Philip Kerr: Die schaurigste Geschichte der Welt

Wenn Willi Wonkas Schokoladenfabrik ein Buchladen wäre – mit genauso schrecklichen Kindern (und einem netten), aber mit Horrorstory statt Schokolade

Billy Shivers ist ein ruhiger, blasser Zwölfjähriger, der Bücher liebt, besonders solche über Geister, Monster, Vampire und ähnlich gruslige Gestalten. Als er das Spukhaus der Die schaurigste Geschichte der Welt von Philip KerrBücher entdeckt, ist er selig: Eine riesige Buchhandlung voll schauriger Geschichten und eingebauter Schrecknisse wie in einer extrem aufwändigen Geisterbahn. Er freundet sich mit dem grantigen Besitzer Rexford Rapscallion an. Dieser ist in Geldsorgen, weil – wie er sagt – die Kinder heutzutage keine Bücher mehr kaufen und sich auch vor nichts mehr gruseln, da die vielen Horrorfilme sie abgestumpft haben. Als Marketing- wie als Erziehungsmaßnahme planen sie einen Wettbewerb: Welches Kind es schafft, sich die schaurigste Geschichte der Welt anzuhören, ohne vor Angst zu fliehen, gewinnt 1000 Dollar. Diese Geschichte, die dabei – zum zweiten Mal seit ihrer Entstehung vor rund 200 Jahren – vorgelesen werden wird, ist übrigens eine humorvolle fiktive Fußnote zu einer der interessantesten realen Begebenheiten in der Geschichte der Gruselliteratur – mehr sei an dieser Stelle nicht verraten. In die beschriebene Rahmenhandlung des Romans sind – außer der schaurigsten – noch einige Gruselgeschichten verwoben, die Billy liest oder die ihm erzählt werden.

Der Wettbewerb erinnert stark an Roald Dahls Charlie and the Chocolate Factory. Hier wie dort nehmen fünf Kinder teil, von denen vier ganz besonders gräßliche Vertreter ihrer Generation sind. Das fünfte Kind, hier wie dort der Protagonist der Geschichte, der als einziger das, worum es geht – Schokolade / Bücher – wirklich mag, kann sich die Teilnahme aus Armut beinahe nicht leisten. Wer am Ende gewinnt, dürfte da fast klar sein, aber der Schluss des Romans hält dennoch eine große Überraschung bereit.

Eine Hommage ans Bücherlesen

Die schaurigste Geschichte der Welt ist eine Geschichte für Menschen, die Bücher lieben und die Bücher übers Bücherlieben lieben. Und das war für mich hier und da auch das Problem – liebe ich zwar Bücher, aber keine Bücher, die das endlos thematisieren. Der Roman war daher für mich am schwächsten in den Passagen, in den beschworen wurde, wie viel besser als alles andere doch Bücherlesen ist. Zum Beispiel als Mr Rapscallion sich über „die heutigen Kinder“ auslässt:

„Sie sind zu sehr mit ihren dämlichen elektronischen Spielen und ihrem dummen Fernseher und ihren nervigen Handys und ihren fürchterlichen Computern beschäftigt, um Bücher zu lesen“, sagte Mr Rapscallion. „Man fragt sich, warum man sich in der Schule überhaupt noch die Mühe macht, ihnen das Lesen beizubringen.“ Er seufzte laut. „Ich mache mir Sorgen um die Zukunft der Menschheit. Wenn sie mich überhaupt interessieren würde, meine ich.“ [S. 33-34]

Abgesehen davon, dass ich eine solche Position einfach weltfremd finde, halte ich es für kontraproduktiv, verschiedene Medien gegeneinander auszuspielen. Nicht nur muss man bei manchen Computerspielen ganz schön viel lesen; man kann mit Smartphones und Computern auch enorm viel Kreatives anstellen. Und Bücher lassen sich am Smartphone natürlich auch lesen. Nur Fernsehen ist tatsächlich dumm und passiv. Aber wer sieht denn heute noch fern?

Diese veraltete Medienkritik und das übertrieben negative Kinderbild (das natürlich von Billy konterkariert wird) sind allerdings das einzige, was ich an Der schaurigsten Geschichte der Welt auszusetzen habe. Das Buch ist atmosphärisch dicht geschrieben, die Charaktere sind liebevoll und überzeugend ausgearbeitet, die Geschichte schlüssig und spannend, die Beschreibungen bemerkenswert anschaulich.


Ich zitiere nach der Ausgabe:

Kerr, Philip: Die schaurigste Geschichte der Welt. Aus dem Englischen von Christiane Steen, Reinbek bei Hamburg (Rowohlt) 2016.

352 Seiten, Hardcover 16,99 €. Empfohlen ab 11 Jahren. ISBN: 978-3-499-21765-4

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