Poetik der Unterstreichung – Vorbemerkungen

Die einen lieben es, den anderen ist es ein Dorn im Auge: das Unterstreichen und Anbringen von Randbemerkungen in Büchern, eigenen oder gar – Schocker! – Bibliotheksexemplaren. Ich finde es in erster Linie interessant. Neben mysteriösen Bemerkungen in Bibliotheksbüchern faszinieren mich besonders Unterstreichungen und Marginalien als Motiv in Romanen. Über deren Poetik hatte ich vor einiger Zeit schon einmal hier auf dem Blog geschrieben und die Lektüre des Zauberbergs hat es mir wieder ins Gedächtnis gerufen, auch wenn das Unterstreichen dort eine weniger gewichtige Rolle spielt als der Bleistift. Da ich das Thema aber so spannend finde, möchte ich ihm eine ganze Beitragsreihe widmen. Doch zunächst einige grundsätzliche Bemerkungen zum Motiv.

unterstreichungen_fotor
Meine eskalierten Anmerkungen in Benjamins Surrealismus-Essay

Intensivierung des Lesevorgangs

Texte mit Unterstreichungen und handschriftlichen Marginalien zu versehen gehört zum Grundrepertoire literaturwissenschaftlicher Praxis und erfüllt viele wichtige Funktionen: Argumentations-, Erzähl-, sowie rhetorische Strukturen sollen hervorgehoben werden; Stellen, die man zu zitieren gedenkt, werden markiert, um sie später schneller wiederzufinden; Marginalien können Querverweise zu anderen Texten oder Kunstwerken oder anderen Stellen desselben Textes sein oder eigene Gedanken. Oft entwickeln sich dabei persönliche Strategien und Zeichensysteme, mitunter fast bis ins Zwanghafte gesteigert – manche Literaturwissenschaftler räumen ein, gar nicht mehr ohne Bleistift lesen zu können. Ebenso gehört es zu den Erkenntnismitteln der Philologie, Unterstreichungen und Marginalien in den Bänden der Privatbibliotheken von Schriftstellern zu untersuchen, um daraus Rückschlüsse auf deren Werk zu ziehen.1

Weißer Fleck der Motivforschung

Die persönliche Beziehung zum Unterstreichen, sowie der Glaube an die Aussagekraft und Lesbarkeit der Unterstreichungen Anderer müsste eigentlich die Sensibilität für Stellen literarischer Texte stärken, in denen von Romanfiguren an (literarischen) Texten angebrachte Unterstreichungen oder von anderen Romanfiguren gefundene Unterstreichungen von Bedeutung sind. Umso erstaunlicher ist es, dass die Unterstreichung als Motiv in literarischen Werken meines Wissens bisher noch nicht untersucht wurde. Beispiele für das Motiv der Unterstreichung, die einer eingehenden Untersuchung wert sind, sind vergleichsweise2 selten und schwer zu finden. Verhältnismäßig oft wird das Motiv des Unterstreichens in deutschsprachigen epischen Formen der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts verwendet, so bei Stifter, Storm und Fontane. Robert Musils Mann ohne Eigenschaften ist ein späteres Beispiel, das sich zum Teil deutlich von denen des 19. Jahrhunderts unterscheidet.

