Unterstreichungen als Informationsquelle II – Fontane: Mathilde Möhring

Dies ist der sechste Beitrag einer Serie zu Unterstreichungen und Marginalien als Motiv in Romanen und Erzählungen.

Die letzte, posthum erschienene Erzählung Fontanes handelt von der Beziehung der namengebenden Kleinbürgerin Mathilde Möhring mit dem „Burgemeisterssohn“1Hugo Großmann. Hugo bezieht als Kandidat der Jurisprudenz ein möbliertes Zimmer bei Mathilde und ihrer Mutter, die seit dem Tod des Vaters aus finanziellen Gründen auf diese Untervermietung angewiesen sind. Mathildes hervorragende Menschenkenntnis, ihr Scharfsinn und ihre Weitsichtigkeit ermöglichen ihr, Hugo zu durchschauen und in ihrem Sinne zu manipulieren. So erweckt sie erst den Wunsch in ihm, sie zu heiraten, dann führt sie ihn geschickt durch das Examen und verschafft ihm schließlich die Position des Bürgermeisters einer Kleinstadt in der Provinz. Auch in dieser Position ist sie die eigentliche Politikerin und Ideengeberin; er würde ohne sie nichts erreichen. Sie ist aber ebenso auf ihn als Strohmann angewiesen, weil sie als Frau allein keine gesellschaftliche Position bekleiden darf. Das offenbart sich in seiner ganzen Härte, als sie nach dem plötzlichen Tod ihres Mannes wieder zurück zu ihrer Mutter muss. 

Filmstill aus einer filmischen Adaption der Erzählung von 1983 (Regie: Karin Hercher; Mathilde Möhring: Renate Krößner) Bildquelle: TV Spielfilm

Mathildes Menschenkenntnis und Scharfsinn erweisen sich unter anderem durch die Rückschlüsse, die sie aus Hugos Unterstreichungen zieht. Als Hugo bei Möhrings einzieht, beschäftigt er sich weniger mit den Vorbereitungen auf sein Examen als mit dem Lesen von Reclamheftchen: 

Was Mathilden auffiel war sein Studium. Aus allem was sie sah und auch aus Andeutungen von ihm selber hörte, // [1] war es klar [2] ging hervor \\ daß er sich zu einem Examen vorbereitete, er steckte auch // [1] immer [2] jeden Morgen wenn er ausging \\ ein Buch oder ein Heft zu sich, trotzdem war ihr klar, daß wenn er wieder zu Hause war von Studium keine Rede war. Auf einem Stehpult, das er sich angeschafft hatte, lagen zwar ein paar dicke Bücher herum, aber sie hatten jeden Morgen eine dünne Staubdecke, Beweis genug, daß er sich den Abend über nicht damit beschäftigt hatte. Was er las waren Romane, besonders auch Stücke, von denen er jeden zweiten, dritten Tag mehrere nach Hause brachte; es waren die kleinen // [1] Bändchen der Reclamschen Ausgabe [2] Reclam-Bändchen \\, von denen immer mehrere auf dem Sofatisch lagen eingeknifft und mit Zeichen oder auch mit Bleistiftstrichen versehn.2

Fontane GBA I,20, S. 28.

Mathilde untersucht diese Anstreichungen offenbar sehr aufmerksam: 

Mathilde konnte genau kontroliren was ihm gefallen oder seinen Zweifel geweckt hatte, denn es kamen auch Stellen mit Ausrufungs- und selbst mit drei Fragezeichen vor. Aber das waren doch nur wenige. Das Leben ein Traum // [1] schien den vielen Randglossen nach ihn am meisten zu interessieren. [2] hatte die meisten Zeichen und Randglossen und schien ihn am meisten interessiert zu haben.

