Repoetisierung 2 – Selma Merbaum

Im Zuge meiner Repoetisierung will ich 2018 jede Woche eine*n Dichter*in etwas näher kennenlernen.

Erste Eindrücke

In dieser Woche fiel meine Wahl auf Selma Merbaum, auf die ich unter dem Namen Selma Meerbaum-Eisinger in der App Poesi aufmerksam wurde. Mir war so, als hätte ich den Namen schon gehört. Hatte ich vielleicht Übersetzungen von ihr gelesen? Ich kam nicht darauf.

Als ich die ersten Gedichte von ihr las, fand ich sie naiv – auf eine ansprechende, nicht dumme Art – und dabei sehr stilsicher und musikalisch. Hier zum Beispiel in ihrem ersten erhaltenen Gedicht:

Selma_Merbaum_Lied_Fotor

 

Ein zu kurzes Leben

Das machte mich neugierig auf ihre Lebensumstände. In den Informationen der Poesi-App erfuhr ich, dass sie nur 18 Jahre alt geworden war, und las auf Wikipedia weiter. Mich machte stutzig, dass der Artikel mit „Selma Meerbaum-Eisinger“ überschrieben war, im Text dann aber meist „Selma Merbaum“ geschrieben wurde. Ich besorgte mir die Biografie von Marion Tauschwitz, die diesen Punkt gut erklärt: Selma wurde 1924 als Tochter von Frieda und Max Merbaum geboren. Ihr Vater verstarb wenig später; auf seinem Grabstein steht zum ersten mal Meerbaum mit doppeltem „e“. Die Mutter heiratete wieder: Leo Eisinger. Er hat Selma nicht adoptiert und sie hat nie seinen Namen angenommen. Der erfundene Doppelname geht wohl auf ihren ehemaligen Lehrer Hersch Segal zurück, der 1976 in Israel ihre Gedichte im Eigenverlag herausbrachte.

Selma Merbaum und Else Schächter
Selma (rechts) mit ihrer Freundin Else Schächter im Sommer 1940

Selma wurde in Czernowitz in der Bukowina geboren, einer Stadt, die vor dem ersten Weltkrieg ein kulturelles Zentrum war. Die Bukowina hat eine bewegte politische Geschichte, das Gebiet liegt heute halb auf ukraninischem, halb auf rumänischem Territorium. Selma Merbaum wurde als Rumänin geboren, gehörte aber zur deutsch-jüdischen Mehrheit in Czernowitz, zu der auch Rose Ausländer und Paul Celan zählten. Dieser war ihr Cousin zweiten Grades und hat, nach den Recherchen der Biografin Marion Tauschwitz, weit mehr Zeit mit Selma verbracht als bisher angenommen. Zusammen mit der Freundin Else lasen sie sich gegenseitig ihre Gedichte vor.

Schon während ihrer Schulzeit hatte Selma als Jüdin unter Repressalien zu leiden. Sie engagierte sich daher in einer sozialistisch angehauchten zionistischen Jugendbewegung und träumte vom Auswandern nach Palästina. Als im Sommer 1940 die Sowjetunion das Gebiet besetzte, wurden die Soldaten teils stürmisch begrüßt, und tatsächlich besserte sich die Situation zunächst: Selma konnte eine jiddische Schule besuchen, wo unter anderem Hersch Segal, der später ihre Gedichte herausgab, ihr Lehrer war. Sicher das glücklichste Jahr ihrer Schulzeit.

Doch schon ein Jahr später kamen die Rumänen zurück. Unter dem faschistischen Antonescu-Regime wurde Selma in ein Lager in Transnistrien deportiert, zunächst in ein rumänisches, später ein deutsches, wo sie schließlich an Fleckfieber starb.

Überlieferung und Rezeption

Ihre Gedichte – in Schönschrift abgeschrieben und zu einem Heft gebunden, welches sie mit „Blütenlese I“ betitelte – hatte sie vor der Deportation an Else überbringen lassen, die es Leiser Fichman zukommen lassen sollte. Leiser war auch in der zionistischen Gruppe Hashomer Hazair gewesen und wagte später die riskante Auswanderung nach Palästina. Aus Sorge um die Gedichte gab er sie Else zur Aufbewahrung zurück – tatsächlich ertrank er bei der Übersiedlung.

