Grow up, Sherlock!

Das Spiel mit der Intertextualität im Krimi

Sherlock Holmes (vorne) und Dr. John Watson in einer der Image prägenden Illustrationen von Sidney Paget. Zuerst erschienen in „The Greek Interpreter“, The Strand Magazine, September 1893.

Die Selbstreferentialität der Gattung

Jeder Krimi variiert im Grunde folgenden Topos: Es gibt ein Verbrechen, und das muss aufgeklärt werden. Selbst wenn der Täter schon feststeht, muss immer noch die Tat bewiesen werden. Und selbst wenn das alles bekannt und ab ovo bereits bewiesen sein sollte (obschon mir ein solches Beispiel nicht bekannt wäre), so stellte selbst diese Negation noch ein Verhältnis zur Krimi-Tradition dar, wäre also eine Variation. So offensichtlich in einer Tradition zu stehen, fordert nachgerade dazu heraus, dieses Verhältnis zu reflektieren, was in unzähligen Varianten geschehen kann und auch geschieht – besonders häufig, aber nicht ausschließlich im Krimi für Kinder.

© oetinger

Miss Marple beispielsweise bezieht all ihre detektivischen Kenntnisse aus Kriminalromanen, aus denen sie im Bedarfsfall auch zitiert (z.B. aus The Doom Box im Fall Murder Ahoi). Die Krimi-Leserin wird zur Ermittlerin und ihre Fälle somit wiederum zur Vorlage für weitere Krimi-Rezipienten.  Wenn Thabo – Detektiv und Gentleman –  (von Kirsten Boie) sich auf Miss Marple bezieht, befinden wir uns sozusagen bereits auf der zweiten Ableitungsebene: Wir lesen von einem Kind, das mithilfe von Krimis, in denen eine Frau mithilfe von Krimis Verbrechen aufklärt, Verbrechen aufklärt.

Sherlock

Intertextualität (oder Intermedialität) vollzieht sich aber auch, und spannender, jenseits solch expliziter Verweise. In der grandiosen BBC-Serie „Sherlock“ – mit einem bemerkenswerten Benedict Cumberbatch in der Titelrolle – greifen die Autoren Steven Moffat und Mark Gatiss alle kanonischen Charaktere Doyles samt ihrer angestammten Charakteristika auf, verlegen das Geschehen aber in die Gegenwart. Auch klassische Geschichten werden aufgegriffen, aber stark verändert: A Study in Scarlet wird zu A Study in Pink, die Hintergrundgeschichte wird komplett verändert, aber gewisse Motive beibehalten – der Ring der Toten, das von ihr geschriebene letzte Wort. Beim Streit um dieses mysteriöse Wort „Rach(e)“ ist es jetzt allerdings der Inspector, der vermutet, es könne sich um das deutsche Wort „Rache“ handeln, und Holmes, der es als „Rachel“ interpretiert.1

Wenn Sherlock die Vermutung des Inspectors als blasiert und albern abtut, diese Vermutung aber in der Originalgeschichte von Holmes geäußert wurde (und in dieser auch korrekt war), kann das als Seitenhieb auf Doyles Konstruktionen verstanden werden, auf die Moffat und Gatiss sich zwar beziehen, und die bei der Gestaltung ihrer Figur als Vorbild dienten, die aber nicht unantastbar sind.

© Sidney Paget: The Hound of the Baskervilles. Chapter X. Extract from the Diary of Dr. Watson. The Strand Magazine, Januar 1902

Da es sich um ein audio-visuelles Kunstwerk handelt, finden sich Verweise auf die Sherlock-Holmes-Tradition nicht nur auf der inhaltlichen und sprachlichen Ebene. Zum Beispiel sieht man Sherlock in The Hounds of Baskerville mit wehendem Mantel auf einem Felsen stehen2

– eine deutliche Anspielung auf die Illustrationen der Erstausgabe durch Sidney Paget. Auf diesem Bild trägt Holmes interessanterweise mal nicht die von Paget gewählte Deerstalker-Mütze, die das Holmes-Bild so geprägt hat wie kaum ein anderes Accessoire und die in der Serie geradezu sarkastisch als lächerliche Verkleidung, die zum Selbstläufer wird, Einsatz findet. In A Scandal in Belgravia, einer Folge, welche lose Bezug nimmt auf die Geschichte A Scandal in Bohemia, muss Sherlock einen Tatort verlassen vor dem die Presse schon auf ihn wartet. Durch Johns Blog ziehen ihre Fälle immer mehr öffentliche und mediale Aufmerksamkeit auf sich, was Sherlock missfällt:

„I’m a private detective. The last thing I need is a public imagine.“ 3

Sagt’s, setzt den unsäglichen Deerstalker-Hut auf, den er im Vorbeigehen von der fremden Garderobe genommen hat, und steht im Blitzlichtgewitter. Mit hochgeschlagenem Mantelkragen im Halbprofil und leicht ins Gesicht gezogenem Deerstalker. Das Public Image, das er fortan nicht mehr los wird, ist geboren – ein Metakommentar zu allen klischierten Sherlock-Holmes-Interpretationen, die dem Original keine Rechnung tragen. So weit sich die Serie auch inhaltlich und zeitlich vom Original entfernt – dem eigentlichen Kern ist sie treuer als alles, was im 20. Jahrhundert aus der Figur und ihrer Welt gemacht wurde.

