Repoetisierung 4: Alan Mills

Im Zuge meiner Repoetisierung will ich 2018 jede Woche eine*n Dichter*in etwas näher kennenlernen.

Hintergründe

Ich kannte Alan Mills durch seinen auf englisch geschriebenen Essay Hacking Coyote, einen der ersten Titel, die ich auf diesem Blog besprochen habe. Seitdem wartet in meinem Hinterkopf eine Information darauf, dass ich ihr nachgehe: Alan Mills hat das Schreiben als Dichter begonnen.

Er wurde 1979 in Guatemala geboren, doch seine nomadische Seele ließ in durch die Welt ziehen: Buenos Aires, São Paulo, Paris, Madrid, Leipzig, Wien und Berlin waren Stationen.

Das Hay Festival in Kooperation der Stadt Bogotá zählte ihn 2017 zu den 39 vielversprechendsten lateinamerikaischen Schriftstellern unter 39. Die Lyrikbände Poemas sensibles, Los nombres ocultos (Magna Terra 2002), Marca de agua (Cultura 2005), Síncopes. Testamento futuro und Pasan poesía en la televisión apagada sind spanisch geschrieben und nicht auf Deutsch übersetzt (Síncopes aber auf französisch). Eine Auswahl seiner Gedichte findet sich auf der Seite Poemas del Alma. Leider kann ich kein Spanisch. Und wenn mein Italienisch mir auch manchmal hilft, es trotzdem zu verstehen – hier scheitere ich.

Ein einziges Gedicht konnte ich im Internet übersetzt finden: El indio no es el que mira usted / Der Indio ist nicht der, den Sie (Deutsch von Edina Sabanovic). Ich kann nicht beurteilen, wie geglückt diese Übersetzung ist, allein der Titel missfällt mir schon (dass das „sehen“ fehlt, ist zwar der verschiedenen Wortstellung im Satz geschuldet, aber trotzdem…).

 Was ist ein Gedicht? – Poesie auf Twitter

Cover – Alan Mills – Eine Subkultur der TräumeWas bleibt, wenn man die Lyrik Alan Mills kennenlernen will? Spanisch lernen oder Eine Subkultur der Träume lesen, eine Anthologie seiner poetischen Tweets, bei mikrotext erschienen, ins Deutsche übersetzt von Johanna Richter.

Aber sind Tweets Gedichte? Alan Mills schreibt im Vorwort:

Kurz nachdem ich von Guatemala nach Deutschland gezogen war, sah ich mich einem dreamstorm ausgesetzt, einem Sturm unverständlicher und intensiver Träume. Weil ich verstehen wollte, was da passierte, und weil ich den Bezug zu meiner Sprache beibehalten wollte, suchte ich therapeutische Linderung bei Twitter. […] Ich wollte die schnellste Pistole der hispanoamerikanischen Tweet-Szene sein. Ich wollte die intelligente Person töten, die in mir wohnte. Den Intellektuellen foltern, der meinen Körper besetzte. Den Dichter töten, der ich gewesen war. Ich hatte einige Jahre zuvor meinen Rückzug aus der poetischen Arena angekündigt: Ich würde zu keinem Festival mehr fahren, kein einziges Gedicht mehr schreiben, hatte ich gesagt, aber all das stellt sich am Ende als eine große Lüge heraus. [7/758]

Es ist wie mit dem Indio, der nicht ein anderer ist, den man nicht von außen betrachten kann, als hätte man nichts mit ihm zu tun. Je mehr man ihn zu leugnen, zu verdrängen versucht, umso heftiger wird er hervorbrechen:

Y si aparece esa agua rancia,
voraz, el aguardiente que inflama,
ya verá que se le sale,
el indio empuja con su fuerza de siglos,
emerge ardoroso y se le sale,
con lo guardado,
con lo que dura doliendo.

Und wenn dieses abgestandene Wasser aufkommt
gefräßig, der brennende Schnaps,
werden Sie schon sehen, wie er aus Ihnen herausbricht,
der Indio drängt mit jahrhundertealter Kraft empor,
feurig glühend taucht er auf und bricht aus Ihnen heraus,
mit dem bewahrten
all dem, was schmerzend währt.

Alan Mills: El indio no es el que mira usted. Deutsch von Edina Sabanovic [Auszug]

Und so bricht auch der Dichter aus Alan Mills immer wieder hervor, in seinen Tweets. Einige davon beschäftigen sich mit Lyrik und sind es zugleich:

Die Lyrik vollbringt das Paradox, sich mit Sprache zu befassen, während sie sich mit Angelegenheiten befasst, die jenseits der Sprache liegen.

Aber sind diese Tweets Gedichte? Oder generell gefragt: Was ist überhaupt ein Gedicht? Sarah Kugler schreibt in einem Artikel in den PNN, manche seiner Gedichte (und hier bezieht sie sich auf einen Tweet) klingen eher wie Geschichtenanfänge:

Als er erwachte, war der Dinosaurier dabei, über ihn herzufallen. Auf die animalische Tour. [71/758]

Wie verhält es sich denn sonst mit ersten Sätzen und Gedichten? „Mein Vater war ein Kaufmann“ ist der Anfang einer Erzählung, kein Gedicht. Der Satz öffnet eine Tür. „Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt“ ist der Anfang einer Erzählung und ein Gedicht. Der Satz öffnet eine Tür und ist zugleich ein Raum für sich. Der Unterschied liegt in der Prägnanz, der semantischen Dichte, der rhetorischen Organisiertheit. Sie machen ein Gedicht aus – von Kriterien wie Reim, Versmaß, Strophe haben wir uns schon im 20. Jahrhundert verabschiedet, auch im 21. Jahrhundert verändern sich die Erscheinungsformen des Gedichts weiter. Und während ich mich so frage, was eigentlich ein Gedicht sei, lese ich in Subkultur der Träume:

Die Dichter sind die einzigen, die nicht wissen, was ein Gedicht ist. So funktioniert es. [249/758]

Wer weiß, was ein Gedicht ist, orientiert sich daran. Wer es nicht weiß, kann etwas eigenes schreiben. Schreibt einfach, die Einordnung – ohnehin unwesentlich – kann jemand anderem überlassen werden.

Alan Mills, studierter Jurist, sagte in einem Interview, eins stehe fest: „Literatur macht mehr Spaß als Jura.“ Diesen Spaß merkt man ihm in jedem Satz an, und was noch besser ist: Er überträgt ihn auf seine Leser. Nicht bloß als passiven Konsumentenspaß, wie Humorproduktionen ihn bieten – als Spaß am Spinnen, an Sprache, am Spiel. Man will selbst mitmischen und das macht seine Texte ideal für mein Repoetisierungsprogramm.


Zitate in eckigen Klammern verweisen auf die Ausgabe: Mills, Alan: Eine Subkultur der Träume. Aus dem Spanischen von Johanna Richter, Berlin (mikrotext) 2015.

Da das E-Book keine festen Seiten hat, gebe ich dazu an, wie viele Seiten das Buch auf meinem Gerät bei meinen Einstellungen insgesamt hat. [7/758] heißt also: Seite 7, wenn die Gesamtseitenzahl 758 ist. Ich hoffe, diese Angabe ist annähernd genau genug.

Alan Mills Twitter-Account ist @alan1000s.

 

 

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