Fjodor Dostojewski: Die Brüder Karamasow

3. Beitrag der Reihe Klassiker lesen

Meine Probleme mit der Poetik Dostojewskis

Um Die Brüder Karamasow zu lesen, habe ich Monate gebraucht. Gut, es ist auch lang. Vor allem ist es aber langweilig. Während des Lesens habe ich oft gedacht, dass mir das alles nichts sagt, und ich folglich nichts darüber zu schreiben haben werde. Jetzt habe ich mich doch dazu entschlossen, auch wenn es wenig wissenschaftlich werden und an Dostojewski Interessierte vielleicht nicht unbedingt weiter bringen wird.

Wassili Perow: Bildnis Fjodor Dostojewskis © gemeinfrei, Quelle: kunstkopie.nl

Worum es – grob zusammengefasst – geht

Das Poem handelt von den Brüdern Mitja (Dmitri), Iwan und Aljoscha (Alexej) Karamasow, sowie ihrem Vater Fjodor. Alle haben so ihre Daddy-Issues, insbesondere aber Mitja: Er ist überzeugt, sein Vater habe ihn um das Erbe seiner Mutter betrogen, auf das er aufgrund seines verschwenderischen Lebenswandels gerade sehr angewiesen ist, außerdem ist er wie wahnsinnig in eine Frau (Gruschenka) verliebt, hinter der auch der Vater her ist und lebt in übertriebener Sorge, Fjodor könnte mit den 3000, die eigentlich ihm zustünden, Gruschenka zu sich locken. Fjodor wird schließlich ermordet und in den Augen der Öffentlichkeit kommt eigentlich nur Mitja in Frage, weil er seinen Hass auf den Vater stets so plakativ zur Schau getragen hatte, ja sogar angekündigt hatte, ihn zu ermorden. Es gibt da aber noch einen vierten, unehelichen Fjodorowitsch Kramasow: Smerdjakow, Sohn einer „Schwachsinnigen“, der als Diener im Hause seines Vaters lebt.

Daneben gibt es noch einen anderen, besonders langweiligen Handlungsstrang um Aljoschas alternative Vaterfigur, den Starez Sossima (ein Starez ist im orthodoxen Christentum eine spezielle Art Einsiedlermönch). Mehrere hundert Seiten lang geht es um das Starzentum, Sossimas Heiligkeit, seinen Sterbeprozess und den Skandal, als seine Leiche zu stinken anfängt (was seine Heiligkeit in Frage stellt – wtf). Das hätte ich alles komplett überhaupt nicht gebraucht.

Ein polyphoner Roman? Exkurs zu Bachtin

Michail Bachtin schreibt in Probleme der Poetik Dostojewskis, dessen Poetik sei polyphon: Seine Figuren haben verschiedene Stimmen, verschiedene Weltsichten, die in ihrer Sprache zum Ausdruck kommen, ohne dass sie in einen Autorenkommentar über sie eingeschlossen sind. Als Gegenbeispiel nennt er Tolstoi, in dessen Schriften seine Weltsicht stets präsent sei.

Es fällt wir schwer, etwas dazu zu sagen, da ich sowohl Dostojewski und Tolstoi als auch Bachtin nur in Übersetzungen kenne. Es bleibt ein Restzweifel, ob ich es richtig verstanden habe. Mein Eindruck ist aber, dass Tolstoi, z.B. in Krieg und Frieden, viel besser die Unterschiedlichkeit seiner Charaktere mithilfe der Sprache, die sie sprechen, darzustellen weiß. Nicht von der Hand zu weisen ist allerdings, dass Tolstois Weltsicht stets präsent ist. Dostojewskis mag weniger präsent sein, aber seine Charaktere sind alle ähnlich und sie reden auch ähnlich. Obwohl zum Beispiel die Brüder offensichtlich unterschiedliche Prinzipien darstellen sollen (Mitja ist sinnlich, Iwan intellektuell, Aljoscha besinnlich-religiös), gleichen sie sich in ihrer letztendlich alles andere überschattenden Melodramatik. Und nicht nur sie: ausnahmslos alle Charaktere des Poems sind auf eine für mich sehr befremdliche Art melodramatisch und unterscheiden sich nicht in der Sprache die sie sprechen. Ein Eindruck von Polyphonie stellt sich keineswegs ein.

