Nur scheinbar unvereinbar: Krieg und Frieden, fiktiv und faktisch

Folgenden Essay habe ich schon vor ein paar Jahren geschrieben. Nachdem ich durch einen Beitrag auf dem Blog lesestunden an ihn erinnert wurde, habe ich ihn nochmals gelesen und fand, dass durch die Diskussionen um „alternative Fakten“ und die Reportagen von Claas Relotius Tolstois Überlegungen plötzlich eine überraschende Aktualität bekommen. Auf den erwähnten Beitrag auf lesestunden hat mich die Blogschau von Sören Heim aufmerksam gemacht.

Überlegungen zu Tolstois Geschichtsphilosophie

Zunächst ist man geneigt, Tolstois Titel Krieg und Frieden als Dichotomie zu lesen. Krieg und Frieden werden gemeinhin als sich ausschließende Begriffe verstanden. Zieht man Schopenhauers Ausführungen über Geschichte in „Die Welt als Wille und Vorstellung“ hinzu, ergibt sich aber vielleicht eine andere Deutungsmöglichkeit.

François Gérard: La bataille d’Austerlitz. 2 decembre 1805 (1810, Musée de Trianon)
© gemeinfrei. Quelle: wikimedia

Nicht alle beschriebenen Ereignisse im Roman sind einem der Begriffe eindeutig zuzuordnen. Im ersten Teil des ersten Buches kommen keinerlei kriegerische Handlungen, im Sinne von Schlachten zwischen Armeen, vor. Dennoch befindet sich Russland zu diesem Zeitpunkt bereits im Krieg, welcher wiederholt als das alle Kommunikation beherrschende Thema angegeben wird, obwohl Gespräche über mögliche Heiraten oder Erbschaften de facto den größeren Teil ausmachen. Diese könnten genau so auch zu Friedenszeiten geführt werden und zugleich haben die Intrigen, auf die sie sich beziehen, selbst eine kriegerische Nuance, bedenkt man wie strategisch und rücksichtslos etwa Anna Michailowna auf der einen und Fürst Wassili mit der älteren Prinzessin auf der anderen Seite im Kampf um die Erbschaft des Grafen Besuchow agieren. 

Kriegerische Handlungen im engeren Sinne finden sich aber erst im zweiten und dritten Teil. Dann erst kommt es auch zum Auftritt historischer Personen, die aber fiktiv behandelt werden: Kaiser, Oberbefehlshaber und Generäle. Zum einen werden hier historische Quellen hinzugezogen1, zum anderen interagieren historische Figuren mit fiktiven. So wie sich Friedliches und Kriegerisches nicht immer sauber trennen lässt, so auch nicht Fiktives und Historisches. 

In diesen Zusammenhang der nur scheinbar komplementären Begriffspaare gehören auch „fiktiv“ und „faktisch“. Tolstoi lässt an verschiedenen Stellen seine Ansicht über Geschichte als Lüge, wie sie schon dem leider nicht übersetzten Vorwort zu Krieg und Frieden zu entnehmen ist, durchscheinen. Die Schlachtenszenen sind nicht nur als unübersichtliche geschildert, sondern auch die Schilderungen selbst sind zum Teil dergestalt. Erst in den Berichten und Erzählungen der Beteiligten wird daraus ein geordnetes Geschehen, als welches es ursprünglich gar nicht erlebt wurde.

Die Gründe für diese gefälschte, oder doch zumindest überarbeitete Darstellung seitens der Beteiligten sind vielfältig. Die Motivationen scheinen nur zum Teil bewusst zu sein. Beispielsweise scheint eine nachträgliche Strukturierung des Geschehenen sich willkürlich und beinahe zwangsläufig zu vollziehen, da Strukturiertes schlicht leichter mitteilbar ist als eine überfordernde Wahrnehmungsflut. Damit eng verbunden ist, dass Wünsche, Hoffnungen und Möglichkeiten, wie Alexander Kluge postuliert, Bestandteil der Realität eines Menschen sind. Die Wünsche erscheinen so real wie das „tatsächlich“ Geschehene: 

Der Regimentskommandeur hatte das so sehr tun wollen, so sehr bedauert, dass es ihm nicht gelungen war, dass es ihm jetzt so vorkam, als sei all das genau so gewesen. Und vielleicht war es ja in der Tat so? Hätte man denn in diesem Durcheinander ausmachen können was war und was nicht?2

