Repoetisierung 5: Stéphane Mallarmé

Im Zuge meiner Repoetisierung will ich 2018 jede Woche eine*n Dichter*in etwas näher kennenlernen.

Mallarmé – der Name fiel gelegentlich während meines AVL-Studiums, ohne dass ich dem dadurch entstandenen Impuls, mich mit diesem Dichter zu beschäftigen, bisher gefolgt wäre. Die Zusammenhänge, in denen dies geschah, suggerierten mir, Mallarmé gehöre zu irgendeiner Avantgardebewegung des frühen 20. Jahrhunderts (Surrealismus, dada, …). Hier irrte ich. Und auch wieder nicht.

Einordnung und Entwicklung

Stephane Mallarme Fotografie von Paul Nadar
Stéphane Mallarmé, fotografiert von Paul Nadar um 1890

Mallarmé wurde 1842 als Étienne Mallarmé geboren und starb 1898 in Valvins, nahe Fontainebleau. Er gehört zu den Symbolisten, wird sogar als symbolischster Symbolist bezeichnet. Seine letzten Werke (Un coup de dés) sind noch wesentlich experimeteller und dienen späteren Avantgarden als Inspiration und Bezugspunkt. Häufig wird auch der Symbolismus selbst bereits als Beginn der Avantgarde betrachtet.

Mein Eindruck ist, dass Mallarmé seine lyrische Sprache zunehmend reduziert: Zunächst ist ihm daran gelegen, die kommunikativen Elemente der Alltagssprache zu eliminieren, wobei er allerdings an strengen metrischen Formen festhält, diese aber zugleich gewissermaßen zu verdecken sucht. So äußerte er über die Ekloge L’Après-midi d’un faune:

In meinem Text habe ich eigentlich versucht, der strengen Form des Alexandriners so etwas wie ein spielerisches Klimpern entgegenzusetzen, gewissermaßen eine musikalische Untermalung, die eben der Dichter selbst seinem Werk verleiht und das den klassischen Vers nur in herausragenden Momenten hervortreten läßt.¹

Das Spielerische gewinnt zunehmend an Bedeutung, während mit den Satzzeichen weitere Elemente der kommunikativen Sprache wegfallen. Un coup de dés ist ein Spiel mit verschiedenen Schrifttypen und -größen, und ihrer Anordnung im Raum. Das Autograph vermittelt sinnlich den experimetellen Charakters des Gedichts:

Mallarmé Un coup de des Autograph
Stéphane Mallarmé: Un coup de dés. Autograph. Quelle: Sotheby’s

An eine Interpretation des Gedichts möchte ich mich gar nicht wagen. Zum einen, weil ich mich dafür noch nicht genug mit Mallarmé befasst habe, zum anderen, weil das womöglich ohnehin nicht der richtige Umgang ist. Rüdiger Görner schreibt im sehr lesenswerten Nachwort zu einer zweisprachigen Ausgabe von Mallarmés Gedichten im Insel Verlag:

[D]enn die Entschlüsselung der Rätsel und Symbole hat Mallarmé gleichfalls als Spiel gedacht. Nur als Spiel kann ihre „Dechiffrierung“ gerechtfertigt sein; jeder Versuch einer methodischen Entschlüsselung müsste den Sinn dieser Symbole zerstören. Denn was sie in erster Linie ermöglichen wollen, ist sprachliche Anschauung. Sie bedarf keiner Strukturanalyse.²

Übersetzungen

Mallarmé gilt als schwer zu übersetzen, man kann sich dem Original also nur annähern. Das kann man auf verschiedene Weise tun. Die bereits erwähnte Ausgabe des Insel Verlags stellt neben das französische Original zum Teil recht freie Übertragungen verschiedener Dichter: Paul Celan, Carl Fischer, Stefan George, Rainer Maria Rilke und Fritz Usinger. Ganz anders die ebenfalls zweisprachige Reclam-Ausgabe, die die Übersetzung von Hans Staub und Anne Roehling lediglich als Stütze sieht, das Original besser zu verstehen. Diese Ausgabe enthält nicht Un coup de dés.

