Unterstreichungen als Detail – Adalbert Stifter: Kalkstein

Dies ist der neunte Beitrag einer Serie zu Unterstreichungen und Marginalien als Motiv in Romanen und Erzählungen, dabei der erste zu Adalbert Stifter. Weiter unten verliere ich auch noch ein paar Worte zur Sammlung Bunte Steine. Wen das mehr interessiert, der springe sogleich dorthin.

Das Motiv der Unterstreichungen ist bei Adalbert Stifter sehr viel seltener zu finden als bei Fontane, weshalb sich kaum mit gleicher Berechtigung von einer eigenen ,Poetik der Unterstreichungen‘ sprechen lässt, wie ich sie in den vorangegangenen Beiträgen dieser Reihe für Fontane entwickelt habe. Es finden sich lediglich eine Stelle in der Erzählung Kalkstein aus der Sammlung Bunte Steine, die jedoch nicht unbedingt Motivcharakter hat, und zwei Stellen in der Erzählung Der Nachsommer. In dieser allerdings ist das Motiv von besonderer Bedeutung und von größerer Komplexität als die dargestellten Verwendungen des Motivs bei Fontane. Dazu dann mehr in den folgenden beiden Beiträgen zu Unterstreichungen bei Stifter.

Weiter unten verliere ich auch noch ein paar Worte zur Sammlung Bunte Steine. Wen das mehr interessiert, der springe sogleich dorthin.

Manuskriptseite aus Kalkstein (Bayrische Staatsbibliothek © gemeinfrei). Offenbar wären Unterstreichungen und Marginalien nicht nur als Motiv bei Stifter ein lohnendes Forschungsfeld.

Unterstreichungen als Detail: Kalkstein

Kalkstein ist die zweite Erzählung der Sammlung Bunte Steine von 1853. Ein Kartograf erzählt von einem Pfarrer in einer abgeschiedenen Landschaft, die er zu vermessen hatte. Dieser Pfarrer erzählt dem Kartografen sein Leben: Als Kind hatte er Schwierigkeiten mit dem Lernen, sein Bruder übertraf ihn in allem. Nach der gemeinsamen Ausbildung übernahm der Bruder das väterliche Geschäft, der spätere Pfarrer machte sich daran, die Lektionen der Kindheit zu wiederholen. Dabei fielen ihm beim Öffnen der Fächer seines Schreibtisches die alten Hefte wieder in die Hände:

[»]Ich zog die Fächer heraus. Da lagen noch in den meinigen meine Lehrbücher mit dem Röthel- oder Bleifelderzeichen in ihrem Innern, wie weit wir zu lernen hätten; es lagen noch die Papierhefte darinnen, in welchen die Ausarbeitungen unserer Aufgaben geschrieben waren, und es leuchteten die mit rother Dinte gemachten Striche des Lehrers hervor, die unsere Fehler bedeuteten; es lagen noch die veralteten bestaubten Federn und Bleistiften darinnen.[«]

Stifter, Adalbert; Doppler, Alfred [Hrsg.]; Frühwald, Wolfgang [Hrsg.]: Werke und Briefe. Historisch-kritische Gesamtausgabe, Band 2,2. Bunte Steine. Buchfassungen, herausgegeben von Helmut Bergner Stuttgart (Kohlhammer) 1982, S. 108. Im Folgenden: Stifter HKG 2,2.

Die Unterstreichungen des Lehrers sind hier Detail einer ausführlichen Beschreibung des Schreibtisches, seiner Schubladen und deren Inhalts, die hier nur auszugsweise wiedergegeben ist. Solche Beschreibungen sind kennzeichnend für Stifters Prosa und stehen in Zusammenhang mit Stifters Begriff des ,sanften Gesetzes‘, indem sie nicht das Einzigartige und Erhabene, sondern das Allgemeine und Kleine, aber dauernd und nachhaltig Wirkende beschreiben. Dieses zum Verständnis von Stifters Texten elementare „Sanfte Gesetz“ bespricht er im Vorwort zu den Bunten Steinen ausführlich. Christian Begemann schreibt über Stifters Landschaftsbeschreibungen:

Für Stifter garantieren die Taxonomien der Sprache die Ordnung der Welt, und seine Beschreibungen evozieren im Leser das Bild eben dieser Ordnung. Das sprachlich konstituierte Allgemeine möchte er als Ausdruck des ›sanften Gesetzes‹ wahrgenommen wissen.

Begemann, Christian: Adalbert Stifter und das Problem der Beschreibung. In: Klotz, Peter; Lubkoll, Christine [Hrsg.]: Beschreibend wahrnehmen – wahrnehmend beschreiben. Sprachliche und ästhetische Aspekte kognitiver Prozesse, Freiburg i. Br./Berlin (Rombach) 2005, S. 189-209, hier S. 208.