Tolstoi, Lew: Krieg und Frieden, München (Hanser) 2010, S. 344

Es kommen noch weitere Gründe für eine Modifikation des Erlebten in der Erzählung hinzu. Zunächst einmal wird bloß von anderen Gehörtes genau so stark gewertet wie selbst Erlebtes. Dies Gehörte vermischt sich mit dem Gesehenen so sehr, dass es nicht mehr als bloß Gehörtes empfunden wird. Andere Änderungen werden vorgenommen, um die Erzählung schöner zu gestalten. In einem Erzählerkommentar werden diese drei Motivationen wie folgt zusammengefasst: 

Er [Nikolai Rostow, E.W.] erzählte ihnen seine Schlacht bei Schöngrabern ganz und gar so, wie gewöhnlich an der Schlacht beteiligte erzählen, das heißt so, wie sie wünschten, dass es gewesen wäre, so wie sie von anderen Erzählern gehört haben, und so, wie es schöner zu erzählen wäre, aber überhaupt nicht so, wie es wirklich war.3

Tolstoi, Lew: Krieg und Frieden, München (Hanser) 2010, S. 422

Diese letzte Motivation ist nicht allein ästhetischen Überlegungen geschuldet, sondern hängt auch mit dem aristotelischen Postulat der Wahrscheinlichkeit eng zusammen. So heißt es im 9. Kapitel der Poetik über das Allgemeine, das von der Dichtkunst darzustellen ist:

Das Allgemeine besteht darin, darzustellen, was für Dinge Menschen von bestimmter Qualität reden oder tun nach der Angemessenheit oder Notwendigkeit.

Aristoteles: Poetik, Stuttgart (Reclam) 1961, S. 39

Was aber als angemessen und notwendig erachtet wird, ist abhängig von der Erwartungshaltung des Zuhörers, und diese ist geprägt von früheren Erzählungen. Daher erzählt Rostow seine Erlebnisse wie es üblich ist, da sie sonst nicht glaubwürdig wären: 

Hätte er diesen Zuhörern die Wahrheit erzählt, die, wie er selbst, auch schon viele Male Erzählungen von Attacken gehört hatten und sich daraus eine bestimmte Vorstellung gemacht hatten, was eine Attacke war, und nun genau so eine Erzählung erwarteten – entweder sie hätten ihm nicht geglaubt, oder, was noch schlimmer ist, sie hätten gedacht, dass Rostow selbst schuld daran sei, dass ihm nicht das passiert war, was den Erzählern von Kavallerieattacken gewöhnlich passiert.5

Tolstoi, Lew: Krieg und Frieden, München (Hanser) 2010, S. 423

Rostows Bericht fällt damit in den Bereich der Dichtung, mithin der Fiktion, obgleich es sich um die Wiedergabe von eigens Erlebtem handelt. Besonders betont wird hierbei, dass Rostow diese Unwahrheiten keinesfalls absichtlich sagt, sondern dass die Transformationsprozesse, die das Erlebte während des Erzählens erfahren, „unwillkürlich und unvermeidlich“ sind. Die im obigen Zitat dargestellte Betrachtungsweise nähert sich Schopenhauers in den Ergänzungen zu „Die Welt als Wille und Vorstellung“ geäußerten Vorstellung an, der wesentliche Inhalt der Geschichte sei immer derselbe.2 Schopenhauer führt dies jedoch auf das Wesen des Menschen zurück, das immer gleich bleibe, und nicht wie Tolstoi im obigen Zitat auf Erzählkonventionen. 

Zusätzlich erschwert wird eine nicht-fiktive Darstellung von Fakten dadurch, dass die Wahrnehmung von Mensch zu Mensch verschieden und von vielen Faktoren beeinflusst ist. So erklärt es sich, dass die Augen des Kaisers aus der Perspektive Rostows als blau beschrieben werden, aus der Perspektive Bolkonskis jedoch als grau.3 Die Augen des Kaisers mögen objektiv eine bestimmte Farbe haben, aufgrund der Subjektivität jeglicher Wahrnehmung ist diese jedoch nicht objektiv feststellbar.