Verräterische Unterstreichung

Die unterstreichenden Figuren in diesen Texten sind keine professionellen Leser, die Funktionen der Unterstreichungen weichen also eventuell von den zuvor genannten der literaturwissenschaftlichen Praxis ab. Beim ,privaten‘ Lesen ist die Unterstreichung eine Möglichkeit, für sich selbst im Moment des Lesens die Bedeutung des Gelesenen zu betonen, zum Beispiel Zustimmung oder Ablehnung Ausdruck zu verleihen. Das kann rein impulsiv geschehen oder bereits mit dem Gedanken, dass man die Stelle eventuell später wiederfinden möchte, um sie selbst noch einmal zu lesen oder einem anderen zu zeigen. Trotz aller möglichen Abweichungen der Funktionen stellt das Unterstreichen und Annotieren sowohl beim professionellen als auch beim privaten Lesen eine Intensivierung des Lesevorgangs dar: Der Leser verhält sich zum Text, setzt sich zu ihm in Beziehung, interpretiert ihn und macht ihn dabei zu etwas Eigenem. Der expressive Duktus der Unterstreichung gibt dabei viel von der Haltung dem Text gegenüber preis und kann auch etwas über das Wesen des Unterstreichenden verraten. So verrät eine mit dem Lineal mit der stets gleichen Strichstärke im stets gleichen Abstand zur Textzeile absolut parallel gezogenen Linie vielleicht weniger über das Verhältnis des Lesers zur Textstelle, aber doch etwas über dessen Akkuratesse und damit über seinen (zwanghaften?) Charakter. Rückschlüsse dieser Art sind allerdings vorurteilsbelastet.

Bei den in den kommenden Beiträgen behandelten Beispielen von Unterstreichungen als Motiv wird dem Leser des Romans jedoch nicht exakt vermittelt, was im Einzelnen unterstrichen wurde und wie: Er hat die überarbeiteten Textversionen nicht optisch vor sich, sondern nur der Leser innerhalb des Romans. Der externe Leser des Romans ist somit auf die Beobachtungen und Urteile des internen Lesers angewiesen, wo sich nicht andere Hinweise im Text finden.

Formen des Motivs und mögliche Funktionen

Die Ausgangshypothese der Beitragsreihe ist, dass die Unterstreichungen zunächst Ausdruck der Auseinandersetzung des Lesers nicht nur mit dem Text, sondern besonders auch mit sich selbst sind, und insofern einem späteren Leser, der die Unterstreichungen (gebeten oder ungebeten) mitliest, Aufschluss über die Persönlichkeit des Unterstreichenden geben oder doch zumindest zu geben scheinen. Verschiedene Erzählungen Theodor Fontanes (insbesondere Graf Petöfy, Unwiederbringlich und Quitt, aber auch Mathilde Möhring und Irrungen, Wirrungen) bieten Beispiele, die helfen sollen, diesen Punkt herauszuarbeiten.

Wird nun der unterstrichene und damit bearbeitete und kommentierte Text bewusst weitergegeben, bekommt ein anderer Punkt größere Bedeutung: Der ursprüngliche Leser gibt dem späteren eine Lesart vor – es ist unmöglich, die Unterstreichungen nicht zu berücksichtigen. Ein entsprechendes Beispiel findet sich in Fontanes Effi Briest.

In dieser Hinsicht besonders beziehungsreich ist eine Stelle in Adalbert Stifters Der Nachsommer: Mathilde vermacht ihrem Sohn Gustav ihre Ausgabe von Goethes Gesammelten Werken, samt den enthaltenen Bleistiftanstreichungen und Randbemerkungen, durch welche das Geschenk erst wird, was es sein soll: „So werden die Bücher immer ein Band zwischen uns sein, wo immer wir uns auch befinden.“3 Einerseits wird Gustav durch diese Aussage sowie durch die Unterstreichungen sozusagen an die Leine genommen, angebunden. Andererseits gibt Mathilde durch die Unterstreichungen etwas von sich preis; das darin zum Ausdruck kommende Vertrauen stärkt die Bindung zwischen Mutter und Sohn. In diesem doppelten Sinne wird der Text zu einem Band zwischen ihnen.

