Karen Köhler: Wir haben Raketen geangelt – Die Verlassenen und unsere Hoffnung

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Polarlicht bei Tromsø © Frank Olsen

Erzählbände ermöglichen Autor*innen sich auszuprobieren – und diese Möglichkeit hat Karen Köhler in ihrem Debüt Wir haben Raketen geangelt voll ausgeschöpft: Sie spielt mit verschiedenen Darstellungsformen, Perspektiven und Themen. Verbunden sind die Geschichten durch das Gefühl des Verlassenseins, das für beinahe alle Geschichten des Bands ein zentrales Motiv ist.

Karen Köhler hat, obwohl sie ursprünglich Kosmonautin werden wollte, Schauspiel studiert, lange in festen Engagements am Theater gespielt und hat schließlich auch Theaterstücke geschrieben. Im August 2014 erschien dann ihr Prosadebüt, der Erzählband Wir haben Raketen geangelt, betitelt nach einer enthaltenen Geschichte. Ich hatte den Band eigentlich gleich nach Erscheinen lesen wollen, aber wie das bei mir oft so ist kam einiges dazwischen und so habe ich es erst jetzt geschafft.

Inzwischen ist Wir haben Raketen geangelt schon viel besprochen worden, in der Presse ebenso wie auf Blogs, und hat vorwiegend begeisterte Kritiken bekommen. Dieser Erzählband hat meine Empfehlung nicht nötig, und dennoch kann ich nicht widerstehen, eine zu schreiben. Denn einige der Geschichten lassen mich nicht los, und so habe ich einfach Lust, über sie zu sprechen, zu schreiben, sie zu empfehlen.

Formale Vielfalt, thematische Einheit

Wenn eine Schauspielerin und Theaterautorin einen Erzählband vorlegt, liegt die Überlegung nahe, ob auch ihre Prosa szenisch oder dialoglastig ist. Dies trifft bei Karen Köhler lediglich auf die Geschichte Cowboy und Indianer zu, in der die Erzählerin kurz vor dem Verdursten in der Mojave Wüste von einem Indianer gerettet wird. Er nimmt sie mit nach Las Vegas, woraufhin sie ihn retten muss. Die Geschehnisse dort werden immer wieder unterbrochen von Erinnerungen an die Kindheit der Erzählerin, in der sie als einzige „Indianerin“ sich gegen die „Cowboys“ durchsetzen musste, was zuerst wörtlich zu verstehen ist, im Sinne einer Identität im kindlichen Rollenspiel, aber mit zunehmendem Alter immer mehr zur Metapher wird.

Katrin Köhler Wir haben Raketen geangelt Cowboy und Indianer
Mojave-Wüste ©Robin Kanouse

Andere Geschichten haben Tagebuch- oder Postkartenformat (Il Comandante, Polarkreis, Starcode Red, Wild ist scheu), die titelgebende Erzählung Wir haben Raketen geangelt ist eine durchnumerierte Schnipselsammlung von Erinnerungen, Listen, Dialogen, Aphorismen. Die Familienportraits sind sechs Miniaturen ganz verschiedener Familien – sie ließen mich an den berühmten ersten Satz aus Tolstois Anna Karenina denken: „Alle glücklichen Familien gleichen einander, jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Weise unglücklich.“ Köhlers Familienportraits sind pointierte Illustrationen dieses Diktums.

Trotz der formalen Vielfalt und der sehr verschiedenen Settings wirkt der Erzählband keineswegs zusammengewürfelt – für die nötige Einheit sorgen die beherrschenden Motive: Tod, Verlassenheit, Flucht. Das ist schon alles recht düster, doch am Ende wird es richtig existenziell. Die letzte Geschichte – Findling – sticht durch ihre sprachliche Gestaltung heraus und hat mich am nachhaltigsten beeindruckt. Zuerst erinnerte die Sprache der Erzählerin mich an jemanden, der nicht in seiner Muttersprache schreibt – daraus entwickelt sich oft eine ganz eigene, wunderbare Poesie:

Ich bin Asja. Dies ist mein siebzigster Winter. Ich lebe hier. Hier wurde ich gezeugt und geboren, hier im Drinnen, so wurde mir erzählt. Das Drinnen ist die Hütte. Alles andere ist das Draußen, ist der Wald, ist die Tiere, ist was wächst, ist der Regen, ist der Schnee, ist der Wind, ist die Sonne, ist der Mond, ist die Sterne. Das Drinnen ist aus dem Draußen gemacht.¹

Im Verlauf der Erzählung wird aber schnell klar, dass es die Sprache eines Menschen mit isoliertem Zugang zu einem sehr begrenzten Bereich der Welt ist. Asjas Eltern sind mit ihren älteren Kindern aus Moskau in eine abgeschiedene Einöde gezogen, wo sie sich abseits von jeglicher Zivilisation selbst versorgen, in einem Ausmaß, das mit den üblichen Aussteigerphantasien nichts mehr zu tun hat. Asjas einzige Begegnung mit anderen Menschen ist die mit zwei Forschern, die eine Zeit lang zu ihnen kommen, um sie zu beobachten, bis ihnen die Gelder gestrichen werden. Lesen und Schreiben hat Asja von ihrer Mutter mithilfe der Bibel gelernt, Papier und Stift hat sie von den Forschern bekommen. Als sie als einzige der Familie übrig ist und fühlt, dass auch ihr Tod nahe ist, schreibt sie ihr Leben auf, damit derjenige, der sie finden wird, weiß, wer sie ist.

Möglich, dass ich das in die Geschichten hineinlege, aber mir kommt es so vor, als ob sie alle, trotz ihrer düsteren Sujets, eine hoffnungsvolle Färbung haben. Vielleicht ist das aber auch gar nicht verwunderlich, wenn man daran denkt, was Walter Benjamin im Wahlverwandtschaften-Aufsatz schrieb:

Nur um der Hoffnungslosen willen ist uns die Hoffnung gegeben.²


Karen Köhler: Wir haben Raketen geangelt

 

Karen Köhler: Wir haben Raketen geangelt. Erzählungen, Carl Hanser Verlag 2014.

 

¹ Ebd. S. 225/226

² Benjamin, Walter: Gesammelte Schriften Band I.1. Abhandlungen, Suhrkamp 1974, S. 201.

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