Eine andere Motivation zur Fiktionalisierung des Erlebten besteht darin, durch eine geschönte Darstellung des eigenen Verhaltens während der Schlacht eine Beförderung zu erwirken,4 was aber zum Teil ebenso unwillkürlich geschehen kann.

Auch Paul Ricœur spricht von einer Überkreuzung von Fiktion und Historie, das heißt, er nimmt an, dass „einerseits die Geschichte irgendwie auf Fiktion zurückgreift, um die Zeit zu refigurieren, und andererseits die Fiktion in der selben Absicht auf die Geschichte zurückgreift.“5 Bei Tolstoi setzt die Fiktionalisierung der Historie allerdings schon früher ein: selbst Augenzeugen fiktionalisieren das soeben Erlebte, um es erzählen zu können, vielleicht sogar schon, um es denken zu können. 

Grund für die Fiktionalisierung der Historie ist Ricœur zufolge, dass die Vergangenheit nicht beobachtet werden kann: „Die Nichtbeobachtbarkeit der Gewesenheit markiert die Stelle, die für die Phantasie freigehalten wird.“6 Tolstoi hingegen stellt schon das Ereignis selbst als für den Augenzeugen nicht beobachtbar dar: „Hätte man denn in diesem Durcheinander ausmachen können, was war und was nicht?“7 Deshalb muss auch die Fiktionalisierung schon zu einem früheren Zeitpunkt einsetzen. Daraus ergibt sich aber, dass einige der Quellen, auf die sich die Historiografie stützt, Briefe, Augenzeugenberichte und ähnliches, nicht etwa Fakten wiedergeben, sondern selbst schon Fiktion sind.

Um zum Schluss noch mal auf die Ausgangsthese zurückzukommen, Krieg und Frieden würden bei Tolstoi ebenso wie Fiktion und Historie nicht als komplementäre Begriffe behandelt, muss zunächst in Erinnerung gerufen werden, dass Schopenhauer die Ansicht vertritt, die Geschichte sei immer gleich: 

Die wahre Philosophie der Geschichte besteht nämlich in der Einsicht, dass man bei allen diesen endlosen Veränderungen und ihrem Wirrwarr doch stets nur das dasselbe, gleiche und unwandelbare Wesen vor sich hat, welches heute dasselbe treibt wie gestern und immerdar […]. Dies Identische und unter allem Wechsel Beharrende besteht in den Grundeigenschaften des menschlichen Herzens und Kopfes – vielen schlechten, wenigen guten.

Schopenhauer, Arthur: Die Welt als Wille und Vorstellung. Band II, Frankfurt a. M. (Suhrkamp) 2. Aufl. 1989, S. 570

Daraus lässt sich schließen, dass das Wesen des Menschen im Krieg wie im Frieden gleichbleibt, es also auch keinen wesentlichen Unterschied zwischen Krieg und Frieden gibt, da es nach Schopenhauer keine Realität an sich gibt, sondern nur die inneren Vorgänge wahre Realität besitzen.8

Dieses Allgemeine darzustellen, dazu eignet sich nicht nur nach Aristoteles, sondern auch nach Schopenhauer besser die Dichtkunst als die Historiografie.9 Insofern könnte man diese Ansicht Schopenhauers schon auf Krieg und Frieden beziehen, die Frage bleibt jedoch, ob auch der Text es hergibt, ihn mit Schopenhauer zu deuten. 

Es wurde oben bereits ausgeführt, dass die Intrigen um Erbschaften und Heiraten, die die Moskauer Gesellschaft beschäftigen, genauso auch zu Friedenszeiten sich abspielen könnten und zugleich selbst kriegerisch anmuten. Ebenso gibt es in den Schlachtenszenen immer wieder überraschend friedliche Momente, so zum Beispiel als Rostow auf der anzuzündenden Brücke erstmals unter Beschuss gerät: 

Nikolai Rostow wandte sich ab, und als suche er etwas, blickte er in die Ferne, aufs Wasser der Donau, den Himmel, die Sonne. Wie schön wirkte der Himmel, wie blau, ruhig und tief! Wie hell und festlich die untergehende Sonne! Wie freundlich glänzend blitzte das Wasser in der fernen Donau! Und noch schöner waren die fernen, blauschimmernden Berge hinter der Donau, das Kloster, die geheimnisvollen Schluchten, die bis zu den Wipfeln von Nebel umhüllten Kiefernwälder … dort war Stille, Glück …

Tolstoi, Lew: Krieg und Frieden, München (Hanser) 2010, S. 257

Zwar wird das Schöne hier als etwas Fernes beschrieben, und je ferner desto schöner, aber dennoch empfindet es Rostow in der unmittelbaren Gefahr der Schlacht.

