Wildheit erobert die linke Seite

Zum Bild-Text-Verhältnis in Maurice Sendaks „Wo die wilden Kerle wohnen“

Das Bilderbuch „Wo die wilden Kerle wohnen“ von Maurice Sendak erzählt, wie ein Junge namens Max eines Abends so wild tobt, dass er von seiner Mutter ohne Essen ins Bett geschickt wird. Von dort aus reist er in das Land, wo die wilden Kerle wohnen. Da er keine Angst vor Ihnen zeigt, machen sie ihn zum König. Sie sind gemeinsam wild, bis er sie ohne essen ins Bett schickt. Er hat Heimweh und fährt gegen den Willen seiner Untertanen zurück in sein Zimmer, wo das Essen auf ihn wartet.

© diogenes

Das Verhältnis von Bild und Text, die beide von Maurice Sendak stammen, ist in diesem Bilderbuch auf mehreren Ebenen gut durchdacht. Inhaltlich ergänzen die Bilder den knappen Text. Sagt der Text lediglich, dass Max nur Unfug im Kopf hatte, zeigt das Bild, wie Max mit einer großen Gabel in der erhobenen Hand einem kleinen, verängstigten Hund hinterherjagt. Doch auch die formale Gestaltung der Bilder greift den Inhalt des Textes auf: Zu Beginn ist die linke Hälfte jeder Doppelseite allein dem Text vorbehalten, die rechte dem Bild, wie übrigens die linke Gehirnhälfte auf Sprache, die rechte auf Bildsprache spezialisiert ist. Das Bild ist zu Beginn auf einen klarbegrenzten, rechteckigen Ausschnitt der Bildseite beschränkt. Bild für Bild wird dieser Ausschnitt größer. Als der Wald in Max‘ Zimmer zu wachsen beginnt, reichen die Blätter schon über den Bildrand, und als es im Text heißt, dass „die Wände so weit wie die ganze Welt waren“, füllt das Bild die gesamte Seite aus – es gibt keine klare Bildbegrenzung, keine Wände mehr. Je näher Max dem Land kommt, wo die wilden Kerle wohnen, desto mehr dehnt sich das Bild auf die linke Seite aus. Als er dort ankommt, erstreckt es sich schließlich über die ganze Doppelseite, der Text findet sich nun am – Bild für Bild kleiner werdenden – unteren Bildrand, bis er schließlich ganz verdrängt wird: nachdem die wilden Kerle Max zum König gemacht haben, und er sie aufgefordert hat, gemeinsam Krach zu machen. Ab dem Punkt, als Max die Kerle ohne Essen ins Bett schickt, bekommt der Text wieder peu à peu mehr Raum, bis schließlich auf der allerletzten Seite der Text allein steht. Dementsprechend werden auch bestimmte Textbausteine in umgekehrter Reihenfolge wiederholt. Beispielsweise heißt es zuerst: „und er segelte davon, Tag und Nacht und wochenlang und fast ein ganzes Jahr“, und später: „Und er segelte zurück, fast ein ganzes Jahr, und viele Wochen lang und noch einen Tag“.

Dieses Bild-Text-Verhältnis ist nicht nur eine formale Spiegelung des Inhalts, es bietet auch eine Interpretationsmöglichkeit. Versteht man das Bild als Repräsentation der wilden Seite von Max, dann zeigt das Raumgreifen des Bildes, wie Max‘ Wildheit immer mehr von ihm Besitz ergreift, er steigert sich maximal in diese Phantasie hinein. Dass die wilden Kerle seiner Phantasie entspringen, wird schon auf dem zweiten Bild angedeutet, wo eine Zeichnung von Max an der Wand hängt, welche ein Monster zeigt, das eine Mischung aus zwei der später auftretenden Kerle ist. Als die rechte Buchseite, die rechte Gehirnhälfte, das Bild und die Wildheit vorläufig gewinnen, ist es nur folgerichtig, dass es ohne linke Gehirnhälfte auch keine Sprache mehr gibt. Gleichzeitig scheint Max in dieser stummen Extase bewusst zu werden, dass er hier, anders als zu Hause, zwar wild sein darf, aber mit den Kerlen kein Gespräch möglich ist: Es gibt nur Befehle und Drohungen. Als er sie ohne Essen ins Bett bringt, identifiziert er sich mit seiner Mutter. Die Kerle hingegen wiederholen seine Worte: „Ich fress dich auf!“ und ergänzen, was sie eigentlich ausdrücken sollen: Zuneigung. Schließlich streift Max auf dem letzen Bild seinen Wolfspelz ab, das Symbol seiner Wildheit, und sieht das Essen auf dem Tisch, das Symbol der Liebe seiner Mutter. Auf der letzten Seite, zu der es kein Bild mehr gibt, auf der also alle Wildheit aus Max gewichen ist, wird die Wirkung des Liebessymbols noch intensiviert durch das Attribut der Wärme: das warme Essen steht für die Geborgenheit, die er nur Zuhause erfährt. Diese Interpretation wäre zwar auch allein anhand des Textes möglich, wird aber durch die Illustrationen und das Layout stark unterstützt.


© diogenes

Sendak, Maurice: Wo die wilden Kerle wohnen. Aus dem Amerikanischen von Claudia Schmölders. Zürich (Diogenes) 2013, zuerst 1967. Original: Where the wild things are, New York (Harper & Row) 1963.

Hardcover Halbleinen
25,5 × 22,8 cm
40 Seiten

978-3-257-01161-6
€ (D) 20.00 / sFr 27.00* / € (A) 20.60
* unverb. Preisempfehlung

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4 Gedanken zu “Wildheit erobert die linke Seite

  1. Da gibt es aber vieles, was mir nie zuvor aufgefallen ist! Allerdings ist es auch vierzig Jahre her, dass ich das Buch in der Hand hatte. Deine Analyse beeindruckt mich sehr, und nachträglich vertieft auch dieses Werk von Maurice Sendak.

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