Und noch ein paar Worte zur Übersetzung

Übersetzungskritik hat wohl kaum eine belastbare Grundlage, wenn man weder das Original noch andere Übersetzungen kennt und auch nicht speziell auf einen Übersetzungsvergleich hin gelesen hat. Ein paar Bemerkungen möchte ich dennoch loswerden.

© S. Fischer Verlage

Ich habe die E-Book-Version der Übersetzung von Swetlana Geier im Fischer-Verlag gelesen. Swetlana Geier ist ja eine renommierte Übersetzerin, insbesondere ihre Neuübersetzungen der Romane Dostojewskis sind vielen ein Begriff. Ich möchte mich auf keinen Fall despektierlich über ihre Arbeit äußern, aber es beschäftigt mich, warum mir Die Brüder Karamasow so viel befremdlicher vorkamen als alles, was ich bisher aus dem Russischen gelesen habe, und ob das vielleicht nicht nur an Dostojewski, sondern zum kleinen Teil auch an der Übersetzung gelegen haben mag.

Ihre Muttersprache ist Russisch, Deutsch lernte sie seit ihrer Kindheit und seit 1943, da war sie zwanzig Jahre alt, lebte sie in Deutschland. In einem Übersetzungsseminar bei der von mir sehr geschätzten Rosemarie Tietze, die ebenfalls aus dem Russischen übersetzt, lernte ich, Zielsprache könne immer nur die Muttersprache sein. Ich maße mir kein Urteil an, aber ich möchte das zur Überlegung weitergeben.

Was mir jedoch aufgefallen ist: Swetlana Geiers Anmerkungsapparat war für mich viel weniger interessant und informativ, insgesamt bereichernd, als etwa Barbara Conrads zu ihrer Übersetzung von Tolstois Krieg und Frieden oder Rosemarie Tietzes zu Tolstois Anna Karenina. Das kann an vielem liegen: meiner persönliche Neigung, der Aktualität der Übersetzungen (Zeitgeschmack), aber vielleicht auch daran, dass Russisch nicht die Muttersprache der Übersetzerinnen ist und daher möglicherweise andere, mehr Aspekte als erklärungsbedürftig erkannt werden.

Eure Meinung hierzu interessiert mich sehr!

Die Übersetzungsproblematik ist hier mal wieder spannend, und müsste weiter verfolgt werden – leider spricht mich Dostojewski nicht genug an, um verschiedene Übersetzungen zu lesen und zu vergleichen und Russisch kann ich ja leider auch nicht. Um so mehr würde ich mich freuen, von Euch etwas dazu zu hören!

Hat es sich dennoch gelohnt?

Zum Klassikerleseprojekt gehört auch, sich durch Schriften zu kämpfen, die mir nicht so zusagen. Es geht darum, das eigene Lesespektrum immer mehr auszuweiten und auch darum, sich endlich eine Meinung zu Romanen zu bilden, die man dem Namen nach schon immer kennt, aber eben nie gelesen hat. Ich bin insofern froh, meinen ersten Dostojewski hinter mir zu haben, auch wenn ich nicht gefunden habe, was ich erwartet hatte.