Diese Vorkommen von kriegerischer Aktion in Salonszenen und friedlichen Empfindungen in Schlachtszenen lässt es plausibel erscheinen, dass auch in Krieg und Frieden die Ansicht transportiert wird, das Wesen des Menschen sei in Krieg und Frieden gleich und die Begriffe somit nicht komplementär.

Zum Weiterlesen: Ein Vergleich der Beschreibung der Schlacht bei Borodino in Tolstois Krieg und Friesen mit klassischer Schlachtenmalerei.


[1] Tolstoi zitiert aus einem Brief des Erzherzogs Ferdinand (vgl. Tolstoi, Lew: Krieg und Frieden, München (Hanser) 2010 S. 214 sowie die Anmerkung auf Seite 1068), aus Befehlen und einem Brief Napoleons (vgl. ebd. S. 286, S. 297, S. 470 sowie die Anmerkungen auf S. 1068-1071) sowie den Erinnerungen Denis Wassiljewitsch Dawydows (vgl. ebd. S. 258 sowie die Anmerkung auf S. 1069)

[2] Schopenhauer, Arthur: Die Welt als Wille und Vorstellung. Band II, Frankfurt a. M. (Suhrkamp) 2. Aufl. 1989, S. 567

[3] Vgl. Tolstoi, Lew: Krieg und Frieden, München (Hanser) 2010, S. 445 sowie S. 483

[4] Vgl. Dolochows Verhalten ebd. auf den Seiten 332f. 

[5] Ricoeur, Paul: Zeit und Erzählung. Band III Die erzählte Zeit, München (Fink) 1991, S. 295

[6] Ebd. S. 296

[7] Tolstoi, Lew: Krieg und Frieden, München (Hanser) 2010, S. 344

[8] Vgl. Schopenhauer, Arthur: Die Welt als Wille und Vorstellung. Band II, Frankfurt a. M. (Suhrkamp) 2. Aufl. 1989, 567f.

[9] Vgl. Ebd., S. 563.

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3 Gedanken zu “Nur scheinbar unvereinbar: Krieg und Frieden, fiktiv und faktisch

  1. Ich möchte nicht damit angeben, diesen Essay in der Tiefe verstanden zu haben, zumal ich Tolstoi quasi nur vom Hörensagen bzw. als literarisches Motiv kenne. Aber das Thema „Krieg und Frieden“ interessiert mich, da ich gerade dabei bin, mich durch Kriegslyrik zu wühlen, um Klausurmaterial zu finden. Zwar bin ich der Meinung, dass es zwischen Krieg und Frieden sehr wohl enorme Unterschiede gibt, zumindest in der individuellen Befindlichkeit. Dennoch, die Aussagen über das unveränderliche Wesen der Menschen insgesamt lassen einen etwas betroffen zurück. Sehr prägnant wird das formuliert in Günter Kunerts „Über einige Davongekommene“.

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    1. Ohne jemals Krieg erlebt zu haben, wofür man nicht dankbar genug sein kann, bin ich mir auch absolut sicher, dass es wesentliche Unterschiede zwischen Krieg und Frieden gibt. Besonders seit dem Ersten Weltkrieg. Ich wollte hier lediglich Tolstois Anschauungen wiedergeben; ich teile auch die Überzeugung von einer Unveränderlichkeit des Menschen nicht. Ich teile mehr die Hoffnung Adornos, der er im Essay „Zur Schlußszene des Faust“ Ausdruck verleiht.
      Ich kannte Kunerts Gedicht nicht, habe es schnell nachgelesen. Schon der Titel scheint mir aber darauf hinzuweisen, dass es sich eben nur um „einige“ Davongekommene handelt, die sich nicht auf Dauer ändern werden. Ich müsste das nachprüfen, aber ich glaube, dass sich das Wort „einige“ erst nach Kunert dahin entwickelt hat, dass man es mit „viele“ assoziiert.

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