Die Autoren beziehen sich hier wie auch an vielen anderen Stellen ironisch auf die Ursprungstexte, ohne sie explizit zu zitieren. Sie gehen frei mit den Motiven der kanonischen Geschichten um und setzen sie nach ihren Bedürfnissen zusammen. So entnehmen sie den Trick, eine Wette zu fingieren, um einem offensichtlichen Spielertypen mehr Informationen zu entlocken als auf anderem Wege zu erhalten gewesen wären, aus der Geschichte um den Blauen Karfunkel und verwenden ihn in The Hounds of Baskerville. Ein besonderer Twist ist dabei, dass sie diese Transplantation in einer Episode vornehmen, in der es darum geht, dass gezielt einzelne Gene in fremde Organismen transplantiert werden. In der Intertextualität der Serie steckt wahnsinnig viel hintergründiger Humor.

© arena

In der Nacherzählung der klassischen Sherlock Holmes Geschichte „The Adventure of the Blue Carbuncle“ durch Oliver Pautsch für die Reihe „Klassiker für Erstleser“ wird der Hergang des Verbrechens hingegen weitgehend beibehalten. Die Illustrationen zeigen Holmes mit Deerstalker-Hut, Pfeife und Lupe, in klarer Referenz auf die traditionellen Holmes-Darstellungen seit Sidney Paget. Die Aufklärung des Verbrechens wird aber, es ist eben ein Buch für Leseanfänger, erheblich verkürzt und die Charaktere verflacht. Das menschliche Elend um die Nebenfigur Henry Baker wird komplett gestrichen, ebenso die Figur des Commissionaire Petersen. Dessen Funktion erfüllt bei Pautsch die hinzuerfundene kindliche Identifikationsfigur Bob, ein Hoteldienerlehrling. Ziel der Reihe Klassiker für Erstleser ist es, durch bekannte Namen die Lesemotivation zu steigern und in Ansätzen allgemeines Kulturgut an Grundschüler zu vermitteln. Es kann also nicht darum gehen, mit dem Vorwissen der Rezipierenden um den Holmes-Kanon zu spielen, wie dies in der BBC-Serie so meisterlich geschieht.

Ganz im Gegensatz zur beschriebenen Verflachung in der Erstlese-Variation werden in der BBC-Serie Holmes‘ exzentrische Züge, wie auch sein Drogenkonsum und seine intellektualistischen, von Gefühlen nicht beeinträchtigten Deduktionen, besonders krass hervorgehoben, was ihn noch weniger als kindliche Identifikationsfigur oder Vorbild erscheinen lässt als in manchen anderen Interpretationen des Stoffes oder in den Originaltexten. Sein Aussehen (langer Mantel, hochgeschossene, katzenartige Figur), seine Sprache (schnell und gestochen), seine persönlichen Vorlieben (Drogen) und seine teilweise rücksichtslosen Ermittlungsmethoden sind ganz und gar unkindlich. Sein Charakter ist es nicht: Er ist getrieben von Neugierde und intrinsischer Motivation, seine Ermittlungen sind für ihn keine Pflicht und keine Erwerbstätigkeit, sondern ein aufregendes Spiel.

Benedict Cumberbatch bei den Dreharbeiten © Fat Les Quelle: Flickr

Diese Freude am Ermitteln als kindliches Spiel wird immer wieder angedeutet und in „Scandal in Belgravia“ explizit angesprochen. Sherlock soll im Buckingham Palace einen Klienten treffen und weigert sich dennoch, Kleidung anzuziehen (er ist in ein Bettlaken gewickelt). John Watson sitzt nur kichernd daneben. Sherlocks älterer Bruder Mycroft entfährt es: „Just once, can you two behave like grown-ups?“ Woraufhin John nonchalant entgegnet:

„We solve crimes, I blog about it and he“ (er nickt in Richtung Sherlock) „forgets his pants. So I wouldn’t hold on too much hope.“4

Verbrechen aufzuklären wird hier ganz direkt als nicht-erwachsene Handlung dargestellt.

Meisterdetektiv Blomquist

Ermittlungen als Spiel sind auch ein Topos in vielen Krimis für Kinder. Kinderbücher wollen meist nicht auf kindliche Identifikationsfiguren verzichten, was im Krimi Genre zu Komplikationen führt: Wie bettet man Verbrechen in die kindliche Lebenswirklichkeit ein, wie zeigt man das Kind glaubwürdig als kompetenten Ermittler? Entweder tritt ein erwachsener Ermittler an ihre Seite (und sei es nur, um die Verbrecher am Ende festzunehmen) oder die Ermittlung wird als Spiel dargestellt.

