempuswechsel, und ebenso wie der Roman als Ganzes, zeichnet sich auch diese Stelle durch ihren hohen Symbolgehalt aus. Goethe selbst verstand das Symbolische des Werkes als dessen zentrale Idee.4 In den wenigen Sätzen der Szene finden sich verschiedene, zum Teil für den gesamten Roman wichtige Symbole: Ottilie als Penserosa (Buch und Kind tragend), die Platanen und Pappeln, das tendenziell unbeherrschbare Wasser.

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Claude Monet: Nympheas (Seerosen) ca. 1915, Neue Pinakothek München

Versagen der Sinne

In dem Ausschnitt, den ich hier genauer betrachten möchte, unterliegen Ottilies Sinne einer zunehmenden Verwirrtheit:

Die Sonne war untergegangen und es dämmerte schon und duftete feucht um den See. Ottilie stand verwirrt und bewegt; sie sah nach dem Berghause hinüber und glaubte Charlottens weißes Kleid auf dem Altan zu sehen. Der Umweg war groß am See hin; sie kannte Charlottens ungeduldiges Harren nach dem Kinde. Die Platanen sieht sie gegen sich über, nur ein Wasserraum trennt sie von dem Pfade, der sogleich zu dem Gebäude hinaufführt. Mit Gedanken ist sie schon drüben wie mit den Augen. Die Bedenklichkeit mit dem Kinde sich aufs Wasser zu wagen, verschwindet in diesem Drange. Sie eilt nach dem Kahn, sie fühlt nicht daß ihr Herz pocht, daß ihre Füße schwanken, daß ihr die Sinne zu vergehen drohn.

Schon die konventionelle Beschreibung „Die Sonne war untergegangen“ basiert im Grunde auf einer Sinnestäuschung. Ganz gleich wie sehr das Wissen darum, dass nicht die Sonne sich bewegt, sondern die Erde, sich gegenüber dem sinnlichen Eindruck zu behaupten versucht, in den Bereich konventioneller Formulierungen wie der vom Sonnenuntergang hat es nicht vordringen können. Die erste Sinnestäuschung bleibt daher bei weniger genauer Betrachtung unterhalb der Wahrnehmungsschwelle.

Noch im selben Satz steigert sich die Verwirrtheit zu einer immer noch recht harmlosen Vermischung olfaktorischer und haptischer Empfindungen zu der Synästhesie „duftete feucht“, wobei die Verbundenheit der Wörter noch auf der klanglichen Eben verstärkt wird durch die sich wiederholenden f- und t-Laute. Allerdings verändert sich der Geruch etwa von Gras, Holz und ähnlichem, das Ottilie in diesem Moment umgeben haben mag, tatsächlich bei gesteigerter Feuchtigkeit, so dass diese Synästhesie nicht zwingend als Zeichen für eine Verwirrung der Sinne gedeutet werden muss, man kann es auch als ein Zusammenwirken, eine Vermengung der Sinneseindrücke verstehen.

Im nachfolgenden Satz wird diese jedoch explizit: „Ottilie stand verwirrt und bewegt“, und die Verwirrung dehnt sich auf den Sehsinn aus: „sie sah nach dem Berghause hinüber und glaubte Charlottens weißes Kleid auf dem Altan zu sehen“. Sie glaubte das Kleid zu sehen: eine Formulierung, die besagt, dass es sich um eine Täuschung handelte. Die Täuschung mag zum Teil durch die innere Aufgewühltheit, in die die „ersten entschiedenen Küsse“ zwischen ihr und Eduard sie versetzt haben dürften, verursacht sein. Sie ließe sich jedoch auch auf die durch die hereinbrechende Dämmerung erschwerten Sichtverhältnisse zurückführen.

Als Steigerung der Verwirrtheit, des Nichtbeherrschens der Sinne, kommt es zu einer Loslösung ihrer Sinne von ihrer unmittelbaren Gegenwart, die Gedanken und Augen eilen voraus:

Der Umweg war groß am See hin; sie kannte Charlottens ungeduldiges Harren nach dem Kinde. Die Platanen sieht sie gegen sich über, nur ein Wasserraum trennt sie von dem Pfade, der sogleich zu dem Gebäude hinaufführt. Mit Gedanken ist sie schon drüben wie mit den Augen.