Lenkung des späteren Lesers, damit verbundene Machtausübung und Bund beider Leser sind auch die Aspekte, die eine der Motivvarianten in Musils Der Mann ohne Eigenschaften bestimmen, wenn auch in anderer Ausformung als im Nachsommer: General Stumm von Bordwehr macht Annotationen in Bibliotheksexemplaren, von denen er weiß, dass seine verehrte Diotima sie lesen wird, und bezeichnet das als „heimliche geistige Hochzeit“ – von der sie allerdings nichts weiß und der sie niemals zustimmen würde, gegen die sie sich aber nicht wehren kann. Der Mann ohne Eigenschaften enthält auch noch einige weitere Varianten des Unterstreichungsmotivs, die im Zusammenhang mit der Figur Clarisse stehen und sich in mehrfacher Hinsicht von allen anderen genannten Motivvarianten unterscheiden: Hier steht der Akt des Unterstreichens eigener Texte im Vordergrund, verbunden mit einer hohen Expressivität der Striche. Viele dieser letztgenannten Motivvarianten finden sich nicht in den zu Musils Lebzeiten veröffentlichten Bänden, sondern in den Druckfahnen, die 1937/38 an den Verlag gesendet aber dann wieder zurückgezogen worden waren, und die Musil in den Jahren bis zu seinem Tod immer wieder überarbeitet hat, sowie im sonstigen Nachlass.

Zugrundeliegender Motivbegriff

Der Begriff ,Motiv‘ ist in der Literaturwissenschaft, im Gegensatz etwa zur Musikwissenschaft, nicht unumstritten. Ulrich Mölk schlägt daher in seinem Beitrag zum ,Motiv‘ im Historischen Wörterbuch Ästhetische Grundbegriffe vor, der Interpret möge für seine Arbeit jeweils definieren, was er Motiv nennt.4 Den Erkenntnissen folgend, die Natascha Würzbach bei der Erstellung eines Motiv-Index zum Child-Korpus gewinnen konnte, verstehe ich Motiv hier zunächst als „begriffliche Repräsentation eines Konzeptes, das in verschiedenen Einzeltexten realisiert und damit auch konkretisiert wird“5; es ist dabei spezifischer als das Thema und allgemeiner als der Stoff.6

Charakteristisch für den Motivbegriff ist die paradigmatische Rekurrenz,7 die für das Unterstreichungsmotiv durch die Auswahl von Beispielen aus acht Texten von drei Autoren nachgewiesen ist. Was mich aber vor allen Dingen interessiert, ist die syntagmatische Integration des Motivs in seinen jeweiligen Textzusammenhang.

Ein deutsch-österreichisches Phänomen des 19. Jahrhunderts?

Hinsichtlich der paradigmatischen Rekurrenz des Motivs ,Unterstreichungen und Marginalien‘ ist mir während der Voruntersuchung aufgefallen, dass ich fast ausschließlich deutschsprachige Texte, frühestens aus dem 19. Jahrhundert finden konnte. Es scheint sich in anderen Sprachen (ich habe besonders in englischen, italienischen, französischen und russischen Texten gesucht) keine vergleichbare Tradition ausgebildet zu haben. Ich wäre extrem dankbar für Hinweise auf Texte aus anderen Sprachen oder Epochen, in denen das Motiv vorkommt!

Ob das relativ späte Auftreten des Motivs mit einem Anstieg der Häufigkeit von Unterstreichungen im Alltag dieser Zeit korreliert (zum Beispiel ermöglicht durch einen leichteren Zugang zu Büchern) oder ob Unterstreichungen schon vorher häufig waren, aber erst durch Konzepte realistischer Literatur als einer Darstellung würdig erachtet wurden, vermag ich augenblicklich nicht zu beurteilen. Auch diese Frage verdient eine eingehende Untersuchung, doch wer weiß, wann ich dafür die Zeit erübrigen können werde.

Die Untersuchung der Texte soll nicht chronologisch (nach Entstehung der Texte) erfolgen, sondern inhaltlich aufeinander aufbauend: Ich will daher zunächst die Motivvarianten bei Fontane, dann bei Stifter und schließlich bei Musil vorstellen.

Was mich auch noch interessiert: Wie steht Ihr persönlich zum Unterstreichen? Intensiviert es Euer Leseerlebnis? Verschandelt es die schönen Bücher? Seid ihr hemmungslos farbig, mit Kugelschreiber, Fineliner oder gar Textmarker zugange? Oder ist nur ein zarter Bleistiftstrich hier und da gerade noch zu tolerieren?


