Unterstreichungen als Kommunikation – Fontane: Effi Briest

Dies ist der siebte Beitrag einer Serie zu Unterstreichungen und Marginalien als Motiv in Romanen und Erzählungen.

In den bisher untersuchten Varianten des Motivs werden die Unterstreichungen von anderen gelesen ohne das Wissen desjenigen, vom dem sie herrühren. Bei Fontane werden nur in Effi Briest die Texte mit den Unterstreichungen bewusst an eine andere Person weitergegeben. Hierdurch kann eine Kommunikation geführt oder zumindest eingeleitet werden. 

„Laaangweilig!!!“ Still aus R.W. Fassbinders Fontane Effi Briest

Nach ihrer Hochzeit mit dem älteren, ehrgeizigen, zwar schönen, aber nicht sehr zärtlichen oder unterhaltsamen Karrieristen Geert Innstetten fühlt sich die junge, noch sehr kindliche Effi in ihrer neuen Heimat, dem provinziellen Badeort Kessin, allein. Schon vor der Ehe teilte Effi ihrer Mutter mit, dass sie kein Interesse an einer sogenannte Musterehe habe, und zählt dabei ihre Prioritäten auf: 

[»]Liebe kommt zuerst, aber gleich hinterher kommt Glanz und Ehre, und dann kommt Zerstreuung, immer ’was, daß ich lachen oder weinen muß. Was ich nicht aushalten kann ist Langeweile.«

Fontane GBA I,15 S. 35.

Im Kampf gegen die Langeweile ist ihr nicht nur das Gefällige, sondern auch das Gefährliche recht, wenn nicht sogar lieber: 

[»]Er [Instetten, Anm. E.W.] hat keine Ahnung davon, daß ich mir nichts aus Schmuck mache. Ich klettre lieber und ich schaukle mich lieber, und am liebsten immer in der Furcht, daß es irgendwo reißen oder brechen und ich niederstürzen könnte. Den Kopf wird es ja nicht gleich kosten.«

Fontane GBA I,15 S. 37.

Von Liebe, ihrer vorgeblich ersten Priorität, hat Effi noch keine rechte Vorstellung; sie fehlt ihr daher auch nicht. Glanz und Ehre kann ihr ehrgeiziger Ehemann bieten, aber die Zerstreuung kommt zu kurz. Hier springt zunächst als einzige Rettung Apotheker Gieshübler ein. Unter den vielen Aufmerksamkeiten, Blumen, Süßigkeiten und Ähnlichem, die er Effi zukommen lässt, finden sich auch Journale mit Anstreichungen: 

Natürlich war er, neben allem anderen, auch ein eifriger und aufmerksamer Zeitungsleser, ganz zu geschweigen, daß er an der Spitze des Journalzirkels stand, und so verging denn fast kein Tag, wo nicht Mirambo ein großes, weißes Kouvert gebracht hätte, mit allerhand Blättern und Zeitungen, in denen die betreffenden Stellen angestrichen waren, meist eine kleine, feine Bleistiftlinie, mitunter aber auch dick mit Blaustift und ein Ausrufungs- oder Fragezeichen daneben.

Fontane GBA I,15 S. 119.

Die Form der Unterstreichungen zeigt verschiedene Intensititätsgrade, von einer zurückhaltenden Bleistiftlinie über farbige Markierungen bis zu zusätzlichen Zeichen. Dies drückt vage Gieshüblers Einschätzung der Textstelle aus und soll so Effis Aufmerksamkeit lenken, fordert sie aber auch auf, zum Gelesenen Position zu beziehen; insbesondere die Fragezeichen scheinen zu sagen: „Was denken Sie dazu?“ Aus dem Text geht nicht hervor, ob Effi darauf reagiert oder ob Gieshübler und sie über diese Textstellen sprechen. Dessen ungeachtet stellen die Texte für Effi vielfältige geistige Anregungen dar, derer sie bedarf und für die Innstetten nicht zu sorgen weiß, wie Mutter Briest schon vorausgesehen hat: 

[»]Ihr Ehrgeiz wird befriedigt werden, aber ob auch ihr Hang nach Spiel und Abenteuer? Ich bezweifle. Für die stündliche kleine Zerstreuung und Anregung, für alles, was Langeweile bekämpft, diese Todfeindin einer geistreichen kleinen Person, dafür wird Innstetten sehr schlecht sorgen.[«]

Fontane GBA I,15 S. 44.