Zugleich mit dieser Loslösung des Sehsinns findet ein Tempuswechsel von Präteritum zu Präsens statt.5 Dieser könnte als Verwirrung über die Zeit gedeutet werden, doch hat das Tempus in fiktionalen Texten nicht nur die Funktion, Vergangenes oder Gegenwärtiges, also die Zeit, anzuzeigen. Der Tempuswechsel könnte demnach auch als Verschiebung der Perspektive vom Erzähler zu Ottilie verstanden werden.

Es ist aber andererseits ein Grundzug des Romans, dass die erzählte Zeit recht unbestimmt bleibt. Zwar bleiben naturzeitliche Abläufe nicht unerwähnt, ebenso ein nicht näher bestimmter Krieg. Geburtstage, Bauvorhaben und deren Umsetzung, Charlottes Schwangerschaft und das Heranwachsen des Kindes zeigen das Vergehen der Zeit an, doch nichts davon wird konkret fixiert: „Keine einzige Jahreszahl und kein einziges konkretes Datum werden genannt. Zeitangaben sind fast immer vage: „Einige Zeit später […]“ oder „So verfloß einige Zeit […].“6

Die zur Loslösung gesteigerte Verwirrtheit der Sinne steigert sich schließlich zum völligen Kontrollverlust, der Ohnmacht: „Sie eilt nach dem Kahn, sie fühlt nicht, daß ihr Herz pocht, daß ihre Füße schwanken, daß ihr die Sinne zu vergehen drohn.“ Ein schneller Herzschlag, Schwindel, Vergehen der Sinne (etwa Schwarzwerden vor Augen und Rauschen in den Ohren) können als Symptome einer Ohnmacht oder Synkope gedeutet werden. Synkopen aufgrund orthostatischer Dsyregulation zählen auch zu den Symptomen der Anorexie, was eine Deutung der Szene als Ohnmachtsanfall unterstützt. Zwar verweigert Ottilie erst nach dem Tod des Kindes völlig die Nahrungsaufnahme, jedoch zeigt sie auch vorher eine Tendenz hierzu. Auch Erzähltheoretisch betrachtet scheint der Zeitpunkt für eine Ohnmacht typisch: Inka Mülder-Bach zufolge „markiert sie stets eine Schwellensituation oder Handlungsperipetie“.7

Bedeutsam ist vor allem, dass Ottilie der Gleichgewichtssinn abhanden kommt. Am Ende des elften Kapitels wird Ottilie mit Kind und Buch, lesend und wandelnd, als „Penserosa“ beschrieben.8 Kurz bevor sie Eduard wieder trifft, wird dieses Bild noch einmal aufgerufen: „Sie trug das Kind und las im Gehen nach ihrer Gewohnheit.“ Hier besteht offensichtlich das Gleichgewicht noch. Aber als Ottilie in den Kahn springt ist dieses Gleichgewicht gestört, da das Kind und das Buch auf derselben Seite sind und Ottilie nicht mehr vermittelnd dazwischen steht.

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Stefan Lochner: Madonna im Rosenhag um 1450, Wallraf-Richartz-Museum Köln

Nun ist die Penserosa (vom italienischen pensierosa), die hier gemeint ist, nicht irgendeine Nachdenkliche, sondern die Mutter Gottes. Diese Deutung wird noch unterstützt durch die Ähnlichkeit der Szene mit der des Tableaux vivant, das Ottilie als Gottesmutter zeigte: das Kind ist – hier wie dort – eingeschlafen und Ottilie scheint von der Seite in einen Abglanz getaucht: hier von der Sonne, im Tableau vivant scheinbar vom Kind ausgehend.

Eine mögliche Interpretation wäre demnach, dass das Gleichgewicht gestört ist, da das Zusammentreffen mit Eduard und die entschiedenen Küsse, die sie wechseln, an Ottilies Heiligkeit rührt, sie also nicht mehr zur Penserosa Mutter Gottes taugt.