1 Zu diesen beiden Techniken der Literaturwissenschaft gibt es einige Bemerkungen in: Körte, Mona [Hrsg.]; Ortlieb, Cornelia [Hrsg.]: Verbergen – Überschreiben – Zerreißen. Formen der Bücherzerstörung in Literatur, Kunst und Religion, Berlin (Erich Schmidt) 2007. Wie der Untertitel schon erkennen lässt geht es in dieser Arbeit vorrangig um den Aspekt der Zerstörung der Bücher (dabei lediglich unter anderem durch Anstreichungen und Annotationen) und nicht um die hier behandelte Frage nach Unterstreichungen als literarischem Motiv.

2 Verglichen beispielsweise mit dem verwandten Motiv der Lesens, bzw. des Lesers, die beide bereits breit besprochen worden sind.

3 Stifter, Adalbert; Doppler, Alfred [Hrsg.]; Frühwald, Wolfgang [Hrsg.]: Werke und Briefe. Historisch-kritische Gesamtausgabe, Band 4,1. Der Nachsommer. Eine Erzählung. Erster Band, herausgegeben von Wolfgang Frühwald und Walter Hettche, Stuttgart (Kohlhammer) 1997, S. 250.

4 Mölk, Ulrich: Motiv. In: Barck, Karl-Heinz [Hrsg.]: Ästhetische Grundbegriffe. Ein Historisches Wörterbuch in sieben Bänden, Band 4, Stuttgart (Metzler) 2002, S. 225-234, hier S. 234.

5 Würzbach, Natascha: Theorie und Praxis des Motiv-Begriffs. Überlegungen bei der Erstellung eines Motiv-Index zum Child-Korpus. In: Jahrbuch für Volksliedforschung, 38. Jahrg. (1993), S. 64-89, hier S. 65.

6 Ebd., 70.

7 Ebd., S. 67.

Werbeanzeigen

27 Gedanken zu “Poetik der Unterstreichung – Vorbemerkungen

  1. Was für eine interessante Idee, diese Unterstreichungen und Anmerkungen als Motiv zu untersuchen. Als erstes ist mir aber keine Hochliteratur eingefallen, sondern Harry Potter, der im Band HP und der Halbblutprinz ein annotiertes Schulbuch in die Hände bekommt, das ihm ungeahnte Erfolge im Fach Zaubertränke beschert. Die Anmerkungen stellen auch hier eine besondere und nicht ungefährliche Verbindung zwischen dem Erst- und Zweitleser her.

    Gefällt 4 Personen

    1. Ach so! Das kenne ich natürlich, habe ich mehrfach meinen Kindern vorgelesen und der HBP ist mein Lieblingsband – verstehe gar nicht, warum ich da nie dran gedacht habe. Ich werde es auf jeden Fall unter diesem Gesichtspunkt nochmal lesen. Vielen Dank!

      Liken

  2. Spannend!
    Witzig auch, dass ich soeben Bücher aussortiert habe zum Weiterverkauf, aus denen ich zuvor so einige Unterstreichungen entfernen musste. Zum Glück tue ich dies nur mit Bleistift, weil ich Bleistift so liebe. Die Unterstreichungen mache ich entweder für Blogzitate oder vor allem bei Lyrik allein für meinen Genuß.
    Viele Grüße!

    Gefällt 2 Personen

    1. Ich liebe Bleistifte auch, benutze sie aber vornehmlich zum Schreiben. In Büchern wenige Zeilen zart anzustreichen, habe ich erst wieder mit dem Zauberberg begonnen. Davor habe ich jahrelang nur in Kopien unterstrichen, niemals aber in Büchern, nachdem ich als Jugendliche dem schlechten Vorbild meines Vaters gefolgt war, kaum etwas NICHT zu unterstreichen. Ich habe bei dem Thema also alle Facetten durchgespielt. 😉

