Oscar Wilde: The Picture of Dorian Gray

2. Beitrag der Reihe Klassiker lesen.

Verwesung und der schöne Schein

Dorian Gray steht in der Blüte seiner Jugend, als es dem Maler Basil Hallward gelingt, seine fragile Schönheit auf eine Leinwand zu bannen. Während Basil zu den letzten Strichen ansetzt, lernt Dorian Lord Henry, genannt Harry, kennen und durch diesen den Wert seiner vergänglichen Schönheit. Harry bringt den tugendhaften Dorian auf gänzliche neue Ideen – man könnte sagen, er erschafft den neuen Dorian, während Basil das Abbild des vergangenen erschafft.

Angesichts des Gemäldes und mit Harrys verführerischen Worten im Ohr wird Dorian schmerzlich bewusst, dass er alt werden und seinen Reiz verlieren wird. Theatralisch wünscht er, er möge immer so bleiben, wie das Porträt ihn jetzt zeigt – die Zeichen der Zeit und besonders auch die seines schlechten Lebenswandels hingegen mögen nur auf dem Gemälde sichtbar werden. Und so geschieht es. Kurz nach seinem Wunsch verlässt er eine junge Schauspielerin, die sich daraufhin das Leben nimmt. Zunächst nimmt ihn dieses Ereignis sehr mit, er fühlt sich schuldig und wundert sich, dass man ihm das nicht ansieht. Dann entdeckt er, dass das Porträt, welches Basil ihm geschenkt hatte, sich verändert hat: sein Lächeln hat einen grausamen Zug bekommen.

„But the picture? What was he to say of that? It held the secret of his life, and told his story. It had taught him to love his own beauty. Would it teach him to loathe his own soul? Would he ever look at it again?“

Oscar Wilde: The Picture of Dorian Gray. Chapter VII.

Trotz der ersten Erschütterung vergisst er das Mädchen und was er ihr angetan hat. Nicht so ihr Bruder: er kennt Dorian nur unter dem Pseudonym „Prince Charming“, schwört aber tödliche Rache, sollte er ihn jemals finden.

Dorian wird immer liederlicher, doch äußerlich bleibt er der schöne, unberührte, naive Junge. Und egal, was für Gerüchte über ihn kursieren, sobald er den Raum betritt, wird ihm alles vergeben – oder vielmehr: erscheint plötzlich alles unglaubwürdig, denn wer so gut aussieht, kann nur guter Mensch sein. Eine sich aufdrängende Interpretation ist, dass es sich um Kritik an Oberflächlichkeit, Schönheitskult und Jugendlichkeitswahn der Gesellschaft handelt. Aber das kann es doch wohl nicht gewesen sein?

Oscar Wilde 1889. Porträt von W. & D. Downey

Die Gesellschaft liebt ihn nach wie vor, aber Dorian fällt es zunehmend schwer, sich selbst zu ertragen. Denn er weiß ja, wie er wirklich ist und kann es sich sogar ansehen: wenn er auf sein Porträt blickt, das er sorgsam vor aller Augen versteckt hält. Das Buch wandelt sich von einer ästhetizistischen Aphorismensammlung (solange Lord Henry den Ton prägte) zu einer Fin-de-siècle-Variante des Schauerromans. Es wird unerwartet spannend und morbide.

Wer mit Ästhetizismus in erster Linie Realitätsflucht, Schönheitskult und L’art pour l’art verbindet, den wird dieser Umschwung ins Unheimliche vielleicht überraschen. Ich bin keine Expertin für diese Richtung, erinnere mich aber, dass Edgar Allan Poe – Meister des Unheimlichen – als Vorbild der ästhetizistischen Bewegungen gilt, und an das wohl berühmteste präraffaelitische Gemälde: Millais‘ Ophelia.

Millais: Ophelia 1851-52, Tate Gallery © public domain; Quelle: The Artchive

Das Unheimlich rührt daher, dass sie zugleich tot und lebendig wirkt – eine Dopplung der Zustände – die mangelnde Unterscheidbarkeit verunsichert. In Dorian Grays Falle verteilt sich diese unheimliche Dopplung auf die Person und ihr Portrait – er altert und altert zugleich nicht. Die Hässlichkeit seiner Seele wird ausgelagert und manifestiert sich im Abbild. Sind Abbild und Abgebildeter zunächst deckungsgleich, treten sie mit der Zeit immer weiter auseinander, beziehungsweise wird das Portrait von einem Abbild seiner Physis zu dem seiner Psyche. Die Trennung von Physis und Psyche wirkt unnatürlich und unheimlich, obschon eigentlich bereits die Vorstellung, dass sich die Psyche in der Physis zeige, eine Illusion ist.

