Jenseits der PSEUDOMORPHOSE – Emanzipierte Dynamisierung der Malerei bei E.W. Nay

Fünfte Annäherung an einen Begriff Adornos (ex negativo)

Wie im letzten Beitrag der Serie besprochen, verwendet Adorno den Begriff Pseudomorphose für eine Malerei, die beabsichtigt, zeitliche Vorgänge einzufangen. Andere Malerei um 1960 erreicht hingegen eine Dynamisierung des Raumes rein malerisch, durch Spannungsverhältnisse der einzelnen Bildmomente zueinander:

Im Bild ist alles gleichzeitig. Seine Synthesis besteht darin, daß es das im Raum nebeneinander Seiende zusammenbringt, das formale Prinzip der Gleichzeitigkeit in die Struktur der bestimmten Bildmomente umsetzt. Dieser Prozeß aber, als Prozeß der Sache selbst und keineswegs bloß im Modus seiner Hervorbringung, ist wesentlich einer von Spannungsverhältnissen. Fehlen diese, wollen nicht die einzelnen Bildmomente auseinander, widersprechen sie sich nicht gar, so gibt es bloß vorkünstlerisches Zusammen, keine Synthesis. Spannung jedoch ist ohne das Moment des Zeitlichen schlechterdings nicht zu denken. Darum ist Zeit, jenseits der bei seiner Herstellung aufgewandten, dem Bild immanent. Nicht minder sind Objektivation und Ausgleich der Spannung im Bild sedimentierte Zeit.1

Beispiele für eine solche Malerei sind die Scheibenbilder Ernst Wilhelm Nays. Leicht kommt man in die Versuchung, diese Bilder zu missdeuten als Versuche, Musik malerisch zu imitieren, da Nay zu ihrer Beschreibung u. a. eine musikalische Terminologie verwendet.2 Er verwendet Begriffe aus Musik und Mathematik jedoch im Hinblick auf seine Malerei in ganz eigenem Sinne:

Raum ist heute nicht mehr vorstellbar – Raum ist denkend nicht mehr als Vorstellung zu erfahren. Wir haben heute von der arithmetischen Bildform zu sprechen, deren Grundlage die Fläche, die Zahl und der Rhythmus sind, will man das Bild grundsätzlich als Gestaltung des Raumproblems verstehen. Man muss neue Ausdrücke erfinden oder alten neuen Sinn geben.3

Ebenso wie Adorno geht Nay also explizit davon aus, dass Malerei Raum zum Problem hat.4 Die Dynamisierung des Bildes entsteht durch farbliche und räumliche Spannungsverhältnisse:

Rhythmus ist Setzung gleicher und ähnlicher Gestaltungsformen von veränderlichem Bewegungsmoment getragen. […] In den Rhythmen sowie in den Farben treten Gegensätzlichkeiten auf, die zu Spannung und Bewegung führen. Sie bestimmen den dynamischen Charakter des Bildes. […] Aus der Farbe ein Bewegungsmotiv zu entwickeln, sieht folgendermaßen aus: Ich will von einem Weiß zum Gelb. Beide Farben sind wie alle Farben statisch. In Richtung auf das Gelb kühle ich das Weiß durch Blau. Ich schattiere nicht ab, sondern setze das Blau rhythmisch in das Weiß. Dem Gelb mich nähernd, vermindert das Weiß seinen Helligkeitswert, ist zugleich in Blau gekühlt und verliert an Farbigkeit, wird zu Grau. Diesem verminderten Helligkeits- und Farbwert setze ich vom Gelb her einen zwar warmen, vom Gelb her warmen, in sich aber noch kalten, dem Grau gleichen Tonwert, Krapplack-Rosa, entgegen. Wie vom Weiß zum Grau, jetzt vom Krapplack-Rosa zum hellen Wert der warmen Farbe aufsteigend gewinne ich Gelb.5

Der Bewegungsablauf wird also entwickelt aus den Eigenschaften der Farbe; er ist keinesfalls die Imitation eines menschlichen oder tierischen Bewegungsablaufs, wie die Futuristen sie darzustellen versuchten, und ebenso wenig die Imitation eines musikalischen Ablaufs. Die Dynamik als Spannungverhältnis ist dem Bild immanent, Bewegungsabläufe darzustellen aber keineswegs Ziel der Gestaltung:

Da wir uns Bewegungsabläufe nur in der Zeit vorstellen können, Vorgänge mit zeitlichem Ablauf aber ein dem Bild fremdes Element bedeuten, so muss das Bild Elemente enthalten, die einen dynamischen Vorgang in einen statischen Vorgang zurückführen, das heißt also, daß die Flächenvolumen die Aufgabe haben, Rhythmen und Bewegungsvorgänge aufzuhalten, indem sie diese figurativ simultan zur Gebundenheit vereinen.6

Nay bemüht sich also nicht um Illusion von Zeit, aber in seinen Bildern ist Zeit sedimentiert als Spannung, Objektivation und Ausgleich von Spannung der einzelnen Bildmomente, wie Adorno es in Über einige Relationen zwischen Musik und Malerei ausdrückt.


1 Adorno, Theodor W.: Über einige Relationen zwischen Musik und Malerei, in: Adorno, Theodor W.: Musikalische Schriften I-III. Gesammelte Schriften Band 16, Frankfurt a. M. (Suhrkamp) 1978, S. 628-642, hier S. 631f.

2 Vgl. S. 7 dieser Arbeit.

3 Nay, Ernst Wilhelm: Vom Gestaltwert der Farbe. Fläche Zahl und Rhythmus, München (Prestel) 1955, S. 8.

4 Vgl. auch: Ebd. S. 7.

5 Ebd. S. 17f.

6 Nay, Ernst Wilhelm: Vom Gestaltwert der Farbe. Fläche Zahl und Rhythmus, München (Prestel) 1955, S. 18.

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