Verbindet man Friedrich Kittlers These, Ottilie sei die ideale Mutter, mit den Überlegungen zum gestörten Gleichgewicht, könnte man mutmaßen, dass Ottilie nicht mehr als ideale Mutter taugt, wenn sie sich anschickt, tatsächlich mit Eduard sich einzulassen und sich so der Möglichkeit nähert, tatsächlich Mutter zu werden, denn laut Kittler fallen ideale und empirische Mutter nicht zusammen.9

Libri et liberi

An dieser Stelle möchte ich eine sich nicht unmittelbar aufdrängende Überlegung einfügen und auf die klangliche Ähnlichkeit der Begriffe Kinder und Bücher im Lateinischen hinweisen: also liberi und libri.10 Wobei noch hinzu kommt, dass liber als Adjektiv frei bedeutet (und Eduard wird durch den Tod des Kindes frei) und zugleich Liber der Name des altitalienischen Gottes der Zeugung, der Fruchtbarkeit und des Wachstums ist, wodurch man die Möglichkeit einer tatsächlichen Mutterschaft Ottilies angedeutet sehen könnte. Das Kind steht aber nicht nur als Hindernis zwischen Ottilie und Eduard, sondern ist für Ottilie auch eine Kompensation der unerfüllten Liebe zu Eduard. In dem Moment, da Eduard ihr diese Liebe als erfüllbare darstellt, braucht sie das Kind als Ersatz nicht mehr.

Wichtiger ist aber vielleicht auch hier, dass Ottilie nicht mehr vermittelnd, als Lehrende, zwischen Buch und Kind steht. Andererseits liest sie aber kein Lehrbuch, sondern „eins von denen, die ein zartes Gemüt an sich ziehen und nicht wieder los lassen.“11 Zu bedenken ist, dass das Lesen um 1800 nicht den guten Ruf hatte, den es heute genießt. So warnte der Pädagoge Joachim Heinrich Campe 1785:

„Das unmäßige und zwecklose Lesen macht zuvörderst fremd und gleichgültig gegen alles, was keine Beziehung auf Literatur und Bücherideen hat; also auch gegen die gewöhnlichen Gegenstände die Attribute des häuslichen Lebens; also auch gegen das frohe Gefühl der Kleinen um uns her.“12

Kairos-Probleme

Ganz so arg scheint es ja bei Ottilie nicht zu sein, eindeutig ist aber, dass sie über dem Lesen die Zeit vergisst.13 In dieser Szene von Bedeutung ist vor allem ein Aspekt dieser weiter oben bereits erwähnten Zeitlosigkeit des Romans, nämlich das immer wieder vorkommende Verfehlen des richtigen Moments. Die Gegenwart kommt scheinbar nirgendwo zu ihrem Recht: Die Ehe von Eduard ist gegründet auf einer Verklärung der Vergangenheit, der richtige Zeitpunkt der Ehe, als sie jung waren, wurde verpasst. Die Verbindung Ottilie-Eduard wird in die Zukunft hinein imaginiert, ohne mit der Gegenwart verbunden zu sein. Die Gegenwart wird als tote, leere, nur zu überbrückende Zeit dargestellt. Der richtige Moment wird entweder dadurch verfehlt, dass zu sehr gezaudert wird oder zu sehr übereilt.

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Johann Heinrich Schönfeld: Allegorie der Zeit (Chronos und Eros) 1630er, Galleria Nazionale d’Arte Antica Rom

Hier kommt beides zusammen: Erst vergisst Ottilie die Zeit beim Lesen, dann zusammen mit Eduard, und schließlich versucht sie durch allzu große Eile, die Zeit wieder einzuholen. Ottilies Übereilung ist auch am starken Accelerando des Textrhythmus abzulesen: „Sie eilt nach dem Kahn, sie fühlt nicht daß ihr Herz pocht, daß ihre Füße schwanken, daß ihr die Sinne zu vergehen drohn.“ Der Parallelismus der Satzstruktur kombiniert mit dem anaphorischen, dreimaligen „daß ihr“ suggeriert eine beinahe Gleichzeitigkeit aufeinanderfolgender Symptome. Das gilt auch für die Handlungen der folgenden Sätze: „Sie springt in den Kahn, ergreift das Ruder und stößt ab. Sie muß Gewalt brauchen, sie wiederholt den Stoß, der Kahn schwankt und gleitet eine Strecke Seewärts.“ Eine solche Verlangsamung, die durch anschließende Übereilung ausgeglichen werden soll, bezeichnet man in der Musik als tempo rubato.