In The Canterville Ghost hatte Wilde ironisch mit der Thematik des Unheimlichen gespielt: Der Geist von Canterville treibt jahrhundertelang sein Unwesen auf dem Schloss, treibt es so arg, dass niemand dort zu leben wagt – bis eine moderne, amerikanische Familie einzieht und dem armen Geist das Leben schwer macht, indem sie sich einfach nicht vor ihm fürchten.

In The Picture of Dorian Gray ist das Unheimliche ungebrochen: Spätestens in zwölften Kapitel, als Dorian beschließt, Basil das entstellte Portrait zu zeigen, verändert sich die Stimmung des Romans radikal. Die zugespitzten Kommentare Harrys, die für mich den typischen Ton Oscar Wildes repräsentieren, werden gänzlich überschrieben.

There are only two kinds of people who are really fascinating—people who know absolutely everything, and people who know absolutely nothing.

Oscar Wilde: The Picture of Dorian Gray. Chapter VII.

Ich frage mich, wie diese Aussprüche 1890, bei Veröffentlichung des Romans gewirkt haben mögen. Fand ich diesen Ton mit siebzehn, als ich einige Theaterstücke von Wilde las, noch erfrischend und originell, haben sie mich jetzt nur gelangweilt. Ich war dieses Tons so überdrüssig, dass ich den Roman einige Wochen zur Seite legen musste und erst mit dem oben beschriebenen Umschwung ein gewisses Interesse an ihm entwickelte.

Oscar Wilde ist – gefühlt – einer der am stärksten für Geschenkbücher ausgeschlachtete Schriftsteller. Man kennt diese Art Sprüche, auch wenn man seine Werke nicht kennt. Mein Eindruck ist, dass wir durch die Überpräsenz von Ironie in den letzten Jahrzehnten und durch die Verwurstung von Aphorismen und Sentenzen in den Sozialen Medien uns daran satt gelesen haben. Ich jedenfalls kann es nicht mehr hören.

Man könnte anhand des Romans sicher einiges zum Realismus sagen – das Vorwort deutet bereits darauf hin – sowie zur intertexuellen Beziehung zu Shakespeares „The Tempest“ – ebenfalls im Vorwort angedeutet. Das war mir momentan zu viel Arbeit, wahrscheinlich gibt es dazu auch schon Einiges.

Offen gestanden: Mit Oscar Wilde kenne ich mich nicht aus. Sinn des Projektes „Klassiker lesen“ ist unter anderem, mich in Bereiche zu begeben, in denen mir die Anschlussmöglichkeiten fehlen. Zwar habe ich als Jugendliche ein bisschen Wilde gelesen, aber ich habe mich nie literaturwissenschaftlich mit seinem Werk beschäftigt, weder im Studium, noch privat. Auch den Ästhetizismus habe ich nur peripher gestreift. Ich warte also wiedermal gespannt auf die erhellenden Kommentare meiner allseits bestens informierten und umfänglich gebildeten Leser*innen!


Grundlage des Beitrags ist leider keine wirklich solide, zitierfähige Ausgabe, sondern schlicht ein public domain E-Book von Publishers Weekly.

Aber ich mache das hier schließlich nur zum Spaß, und nicht in einem wissenschaftlichen Kontext, also verzeiht mir bitte meine Ungenauigkeit. Es soll keine Gewohnheit werden.

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4 Gedanken zu “Oscar Wilde: The Picture of Dorian Gray

  1. Zu Wilde möchte ich hier lediglich einen belletristischen Lesetipp geben, nämlich einen wirklich schön geschriebenen Roman des Blogger- und Autorkollegen Matthias Engels: Die heiklen Passagen der wundersamen Herren Wilde & Hamsun. Roman. Lehrensteinsfeld: Stories & Friends 2015.
    Meine Buchbesprechung dazu hier: https://indieautor.com/2015/12/14/matthias-engels-die-heiklen-passagen-der-wundersamen-herren-wilde-hamsun-roman/
    Ich hoffe, eine Empfehlung für das lesenswerte Buch eines sympathischen Kollegen ist an dieser Stelle erlaubt… Weihnachtliche Grüße und einen guten Start ins neue Jahr!
    A. Goldberg

    Gefällt 1 Person

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