Lesefrust galore!

Ich hatte mir dieses Jahr viel vorgenommen: mein Klassikerleseprojekt, die Repoetisierung, die Untersuchungen zur Poetik der Unterstreichung und ich ahnte schon, dass das neben meiner Arbeit schwierig wird. Für die Arbeit muss ich nämlich auch viel lesen, allerdings nur Bücher, die für die Leser dieses Blogs kaum interessant sein dürften: Kinder- und Jugendliteratur, Fachbücher zur Lese- und Literaturpädagogik oder dem Philosophieren mit Kindern. Kein Wunder, dass die Beiträge hier immer spärlicher wurden.

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Paul Barthel: Lesende Frau

Besonders nervt mich, dass mein Klassikerprojekt schon nach einem Titel (Thomas Manns Der Zauberberg) zum Erliegen kam. Ich habe seitdem viele Bücher angefangen, nichts konnte mich so richtig fesseln und zu mitteilenswerten Gedanken anregen.

Vom Zauberberg noch ganz begeistert, habe ich den Doktor Faustus angefangen, an dem mich die Rolle der Neuen Musik interessierte und das Kapitel über Beethovens Klaviersonaten, mit dem ich mich im Zusammenhang mit Adorno vor Jahren schon einmal kurz beschäftigt hatte. Aber ich bin nicht über die ersten Seiten hinaus gekommen, da mich der Stil richtiggehend abgestoßen hat.

Parallel habe ich mich an Svetlana Geiers Übersetzung von Dostojevskijs Verbrechen und Strafe (bekannter unter dem Titel früherer Übersetzungen: Schuld und Sühne). Es hat mich durchaus angesprochen, aber es ist eben sehr lang und etwas Zeigenswertes, Neues dort herauszuarbeiten erschien mir wie ein momentan nicht zu bewältigendes Mamutprojekt. Zumal ich kaum Vorwissen zu Dostojevskij habe und somit keinerlei Anküpfungspunkte, außer einem vor Jahren in Hinblick auf Tolstoi gelesenen Auschnitt aus Bachtins Probleme der Poetik Dosojevskijs, in dem es um Dialogizität geht. Verbrechen und Strafe will ich aber irgendwann zu Ende lesen.

Dann fiel mir Oscar Wildes The Picture of Dorian Gray in die Hände, und weil ein Londonaufenthalt in diesem Sommer bereits geplant war, habe ich mit mäßiger Begeisterung angefangen darin zu lesen. Eigentlich interessieren mich Kunstwerke, die Kunstschaffen reflektieren, aber in diesem Falle ist es keine Reflexion, sondern mehr eine Aneinanderreihung von Aphorismen, die sich alle stark ähneln, die auf mich lächerlich wirkten und mich ermüdeten. Über Wochen hinweg habe ich immer mal wieder ein paar Seiten gelesen und bin doch nur bis ins 5. Kapitel gekommen. Ich könnte es weiterlesen, aber es mangelt mir an Motivation. Es fällt mir schwer, einen Grund zu benennen, warum ich es weiterlesen sollte. Als ich mit Achtzehn zum ersten Mal in London war, habe ich mir Wildes gesammelte Werke gekauft und damals auch einiges davon begeistert gelesen, besonders die Theaterstücke. Vielleicht bin ich jetzt einfach zu alt dafür?

Ein anderer Schriftsteller, von dem gerne gesagt wird, dass man mit Erreichen der Volljährigkeit bereits zu alt für ihn ist, von dem ich damals allerdings nur zwei Erzählungen gelesen hatte, ist Hermann Hesse. In diesem Fall hat mich gerade das Vorurteil gereitzt, es vielleicht noch mal zu versuchen, zumal vor einigen Jahren bei einer Summer School im Eikones Institut in Basel ein Dozent äußerte, er wüsste gern, ob es heute jemandem gelänge, nochmal etwas Interessantes über Hermann Hesse zu schreiben. Hesse (das ergänze ich jetzt) spielt seit Jahrzehnten in der Literaturwissenschaft keine Rolle mehr.