      Gefällt 1 Person

  3. Der Malte Brigge Roman von Rilke. Da geht es zwar nicht um Unterstreichungen. Aber in der Ausgabe, die ich hatte, wurden manche Marginalien, die Rilke bei den Manuskripten an den Rand geschrieben hatte, als solche vermerkt.
    Ich selbst finde Untertreichungen und Randnotizen zwar spannend. Kann mich selbst dazu nicht durchringen. Vielleicht weil ich es von anderen Leuten kenne und als eine Art Verletzung empfinde. Nur einmal habe ich einen Ausruf an den Rand geschrieben. Für Zitate nehme ich kleine Postits.
    Ich mag es, wie du ein Thema aufgreifst, das scheinbar marginal ist, aber oft präsent. Zwischen den Zeilen sozusagen.

    Gefällt 2 Personen

    1. Von Malte Laurids Brigge habe ich – vor Jahren – nur den Anfang gelesen. Müsste noch hier stehen. Wonach ich aber eigentlich suche, sind Beispiele, wo die Unterstreichungen Teil der Geschichte sind. Wobei so eine Ausgabe mit Marginalien des Autors sicher auch spannend ist.
      Ich benutze auch Post-its zum Markieren von Stellen, manchmal habe ich hundert in einem Buch. Zwar habe ich jetzt im Zauberberg doch mal was mit Bleistift angestrichen, kann Deinen Widerwillen aber total nachvollziehen. Mich stört dabei unter anderem, dass mich die Striche irritieren, wenn ich das Buch nach Jahren noch einmal lese. Ich kann die Geschichte dann schlecht noch einmal ganz neu lesen. Mein Vater hat sich dann immer eine neue Ausgabe gekauft, aber das will ich auch nicht – schon aus ökologischen Gründen nicht.
      Es freut mich, dass Dir mein Umgang mit Literatur gefällt. Als ich mit dem Blog anfing, habe ich mich mehr an anderen Blogs orientiert und gedacht, so ähnlich müsse ich es auch machen (viele Rezensionen zu Neuerscheinungen und so), aber so wie ich es jetzt mache, macht es mir einfach mehr Spaß!

      Gefällt 1 Person

  4. Ich muss gestehen, dass ich während meines Studiums auch hin und wieder in Bibliotheksexemplaren herumgekritzelt habe. Aber immer nur mit Bleistift! – Das ist natürlich eine verwerfliche Tat – wenn ich nämlich meinerseits ein Buch ausleihe, das schon bearbeitet ist und die Notizen und Gedanken eines anderen enthält, ist das Buch für mich nicht mehr zu gebrauchen. Es gibt einen schönen Satz von Schopenhauer zu fremden Gedanken, den ich hier aber aus Gründen der Pietät nicht zitiere…
    Jedenfalls: Markierungen, Anmerkungen und Unterstreichungen finde ich als literarisches Motiv sehr interessant. Und mir selbst macht es Spaß, einen Text derart zu bearbeiten. Aber wie gesagt: Immer mit Bleistift. Jedoch niemals mit Lineal. Durchstreichungen sind übrigens eine zusätzliche Möglichkeit. Dabei fühlt man sich dann sehr radikal. 😉

    Gefällt 2 Personen

    1. Sehr radikal kritisch war auch der Leser (möglicherweise auch die Leserin) die sich über das Exemplar von Adornos „Jargon der Eigentlichkeit“ hergemacht hatte, das ich vor Jahren mal aus der Bibliothek ausgeliehen hatte – er (oder sie) wusste es halt einfach besser und zwar alles. Ich müsste mir das Exemplar nochmal beschaffen und Fotos machen, es war einfach nicht zu fassen. Leider erinnere ich mich nicht mehr an konkrete Marginalien, aber sie wären schmückende Beispiele für jeden Essay zum Thema.