Mit der Taxierung geht eine, wenn nicht Tilgung, so doch Verminderung des Individuellen der beschriebenen Landschaft einher [vgl. ebd. S. 202]. Man kann diese an Stifters Landschaftsbeschreibungen gewonnenen Erkenntnisse auf manche, wenn auch wohl nicht auf alle seine Beschreibungen von ,Dingen‘ anwenden. Die Unterstreichungen sind innerhalb der Beschreibung der alten Lernutensilien nicht als etwas Individuelles aufzufassen, sondern als typisches Merkmal von Schulheften, zumal sie nicht nur die Hefte des späteren Pfarrers betreffen, den sie sonst zumindest als schlechten Schüler charakterisieren könnten, sondern ebenso die Hefte des Bruders: „[»E]s leuchteten die mit rother Dinte gemachten Striche des Lehrers hervor, die unsere Fehler bedeuteten.[«] [Hervorhebung von mir]“ Es wird zwischen den Fehlern des Pfarrers und denen seines Bruders kein Unterschied gemacht.

Die an Fontanes Texten aufgezeigten möglichen Funktionen gelten hier außerdem deshalb nicht, weil die Unterstreichungen kein persönliches Verhältnis zwischen Markierer und Text darstellen. Zwar ist die Weitergabe (beziehungsweise Rückgabe) des unterstrichenen Textes eine Kommunikation, deren Nachricht ist aber unpersönlich; sie beinhaltet lediglich Informationen zur grammatischen, orthografischen oder, sofern es inhaltliche oder formale Fehler sind, epistemischen Konvention.

Schlussendlich hat die Unterstreichung in der oben zitierten Passage aus Kalkstein nicht nur keinen Bezug zu einer Figur, den zu interpretieren sich lohnte, sie hat auch keinerlei Auswirkung auf das Geschehen. Die Unterstreichung ist demnach kein Motiv in dem Sinne, der meinen Untersuchungen zugrunde liegt. Dennoch fand ich es wichtig, dieses Beispiel ex negativo zuerst zu besprechen, zumal hier schon deutlich wird welche Stellung Beschreibungen nicht allein auf der Ebene der Textproduktion oder der Poetik haben, sondern ebenso auf der philosophischen, den Gehalt der Texte betreffenden Ebene. Die Beschreibung als Schnittmenge von Literatur und Wissenschaft ist für Stifters Poetik von konstituierender Bedeutung. Die Naturwissenschaften, besonders die Geologie (wie sich bei den kommenden Artikeln zum Nachsommer zeigen wird) wirken auf sein Schreiben in Themen, Ordnungen, Metaphern hinein.

Jenseits von Unterstreichungen: Zur Sammlung Bunte Steine

„Granit mess“by figishe2 is licensed under CC BY-NC-SA 2.0

Ich gestehe: Ich liebe Steine. Schon als Kind sammelte ich sie, war fasziniert von ihren Formen und Farben. Meine ersten nicht selbst gefundenen Steine waren ein getrommelter Rosenquarz und eine Amethyst-Geode. Beide Mineralien haben seither einen besonderen Stellenwert für mich.

Die Idee, eine Sammlung von mehr oder weniger kurzen Erzählungen Bunte Steine zu nennen, knüpft unmittelbar an meine Kindheitserinnerungen an und berührt mich sehr. Ich finde es daher auch völlig schlüssig, die Sammlung kindlich-naiv Bunte Steine und nicht etwa Mineralien zu nennen. Die einzelnen Erzählungen sind dann Turmalin, Granit oder Katzensilber betitelt, tragen also umgangssprachliche oder wissenschaftliche Namen einzelner dieser bunten Steine – so wie ein Kind anfänglich bunte Steine sammelt, weil sie schön sind, dann aber anfängt, mehr und mehr über sie zu lernen und sie zu benennen.

Wüsste man nichts weiter über die Erzählungen, wunderte es einen nicht, zu erfahren, dass sie für Kinder geschrieben wurden. Liest man sie dann, erscheint es – zumindest aus heutiger Sicht auf Kinder und Kinderliteratur – hingegen völlig abwegig. Zwar kommen in allen Geschichten Kinder vor, beispielsweise verläuft sich in der wohl bekanntesten Erzählung Bergkristall ein Geschwisterpaar an Heiligabend im Gebirge im Schneegestöber, oder drei Geschwister freunden sich in Katzensilber mit einem mysteriösen Naturkind an, das plötzlich aus dem Wald auftaucht und irgendwann auch wieder dort verschwindet. Es scheinen mir aber eher Geschichten über Kindheit als für Kinder zu sein. Schon den meisten erwachsenen Lesenden sind Stifters exzessive Beschreibungen zu langatmig, es dürfte wenig Kinder geben, die damit etwas anfangen können.

Die Bildung der Gesteinsschichten braucht Zeit. Ähnlich ging es mir mit Stifters Schriften: Nur langsam und durch intensive Beschäftigung wuchs mein Interesse. Wenn man sich aber einmal hineingegraben hat, stößt man immer wieder auf schimmernde, funkelnde, intensiv farbige Adern, die sie durchziehen und deren Ton- und Formenreichtum fasziniert.

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