Ich habe also Narziß und Goldmund aus dem elterlichen Regal genommen (aus dem ich im Winter auch so glücklich den Zauberberg gezogen hatte) und fand es zuerst auch gar nicht so schlimm, konnte aber mit der Zeit immer mehr nachvollziehen, wieso es erstens als Adoleszenzliteratur gilt (aufgrund Selbstfindungsprobleme der Protagonisten, aber auch durch die sprachliche Gestaltung) und zweitens heute nicht mehr gelesen wird (insbesondere in der Darstellung von Sexualität ist der Text sprachlich merkwürdig verschwurbelt und gedanklich befremdlich esoterisch). Ich habe es halbgelesen bei meinem Vater zu Hause liegen lassen, vielleicht lese ich es beim nächsten Besuch noch zu Ende.

PS: Diesen Text habe ich im Sommer geschrieben und dann im Entwurfsordner vergessen. Auch wenn er nicht mehr ganz aktuell ist (inzwischen habe ich The Picture of Dorian Grey doch zu Ende gelesen) will ich ihn doch noch veröffentlichen – er scheint mir ein geeigneter Wiedereinstieg ins – hoffentlich! – regelmäßigere Bloggen.

Zu Oscar Wilde möchte ich dann demnächst auch noch etwas im Rahmen der Klassikerreihe schreiben. Wenn mir denn etwas originelles einfällt…

 

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12 Gedanken zu “Lesefrust galore!

  1. I feel you. Mein überambitioniertes Projekt ,,18 Klassiker in 2018″ lächelt mich auch mitleidig aus Bücherregal an. Nächstes Jahr!

    Der Dostojevskij in der Geier-Übersetzung war übrigens mein allererster Klassiker. Ich war zwölf – und heillos überfordert, habe das Buch aber damals durchgelesen. Heute steht er wieder auf meiner Liste, denn mitgenommen habe ich damals nicht allzu viel. Nur die Lust auf Klassiker, die ist geblieben. Am Zauberberg verzweifle ich allerdings seit Jahren, da hast du meine ganze Bewunderung; ich habe zweimal in der Mitte abgebrochen.

    Ein schönes Wochenende,
    Jana

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    1. Wow – Dostjevskij mit 12! In dem Alter habe ich mich eher von so schmalen Bändchen wie dem Manifest der Kommunistischen Partei überfordern lassen.
      Den Zauberberg zu lesen fiel mir ganz leicht, Bewunderung hab ich dafür glaub ich nicht verdient. Es ist wohl einfach so, dass manche Bücher – Klassiker hin oder her – dem einen etwas sagen, der anderen nicht. Und wenn nicht, dann liest man sie eben nicht. Ich kann aber verstehen, wenn man es manchmal trotzdem „schaffen“ will. (Sportlicher Ehrgeiz) – (Aside: Wenn Computerspielen jetzt Sport ist, wann wird dann Lesen olympische Disziplin?)

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      1. Das Manifest mit zwölf ist auch eine starke Nummer. Da wurden die Weichen für ein Literaturbloggerdasein bei uns offenbar früh gestellt. 😉 Ja, über das ,,schaffen Wollen“ habe ich mal geschrieben – das ist bei mir bei einigen Büchern – u. a. dem Zauberberg – stark ausgeprägt, wenn bislang auch nicht von Erfolg gekrönt. https://wissenstagebuch.com/2017/10/11/meine-literarische-nemesis/
        Dreikampf: Lesen – Kaffee trinken – Katze kraulen. 😉

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  2. Ich habe deine Beiträge durchaus vermisst. Ich habe viele Klassiker erst gelesen, als ich aus dem Buchhandel raus war. Dort „musste“ ich immer alles Neue lesen und hatte keine Zeit für meine Klassiker-Liste. Ich bin inzwischen große Dostojewski-Freundin geworden. Und ich mochte Dickens sehr. Diesen feinen Humor.
    Liebe Grüße, Marina

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    1. Ich habe das Bloggen auch vermisst. Und nicht nur das Schreiben auch Lesen, zum Beispiel Deiner Beiträge! Ich war ja wirklich ein paar Monate ganz weg. Irgendwann ist man gedanklich einfach raus und muss den Anschluss erstmal wieder finden.
      Dickens habe ich als Jugendliche gelesen, seitdem nicht mehr. Wird vielleicht mal wieder Zeit, Dank für die Anregung!