      Gefällt 1 Person

  5. Das Thema ist spannend, ich werde es sicher weiter verfolgen. Auf Unterstreichungen als Motiv in der Literatur habe ich bisher gar nicht bewusst geachtet, das ändert sich ab heute, du hast meinen Blick (mal wieder) geschärft.
    Als Leserin unterstreiche und kommentiere ich gerne, mit Bleistift, auch mit post-its für Ausführlicheres, die auch den Vorteil haben, von außen sichtbar zu bleiben und damit das Wiederauffinden von Stellen zu unterstützen. Es gibt auch Bücher, zu denen ich während solcher Art Lektüre ein eigenes Schlagwortregister der kommentierten Themen anlege, das ich auf einem Zettel hinten hinein lege
    Ich empfinde das Unterstreichen als eine Verstärkung meiner aktiven Haltung zu dem Buch, bei komplexen Texten als Strukturierungshilfe zur besseren Verfolgung des Gedankengangs, aber auch als Diskussion mit dem Autor.
    Wenn ich solche Bücher mit dem Abstand einiger Jahre wieder in die Hand nehme, staune ich oft, was und wie ich „damals“ gedacht habe. Ich erkenne daran den Weg meiner geistigen Entwicklung, was ich sehr aufschlussreich finde.
    Also, im Gegensatz zu dir fühle ich mich durch diese Wiederbegegnung bei erneuter Lektüre nicht an einer neuen Sichtweise gehindert, sondern erhalte eher eine zusätzliche Diskussionsebene hinzu.

    Gefällt 2 Personen

    1. Ein Schlagwortregister ist auch eine gute Idee! Ich hatte mal so etwas – allerdings in digitaler Form – für Stifters Nachsommer angelegt, als ich die Rolle der Musik im Verhältnis zu den anderen Künsten in dieser Erzählung untersucht habe. Im Nachsommer gibt es übrigens auch eine interessante Stelle zum Wiederlesen von eigenen Unterstreichungen, die sehr zu dem passt, was Du beschreibst. Dazu kommt auch ein Beitrag, kann aber etwas dauern, weil ich zuerst Fontane abarbeiten möchte.
      Freut mich sehr, dass Dich das Thema auch interessiert!

      Liken

  6. Sehr spannendes Thema! Spontan fiel mir dazu ein: im 19. Jahrhundert gab es die Praxis des „durchschossenen“ Exemplars eines Buches: eine Seite Text wurde abwechselnd mit einer frei bleibenden Seite für persönliche Anmerkungen gebunden. Sodann: für die Suche nach Beispielen aus der Literatur empfehle ich die Volltextsuchfunktion des Hathi Trustes (https://www.hathitrust.org/). Im Volltext durchsuchbar sind dort nicht nur Millionen älterer Titel, sondern auch jüngere, urheberrechtlich geschützte Literatur. Dort bekommt man dann Fundstellen angezeigt. (Aber vielleicht kennst du das ohnehin schon…) Ein letztes: Ich hatte eine Deutschlehrerin, die stolz berichtete, jedes Buch dreifach zu besitzen: ein persönliches Leseexemplar mit der Möglichkeit für Anstreichungen, ein Arbeitsexemplar für die Schule, und ein „Ansichtsexemplar“ für den heimischen Bücherschrank. Ein natürlich absurd auf die Spitze getriebener Luxus, der aber anschaulich das Dilemma beleuchtet. Wissenschaftliche Bibliotheken beispielsweise warnen Ihre Kundschaft eindringlich vor unsachgemäßem Gebrauch der entliehenen Bücher, sind aber zugleich stolzer Besitzer älterer mit Anmerkungen versehener Exemplare (aus denen sich in der Tat wichtige Erkenntnisse über Vorbesitzer oder Leseverhalten allgemein in früheren Zeiten gewinnen lassen). Es ist eben noch lange nicht das gleiche, wenn zwei das gleiche machen 😉 (Ich persönlich halte übrigens den psychomotorischen Aspekt beim Denken, also z. B. mit Stift lesen, für enorm wichtig. Es ist ja letztlich die Trennung von Körper und Geist nur eine Behauptung, oder, theologisch betrachtet, eine Forderung – aber da kommen wir ja gänzlich ab vom Thema…)

