Unterstreichungen und Selbsterkenntnis II – Fontane: Irrungen, Wirrungen

Dies ist der zweite Beitrag einer Serie zu Unterstreichungen und Marginalien als Motiv in Romanen und Erzählungen.

Fontanes Roman Irrungen, Wirrungen aus dem Jahr 1887 (in Buchform 1888 erschienen) erzählt die – selbstverständlich! – unglücklich endende Liebesgeschichte zwischen dem verarmten Baron Botho von Rienäcker und der aus bescheidenen Verhältnissen stammenden patenten Schneiderin Lene Nimptsch.

monet_-_boot_auf_der_epte
Lene und Botho lernten sich kennen, als Lene und ihre Freundin Schwierigkeiten mit ihrem Ruderboot hatten und Botho zur Hilfe eilte © Claude Monet: Boot auf der Epte

Im Gegensatz zu dem Roman Graf Petöfy, in dem Franziskas Selbsterkenntnis (oder ihre Einsicht, nicht über eine solche zu verfügen) über den Inhalt der Confessions und des eingelegten Rückertzitats intertextuell vermittelt wurde, wird die Selbsterkenntnis des Protagonisten Botho von Rienäcker in Irrungen, Wirrungen intratextuell erreicht: Durch das Wiederlesen seiner eigenen Unterstreichungen in veränderten Lebensumständen.

Botho erhält zunächst einen Brief von seiner Geliebten Lene, in dem sich einige Rechtschreibfehler finden, die er anstreicht:

»Deine Lene«, sprach er, die Briefunterschrift wiederholend, noch einmal vor sich hin und eine Unruhe bemächtigte sich seiner, weil ihm allerwiderstreitendste Gefühle durch’s Herz gingen: Liebe, Sorge, Furcht. Dann durchlas er den Brief noch einmal. An zwei, drei Stellen konnt‘ er sich nicht versagen, ein Strichelchen mit dem silbernen Crayon zu machen, aber nicht aus Schulmeisterei, sondern aus eitel Freude. »Wie gut sie schreibt! Kalligraphisch gewiss und orthographisch beinah … Stiehl statt Stiel … Ja, warum nicht? Stiehl war eigentlich ein gefürchteter Schulrath, aber, Gott sei Dank, ich bin keiner. Und »emphelen«. Soll ich wegen f und h mit ihr zürnen? Großer Gott, wer kann empfehlen richtig schreiben? Die ganz jungen Comtessen nicht immer und die ganz alten nie. Also was schadt’s! Wahrhaftig, der Brief ist wie Lene selber, gut, treu, zuverlässig und die Fehler machen ihn nur noch reizender.«1Obwohl es heißt, er mache die Strichelchen nicht aus Schulmeisterei und obwohl das „eitel“, das seiner Freude beigestellt ist, hier wohl im Sinne von „rein“ gemeint ist, wird doch durch den ganzen Ton seines Gedankenflusses deutlich, dass er es besser weiß, und sich darin gefällt, ihr die Fehler zu verzeihen und sie liebenswürdig zu finden. Er verhält sich überheblich. Bemerkenswert ist auch sein Schreibwerkzeug: ein „silberne[r] Crayon“, also kein einfacher Bleistift, sondern ein Bleistift in einem Halter aus Silber – mit diesem unterstreicht er nicht nur Lenes Fehler, sondern auch ihren Standesunterschied.

Andererseits dürfen die Umstände, die die Lektüre begleiten, nicht unberücksichtigt bleiben. Botho hat direkt zuvor einen Brief seines Onkels gelesen, in dem dieser ihn auffordert, ihn gleich bei Hiller zum Mittagessen zu treffen. Botho ahnt, dass der Onkel unter anderem im Auftrag der Mutter kommt, um auf eine schon versprochene Heirat Bothos mit seiner reichen Cousine zu drängen, auf die die Mutter und Botho finanziell angewiesen sind. Dies spielt in die „allerwiderstreitendsten Gefühle“, die ihm durchs Herz gehen, gewiss mit hinein: Liebe, die er für Lene empfindet, Sorge um sie, aber wohl auch um sich selbst und seine Mutter, Furcht wohl vor der Heirat, aber vielleicht auch vor einem Bankrott, der droht, wenn er nicht die Cousine heiratet. Die „eitel Freude“ am Unterstreichen ihrer Fehler ist daher womöglich ein für Botho typischer Versuch, alle unangenehmen, ernsten Gedanken an die Zukunft für einen Moment zu absentieren.

