Verhulst, Erofeev, Strunk – Alkoholismus

Der flämische Schriftsteller Dimitri Verhulst erlangte größere Bekanntheit durch seinen autobiografisch gefärbten Episodenroman Die Beschissenheit der Dinge, in dem er erzählt und reflektiert, wie es war, mit Vater, Oma und drei ständig alkoholisierten Onkeln auf dem Dorf aufzuwachsen. Was macht Dimitri Verhulsts Darstellung dieser Themen aus und wie verhält sich diese zu anderen Erzählungen um Alkoholmissbrauch wie Venedikt Erofeevs Moskau – Petuški und Heinz Strunks Der goldene Handschuh?

Die Beschissenheit der Dinge, Die Unerwünschten, Moskau - Petuški, Die Reise nach Petuschki, Der goldene Handschuh
Verhulsts „Die Unerwünschten“ behandelt Alkoholismus nur am Rande, weshalb es doch nicht Teil des Vergleich wurde © Eva Wißkirchen

Dimitri Verhulst: Die Beschissenheit der Dinge

Nachdem ich vor Jahren Dimitri Verhulsts Roman Die Beschissenheit der Dinge zufällig in der Bibliothek entdeckt und auf ex gelesen hatte, wollte ich dringend mehr und versuchte es mit verschiedenen anderen Werken dieses flämischen Autors. Doch nichts konnte an meine Begeisterung anknüpfen. Der Titel lässt es ahnen: Verhulsts Stil besticht durch die poetische Beschreibung des Vulgären. Er hat Humor und Witz, ohne albern und klamaukig oder bemüht ironisch zu sein. Die Beschissenheit der Dinge (im niederlänischen Original fast noch schöner: De helaasheid der dingen) ist für mich nach wie vor die Essenz dieses Stils. Der zeigt sich weniger in einzelnen Sätzen, als im harmonischen Zusammenspiel konträrer Sprachebenen und der Absentierung hergebrachter Werturteile über soziale Milieus. Denn Verhulst beschreibt die Menschen in seinem Episodenroman mit liebevollem Blick, denn schließlich ist es seine Familie, die er porträtiert. Intime Kenntnis ist dabei gepaart mit der melancholischen Distanz desjenigen, der seiner Herkunft entwachsen ist:

Ich bin längst keiner mehr von ihnen, der Beweis ist, dass sie auch mit mir etwas reden, das in die Nähe von allgemeinem Niederländisch kommt, genau wie mit meinem Sohn. Obwohl ich weiß wie aufgesetzt sie das finden. Ich spreche meinen Dialekt nicht mehr. Ab und zu kommt er spontan in mir hoch, wenn ich wütend bin oder betrunken. Selten also. Enorm selten. Ich bin keiner mehr von ihnen, wäre es aber gern, um meine Loyalität zu zeigen – oder meine Liebe, oder wie immer man das nennen mag.

Dimitri Verhulst: Die Beschissenheit der Dinge, S. 213 f.

Als Leser spürt man diese Liebe und Loyalität auf jeder Seite, wenn er beschreibt, wie seine Onkel und sein Vater sich betrunken und weinend zu den Klängen Roy Orbinsons in den Armen liegen („Allein die Alleinen!“), Onkel Herman den offiziellen Weltrekord im Biertrinken aufstellt oder Onkel Potrel als Revanche eine Tour de France des Saufens organisiert:

Analog zur Radler-Runde hatte er sich drei Wertungen ausgedacht, drei Trikots, die man erringen konnte. Das gelbe Trikot für den Gesamtsieger, für den der bis zum jeweiligen Tag den gesamten Parcours am schnellsten zurückgelegt hatte. Das grüne für den Sprintmeister, also: den König des ad fundum. Und das gepunktete Trikot, das in den Bergen zu erringen war, wo die Kontrahenten harte Alkoholika trinken mussten wie Whisky und Wodka. [DBdD 58 f.]

Dimitri Verhulst: Die Beschissenheit der Dinge, S. 58 f.

Auch wenn viele der Geschichten von peinlichen Zusammentreffen, Zurückweisung und Verfall handeln, gelingt es Verhulst das alles von seiner komischen Seite darzustellen. Er verklärt seine Kindheit nicht, aber er jammert auch nicht darüber. Wohl weil er genügend Abstand gewinnen konnte, der im diese Nüchternheit der Betrachtung ermöglicht.