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  3. Mach mal. Ich lese deine Ausführungen immer gerne. Und zu manchem kann ich vielleicht sogar auch kommentieren – das eine oder andere genannte Buch habe ich irgendwann schon mal gelesen. Bin übrigens ebenfalls ein großer Dickens-Fan.
    Lieben Gruß,
    Anton

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  4. Man liest ja, auch wenn man nicht liest, will sagen: das Gelesene wirkt ja weiter. Siehe das obige Bild zu diesem Beitrag. Die Frau blickt auf vom Buch und denkt über das eben gelesene nach. Oder nicht? Vielleicht signalisiert sie auch nur: ich bin ablenk- sprich: verführbar? Ich jedenfalls hab hier immer gern gelesen 🙂

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    1. Über Schumann wird erzählt, er habe, wenn er mit einer Komposition nicht weiter kam, die Notiz in die Tasche gesteckt und mit sich herumgetragen. Wenn er sie nach Wochen wieder hervorholte, hatte es in ihm daran weitergearbeitet. So ist es auch mit dem Gelesenen; aber leider nicht immer. Manche Literatur macht so wenig Eindruck, dass man sie nach dem Lesen ganz vergisst. Da regt sich nichts – nicht einmal Widerstand!
      Die Frau könnte über das Gelesene nachdenken, vielleicht auch zu interessanten Gedanken angeregt werden, die sich vom Gelesenen mehr und mehr entfernen. Beides ein Gewinn. Sie könnte aber auch – und das war mein Gedanke als ich das Bild auswählte – so wenig am Geschriebenen interessiert sein, dass sich immer wieder wenig spannenderen Alltagsgedanken nach vorn drängen. Für verführerische Ablenkungen bin ich mitunter auch – aber sonst schätze ich mehr die Konzentration.
      Ich lese und betrachte auch auf Deinem Blog sehr gern (obschon ich die letzte Zeit nicht dazu gekommen bin) und freue mich immer über Deine Kommentare.

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      1. Ah Schumann, ja, das sind die Grübler, die nicht loslassen können. Schubert ließ ein Werk, mit dem er nicht weiter kam, einfach liegen und begann das nächste (daher so viele unvollendet gebliebene oder als Fragment überlieferte Werke bei ihm). Ich persönlich halte es mit Schubert; wenn das Werk nicht „zu mir spricht“, mich nicht fesselt, lege ich es ohne einen Anflug von Skrupel beiseite. Kann aber sein, dass es sich später „zurück meldet“. Das Leben ist viel zu kurz, um allen jemals aufgehobenen Fäden nach zu gehen. Zu dem Bild: ich denke auch, dass die Frau nicht am Gelesenen interessiert ist. Und da sie von einem Mann (dem Maler) inszeniert wurde, geht es sicher um Verführbarkeit. Ist halt der typisch männliche Blick, kann man machen nix 😉 Danke für die freundlichen Worte!

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        1. Schubert ist eh besser… Ich lasse ja auch vieles liegen, manches will ich aber einfach gelesen haben, und sei es nur, um es kompetent schlecht zu finden. Oder weil ich glaube, dass doch etwas dran sein muss. Manches, was mir beim ersten Lesen nicht gefiel, hatte mir später viel zu sagen.
          An den Maler habe ich gar nicht gedacht! Und das als Ehefrau eines Künstlers (aber eben nicht: Malers). Interessante Perspektive.

          Gefällt 1 Person

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