Gegen Ende des Romans liest Botho diesen Brief nochmal. Er selbst ist inzwischen verheiratet, seine Frau zurzeit in Kur. Im Kapitel zuvor hat er von Lenes zukünftigem Ehemann Gideon Franke erfahren, dass sie heiraten will und ihre Mutter verstorben ist. Weil Botho Mutter Nimptsch einst einen Immortellenkranz auf ihr Grab versprochen hatte, fährt er zum Friedhof, und als er zurückkommt, denkt er an einen Blumenstrauß, den Lene auf einer Landpartie für ihn gebunden hat und den er zusammen mit ihren Briefen in einem Geheimfach aufbewahrt. Beides holt er nun heraus:

Er war allein und an Ueberraschung nicht zu denken. In seiner Vorstellung aber immer noch nicht sicher genug, stand er auf und schloß die Thür. Und nun erst nahm er den obenauf liegenden Brief und las. Es waren die den Tag vor dem Wilmersdorfer Spaziergang geschriebenen Zeilen, und mit Rührung sah er jetzt im Wiederlesen auf alles das, was er damals mit einem Bleistiftstrichelchen bezeichnet hatte. »Stiehl … Alléh … Wie diese liebenswürdigen »h’s« mich auch heute wieder anblicken, besser als alle Orthographie der Welt. Und wie klar die Handschrift. Und wie gut und schelmisch, was sie da schreibt. Ach, sie hatte die glücklichste Mischung und war vernünftig und leidenschaftlich zugleich. Alles, was sie sagte, hatte Charakter und Tiefe des Gemüths. Arme Bildung, wie weit bleibst Du dahinter zurück.«2Seine Gedanken unterscheiden sich nicht sehr von dem, was er beim Unterstreichen dachte, aber der überhebliche Ton fehlt. Damals schien es ihm, er habe sie nicht heiraten können, weil er einerseits gesellschaftlich über ihr stand und andererseits darauf angewiesen war, durch Heirat an Vermögen zu kommen. Jetzt erst begreift er, dass Lene charakterlich über ihm steht und auch über seiner Frau, denn die drei letzten Sätze des obigen Zitats bekommen vor dem Hintergrund deren Charakters besondere Kontur: Käthe von Rienäcker schätzt nur das Leichte, Seichte, Unterhaltsame; er vermisst an ihr Lenes Ernst und „Tiefe des Gemüths“.

Auffällig ist, dass Lenes Hauptfehler darin besteht, zu oft den Buchstaben ‚h‘ zu verwenden.3 Das ‚h‘ ist eigentlich nur ein Ausatmen, ein stummer Seufzer; die häufige Verwendung könnte einen melancholischen Gemütszustand andeuten. Meist verwendet Lene es als Dehnungs-h, mitunter sogar zur Dehnung eines bereits anderweitig gedehnten Vokals („Stiehl“, „gefiehl“, „verstheest“)4. Der ausgedehnte Eindruck, der dadurch entsteht, könnte einerseits Lenes ausgeglichenen, nichts übereilenden Charakter betonen, oder andererseits den Wunsch wiederspiegeln, ihre Zeit mit Botho möge sich noch ein wenig ausdehnen. Letzteres ist eigentlich auch der Anlass des Briefes: Botho hat sie fünf Tage nicht besucht und die Mutter sagt schon, er komme nicht wieder: „»Ach, wie mir das immer einen Stich ins Herz giebt, weil es ja einmal so kommen muß und weil ich fühle, daß es jeden Tag kommen kann.«“5Der Roman endet damit, dass Bothos Frau Käthe beim Frühstück die Hochzeitsanzeige Lenes entdeckt und sich, nicht ahnend, um wen es sich handelt, über die Namen lustig macht:

»… Ihre heute vollzogene eheliche Verbindung zeigen ergebenst an: Gideon Franke, Fabrikmeister, Magdalene Franke, geb. Nimptsch …, Nimptsch. Kannst du Dir ’was Komischeres denken? Und dann Gideon!«

Bothos Reaktion muss auf Käthe, die von einer Affäre Bothos vor ihrer Ehe nichts ahnt, unverdächtig wirken:

Botho nahm das Blatt, aber freilich nur weil er seine Verlegenheit dahinter verbergen wollte. Dann gab er es ihr zurück und sagte mit so viel Leichtigkeit im Ton als er aufbringen konnte: »Was hast Du nur gegen Gideon, Käthe? Gideon ist besser als Botho.«8 

Zugleich spricht diese Reaktion dem Leser gegenüber deutlich aus, was bereits vorbereitet wurde, als Botho den Brief mit seinen Unterstreichungen wiederlas: dass Botho an eine Überlegenheit aufgrund seines gesellschaftlichen Standes nicht mehr glaubt.

