Nachtrag zu abwegig übersetzten Titeln

Letzten Monat habe ich unter dem Titel … denn sie wissen nicht, was sie tun? über die Übersetzung von Buchtiteln ins Deutsche nachgedacht. Eines meiner Beispiele war dabei der Roman Io non ho paura von Niccolò Ammaniti, der auf deutsch zuerst bei C. Bertelsmann unter dem Titel Die Herren des Hügels erschien, später dann bei Goldmann unter dem wörtlich übersetzten Titel Ich habe keine Angst.

cover-ammaniti

Inzwischen habe ich von der Lektorin Claudia Vidoni erfahren, dass der Vertrieb bei Bertelsmann den wörtlich übersetzten Titel damals als zu „jugendbuchhaft“ empfand, eine Begründung, die mich überraschte, und die ich auch nicht unbedingt nachvollziehen kann. Der Wechsel zu dem – zu jugendbuchhaften – neuen Titel Ich habe keine Angst hing dann, wie ich im ursprünglichen Beitrag bereits vermutet hatte, mit der Verfilmung von Gabriele Salvatores zusammen, die unter dem wörtlich übersetzen Titel in Deutschland lief und ziemlich erfolgreich war. Die Verbindung wollte man bei der Neuauflage bei Goldmann deutlich machen.

Grundsätzlich spricht nichts dagegen, von einer wörtlichen Übersetzung abzuweichen – auch einen ganz anderen Titel zu wählen. Eine wörtliche Übersetzung ruft beim neuen Zielpublikum nicht unbedingt die gleichen Assoziationen auf wie beim Publikum der Ausgangssprache; das gilt es zu berücksichtigen. Spannend fand ich daher, dass Claudia Vidoni meinte, Rezensenten wiesen gerne darauf hin, wenn der Verlag den Titel nicht 1:1 übernommen habe, und rückten damit die ganze Übersetzung in ein schiefes Licht. Eine Übersetzungskritik darf selbstverständlich keines Falls allein auf dem Titel basieren, zumal der Titel ja, wie mir zum Beispiel die wunderbare Übersetzerin Rosemarie Tietze versicherte, meist nicht vom Übersetzer bestimmt wird. Auf einen abwegig gewählten Titel hinzuweisen und die Wahl zu kritisieren, halte ich hingegen für legitim, man sollte allerdings deutlich machen, dass das allein nichts über die Qualität der Übersetzung aussagt.

Claudia Vidoni zufolge ist es in heutigen Verträgen Standard, dass der Autor einem abweichenden Titel zustimmen müsse, sich aber noch jeder habe überzeugen lassen. Das macht die Frage, wie es manchmal dann doch zu absurden Titelübersetzungen kommt, umso mysteriöser. Sicherlich – wenn der Autor die Zielsprache der Übersetzung nicht kann, die Kultur und den Markt nicht kennt, wird er dem Verlag vertrauen müssen. Aber das erklärt irgendwie auch nicht alles … Any thoughts?

Wenn Ihr übrigens noch weitere schöne Beispiele für abwegig übersetzte Titel habt, teilt sie bitte! Entweder hier in den Kommentaren oder unter dem Hashtag #Titelkrampf.

 

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3 Gedanken zu “Nachtrag zu abwegig übersetzten Titeln

  1. Mir ist seit deinem letzen Beitrag wieder ein Titel eingefallen, der sich von HC zu TB geändert hat. Tanja Heitmanns „Das Geheimnis des Walfischknochens“ wurde zum „Geheimnis des zweiten Sommers“. Eine Verlagsmitarbeiterin sagte mir, dass zu viel Buchhändler moniert hätten, dass der Wal ja nun kein Fisch sei. Klugscheißer.

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