Else nahm den Gedichtband mit nach Israel, wo Hersch Segal sie 1976 veröffentlichte. Nach Deutschland gelangten die Gedichte über Hilde Domin. Sie setzte sich für ihre Bekanntwerdung ein, was 1980 schließlich über den Stern-Reporter Jürgen Serke gelang.

Da die Gedichte Leiser Fichman übergeben werden sollten, wurden bisher viele von ihnen als Liebesgedichte für Leiser interpretiert, so auch das oben zitierte „Lied“. Marion Tauschwitz integriert immer wieder Ausschnitte aus den Gedichten in ihre Biografie und stellt der bisherigen eine andere Lesart gegenüber: „Lied“ bezieht sie beispielsweise auf Selmas schwieriges Verhältnis zu ihrer Mutter – tatsächlich ist sie zu der Zeit, in der das Gedicht entstand, zu ihrer Großmutter gezogen: „Und ich – ging“. Mit Leiser verband sie wohl eher Freundschaft als eine Liebesbeziehung.

Nicht nur aufgrund dieser autonomen Interpretationen ist die Biografie von Marion Tauschwitz lesenswert: Sie ist sehr gründlich recherchiert, wissenschaftlich fundiert, dabei spannend und stilistisch einfühlsam geschrieben. Wo sie spekulativ sein muss, weil keine genauen Informationen zu bekommen waren, wird dies durch die Formulierungen stets deutlich. Außerdem hat Marion Tauschwitz für die Ausgabe im zu Klampen Verlag alle Gedichte nach Fotografien der Handschrift neu transskribiert und so einige Fehler in der bisherigen Überlieferung ausfindig machen können. Sämtliche Gedichte sind als zweiter Teil der Biografie im Band enthalten.

Als ich nach einer schönen Ausgabe der Gedichte suchte, die den Originaltitel „Blütenlese“ verwendet – häufig erscheinen sie unter dem Titel: „Ich bin in Sehnsucht eingehüllt“, was mir nicht gefällt – stieß ich auf einen Beitrag auf dem Blog Sätze & Schätze über Selma Meerbaum-Eisinger, der dort vor einigen Monaten erschienen ist. Daher wird mir womöglich der Name bekannt vorgekommen sein.

Zweite Eindrücke

Vor dem Hintergrund der Biografie lesen sich die Gedichte noch einmal ganz anders. In ein paar Zeilen aus dem „Poem“ scheint sich mir ihr Charakter, voll Lebenslust und Tatendrang, besonders gut auszudrücken:

Selma_Merbaum_Poem(Auszug)

Es ist eine Schande, wie viel der Nationalsozialismus in der Welt zerstört hat. Wie viele Menschenleben, aber auch wie viel Kultur. Was hätte Selma Merbaum noch alles schreiben können? Sie hatte unverkennbar großes Talent, dass sich in ihrem zu kurzen Leben nicht voll entfalten konnte.


Ich empfehle die Biografie von Marion Tauschwitz, in der auch alle Gedichte in neuer Transskription enthalten sind:

Marion Tauschwitz: Selma Merbaum. Ich habe keine Zeit gehabt zuende zu schreiben

 

Tauschwitz, Marion: Selma Merbaum. Ich habe keine Zeit gehabt zuende zu schreiben. Biografie und Gedichte, Springe (zu Klampen Verlag) 2014.

Hardcover, 350 Seiten, 28,00 € (als Epub 20,99)

ISBN-13: 9783866744042
ISBN-10: 3866744048

Weitere Ausgaben:

  • Meerbaum-Eisinger, Selma: Blütenlese. Gedichte, hrsg. von Markus May, Stuttgart (Reclam) 2013. ISBN: 978-3-15-019059-3, 136 Seiten, 4,00 €.
  • Meerbaum-Eisinger, Selma: Ich bin in Sehnsucht eingehüllt. Gedichte, hrsg. von Jürgen Serke, Hamburg (Hoffmann und Campe) 2015. ISBN: 978-3-455-40573-6, gebunden, 112 Seiten, 15,00 €. Auch als Hörbuch.
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