Schließlich verliert sie vollends die Kontrolle und die Übersicht, was sich in der Struktur der von Ellipsen und Parenthesen geprägten Sätze spiegelt:

Auf dem linken Arme das Kind, in der linken Hand das Buch, in der rechten das Ruder, schwankt auch sie und fällt in den Kahn. Das Ruder entfährt ihr, nach der einen Seite, und wie sie sich erhalten will, Kind und Buch, nach der anderen Seite, alles ins Wasser.

Der Versuch, die Zeit einzuholen, wird zugleich symbolisiert durch die Platanen, die sie sich gegenüber sieht, und die dem Chronos14 geweihte Bäume sind. Zudem suggeriert die Inversion „Die Platanen sieht sie gegen sich über“ statt „sich gegenüber“, die Platanen, und damit Chronos, seien Ottilies Gegner oder würden von ihr als solche empfunden. Es entspricht der Dichte des Romans, dass diese Platanen außerdem von Eduard am Tage von Ottilies Geburt gepflanzt wurden15, zugleich der Ort der ersten öffentlichen Liebesbekundung zwischen Eduard und Ottilie (als sie zusammen von dort aus das Feuerwerk betrachten)16 und zusätzlich (d.h. wohl eben darum) Ottilies Lieblingsplatz17 sind.

Analog zum beschriebenen Kontrollverlust hinsichtlich der Sinne und der Zeit zeigt sich immer wieder und eben auch in dieser Szene die Unbeherrschbarkeit der Natur: als Wasser. Trotz aller gärtnerischen und landschaftsarchitektonischen Bemühungen, die Natur nach den eigenen Wünschen zu gestalten, gelingt es nicht, sie vollständig zu beherrschen. Es ist auffällig, dass alle Unfälle des Romans, ob tödlich oder nicht, Wasserunfälle sind: der Dammbruch an Ottilies Geburtstag und schließlich Ottos Ertrinken.18


1 Vgl.: Kittler, Friedrich: Ottilie Hauptmann, in: Bolz, Norbert W.: Goethes Wahlverwandtschaften. Kritische Modelle und Diskursanalysen zum Mythos Literatur, Hildesheim (Gerstenberg) 1981, S. 264.

2 „Durch diese sonderbare Verwandtschaft (dass sich Ottilies und des Kindes Augen so gleichen, E.W.) und vielleicht noch mehr durch das schöne Gefühl der Frauen geleitet, welche das Kind eines geliebten Mannes auch von einer Anderen mit zärtlicher Neigung umfangen, ward Ottilie dem heranwachsenden Geschöpf so viel als eine Mutter, oder vielmehr eine andere Art von Mutter.“ Goethe, Johann Wolfgang: Die Wahlverwandtschaften. Ein Roman, Frankfurt a. M. (Insel) 2009 (diese Ausgabe zuerst 2002), S. 258.

3 Vgl.: Kittler, Friedrich: Ottilie Hauptmann, in: Bolz, Norbert W.: Goethes Wahlverwandtschaften. Kritische Modelle und Diskursanalysen zum Mythos Literatur, Hildesheim (Gerstenberg) 1981, S. 263.

4 Vgl.: Riemer, Friedrich Wilhelm: Tagebuch, Karlsbad, 28. August 1808: „Er [Goethe, E.W.] äußerte: Seine Idee bei dem neuen Roman Die Wahlverwandtschaften sei: sociale Verhältnisse und die Conflicte derselben symbolisch gefasst darzustellen.“ Zitiert nach: Goethe, Johann Wolfgang von: Werke, Kommentare und Register. Hamburger Ausgabe 14 Bänden, Band 6. Romane und Novellen I, S. 638.

5 Solche Wechsel finden sich an verschiedenen mehr oder weniger bedeutsamen Stellen des Romans. Eine eingehende Untersuchung zu deren Bedeutungsmöglichkeiten liegt noch nicht vor, obgleich es viele Arbeiten über die Zeit bzw. Zeitlosigkeit in den Wahlverwandtschaften gibt.

6 Maurer, Michael: Verfehlte Geburtstage und verpatzte Feste. Zeitkultur in den Wahlverwandtschaften. In: Hühn, Helmut [Hrsg.]: Goethes Wahlverwandtschaften. Werk und Forschung, Berlin/New York (De Gruyter), 2010, S. 406.