Die geistige Anregung ist dabei von besonderer Bedeutung, weil sie die Langeweile nachhaltiger zu vertreiben vermag als Blumen und Morsellen. Zwar würden auch die Zeitungen allein für Zerstreuung und Anregung sorgen, aber durch Gieshüblers persönliche Anmerkungen wird Effi mit den Texten nicht allein gelassen. Effi ist nicht so emanzipiert wie Anna Karenina, die sich in gesellschaftlicher Verlassenheit allein zu bilden vermag; Effi benötigt Anleitung, oder doch zumindest persönliche Anregung zur geistigen Beschäftigung. 

Gieshübler sorgt also, mit Innstettens Segen, für „Huldigungen, Anregungen, kleine Aufmerksamkeiten“ [Fontane GBA I,15 S. 119.], die Effi in ihrer Ehe fehlen, jedoch nicht für das von Mutter Briest genannte Abenteuer. Dieses bietet erst Major Crampas. Dessen Auftreten, welches in dasselbe Kapitel wie das Unterstreichungsmotiv fällt, lässt Gieshübler in den Hintergrund treten. Zwar ist Gieshübler auch weiterhin wichtig für Effi, er verliert aber an Bedeutung für die Erzählung. Er findet fürderhin hauptsächlich Erwähnung im Zusammenhang mit Crampas oder Instetten. Wo er allein in Bezug auf Effi vorkommt, werden seine Handlungen rhetorisch relativiert: Lediglich als Glied von Aufzählungen heißt es lakonisch „Gieshübler war wieder mit einem Huldigungsvers zur Stelle[.]“ [Ebd. S. 173] oder „Effi […] durchblätterte die von Gieshübler nach wie vor ihr zugeschickten Zeitungen und Journale[.]“ [Ebd. S. 148]. Auf welches Ereignis sich das „nach wie vor“ bezieht ist nicht ersichtlich, wodurch der mögliche Beiklang „obwohl es nicht mehr wichtig ist“ verstärkt wird. 

Das Motiv markiert damit in der Beziehung zwischen Effi und Gieshübler sowohl den Höhe- als auch den Wendepunkt. Zugleich bewirkt dieser Bedeutungsverlust Gieshüblers eine Änderung im Verhältnis zwischen Effi und Innstetten, denn wo Gieshübler ihm eine willkommene Unterstützung gegen die Langeweile seiner Frau war, ist Crampas eine Gefahr für seine Ehre. 

In Effi Briest dient das Motiv weniger der Charakterisierung Gieshüblers (als dem Urheber der Unterstreichungen) oder Effis (als deren Leserin und Interpretatorin), sondern der Verdeutlichung ihrer Beziehung: Gieshübler leitet Effi an, lenkt ihre Lektüre und fungiert so als Mentor oder Lehrer. Zugleich scheut er sich nicht, durch die Markierungen etwas von sich Preis zu geben; dieses Vertrauen zeugt von Intimität.

Diese Überlegung wird noch verständlicher werden, wenn ich die Unterstreichungen in Stifters Nachsommer behandelt haben werde.

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Zitiert nach:

Fontane, Theodor; Gotthard Erler [Hrsg.]: Große Brandenburger Ausgabe. Das Erzählerische Werk, editorische Betreuung Christine Hehle, Band 15. Effi Briest. Roman, herausgegeben von Christine Hehle, Berlin (Aufbau-Verlag) 1998, S. 35. Kurz: Fontane GBA I,15. 

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2 Gedanken zu “Unterstreichungen als Kommunikation – Fontane: Effi Briest

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