Fontanes Poetik der Unterstreichung

Dies ist der achte Beitrag einer Serie zu Unterstreichungen und Marginalien als Motiv in Romanen und Erzählungen. Er stellt ein vorläufiges Résumé meiner Überlegungen zum Unterstreichungsmotiv dar. Vorläufig, weil zu den Untersuchungen des Motivs bei Fontane noch solche bei Stifter und Musil (mindestens) folgen werden.

[Anmerkung zur Verwendung des grammatischen Geschlechts in diesem Beitrag: Wo alle Geschlechter gemeint sind, habe ich willkürlich männliche und weibliche Formen abgewechselt, um nicht immer beide verwenden zu müssen. Ich hoffe das ist nicht zu verwirrend.]

Das Motiv der Unterstreichung findet sich bei Fontane in verschiedenen Varianten, die unterschiedliche Stufen der Komplexität erreichen. 

Auf der ersten basalen Stufe werden Unterstreichungen, Zeichen, Randglossen, Marginalien (im Folgenden kurz: ,Unterstreichungen‘) einem Text beigefügt, der ein literarischer Text, ein Zeitungsartikel, ein Brief oder ein anderer nicht-fiktionaler Text sein kann. Ein Beispiel hierfür bei Fontane findet sich in der von mir nicht behandelten Erzählung Cécile.

Die Person, die diese Unterstreichungen und Marginalien vornimmt (im Folgenden ,Markiererin‘), ist allein dadurch bereits Teil der erzählten Welt, muss aber nicht als handelnde Person vorkommen, weil der Akt des Unterstreichens nicht Teil der Handlung sein muss – die Unterstreichungen können vorgefunden werden. Tatsächlich ist bei Fontane diese erste Motivstufe allein eher selten; meist wird der Akt der Unterstreichung nicht geschildert. Die Markiererin muss nicht zwangsläufig bekannt sein. Ist die Markierung Teil der Handlung, kann die Leserin des Romans (die ,externe Leserin‘) sie interpretieren: Meist ist die Unterstreichung Ausdruck einer Selbstreflexion oder eine unreflektierte Selbstexpression, die Rückschlüsse auf die Persönlichkeit zulassen. Informationen zur Art der Markierungen und dem Inhalt des markierten Textes können mehr oder weniger genau gegeben sein. Alles hier für die Unterstreichungen bereits gesagte gilt ebenso für die Unterstreichungen der folgenden Stufen. 

Motive der zweiten Stufe zeichnen sich dadurch aus, dass Textunterstreichungen von einer Figur des Romans (der ,internen Leserin‘) gelesen werden. Beispiele hierfür finden sich in Graf Petöfy, Quitt und Mathilde Möhring. Davon weicht Unwiederbringlich leicht ab, indem die Unterstreichungen dort nicht von der Person gelesen werden, oder doch zumindest nicht verstanden werden, für die sie ein wichtiger Hinweis auf den Charakter der Markiererinnen liefern könnten.

Der interne Leser kann mit dem Markierer identisch sein: in diesen Fällen liegt ein zeitlicher Abstand zwischen Unterstreichen und Lesen – der interne Leser trifft dann auf ihr vergangenes Selbst; das Lesen der Unterstreichungen kann ihm so Veränderungen bewusst machen. Diesen Fall gibt es in Irrungen, Wirrungen. Der externen Leserin bieten sich Interpretationsmöglichkeiten sowohl bezüglich des internen Lesers als auch des Markierers, weil die Unterstreichung meist eine Selbstreflexion oder Selbstexpression darstellt, die von dem internen Leser in Hinblick auf den Markierer oder auf sich selbst interpretiert wird. Diese Interpretation wirft stets ein Licht auf den internen Leser, weil sie von dessen Wissen und Persönlichkeit geleitet wird. 

Die Stufe der Kommunikation stellt eine Variante der Stufe zwei dar, weil es auch hier einen Markierer und eine Leserin gibt. Der Unterschied besteht lediglich darin, dass die Unterstreichungen willentlich an eine bestimmte Person weitergegeben werden, damit diese sie mitliest – ein Beispiel hierfür findet sich in Effi Briest. Die Unterstreichungen können bereits mit dieser Intention gemacht worden sein, es können aber auch Unterstreichungen weitergegeben werden, die die Markiererin ursprünglich für sich selbst gemacht hat. Sie gibt mit den Unterstreichungen auch persönliche Informationen weiter, dies kann ebenfalls intendiert oder unbeabsichtigt geschehen. Durch die willentliche Weitergabe der Unterstreichungen wird die Markiererin zur Senderin, die eine (einseitige) Kommunikation initiiert.

In Motivvarianten der dritten Stufe gibt die interne Leserin Informationen über die Unterstreichungen an eine dritte Figur weiter oder eine dritte Figur ist ebenfalls interner Leser und diskutiert mit der ersten internen Leserin die Unterstreichungen und deren Interpretationsmöglichkeiten. Möglich ist, dass die externe Leserin erst hierdurch von den Unterstreichungen Kenntnis gewinnt – so etwa im Roman Quitt.

Neben diesen inhaltlichen erfüllt das Motiv bei Fontane mitunter auch formale Funktionen und fungiert als Wendepunkt (Graf Petöfy, Quitt, Effi Briest) oder Pointe (Unwiederbringlich, weniger deutlich in Irrungen, Wirrungen).

Trotz der auffälligen Häufung von Unterstreichungen in Fontanes Romanen und Erzählungen bleibt für mich fraglich, welche Bedeutung Fontane diesem literarischen Baustein beimaß, und ob er das Motiv überhaupt als solches verstanden hat. Zum Motivbegriff gehört ein handlungsauslösendes Moment, und ich habe die Sorge, dass ich – aufgrund meiner intensiven Beschäftigung mit dem Thema – die Bedeutung des Motivs für die Handlung überschätze. Für einen Blick von außen – also von Euch – auf diese Frage, wäre ich sehr dankbar!

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Ein Gedanke zu “Fontanes Poetik der Unterstreichung

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