Venedikt Erofeev: Moskau – Petuški

Venedikt Erofeev – auch Wenedikt Jerofejew transskribiert – wurde 1938 geboren entwickelte sich im Studium zum Dissidenten und konnte es daher in der Sowjetunion zu nichts bringen. Er starb 1990 an Kehlkopfkrebs. Alkohol als Trostspender spielte daher nicht nur in seinem berühmten Poem Móskva – Petuški eine entscheidende Rolle.

Das Poem wurde um 1970 herum verfasst, blieb in der Sowjetunion bis 1988 verboten (fand aber im Untergrund über den Samisdat eine gewisse Verbreitung) und lag seit 1978 in einer deutschen Übersetzung von Natascha Spitz vor. 2005 veröffentlichte der Verlag Kein & Aber eine neue Übersetzung von Peter Urban, die inzwischen vergriffen ist. Sie ist wissenschaftlich genauer, mit einem großen Anmerkungsapparat versehen und wurde mir von Slawisten als gültige Ausgabe empfohlen. Ob sie deshalb wirklich besser ist, vermag ich nicht zu beurteilen, weil ich weder die Übersetzung von Natascha Spitz noch das Original gelesen habe – die Übersetzungskritik von Klaus Cäsar Zehrer in der Titanic hat mir allerdings zu denken gegeben.

Der Ich-Erzähler des Poems – Venička – wacht verkatert auf einem Treppenabsatz auf und wankt auf der Suche nach dem Kursker Bahnhof (und etwas zu trinken) durch das winterliche Moskau.

O Vergänglichkeit! O kraftloseste und schändlichste Zeit im Leben meines Volkes – die Zeit vom Morgengrauen bis zum Öffnen der Geschäfte!

Venedikt Erofeev: Moskau – Petuški, S. 10.

Venička will sich mit dem Zug auf den Weg nach Petuški machen, wo seine Geliebte ihn erwartet. Im Verlauf der Erzählung und mit zunehmender Trunkenheit werden die Begegnungen immer absurder und die Glaubwürdigkeit des Erzählers immer fragwürdiger. Es ist zweifelhaft, ob eine reale Reise überhaupt stattfindet, eine Reise durch die europäische Kultur, insbesondere deren Literatur, Musik und Philosophie ist es allemal. Nicht nur aufgrund der zahlreichen Andeutungen, die im Text vorkommen, auch der Held selbst zieht diesen Vergleich:

Weiß der Teufel, in welchem Genre ich in Petuški ankommen werde… Von Moskau an waren alles philosophische Essais und Memoiren, alles waren Gedichte in Prosa wie bei Ivan Turgenev… Jetzt beginnt der Kriminalroman.

Venedikt Erofeev: Moskau – Petuški, S. 76

Das Werk oszilliert permanent zwischen Tragik und Komik, es ist witzig ohne je heiter zu sein. Die Komik entsteht zum großen Teil durch den Kontrast zwischen der gehobenen Sprache und dem banalen, wenn man so will schmählichen, Geschehen. Diese Verbindung zeigt sich auch in der Benennung der „Cocktails“ die Venička erfindet: Balsam von Kanaan, Geist von Genf, Träne der Komsomolzin, die neben Zutaten wie Bier und Wasser des Waldes auch Nagellack und Bremsflüssigkeit enthalten.

Der Slawist und Literaturprofessor Georg Witte bezeichnete das Poem in seinem Essay „Kleine Reisen aus Moskau“ als „ein Hohes Lied des Suffs“1. Dem ist insofern zuzustimmen, als der Ton des Poems häufig an Biblisches gemahnt. Im Sinne eines Lobliedes – entsprechend dem Hohen Lied der Liebe König Salomons – auf Alkoholmissbrauch ist das Poem aber nicht zu verstehen. Zwar betrachtet der Protagonist alles Reale wie Ideelle in Hinblick aufs Trinken, tut dies allerdings im Bewusstsein der Ersatzhaftigkeit:

Dies hier haben mir die Menschen gegeben als Ersatz für das, wonach sich meine Seele sehnt! Wenn sie mir jenes gäben, bräuchte ich dann dieses?

Venedikt Erofeev: Moskau – Petuški, S. 22.

Heinz Strunk: Der goldene Handschuh

In seinem 2016 erschienenen Roman „Der goldene Handschuh“ erzählt Heinz Strunk aus dem Leben des Frauenmörders Fritz Honka, das von billigem Alkohol zerfressen und von Sadismus und perversen sexuellen Phantasien geprägt ist. Dies kontrastiert oder vielmehr parallelisiert er mit Episoden aus dem Alltag der fiktiven Hamburger Reedersfamilie von Dohren, in dem Alkoholmissbrauch und sexuelle Gewalt ebenso bestimmend sind.