Ein aufregendes Spiel sind detektivische Ermittlungen für den selbsternannten „Meisterdetektiv Blomquist“ nur solange es nichts Ernstes zu ermitteln gibt. Kalle ist wie Miss Marple begeisterter Leser von Kriminalgeschichten, der sich selbst nur zu gern in die Schar seiner Vorbilder einreihen würde: „Sherlock Holmes, Asbjörn Karg, Hercule Poirot, Lord Peter Wimsey, Karl Blomquist!“5 

Kinder spielen, um auf das Leben vorbereitet zu sein: Schule – Vater, Mutter, Kind – Kaufmannsladen. Kaufmannsladen muss Kalle allerdings nicht spielen, denn im Laden seines Vater hilft er schon tatsächlich aus und das ist nicht, was er später im Leben machen möchte. Dass er stattdessen Detektiv spielt, erklärt, wieso er, als tatsächlich mal ein Verbrechen in seiner kleinen Stadt passiert, so erfolgreich ermittelt: Er hat sich schließlich jahrelang darauf vorbereitet. Nicht viel anders übrigens als Miss Marple, die zwar nicht durchs Spiel, aber durchs Gedankenspiel, wenn man Lesen als solches bezeichnen möchte, im Ermitteln geübt ist.

Dass Kalle ein Kind und (noch) kein richtiger Detektiv ist, ist ihm stets bewusst: Im Spiel imaginiert er sich als reifen Mann mit scharfen Gesichtszügen, er ändert seine Sprache und nennt sich nicht mehr Kalle, sondern Karl. Auch in seinem Brief an die Polizei in Stockholm ändert er vorsorglich beides, Namen und Sprache, um sich nicht als Kind, und damit als nicht ernstzunehmend zu entlarven.

Solange Kalle spielt – und nicht länger – nutzt er die typischen Holmes-Attribute Pfeife und Lupe. Auch hat er eine Catchphrase („Reine Routinearbeit!“) ähnlich seinem Vorbild („Elementary, my dear Watson.“ Dieser Spruch entstammt allerdings nicht der Feder Doyles).Die BBC-Serie greift die genannten Attribute nicht auf, wohl weil sie zu anachronistisch sind. Vielleicht aber auch deshalb, weil Sherlock sie nicht nötig hat – für Kalle symbolisieren diese Attribute Erwachsensein. Sherlock hingegen spielt nicht Erwachsensein, er spielt Detektiv. Hier sind Rollenspiel und Real Life nicht so klar zu trennen: Je mehr Sherlock spielt, desto mehr ist er Sherlock Holmes.

Der Detektiv als homo ludens

Kalle Blomquist erlangt seine detektivischen Fähigkeiten im Spiel, auch wenn er seine spielerische Haltung mehr oder minder aufgibt, sobald er mit den Verbrechen konfrontiert wird. Das Spiel bereitet ihn auf das Leben vor. In Sherlocks Fall ist die spielerische Haltung hingegen gerade das, was seinen Ermittlungsstil ausmacht, was ihm seinen drive gibt – vielleicht kann man sogar sagen: was ihn so erfolgreich macht. Das Spiel ist sein Leben.

Und auch im Falle der BBC-Serie gilt: was sie ausmacht, ist die spielerische Haltung gegenüber dem Material, gegenüber der Holmes-Tradition. 


1 Vgl.: „A Study in Pink“. Sherlock. Staffel 1, Folge 1. Minute 26:40 und 28:50. BBC One. UK, 2010. https://www.netflix.com/watch/70174779?trackId=200257859

2 The Hounds of Baskerville. Sherlock. Staffel 2, Folge 2. Minute 15:40. BBC One. UK, 2012.

3 A Scandal in Belgravia. Sherlock. Staffel 2, Folge 1. Minute 7:54. BBC One. UK, 2012.

4 Ebd. Minute 15:28.

5 Lindgren, Astrid: Meisterdetektiv Blomquist, Hamburg (Oetinger) 1950, S. 6.

6 Vgl.: http://www.todayifoundout.com/index.php/2013/08/sherlock-holmes-never-said-elementary-dear-watson/

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5 Gedanken zu “Grow up, Sherlock!

  1. Der letzte Teil trifft den Nagel auf den Kopf. SH agiert voller Freude am Spiel und auch sein Gegenpol Doktor Moriati agiert wie ein Spieler. Danke für die erhellenden Hinweise bei der BBC Serie – die Parallelen waren mir gar nicht so im Detail aufgefallen.

    Gefällt 1 Person

    1. Mir sind die Parallelen zum Teil auch beim zweiten Sehen aufgefallen. Es gibt bestimmt auch noch viel mehr; ich habe mir nicht alles nochmal angesehen. Ich kenne auch nicht alle Doyle-Storys so genau. Aber es macht schon Spaß solche intertextuellen Bezüge aufzudecken – man fühlt sich selbst fast wie ein Detektiv.

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