Fontane GBA I,20, S. 28
Hier findet sich der Text in einer Reclam-Ausgabe wieder, die er selbst so oft, und nicht eben rühmlich erwähnt…

Mahilde schließt daraus zunächst lediglich, dass Hugo sein Examen nicht so bald machen, ihnen also als Mieter erhalten bleiben wird [vgl. ebd., S. 28]. Offenbar bezieht sie diese Beobachtungen jedoch auch später immer wieder in ihre Pläne mit ein; zum Beispiel wenn sie während der gemeinsamen Vorbereitung auf Hugos Examen Gespräche übers Theater als eine von mehreren den Geist erquickenden Mitteln einsetzt [vgl. ebd., S 76], und ihm nach dem bestandenen Examen auch wieder „Reclamsche 2 Groschenausgaben“3 als Erholung erlaubt, oder wenn sie Hugos Freund Rybinski, der sich als Nebendarsteller am Theater versucht und mit einer Schauspielerin verlobt ist, behutsam auf Abstand hält, weil sie weiß, wie leicht Hugo sich durch Literatur zu Tagträumereien verleiten lässt:

„Das mit den Theaterstücken war ein Unsinn und mit dem ewigen Lesen auch und Rybinski und seine Braut […] // [1] umschlossen eine Gefahr, die früher oder später beseitigt werden mußte. [2] mußten über kurz oder lang beseitigt werden. Rybinski war eine Gefahr, noch dazu eine complicirte.\\ Zunächst aber konnte von einem Vorgehen keine Rede sein, weil sie deutlich einsah, daß sie zur Erreichung ihrer Zwecke der Mitwirkung und Fortdauer guter Beziehungen zu Rybinski durchaus bedurfte.“

Fontane GBA I,20, S. 58f.

Wie bereits in Graf Petöfy und beim zweiten Unterstreichungsmotiv in Quitt werden auch hier die Unterstreichungen als Zustimmung oder Zweifel verstanden. Mathilde leitet ihre Folgerungen allerdings in erster Linie aus dem Phänomen des Lesens und Unterstreichens an sich ab, nicht so sehr aus Duktus und grafischer Form der Unterstreichungen und Marginalien oder dem Inhalt des Unterstrichenen. Auffällig ist einerseits, dass Literatur hier erstmals zum Massenkonsumgut wird, nicht allein durch die Menge der Bücher, sondern vor allem durch die mehrfache Betonung, dass es sich um billige Reclamhefte handelt, die im Kontrast zu seinen dicken und sicherlich auch teuren Jurabüchern stehen, die zwar ein eigens für sie angeschafftes Stehpult haben, aber nicht gelesen werden. Auffällig ist andererseits, dass unter der Vielzahl der von Hugo verschlungenen Heftchen lediglich drei genannt werden: Calderóns Das Leben ein Traum [vgl. ebd. S. 28], Zolas La faute de l’Abbé Mouret [vgl. ebd., S. 43] und Schillers Gespenster [vgl. ebd., S. 73]. La faute de l’Abbe Mouret wird nicht mit Titel genannt, lediglich in der Umschreibung: „die Geschichte von Zola wo das Paradies drin vorkäme“. 

Von diesen dreien wiederum steht nur Das Leben ein Traum im Zusammenhang mit den Unterstreichungen, was dem Stück ein besonderes Gewicht gibt, wenn man davon ausgeht, dass auch hier wieder die Unterstreichungen Aufschluss über den Charakter des Unterstreichenden geben sollen. 

Allein aus der Quantität der (Zeichen und) Randglossen schließt Mathilde, dass Das Leben ein Traum Hugo am meisten interessiert hat. Wie schon bei den Confessions in Graf Petöfy wird nicht genau beschrieben, was wie unterstrichen oder angemerkt wurde. In Graf Petöfy werden lediglich Striche und Fragezeichen erwähnt und eine Eingrenzung auf die ersten fünfzig Seiten vorgenommen. Hier kommen Randglossen, Ausrufungszeichen und andere nicht näher spezifizierte Zeichen hinzu. Die Hefte werden außerdem als „eingeknifft“ beschrieben, was wohl als Zeichen zur Markierung der zuletzt gelesenen oder aber einer Seite von besonderem Interesse zu verstehen ist. Da keine genauen Angaben gemacht werden, worauf sich die diversen Markierungen beziehen, kann nur eine grobe, spekulative Interpretation vorgenommen werden.