Im Unterschied zur „Beschissenheit der Dinge“ und „Moskau – Petuškí“ hat „Der goldene Handschuh“ wechselnde personale Erzähler, was die Distanz zum Erzählten vergrößert, obschon nicht so sehr wie ein auktorialer Erzähler dies würde. Zugleich tritt einem der Roman auf unangenehme Art viel näher, zu nahe – weil er ekelerregend ist. Das beschränkt sich nicht allein auf den Inhalt, sondern intensiviert sich in der harten sprachlichen Gestaltung, in den Bildern, im Wortklang.

Das elementare Muster des Ekels ist die Erfahrung einer Nähe, die nicht gewollt wird.

Winfried Menninghaus: Ekel. Theorie und Geschichte einer starken Empfindung, Frankfurt a. M. (Suhrkamp) 1999, S. 7.

In verschiedenen Rezensionen wurde der Roman als tragikomisch bezeichnet. Das überwältigende Ekelgefühl verhinderte für mich allerdings die Distanz, die mich irgendetwas daran komisch hätte finden lassen können. Tragisch ist die Figur Fritz Honka auch nicht, denn er ist ein Verbrecher und tragisch ist ein Leiden nur, wenn eine Strafe willkürlich und unverdient verhängt wird (und sei es vom ominösen „Schicksal“), wenn jemand trotz größtem Bemühen scheitert. Auch das Wissen um die Misshandlungen, die Honka als Jugendlicher selbst erfahren hat, lässt kein Mitgefühl mit ihm erwachen.

Über Nähe

Ich wollte diese drei Romane zunächst deshalb nebeneinander stellen, da mir aufgefallen war: Je näher der Autor am Alkoholismus daran ist, desto euphemistischer wird dieser dargestellt, desto lyrischer ist die Sprache. Eroveev war selbst alkoholkrank – Moskau – Petuški enthält zahlreiche Elemente des hohen Stils und Anleihen an der Sprache der Bibel, eine von Philosophie und Literatur geprägte Gedankenwelt. Verhulst ist selbst nicht betroffen, aber seine nächsten Verwandten – seine Prosa lebt vom Kontrast zwischen Derbem und Zartem. Strunk schließlich beschreibt ein Milieu, in dem er nicht lebt und dem er nicht entstammt – der Alkoholismus Honkas wird nicht philosophisch, literarisch eleviert, sondern in treffend ekelerregender Sprache in seiner ganzen Drastik dargestellt.

Nach genauerer Betrachtung halte ich diesen Zusammenhang zwischen Betroffenheit und Darstellung allerdings für rein zufällig und vor allen Dingen für nebensächlich. Trotz des verbindenden Themas Alkoholismus trennt die Protagonisten doch entscheidend ihr Charakter. Honka steht nicht nur, wie die anderen, aufgrund seines Alkoholmissbrauchs außerhalb der Gesellschaft, sondern besonders durch seine grausamen Verbrechen. Selbstverständlich verlangt das nach einer anderen sprachlichen Darstellung.


1 Witte, Georg: Kleine Reisen aus Moskau, in: Blaschke, Bernd (u.a. Hrsg.): Umwege. Ästhetik und Poetik exzentrischer Reisen, Bielefeld 2008, S. 281.

Verhulst, Dimitri: Die Beschissenheit der Dinge. Aus dem Niederländischen von Rainer Kersten, btb 2011.

Eroveev, Venedikt: Moskau – Petuški. Aus dem Russischen von Peter Urban, Kein & Aber 2005.

Strunk, Heinz: Der goldene Handschuh, Rowohlt 2016.

Werbeanzeigen

4 Gedanken zu “Verhulst, Erofeev, Strunk – Alkoholismus

  1. Ich habe den Strunk über die Feiertage gelesen (Weihnachtsgeschenk) und ich kann mich der Einschätzung nur anschließen. Das Buch ist roh und beschreibt einen Verfall der unvermeidlich fortschreitet. Wer einmal bettlägerige Alkoholiker mit zerfressener Leber gesehen hat findet viele Parallelen zu den Verhalten der Charaktere.

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen (Ihre Kommentareingaben werden zwecks Anti-Spam-Prüfung an den Dienst Akismet gesendet. Wir nutzen die eingegebene E-Mailadresse zum Bezug von Profilbildern bei dem Dienst Gravatar. Hinweise zum Widerrufsrecht finden sich in der Datenschutzerklärung.)

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.