Unterstreichungen als Charakterisierung II – Fontane: Quitt

Dies ist der vierte Beitrag einer Serie zu Unterstreichungen und Marginalien als Motiv in Romanen und Erzählungen.

Quitt, entstanden zwischen 1885 und 1889, ist ein von der Forschung bisher wenig beachteter Roman Fontanes; möglicherweise weil Thema und Handlungsorte untypisch sind: Der Protagonist Lehnert Menz begeht in seiner Heimat, dem Riesengebirge, einen Mord an seinem ewigen Widersacher, dem Förster Opitz, und flieht dann nach Amerika, wo sich ein neuer Handlungsstrang entspinnt, an dessen Ende er in den Bergen verunglückt. 

Caspar David Friedrich: Morgen im Riesengebirge, etwa 1810/11. Alte Nationalgalerie Berlin © public domain

In Quitt kommen an zwei Stellen Unterstreichungen vor, eine im ersten, eine im zweiten Handlungsstrang. Da sich die Unterstreichungen in ihrer Funktion voneinander unterscheiden, wird die zweite Motivvariante erst im nächsten Beitrag dieser Serie behandelt. 

Die ersten Unterstreichungen finden sich in einem Brief des Försters an den Grafen, in welchem jener diesen davon in Kenntnis setzen will, dass er Lehnert wiederholt beim Wildern erwischt habe. Christine, das Hausmädchen des Försters, liest den Brief heimlich und berichtet Lehnerts Mutter davon. Dabei sprechen sie auch über die Unterstreichungen: 

»Liebe Frau Menz, ich habe es nun alles gelesen. Es sind drei Seiten, alles fein abgeschrieben und unterstrichen, denn er hat ein kleines Pappelholzlineal, das nimmt er immer, wenn er unterstreichen will, und das sind allemal die schlimmsten Stellen.«

[Fontane, Theodor; Gotthard Erler [Hrsg.]: Große Brandenburger Ausgabe. Das Erzählerische Werk, editorische Betreuung Christine Hehle, Band 12. Quitt. Roman, herausgegeben von Christina Brieger, Berlin (Auf- bau-Verlag) 1999, S. 80f. Im Folgenden: Fontane GBA I,12.]

Diese schlimmsten Stellen sind in Lehnerts Fall erstens die Feststellung der Tatsache, dass die vorgefallene Wilderei eine Wiederholungstat war: 

[»]Und da machen sie denn gleich aus dem Floh ’nen Elefanten und thun so, als ob es wunder was sei, nicht weil es wirklich was Großes und Schlimmes wäre, nein, bloß von wegen dem zweiten Mal, von wegen dem Wiederbetretungsfall. Und da sind sie wie versessen drauf und das war auch die Stelle mit dem dicken Strich … das heißt die eine.« 

Fontane GBA I,12, S. 81.

Die zweite Stelle beschreibt Lehnerts Charakter als aufwieglerisch und unpatriotisch. Hierzu äußert Lehnerts Mutter: 

»Ach Du meine Güte. Von seinem Charakter! Und die hat Opitz auch unterstrichen? Ja, was soll denn das heißen? Ein Charakter ist doch bloß wie man is. Und wie is man denn? Man is doch bloß so, wie einen der liebe Gott gemacht hat, und wenn man auch nicht alles thun darf, aber seinen Charakter, ja, Du mein Gott, den hat man doch nun mal und den wird man doch noch haben dürfen und den kann er nicht unterstreichen.[«] 

Fontane GBA I,12 81f. 

Die letzte Stelle enthält Opitz‘ Hinweis, dass man bei der Bemessung des Strafmaßes jede Tat Lehnerts einzubeziehen habe; sie ist als Konsequenz aus den ersten beiden Unterstreichungen zu verstehen: 

»Er hat gesagt, ›daß man sich jeder That von ihm zu gewärtigen habe‹, das steht drin, Frau Menz, und das Wort ›jeder‹ ist noch extra roth unterstrichen und sieht aus wie Blut, so daß ich einen regulären Schreck kriegte und bloß nicht wußte, an wen ich dabei denken sollte, ob an Opitzen oder an Lehnert.«

 Fontane GBA I,12, S. 82.

Der Duktus der Unterstreichungen wird als Klimax beschrieben: die erste Stelle hat einen „dicken Strich“; die zweite ist „noch dicker unterstrichen“ und die letzte schließlich „noch extra roth unterstrichen“. Die letzte Stelle wird durch Christines Assoziation der roten Farbe mit Blut noch dramatisch zugespitzt. Aus dem Verhalten beider Frauen geht deutlich hervor, dass sie die Unterstreichungen als ein Machtmittel verstehen. So zum Beispiel, wenn Lehnerts Mutter in ihrer lückenhaften Logik deduziert, den Charakter könne Opitz nicht unterstreichen, spricht daraus die Angst, von der Unterstreichung gehe eine besondere Gefahr aus, die noch über den Brief allein hinausgeht. 

