Eoin Colfer: Artemis Fowl

Und alles beginnt mit dem perfekten Verbrechen…

Artemis_Fowl_cover

Artemis Fowl ist ein zwölfjähriges Genie und entstammt einer Verbrecher-Dynastie. Sein Vater ist verschwunden, seine Mutter versinkt immer tiefer im Wahnsinn, das Familienvermögen ist im Schwinden begriffen. Um wenigstens letzterem abzuhelfen, plant er ein gewagtes Verbrechen, etwas, dass noch niemandem zuvor gelungen ist: Er will eine Elfe fangen und eine Tonne 24-karätiges Gold in nicht markierten Barren vom unterirdischen Volk erpressen. Normalerweise unmöglich – doch Artemis hat ein Exemplar des geheimen Buchs der Unterirdischen ergattern können, und so ist er seinen Gegenern immer einen Schritt voraus. Doch am Ende ist auch er sich unsicher, ob er sich nicht doch verrechnet hat.

Science-Fantasy

Artemis Fowl ist das erste Buch einer achtbändigen Reihe des irischen Autors Eoin Colfer. Auch wenn Artemis der realen Welt angehört, spielen Fantasy-Elemente die zentrale Rolle: seine Gegenspieler gehören der Welt der Erdvölker an: Zwerge, Elfen Zentauren, Trolle, Feen. Vor Jahrhunderten sind sie den raumgreifenden Menschen gewichen – unter die Erde. Die meisten sehnen sich immer noch an die Oberfläche zurück, auch wenn sie das Tageslicht nicht mehr vertragen. Ungewöhnlich ist, dass Colfer in dieses Fantasy-Szenario Science-Fiction-Elemente einbaut, indem er die Unterirdischen über eine Technologie gebieten lässt, die der menschlichen weit überlegen ist.

Great Expectations

Als ich mich zu Beginn des Jahres mit der Frage beschäftigt habe, welche Klassiker ich 2018 zu lesen gedenke, habe ich mir auch einige Kanones zu Gemüte geführt. Überrascht war ich, auf einer dieser Listen auch Artemis Fowl zu finden. Ich hatte das Buch bereits geschenkt bekommen, aber keine besondere Lust gehabt, es zu lesen – was ich allein dem von Nikolaus Heidelbach gestalteten Cover der deutschen Ausgabe bei Ullstein List zuschreibe. Viele preisen diesen Illustrator, aber ich kann gar nichts mit seinem Stil anfangen. Nehmen wir als Beispiel die Elfe auf dem Artemis-Fowl-Cover: Ich finde sie in höchstem Maße hässlich und unsympathisch, Frisur und Make-up erinnern an eine 60-jährige Sachbearbeiterin, nicht an eine junge, aufmüpfige Officerin der Aufklärungseinheit der Zentralen Untergrundpolizei. Auch alles andere sieht schlicht oll aus, als sei Nikolaus Heidelbach vor 70 Jahren einfach hängen geblieben.

Ein Klassiker der englischsprachigen Literatur?

In meiner Erinnerung handelte es sich bei der Liste, auf der ich Artemis Fowl entdeckt hatte, um einen Kanon klassischer Literatur für Erwachsene (wonach ich schließlich gesucht hatte), weshalb meine Erwartungen an das Buch übermäßig hoch waren. Ich ging mindestens von Herr-der-Ringe-Niveau aus. Wenig überraschend, dass mich die Lektüre unter diesen Bedingungen enttäuschte. Dieses harsche Urteil wird dem Buch aber kaum gerecht. Heere Erwartungen beseite geschoben, handelt es sich um einen gut geschriebenen Roman für Kinder. Die Charaktere haben einen gewissen Tiefgang, unterscheiden sich auch in ihrer Sprache, und die Geschichte ist konsistent. Einzig bemängeln würde ich den absoluten Mangel an Humor. Das würde mich auch nicht gestört haben, wenn Colfer nicht durchblicken lassen würde, dass er manchmal intendiert hatte, komisch zu sein:

War es möglich, dass nach sechs Fehlalarmen auf drei Kontinenten diese versoffene Heilerin das Gold am Ende des Regenbogens sein sollte? Beinahe hätte Artemis geschmunzelt. Gold am Ende des Regenbogens! Er hatte einen Scherz gemacht. Das kam nun wahrlich nicht jeden Tag vor. [S. 12/13]

Jedes Mal, wenn jemand einen Scherz macht, wird explizit darauf hingewiesen (man hätte es sonst auch nicht gemerkt, da die Scherze nie komisch sind), und meist ergänzt, wie ungwöhnlich das für denjenigen ist. Das ist leider nicht lustig, sondern lächerlich bis lästig. Man muss überhaupt nicht komisch sein – aber wenn man es nicht ist, sollte man nicht versuchen, es zu erzwingen.

Als ich für diesen Artikel nochmals nach der Liste suchte, stellte ich fest, dass es sich nicht eigentlich um einen Klassikerkanon, sondern vielmehr um eine Liste der beliebtesten Bücher der Briten handelt: BBC Big Read. Auf dieser sind auch viele andere Kinderbücher zu finden, von Greens Der Wind in den Weiden über Rowlings Harry Potter zu Matilda von Roald Dahl. In diese Reihe passt Artemis Fowl, mit etwas Wohlwollen, durchaus.


Das Zitat stammt aus der Ausgabe:

Colfer, Eoin: Artemis Fowl. Roman. Aus dem Englischen von Claudia Feldmann, Berlin (List Taschenbuch) 23. Auflage 2017, S. 12 f.

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2 Gedanken zu “Eoin Colfer: Artemis Fowl

  1. Tja, nun bin ich wirklich überhaupt kein Kind mehr, aber doch ein bekennender Fan von Fantasy in allen möglichen Formen. Und dieses Urteil über die Artemis-Reihe erscheint mir zu streng. Und was kann sich schon wirklich mit dem Herrn der Ringe messen. Dieses Werk ist doch eher als erhabene Ursuppe zu verstehen, aus der die vielen, vielen Ableger unterschiedlicher aktueller Fantasy-Literatur entstanden sind. Ein grundlegendes Kriterium für Literatur dieser Art sollte sein: Gelingt es dem Autor, die Figuren so zu gestalten, dass sie dem Leser an Herz wachsen. Und das tun sie hier, auch die Nebenfiguren. Zugegeben, ein pupsender Zwerg ist wirklich albern. Aber die „Bösen“ sind Colfer so gut gelungen, dass ich immer gerne verfolgt habe, wie Artemis mit ihnen fertig wird.

    Gefällt 1 Person

    1. Ja, ich gebe Dir vollkommen recht. Ich schrieb ja im Text bereits, dass mein Urteil dem Buch nicht gerecht werde, womit ich eben meinte, dass es zu streng ist.
      Überhaupt habe ich gar keine Freude daran, Literatur zu „beurteilen“, mit gut oder schlecht zu beschreiben. Das war eigentlich auch hier nicht meine Intention. Kam wohl falsch rüber.
      Vielen Dank für Deinen ausführlichen Kommentar!

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