    Gefällt 2 Personen

    1. „im 19. Jahrhundert gab es die Praxis des „durchschossenen“ Exemplars eines Buches“ – spannend! Hatte ich noch nicht von gehört.
      Vielen Dank für den Hathi-Trust-Tipp; Volltextsuche verwendet ich zwar natürlich, aber diese Quelle war mir nicht bekannt.
      Bezüglich der Lehrerin würde mich interessieren, worin der Unterschied zwischen den persönlichen Anstreichungen und denen für den Unterricht besteht. Und ob sie nicht (wie mein Vater) jedesmal ein neues Unterrichtsexemplar bräuchte – oder behandelt sie das Buch immer wieder gleich? Wie mein Kunstlehrer, der Generationen von Schülern die immergleichen blöden Bilder malen ließ („Blaue Kuh auf lila Dächern“).🤦🏻‍♀️
      „Es ist eben noch lange nicht das gleiche, wenn zwei das gleiche machen“ Ja, ja: Quod licet iovi non licet bovi…
      Und ja, es liest sich anders mit Stift in der Hand, sozusagen mit Vorsatz. Mit der Körper-Geist-Einheit habe ich allerdings manchmal meine liebe Not. (Wenn der Körper einfach nicht mitmachen will, was der Geist vorgibt, empfinde ich das als Konkurrenzsituation und schlage mich parteiisch auf die Seite des Geistes – cogito ergo sum -> Ich = Geist.)

      Gefällt 1 Person

  7. Bei der Lehrerin kann ich da im Rückblick nur mutmaßen (sowohl ihr Unterricht als auch ihr Wesen hatten mir schon als Schüler missfallen). Persönlich setzte sie sich als „Germanistin“ mit der Literatur auseinander. Die Aufbereitung dieser „Erkenntnisse“ für den Unterricht überließ sie dann vermutlich dem „Arbeitsexemplar“. Das Allergruseligste aber (wenn ich da jetzt nicht mein fragmentiertes Gedächtnis zwei Lehrer*innen in einen Topf wirft): sie benutzte verschieden farbige Marker für Anstreichungen, die unterschiedlichen Themenkomplexen angehörten. Ihr Unterricht war jedenfalls im Sinne deines Kunstlehrerbeispiels stereotyp. Die von Dir beschriebene „liebe Not“ kenne ich natürlich! Aber vielleicht gibt es manchmal ein Hintertürchen aus der „Konkurrenzsituation“. Sagen wir mal so: ich versuche den Geist des Körpers, ebenso wie den Geist von seiner körperlichen Seite her in den Blick zu nehmen. Wenn der „Körper einfach nicht mitmachen will, was der Geist vorgibt“, wie Du so schön formulierst, dann liegt es vielleicht daran, dass sich der Geist etwas anmaßt, was ihm nicht zusteht – schließlich gibt es ihn nicht ohne Körper (ok, kann man auch was anderes glauben). Die „Flügel des Geistes“ sind eben auch eine Falle, mit buchstäblicher „Fallhöhe“. Oder anders: je freier die Gedanken, desto „sinnloser“ sind sie oft. Na ja, weites Feld! 🙂

    Gefällt 2 Personen

    1. Ihh – Textmarker!
      In meinem Fall ist der Geist dem Körper gegenüber oft ganz schön anmaßend, aber inzwischen versuche ich immerhin, Hinweise des Körpers nicht von vornherein als zweitrangig zu klassieren (und also erstmal zu ignorieren), eben aus den Gründen, die Du auch nennst.
      Ganz weites Feld!

      Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen (Ihre Kommentareingaben werden zwecks Anti-Spam-Prüfung an den Dienst Akismet gesendet. Wir nutzen die eingegebene E-Mailadresse zum Bezug von Profilbildern bei dem Dienst Gravatar. Hinweise zum Widerrufsrecht finden sich in der Datenschutzerklärung.)

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.