Die Unterstreichungen sollen den Charakter Lehnert Menz’ hervorheben, offenbaren aber gleichzeitig den Charakter des Försters. Dieser nimmt sich selbst sehr wichtig und achtet penibel darauf, dass seine Autorität als Förster nicht in Frage gestellt und seiner Person stets Ehrerbietung entgegengebracht wird. Er sieht sich als Vorgesetzten und die Dorfbewohner, insbesondere Lehnert Menz, als seine Untergebenen: 

»Wie der Kerl [Lehnert Menz, E.W.] nur wieder grüßt,« rief Opitz seiner Frau zu. »Hast Du gesehen, Bärbel? Und das soll ich für einen Gruß nehmen. So grüßt man einen Rekruten, aber nicht einen Vorgesetzten. Und das Gesicht dazu …«
»Du bist nicht sein Vorgesetzter.«

»Ach, was. Was weißt Du davon. Ich sage Dir, ich bin’s. Und wenn ich es nicht wär’, ein Mann in Amt und Würden ist allemal eine Respektsperson.[«]

Fontane GBA I,12, S. 36f.

Während des Kriegs 1870/71 war Opitz tatsächlich Lehnerts Vorgesetzer, und ein Teil der Ablehnung, die Lehnert ihm gegenüber hegt, rührt aus jener Zeit und besonders aus der Tatsache, dass Lehnert das Eiserne Kreuz nicht bekommen hat, weil Opitz sich mit der Begründung, Lehnert tauge nichts, sei frech und übermütig, dagegen ausgesprochen hatte.1 Opitz rückt auch nach dem Krieg nicht von dieser Vorgesetztenhaltung ab. Der freiheitsliebende Lehnert subordiniert sich aber nicht, auch nicht, als seine Mutter ihn hierzu zu überreden versucht, sondern fühlt sich Opitz überlegen: 

»Ueberlege Dir’s Lehnert. Er ist ein gräflicher Förster und is nun doch ’mal der Herr.« 

»Ach was, der Herr. Ein Diener is er. Ich bin ein Herr, wenigstens eher als er und kann machen, was ich will.« [Hervorhebung im Original, E.W.]

Fontane GBA I,12, S. 41.

Opitz ist überzeugter Vertreter des Obrigkeitsstaats, Lehnert republikanisch gesinnt. Dies ist, auf eine persönliche Ebene verschoben, die Ursache ihres permanenten Konflikts. Opitz’ Sinn für Ordnung und Gesetz, spiegelt sich im Duktus seiner Schrift und der Unterstreichungen. Auf seine ordentliche Handschrift ist er stolz, wie einer Aussage Christines zu entnehmen ist: 

»Denn das weiß ich schon, weil ich öfter so ’was lese, wenn er erst mal im Zug ist, dann ist kein halten mehr und auf eine Seite mehr oder weniger kommt es ihm nicht an, schon weil er eine schöne Handschrift hat und mitunter zu mir sagt ›nu, Christine, wie gefällt Dir das große H‹ und vor allem, weil er gerne so was schreibt von Ordnung und Gesetz und dabei wohl denken mag, so was lesen die Herren gern und halten ihn für einen pflichttreuen Mann«

Fontane GBA I,12, S. 82f.

Aus seinem Amt, durch welches er sich, wie Christine ihn zitiert, als „Stütze von Land und Thron“ [Fontane GBA I,12, S. 83] sieht, bezieht er sein Selbstwertgefühl und das Überlegenheitsgefühl gegenüber Lehnert und anderen Dorfbewohnern. Allein deswegen scheint ihm an Ordnung und Gesetz gelegen zu sein. 

Der oben zitierten Beschreibung Christines kann man entnehmen, dass es ihn freut, sein Selbstbild mit seinem Schriftbild in Einklang zu sehen. Ob er im Sinne der Graphologie glaubt, die Handschrift sei Ausdruck des Charakters, ist nicht klar ersichtlich, aber wahrscheinlich. 

© public domain

Die detaillierte Beschreibung des Lineals als „kleines Pappelholzlineal, das er immer nimmt, wenn er unterstreichen will“ lässt vermuten, dass es kein beliebiger Gegenstand ist, sondern für Opitz einige Bedeutung hat, die sich auch Christine mitgeteilt hat; denn sonst würde sie es nicht ausführlich erwähnen. Die Angewohnheit, in seinen Briefen noch Unterstreichungen vorzunehmen, ist problemlos in die oben ausgeführte Beziehung zwischen Schriftbild und Selbstbild miteinzubeziehen. Außerdem betont sein Unterstreichen nicht nur allgemein die Wichtigkeit seiner eigenen Worte, sondern gibt ihm die Macht, zusätzlich zu sprachlichen Ausdrucksmöglichkeiten auch grafisch festzulegen, welche seiner Worte besonders wichtig sind, und somit den Empfänger seines Briefes in dessen Lektüre zu beeinflussen. 

Interessant ist darüber hinaus, dass das Lineal aus Pappelholz ist. Die Pappel wird seit der Antike häufig mit Tod assoziiert, auch in Romanen Fontanes. Doch dazu mehr im nächsten Beitrag der Serie, in dem es um Unterstreichungen als Informationsquelle im Roman Quitt gehen wird.

Zum vorherigen Beitrag der Reihe …

… zum folgenden Beitrag der Reihe.


1 Vgl. ebd., S. 13. Lehnert und andere Dorfbewohner kommen immer wieder auf diese Geschichte zurück.

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2 Gedanken zu “Unterstreichungen als Charakterisierung II – Fontane: Quitt

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