7 Mülder-Bach, Inka: Die „Feuerprobe der Wahrheit“. Fallstudien zur Weiblichen Ohnmacht (23.01.2004) In: Goethezeitportal.

8 Goethe, Johann Wolfgang: Die Wahlverwandtschaften. Ein Roman, Frankfurt a. M. (Insel) 2009 (diese Ausgabe zuerst 2002), S. 258.

9 „Selbstredend gibt es keine ideale und empirische Mutter.“ Kittler, Friedrich: Ottilie Hauptmann, in: Bolz, Norbert W.: Goethes Wahlverwandtschaften. Kritische Modelle und Diskursanalysen zum Mythos Literatur, Hildesheim (Gerstenberg) 1981, S. 266.

10 Auch Friedrich Kittler nutzt diese Ähnlichkeit für ein Wortspiel: „Und selbst wenn diese Pädagogik des liberi et libri beim Tod des Kleinen in ein liberi aut libri umschlägt, dann nur um den Romanfiguren das Phantasma einer zugleich idealen und empirischen Mutterschaft einzuflößen“, Ebd. Er bezieht sich hier wohl auf Nietzsches Diktum, man habe sich hinsichtlich der Nachkommenschaft beizeiten zu entscheiden, wobei es dort lautet: aut liberi aut libri. Vgl.: Nietzsche, Friedrich: Nachlaß 1884-1885. Kritische Studienausgabe. Herausgegeben von Giorgio Colli und Mazzino Montinari, München (dtv) 1999, S. 637.

11 Goethe, Johann Wolfgang: Die Wahlverwandtschaften. Ein Roman, Frankfurt a. M. (Insel) 2009 (diese Ausgabe zuerst 2002), S. 268.

12 Zitiert nach: Hörisch, Jochen: Eine Geschichte der Medien. Vom Urknall zum Internet, Frankfurt a. M. (Suhrkamp) 2004, S. 157.

13 Hinzu kommt, dass Lesen kein unmittelbar sinnliches Wahrnehmen ist, sondern ein abstrahiertes. Man sieht zwar auch die Buchstaben, aber sie sagen nichts an sich, sondern nur dann, wenn man weiß, was sie bedeuten. Man fühlt und riecht eventuell auch das Buch, hört das Seitenumschlagen, aber die Wahrnehmungen werden wahrscheinlich von den im Buch beschriebenen überdeckt. Insofern könnte man auch hier von einer gewissen Loslösung der Sinne von der unmittelbaren (beziehungsweise nur durch die Sinne und nicht durch zusätzliche Medien vermittelte) Gegenwart sprechen.

14 Vgl.: Reusch, Judith: Zeitstrukturen in Goethes Wahlverwandtschaften, Würzburg (Königshausen & Neumann) 2004, S. 71. Wobei zu bedenken ist, dass der günstige Zeitpunkt, der im Roman immer wieder verpasst wird, nicht durch Chronos, sondern durch Kairos personifiziert wird. Reusch versucht ebenda auch eine Deutung der Platanen als Symbole des Todes. In dieser Baumgruppe stehen außerdem auch Pappeln, die von Wolf Kittler als „antiker Todesbaum“ bezeichnet werden, zugleich sieht er aber Platanen nicht als Todesbäume. Vgl.: Kittler, Wolf: Goethes Wahlverwandtschaften: Sociale Verhältnisse symbolisch dargestellt. In: Bolz, Norbert W.: Goethes Wahlverwandtschaften. Kritische Modelle und Diskursanalysen zum Mythos Literatur, Hildesheim (Gerstenberg) 1981, S. 253.

15 Vgl.: Goethe, Johann Wolfgang: Die Wahlverwandtschaften. Ein Roman, Frankfurt a. M. (Insel) 2009 (diese Ausgabe zuerst 2002), S. 121.

16 Vgl.: Ebd. S. 125.

17 Vgl.: Ebd. S. 238.

18 Vgl.: Herrmann, Elisabeth: Die Todesproblematik in Goethes Roman „Die Wahlverwandtschaften“, Berlin (Erich Schmidt) 1998, S. 86.

19 Goethe, Johann Wolfgang: Die Wahlverwandtschaften. Ein Roman, Frankfurt a. M. (Insel) 2009 (diese Ausgabe zuerst 2002), S. 40.

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