Repoetisierung 3 – Mascha Kaléko

Im Zuge meiner Repoetisierung will ich 2018 jede Woche eine*n Dichter*in etwas näher kennenlernen.

Die in dieser Woche Auserkorene dürften die meisten kennen. Auch mir war der Name Mascha Kaléko geläufig – ich verband damit die Zeit um 1930, Neue Sachlichkeit, sogenannre Gebrauchslyrik. Ich wusste, dass viele für Mascha Kaléko regelrecht schwärmen. Aber ich konnte mich nicht erinnern, jemals (!) ein Gedicht von ihr gelesen zu haben. Dem musste abgeholfen werden..

Berliner Großstadtgefühl

Mascha Kaleko wurde 1907 in Galizien geboren, gelangte über Umwege 1918 nach Berlin. Sie integrierte sich schnell und legte sich „Berliner Schnauze“ zu. In der Zwanziger und Dreißiger Jahren gehörte sie zur künstlerischen Bohème rund ums Romanische Café. Sie schrieb Gedichte für Zeitungen, die schließlich bei Rowohlt gesammelt unter dem Titel Das lyrisches Stenogramheft erschienen. Man war entzückt von ihrer kessen Jugendlichkeit und so machte sie sich gleich noch fünf Jahre jünger. Das scheint damals nicht schwer gewesen zu sein – Irmgard Keun tat genau das gleiche aus den gleichen Gründen: Die junge, schreibende Bohèmienne ließ sich gut vermarkten, je jünger, desto besser.

Als ich so um die zwanzig war, hatte ich große Sehnsucht nach jenen Jahren vor 1933 und der künstlerischen Szene, in der sich auch Kaléko umtrieb. Hermann Hesse schrieb in Neue Deutsche Bücher (1935-1936) zu Mascha Kalékos Gedichten und zu der Stimmung, die sie einfingen:

Es ist eine aus Sentimetalität und Schnoddrigkeit großstädtisch gemischte, mokante, selbstironisierende Art der Dichtung, launisch und spielerisch, direkt von Heinrich Heine abstammend […]. Die Verse und Prosaskizzen der jungen Dame entsprechen in ihrer ganzen Weltanschauung – vielmehr, in ihrer ganzen Lebensstimmung trotzdem einem großen Teil der großstädtischen Jugend und finden bei ihr ein starkes Echo. Es ist eine Stimmung voll Jugend und zugleichvoll Ernüchterung, eine verfrühte Enttäuschung und heimliche Verzweiflung liegt im Kampf mit den starken Instinkten der Jugend, man ist voll Gefühl und Sehnsucht, weiß damit aber wenig anderes anzufangen, als darüber zu spotten, man möchte gern an irgend etwas glauben und weiß nicht an was.¹

Das war in dem Alter auch meine Stimmung – warum bin ich damals nicht auf Kaléko gestoßen? Sicher hätten mich ihre Zeilen noch sehr viel mehr angesprochen als jetzt. Zum Beispiel diese aus dem Osterspaziergang:

Mascha Kaléko Osterspaziergang (Auszug)

Im Exil

Letzte Woche war meine Repoetisierung Selma Merbaum gewidmet, die mit zarten 18 Jahren in der Shoa umkam. Diesem Schicksal entkam Mascha Kaleko glücklicherweise: Sie wanderte bereits 1938, noch vor der Pogromnacht in die USA aus. Doch auch das ist nicht leicht. Zwar lernt sie schnell Englisch, aber zum Schreiben kommt sie kaum, es fehlt die Zeit – sie kümmert sich um ihren kleinen Sohn und die Auftritte ihres Mannes mit seinem chassidischen Chor -, aber es fehlt vielleicht auch der Anschluss und die Anerkennung, die das Umfeld des Romanischen Cafés in Berlin ihr geboten hatte. In Amerika schreibt sie vornehmlich Kinderverse, viel später veröffentlicht im Band Die Mamagei, der Papagei und andere komische Tiere. Albert Einstein allerdings soll gerade diese Gedichte besonders geschätzt haben.

Ich frage mich, in welche Richtung sich ihre Dichtung entwickelt hätte, wenn sie nicht aus Berlin hätte fliehen müssen, wenn sich in der Kultur nicht dieser Abgrund aufgetan hätte.

Nachgedanken

Mascha Kalékos Lyrik aus der Zeit um 1930 (andere habe ich mir noch nicht nähergebracht), versammelt im Lyrischen Stenogrammheft und im Kleinen Lesbuch für Große, ist ohne Zweifel witzig, ironisch, dabei auch oft melancholisch und authentischer Ausdruck der Epoche. Sicherlich nicht schlechter als etwa Kästner. Lyrik für den Alltag, doch deshalb nicht alltäglich. Aber irgendetwas fehlt mir, ist mir nicht verdichtet genug.


Mascha Kaléko: Die paar leuchtenden Jahre

¹ Hesse, Hermann: Neue Deutsche Bücher. Zitiert nach: Kaléko, Mascha: Die paar leuchtenden Jahre. Herausgegeben, eingeleitet und mit der Biographie ›Aus den sechs Leben der Mascha Kaléko‹ von Gisela Zoch-Westphal, München (dtv) 12., durchgesehene Auflage 2014 (zuerst 2003), S. 232.

 

Der Auszug aus dem Gedicht Osterspaziergang ist zitiert nach:

Mascha Kaléko: Das lyrische Stenogrammheft

Kaléko, Mascha: Das lyrische Stenogrammheft. Das Keine Lesebuch für Große, München (dtv) 2016.

Das Lyrische Stenogrammheft. Verse vom Alltag erschien zuerst 1933 bei Rowohlt in Berlin. Kleines Lesebuch für Große. Gereimtes und Ungereimtes erschien 1934 ebenfalls bei Rowohlt. Von 1956 an erschienen beide Bände zusammen.

 

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