Repoetisierung 1 – Giosuè Carducci

Im Zuge meiner Repoetisierung will ich 2018 jede Woche eine*n Dichter*in etwas näher kennenlernen.

Giosuè Carducci im Zauberberg

Dass meine erste Wahl auf Giosuè Carducci fiel, ist in erster Linie dem Unstand geschuldet, dass ich in meinem anderen Jahresprojekt Klassiker lesen gerade Thomas Manns Zauberberg studiere. Im dritten Kapitel – Unterkapitel Satana – zitiert die Figur Ludovico Settembrini den italienischen Dichter und Revolutionär Giosuè Carducci:

O salute, o Satana, o Ribellione, o forza vindice della Ragione … [S. 65]

Schon gleich als Joachim Ziemßen seinem Vetter, dem Protagonisten Hans Castorp, Settembrini vorstellt, geschieht dies mit Verweis auf den Zusammenhang mit Carducci:

„Herr Settembrini ist Literat“, sagte Joachim erläuternd und etwas verlegen. „Er hat für deutsche Blätter den Nachruf auf Carducci geschrieben – Carducci, weißt du.“ Und er wurde noch verlegener, da sein Vetter ihn verwundert ansah und zu sagen schien: Was weißt du denn von Carducci? Ebensowenig wie ich, sollte ich meinen. [S. 64]

Und ebensowenig wie die meisten heutigen deutschen Leser, sollte wiederum ich meinen. In der Amerika-Gedenkbibliothek in Berlin – immerhin die größte Öffentliche Bibliothek Deutschlands – gibt es keinen einzigen Band von ihm, nur eine Anthologie von Dante bis Carducci, in dem nur ein Gedicht enthalten ist, und zwar gerade das, aus dem Settembrini zitiert. Es scheint bei weitem das (heute noch) bekannteste zu sein: Inno a Satana, die Hymne an den Satan. Doch den Satanisten, die es für sich beanspruchen und als „Gebet an Satan“ auf ihre Internetseiten stellen, muss leider gesagt werden, dass es zwar ein Gedicht gegen den Katholizismus ist, aber keine tatsächliche Teufelsanbetung. „Weiche, Satan!“ hielt so mancher Vertreter der Kirche jedem fortschrittsgläubigem Humanisten entgegen, und so steht Satana hier für Vernunft, Demokratie, Menschlichkeit, wissenschaftlichen Fortschritt, Freiheit und Lebensfreude. Es geht nicht um eine Verherrlichung des Bösen, sondern allein dessen, was von der Kirche, den Reaktionären als Böse angesehen wurde.

Man könnte auch sagen, Satana steht für alles, wofür auch Settembrini im Zauberberg steht. Dieser bezeichnet sich als Schüler Carduccis: „Ich verdanke ihm alles, was ich an Bildung und Frohsinn mein eigen nenne.“ [S. 64] Mit seinem Lehrer und Vorbild hat der Schriftsteller, Redner und Intellektuelle vieles gemeinsam: Beruf, Gesinnung, Begeisterung für die Antike und das Klassische, und nicht zuletzt haben beide einen für seine politischen Einstellungen inhaftierten Vorfahren: Bei Settembrini ist es der Großvater, bei Carducci der Vater, wodurch man Settembrini als Carduccis Sohn denken kann, zumal Settembrinis Vater als Poet bezeichnet wird.

Giosuè Carducci im echten Leben

giosuè carducci
Der junge Giosuè Carducci, Fotografie von R. Borghi, ca. 1870

Carducci wurde am 27. Juli 1835 in Valdicastello (das heute zu Pietrasanta gehört) in der toskanischen Provinz Lucca geboren. Sein Vater war Arzt und „Carbonaro“, er wurde sogar als Mitglied dieses patriotischen Geheimbundes inhaftiert.

Giosuè studierte Philologie, wurde Professor für Griechisch, später für Italienische Literatur.  1890 wird er Senatore, Abgeordneter im Parlament in Rom.

1906, kurz vor seinem Tod am 16. Februar 1907, bekommt er den Nobelpreis für Literatur zuerkannt, ist aber schon zu krank, um in in Schweden empfangen zu können; er wird ihm vom schwedischen Botschafter in Italien überreicht.