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6 Gedanken zu “Fjodor Dostojewski: Die Brüder Karamasow

  1. In meiner Dostojewski-Phase habe ich mehrere seiner Romane (Schuld und Sühne, der Idiot, Die Dämonen) geradezu verschlungen. Es ging ein Sog von ihnen aus. Die Lektüre liegt aber zu weit zurück, als dass ich jetzt noch im Einzelnen darlegen könnte, was mich fasziniert hat. Sicher das Vorherrschen einer irgendwie fatalistischen Weltsicht und das meisterhafte Ausbreiten eines Geschehens, in das die Protagonisten hineingezogen werden. Auf eine absurde Art ringen sie mit ihrem Schicksal. So kommt es mir aus der zeitlichen Distanz vor. Dein Beitrag wäre eine gute Gelegenheit, erneut einen dieser Romane hervor zu nehmen und zu schauen, wie sich das jetzt liest. Ich gebe zu, dass mich ein wenig der Ehrgeiz packt, „meinen“ Dostojewski zu verteidigen, obwohl das natürlich Unsinn ist. Zur Frage der Übersetzung glaube ich, sie könnte tatsächlich zentral sein. Ich besitze die alte dtv-Dünndruck-Ausgabe, sicher ein anderer Übersetzer (da müsste ich mal schauen). Mich jedenfalls muss zu allererst die Sprach in einen Roman hinein ziehen, und in der Tat, wer da kein Muttersprachler ist, dürfte es verdammt schwer haben. Aber: großen Respekt für’s Hindurchkämpfen!

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    1. Eine Verteidigung würde mich auf jeden Fall sehr interessieren!
      Aber es kann gut sein, dass es Dich jetzt weniger anspricht. Ich hatte beim Lesen jedenfalls den Eindruck, dass es eher etwas für jugendliche Leser*innen ist – vielleicht aufgrund der fatalistischen Weltsicht?

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      1. Gerne würde ich den Selbstest unternehmen, ob deine Vermutung bezüglich der jungendlichen Leser*innen als Zielgruppe zutrifft. Mal schauen, ob sich das zeitlich einrichten lässt. Ich glaube freilich nicht, dass sich das so eindeutig bestimmen lassen wird wie beispielsweise bei Hermann Hesse, den zumindest die akademische Literaturwissenschaft ja eindeutig der jungendlichen Sinnsuche zuschreibt.

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  2. Eine ganz andere Perspektive auf Dostojewski liefert Romano Guardini in seinem Buch „Der Mensch und der Glaube“. Wie der Titel andeutet, ist das eine (übrigens schön geschriebene) Exegese vom christlichen Standpunkt aus. Aber selbst, wenn einem diese Perspektive nichts bedeutet – ich bin etwas überrascht, dass der Glaube sich in Ihrem Leseerlebnis überhaupt nicht widerspiegelt. Kann man eigentlich gar nicht dran vorbeilesen, finde ich, vgl. bspw. das 5. Kapitel, die „Fantasie“ vom „Großinquisitor“. Eine „fatalistischen Weltsicht“ sehe ich nirgendwo bei Dostojewski – eine tiefgäubige, christliche Weltsicht schon. Ich glaube nicht, dass die Rezeption Dostojewskis, oder der Wert seines Werkes, an der Übersetzung hängt. Oder überhaupt an der Sprache. Schon Nabokov hat Dostojewskis „feet of clay“ bemängelt und fand ihn eher mittelmäßig (eine Meinung, die ich nicht teile).

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    1. Der Wert eines literarischen Werkes hängt immer an der Sprache.

      Ich bin mir nicht sicher, wie ich Ihre Verwunderung darüber, dass sich der Glaube nicht in meinem „Leseerlebnis widerspiegle“, verstehen soll. Die Darstellung des Glaubens hat meine Lektüre insofern überschattet, als ich als Atheistin keinerlei Interesse daran habe, hunderte von Seiten christlichen Fanatikern zu folgen. Ich muss zugeben: Ich habe die Lektüre ganz unvorbereitet begonnen und wenn ich gewusst hätte, dass Religion ein so prägendes Thema sein würde, hätte ich gar nicht erst angefangen.
      Fatalisten sehen die Entwicklungen des Lebens, ihr Schicksal (fatum), als unabänderlich vorherbestimmt an, beispielsweise von Gott. Diese Haltung findet sich insbesondere bei Dmitri.

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