Das Leben ein Traum handelt von dem polnischen Prinzen Segismundo, der von seinem Vater, König Basilio, als kleines Kind in einen Turm gesperrt wurde, da dieser fürchtete, der Sohn werde als sein Nachfolger ein Tyrann. Als Segismundo erwachsen ist, beschließt Basilio ihn auf die Probe zu stellen. Der Prinz erhält einen Schlaftrunk und wird zum ersten Mal ins Schloss geführt, wo man ihm seine wahre Identität preisgibt. Er hält nun sein Leben im Kerker für einen bloßen Traum. Weil er sich daraufhin tatsächlich als Tyrann erweist, wird er abermals in Schlaf versetzt, wieder in den Turm gebracht und ist nun in Verwirrung, welches Leben der Traum gewesen sei: sein Leben als Gefangener oder als Prinz. Als er nun zum zwei- ten Mal, diesmal von Aufständischen, aus dem Turm befreit wird, zeigt er sich als gerechter Herrscher, weil er aus seinem „Traum“, dem Tag als Tyrann, gelernt hat.4

Die Verbindung des Stücks zu Fontanes Hugo besteht darin, dass er sich in seine Lektüre flüchtet, weil er sich im realen Leben nicht beweisen kann [vgl. ebd. S. 45] und in diesen Momenten womöglich sein reales Leben für unwirklich hält. Als Hugo bereits seine Stelle als Bürgermeister hat, ihm aber die politischen Ideen zur Ausfüllung dieses Amtes fehlen, sagt Mathilde ihm: „Du bist immer wie im Traum, Hugo.“ [Ebd., S. 92]. So wie Segismundo von seinem Vater mal in den Turm, mal ins Schloss gebracht wird und sich dessen nicht einmal bewusst ist, so lässt sich auch Hugo von Mathilde an den Platz stellen, den sie für richtig hält. Segismundo allerdings kostet seine Macht aus, sobald er in die Entscheidungsposition gelangt, wohingegen Hugo auch als Bürgermeister in Passivität verharrt. 

Zwar ist es wichtig, Hugo als Träumer auszuweisen, dennoch ist dieser intertexuelle Bezug weniger präzise und daher weniger aussagekräftig als etwa der Bezug auf Lienhardt und Gertrud in Quitt. Die Hauptfunktion des Unterstreichungsmotivs in Mathilde Möhring ist, Mathildes Fähigkeit herauszustellen, aus seinen Unterstreichungen verwertbare Informationen zu gewinnen und zu nutzen, also ihre praktische Klugheit zu betonen. 

Zum vorherigen Beitrag der Reihe…

…zum Folgenden Beitrag der Reihe.


1 Fontane, Theodor; Gotthard Erler [Hrsg.]: Große Brandenburger Ausgabe. Das Erzählerische Werk, editorische Betreuung Christine Hehle, Band 20. Mathilde Möhring, nach der Handschrift neu herausgegeben von Gabriele Radecke, Berlin (Aufbau-Verlag) 2008, S. 41 u. 45. Im Folgenden: Fontane GBA I,20. Der Begriff wird hier einmal von Mathilde, einmal von Hugo verwendet, um auszudrücken, das Hugo eine höhere gesellschaftliche Position als die Möhrings hat. 

2 Ich zitiere aus der von Gabriele Radeke nach der Handschrift neu herausgegebenen historisch-kritischen Edition, die Mehrfachformulierungen Fontanes hintereinander nennt. Radeke kommentiert diese Vorgehensweise wie folgt: „Für die Darstellung der Mehrfachformulierungen wurde ein vereinfachter linearer integraler Apparat entwickelt; der Beginn und das Ende einer mehrfach formulierten Textstelle wird durch Doppelvirgel // bzw. \\ markiert. Die einzelnen Textschichten werden in der rekonstruierten Reihenfolge ihrer Entstehung genetisch dargestellt; zur leichteren Leseorientierung sind hochgestellte Ziffern ([1], [2] und [3]) eingefügt, die das innerhandschriftliche mehrschichtige Übereinander in ein lineares Nebeneinander überführen.“ Radeke, Gabriele: Editionsbericht und Textkritischer Apparat. In: Ebd., S. 202. 

3 Ebd., S. 82. Während der Examensvorbereitungen hatte sie ihm diese Ablenkung untersagt: „ […] Du musst nun endlich Dein Examen machen und nicht immer die Bücher bei Seite schieben und die ›Gespenster‹ lesen […].“ Ebd., S. 73. 

4 Um der Kürze und der größeren Deutlichkeit des Bezugs zu Hugo wegen verzichte ich auf die Darstellung der Nebenhandlung um Rosaura und Clotaldo sowie Estrella und Astolfo. 

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