Poetisches Werk

Carducci gilt als Dichter des Risorgimento, obwohl er sich nicht aktiv politisch an der italienischen Unabhängigkeitsbewegung beteiligt hat. Seine Gedichte sind aber inhaltlich und stilistisch stark auf diese Bewegung und ihre Werte bezogen. Das ist vielleicht auch der Grund, weshalb Carducci heute – seinem Nobelpreis zum Trotz – kaum noch bekannt ist. Der Literaturkritiker Natalino Sapegno bezeichnete ihn 1949 gar als „poeta minore“, als unbedeutenden Dichter.¹

Diesem Eindruck muss ich mich leider anschließen: Ich kann, abgesehen vom rein Historischen, der Poesie Carduccis nichts abgewinnen, all den Oden und Hymnen auf diesen und jene.

Hin und wieder finden sich – vor allem beim älteren Carducci – auch andere Töne, und passend zum Winter möchte ich eines dieser etwas weniger triumphal-kämpferisch-lauten Gedichte aus dem Jahre 1889 vorstellen – Nevicata aus der Sammlung Odi Barbare:

Carducci_Nevicata_Schneefall_vertikal_Fotor

Es finden sich eine Menge der gängigen Symbole des Todes: Farblosigkeit, Kälte, Winter, das Schlagen der Turmuhr, Stille, Dunkelheit – ich wollte gerade „Krähen“ schreiben, aber da ist wohl die Phantasie mit mir durchgegangen; das Gedicht erinnert mich so an Schuberts Winterreise, dass ich die dortige Krähe nach Italien habe fliegen lassen. Das Gegensatzpaar Tod und Leben hat Carducci viel beschäftigt, hier kommt das Leben allerdings nur negiert vor: Lieder, Jugend, Liebe, alles fort, nicht einmal die schreiende Gemüsefrau zeugt noch davon.

Möglich, dass ich gerade dieses Gedicht ausgewählt habe, weil es Motive verwendet, die auch für den Zauberberg bedeutsam sind: Gegensatzpaare, insbesondere Tod und Leben; und dann kommt wohl noch ein Schneesturm, auf den ich schon sehr gespannt bin.


¹ N.Sapegno, Storia di Carducci, in Id., Ritratto del Manzoni e altri saggi, Bari, 1962.

Die Zitate aus dem Zauberberg stammen aus der Ausgabe – Mann, Thomas: Der Zauberberg, Stuttgart/Hamburg (Deutscher Bücherbund) o.J., zuerst Berlin (S. Fischer) 1924.

Den italienischen Text von Nevicata habe ich der Website www.skuola.net entnommen. Die Übersetzung ist – zugestanden – nicht unbedingt ein Meisterwerk; ich finde es aber doch schade, dass das E-Book, dem ich sie entnommen habe, nicht angibt, von wem sie stammt – Giosuè Carducci: Gesammelte Gedichte, Musaicum 2017. Wie gesagt, waren die Gedichtbände von Carducci nicht so leicht zu bekommen, und ich wollte auch nicht so viel Zeit darauf verwenden. Bitte verzeiht mir meine mangelnde Korrektheit.

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4 Gedanken zu “Repoetisierung 1 – Giosuè Carducci

  1. Vielen Dank für diese informative Seitennote zu einem meiner Lieblingsbücher, dem Zauberberg. 10 mal gelesen? So etwa. Und jedesmal finde ich noch einmal Neues, zeigt sich eine Struktur, ein Verweis, eine Sprachschönheit, die man beim letzten Lesen nicht oder nicht so deutlich sah (es gibt ja keine Obergrenze im deutlicher, im zusammenhangsreicher Sehen, mein‘ ich).

    Schön, wie in Ihrem Text das schließende Schneegedicht zum Buch zurückleitet.

    Schreibe Ihnen diese Zeilen übrigens auf einem Balkon, tatsächlich mit Bergblick, die Beine in geübter Manier in eine warme Decke eingeschlagen, und – zwar nicht eine Maria Mancini, aber doch immerhin etwas rauchend 🙂

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    1. Hach, wie schön! Hätte jetzt auch gerne einen Balkon mit Bergblick.
      Ihren Anmerkungen zum mehrmaligem Lesen kann ich nur beipflichten: Eines der herausragendsten Merkmale guter Literatur ist ihre Offenheit. Es gibt nicht die eine wahre Interpretation, mit der man ein Werk als erledigt zur Seite legen kann. Zum Glück!

      Gefällt 1 Person

    1. Kalt war es doch heute schon mal. Der Schnee kommt dann meist, wenn man die Hoffnung aufgegeben hat und in Frühlingsstimmung ist.
      Dank auch für die bibliographische Information – die StaBi ist natürlich noch mal was ganz anderes. Mir ging es bei der Bemerkung mit der AGB auch darum zu zeigen, wie wenig präsent Carducci bei uns in der Öffentlichkeit zu sein scheint.
      Beste Grüße!

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