Repoetisierung 6: Ernst Jandl

Mit diesem Beitrag will ich meine im letzten Jahr gegonnene, dann leider sehr bald eingeschlafene Reihe Repoetisierung wiederbeleben.

Vor fast zwanzig Jahren bekamen meine Geschwister und ich jeder eine erweiterte Neuaufgabe der Lyrik-Anthologie „Deutsche Gedichte von den Anfängen bis zur Gegenwart“, auch „Echtermeyer/von Wiese“ genannt, zu Weihnachten geschenkt. Wir lasen der Reihe nach unsere Lieblingsgedichte vor. Dann nahm sich mein Vater einen Band, tadelte uns halb im Scherz für unseren konservativen, klassischen Geschmack, und las ein Gedicht vor, das mich seitdem immer begleitet hat: ottos mops von Ernst Jandl. 

ottos mops ist sicher eines der bekanntesten Gedichte von Jandl. Besonders auffällig ist sein Monovokalismus: Es kommen keine anderen Vokale als das o vor. das sieht dann – zum Beispiel in der ersten Strophe – so aus:

ottos mops trotzt
otto: fort mops fort
ottos mops hopst fort
otto: soso

Auf Lyrikline kann man sich das ganze Gedicht lesen und, gelesen von Jandl selbst, anhören. Vordergründig ist das einfach eine Sprachspielerei: gucken wir doch mal was passiert, wenn man nur einen Vokal verwendet. Außerdem ist es witzig: lautmalerisch, mimisch (wenn man es laut und übertrieben vorträgt), durch den überrascht derben Ausdruck „kotzt“ (in der dritten Strophe) und weil der Mops an sich komisch ist.

Aber Jandl wäre nicht Jandl, wenn das Ganze nicht noch eine gesellschaftskritische Ebene hätte. Wie heißt der Mops eigentlich? Er hat keinen eigenen Namen, er ist allein charakterisiert durch seine Zugehörigkeit zu Otto, er ist ihm untergeordnet. Ist das der Grund, weshalb er trotzt? Aber er gehorcht ihm dennoch: hopst fort und kommt her, wenn Otto es befiehlt. Doch dann macht er etwas Überraschendes (o ist der Laut der Überraschung und Bestürzung): Er kotzt. Und es ist sicher kein Zufall, dass sich „kotzt“ auf „trotzt“ reimt, als einziges im ganzen Gedicht. Wird Otto sein selbstherrliches Verhalten am Ende bewusst? Als der Mops ihm vor die Füße kotzt ruft er aus: ogottogott. Aufgrund der Schreibweise findet sich Otto im Zentrum dieser Interjektion, einem Ausruf des Entsetzens. Otto, der immer alles doppelt sagen muss, wird zu Gott, zumindest für den Mops. Doch der Mops lässt sich von Gott nicht mehr alles gefallen. War es am Ende seine Entscheidung, dass er fort gehopst ist? Und ist er nur zurück gekommen, um ogottogott zu sagen, was er von ihm hält? Kotzen als Ausdruck des Trotzes.

Ernst Jandl wurde 1925 in Wien geboren und starb 2000 ebenda. Neben seiner Berufung als Dichter übte er den Beruf des Lehrers aus. Obwohl viele seiner Gedichte voller Sprachwitz und hintergründigem Humor stecken, darf man ihn nicht als Clown missverstehen. Der Germanist Hermann Korte bemerkte treffend:

Jandl schrieb beharrlich und konsequent gegen das Image vom lustig-netten Sprachclown an. Vom liebenswürdigen Ironiker und spielerischen Artisten, der Überraschungen zu allerlei Sprachwitz bereithält, ist im Spätwerk kaum etwas übrig geblieben. Von Gedichtband zu Gedichtband steigerten sich Melancholie und Sarkasmus. Ihr Fundament war ein Pessimismus, der von Anfang an latent im Werk verborgen war.

Korte, Hermann: Kritisches Lexikon zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Zitiert nach: Lyrikline.

Schön finde ich, dass Ernst Jandl nicht nur erreichen möchte, dass man am Lesen von Gedichten gefallen findet, sondern – insbesondere Kinder, aber wieso sollte man es darauf beschränken – zum eigenen Schreiben animiert. Er sammelte Nachdichtungen, die nach dem Vorbild von ottos mops entstanden und ihm zugeschickt worden waren, und veröffentlichte sie. Nicht jede*r kann und muss Dichter*in sein, aber es ist eine Bereicherung, wenn man durch Selbstversuch ein tieferes Verständnis gewinnt. Ich finde in allen Künsten sollte das Dilettantentum – im vollen Bewusstsein des Dilettantischen – wieder mehr Raum gewinnen. Sich aus Liebhaberei mit Malen, Dichten, Musizieren, Schauspielen beschäftigen, für sich selbst.

Neu war mir auch, dass Ernst Jandl und Friederike Mayröcker sich innig verbunden waren, sich geliebt haben, miteinander gelebt und mitunter auch gedichtet haben. Aber überrascht hat es mich nicht. Jedenfalls hat es mir Mayröcker wieder mehr ins Gedächtnis gebracht, weshalb ich mich bei einer der nächsten Repoetisierungen mit ihrem Werk befassen möchte.


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