Das Unterstreichungsmotiv in Irrungen, Wirrungen unterscheidet sich in mehrfacher Hinsicht von dem in Graf Petöfy. Die Unterstreichungen werden nicht in einem Buch, einem literarischen Werk vorgenommen, sondern in einem Brief. Die Person, die die Unterstreichungen vornimmt, ist erstens bekannt und zweitens identisch mit der Person, die die Unterstreichungen liest. Und schließlich ist nicht nur das spätere Lesen der Unterstreichungen, sondern auch das Unterstreichen selbst Teil der Handlung des Romans.

Gemeinsam ist beiden Verwendungen des Motivs jedoch, dass den Protagonisten beim Lesen der Unterstreichungen der Irrtum bewusst wird, der ihrer früheren Selbsteinschätzung innewohnt. Beide hielten sich für fähig, aus Vernunftgründen zu heiraten und mit dieser Entscheidung zufrieden, wenn nicht gar glücklich zu sein. Bei Botho kommt hinzu, dass er sich Lene zunächst überlegen fühlt.

Bei Franziska ist die Erkenntnis noch nicht gereift, als sie die Unterstreichungen liest; das Motiv steht mehr am Anfang ihrer Wandlung, im Zentrum des Romans. Bei Botho hingegen bereitet sich die Erkenntnis im gesamten Verlauf seiner Ehe vor; das Motiv steht daher näher am Ende des Romans.

Ein Fazit wird folgen, nachdem ich noch weitere Romane Fontanes hinsichtlich des Unterstreichungsmotivs untersucht haben werde.

Zum vorherigen Beitrag der Reihe … 

… zum folgenden Beitrag der Reihe.


1 Fontane, Theodor; Gotthard Erler [Hrsg.]: Große Brandenburger Ausgabe. Das Erzählerische Werk, editorische Betreuung Christine Hehle, Band 10. Irrungen, Wirrungen. Roman, bearbeitet von Karen Bauer, Berlin (Aufbau Verlag) 1997, S. 41. Im Folgenden: Fontane GBA I,10.

2 Fontane GBA I,10, S. 166-167.

3 Bis auf das Wort „Blumengirrlande“, in dem sie ein ,r‘ zu viel unterbringt. Vgl. Fontane GBA I,10, S. 40.

4 Ebd., S. 40-41.

5 Ebd., S. 40. „Giebt“ ist hier keine Dehnung Lenes, sondern die von Fontane grundsätzlich verwendete Schreibweise. Man muss auch bedenken, dass es zur Zeit der Niederschrift 1882-1887 noch keine verbindliche Regelung zur Rechtschreibung gab. Eine erste Orthographiekonferenz zur „Herstellung größerer Einigung in der deutschen Rechtschreibung“ scheiterte 1876, erst die I. Orthographische Konferenz 1901 beschließt verbindliche „Regeln für die deutsche Rechtschreibung nebst Wörterverzeichnis“. http://www.schriftdeutsch.de/orthogra.htm Zuletzt aufgerufen am 31. Juli 2018, 22:15.

7 Fontane GBA I,10, S. 190.

8 Ebd.

Werbeanzeigen

10 Gedanken zu “Unterstreichungen und Selbsterkenntnis II – Fontane: Irrungen, Wirrungen

  1. Auch wenn das nicht eigentlich zum Thema Unterstreichungen passt: Witzig finde ich in diesem Zusammenhang, dass Fontane das schrieb, bevor der DUDEN 1901 als verbindliches Regelwerk in Kraft trat. Bis dahin gab es meines Wissens keine Verbindlichkeit für die Rechtschreibung, nur vage „Üblichkeit“.

    Liken

    1. Völlig richtig: wie ich ja schon in Fußnote 5 schrieb gab es zwar 1876, also vor Entstehen des Romans, eine erste Orthographie-Konferenz, auf der man sich aber eben nicht einigen konnte.
      Ich meine, auch mal gelesen zu haben, dass Fontane selbst dazu neigte, ein paar hˋs mehr einzubauen – leider konnte ich nachher diesen Nachweis trotz intensiver Suche nicht mehr finden.

      Liken

    1. Völlig richtig. Die Große Brandenburger Ausgabe, mit der ich hier gearbeitet habe (und die ich immer für Fontane heranziehe), ist insgesamt editorisch sehr ordentlich gemacht. Rein optisch (z. B. beim Coverdesign) lässt sie vielleicht zu wünschen übrig, aber das ist Geschmacksache.

      Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen (Ihre Kommentareingaben werden zwecks Anti-Spam-Prüfung an den Dienst Akismet gesendet. Wir nutzen die eingegebene E-Mailadresse zum Bezug von Profilbildern bei dem Dienst Gravatar. Hinweise zum Widerrufsrecht finden sich in der Datenschutzerklärung.)

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.