Zusammenhänge

Mallarmés Werk ist ein Traum für Komparatisten. Was gibt es nicht alles zu untersuchen: Musikalische und grafische Strukturen in seinen Gedichten selbst; bildnerische, musikalische, tänzerische, photographische Interpretationen seiner Gedichte durch andere Künstler; Einflüsse auf die und intertextuelle Bezüge in der Literatur der Avangarde; Übersetzungsvergleiche!

Ich habe keinen Überblick über die Sekundärliteratur, aber ich bin mir sicher, das ist alles schon zum großen Teil gemacht worden. Dennoch werde ich mich noch intensiver mit Mallarmé beschäftigen und vielleicht den ein oder anderen Edelstein aus dieser übervollen Miene für mich bergen können.

Aktuell interessiert mich besonders das Geflecht an Bezügen rund um den Après-midi d’un faune. Ich kannte das Prelude von Debussy, muss aber zu meiner Schande gestehen, dass mir nicht klar war, worauf es zurückgeht. Wie verbast mich doch immer wieder die Grenzenlosigkeit meiner Unwissenheit! Ich habe bereits einen sehr schönen, bei Schirmer/Mosel erschienenen Bildband zum Nachmittag eines Fauns bei Mallarmé, Manet, Debussy, Nijinskij und de Meyer ausgiebig betrachtet und angelesen.

Eine Beschäftigung mit den beiden Werken von Mallarmé und Debussy würde zum einen an meine Überlegungen zu Debussy und den Impressionismus anknüpfen, zum anderen das Verständnis meiner aktuellen Klassikerlektüre vertiefen: Debussys Prélude d’un Après-midi d’un faune ist eines der Stücke, die Hans Castop immer und immer wieder nachts allein im Salon des Berghofs hört, nachdem das Grammophon dort Einzug erhalten hat. Den Zauberberg habe ich übrigens inzwischen ausgelesen, ich bin nur noch nicht sicher, was ich alles über ihn schreiben möchte; es ist ein so reichhaltiges Werk.


Bibliographie

¹ zitiert nach: Nectoux, Jean-Michel u.a.: Mallarmé – Debussy – Nijinskij – de Meyer. Nachmittag eines Fauns. Prélude à l’Après-midi d’un faune. Dokumentation einer legendären Choreographie, München (Schirmer/Mosel) 1989, S. 8.

² Mallarmé, Stéphane: Poésies. Gedichte. Hrsg. von Rüdiger Görner, übertragen von Paul Celan, Carl Fischer, Stefan George, Rainer Maria Rilke und Fritz Usinger, Frankfurt a. M./Leipzig (Insel) 2007, S. 139.

Mallarmé, Stephane: Poésies. Gedichte. Französisch/Deutsch. Übertragen von Hans Staub und Anne Roehling. Mit einem Nachwort von Yves Bonnefoy, Leipzig (Reclam) 2010.

 

 

 

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2 Gedanken zu “Repoetisierung 5: Stéphane Mallarmé

  1. Der „Zauberberg“ ist ein tolles Ding, oder? – Mit Mallarmé und den Symbolisten habe ich mich – unter anderem – übrigens auch ein bisschen im Rahmen meines Examens und der „Fin-de-Siècle“-Thematik beschäftigt. Das l´art pour l´art (ich weiß, das trifft nur bedingt auf Mallarmé zu) hatte es mir damals gedanklich ziemlich angetan. Ich finde das auch heute noch interessant. – Ich bin mir nicht mehr ganz sicher, aber ich glaube, es war Paul Verlaine, der angesichts des „Würfel-Textes“ von Mallarmé mit dem Schreiben aufhören wollte oder es vielleicht sogar getan hat, weil man seiner Ansicht nach nicht mehr über diesen Text hinauskommen könnte. Naja. Sie waren damals mitunter schon ein wenig verbissen…

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    1. Absolut ein tolles Ding!
      Ich habe mich mit Fin-de-Siècle noch gar nicht viel beschäftigt; es interessiert mich aber momentan.
      Gleich mit dem Schreiben aufhören… tsstsstss. Aber das ist natürlich eine rhetorisch schön pathetische Geste, um zu zeigen, wie gut man etwas findet. Womöglich mit einem kleinen, vorübergehend wahren Kern. Nachvollziehbar.

      Gefällt 1 Person

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