Imaginiere das Glück des Beschenkten

Immer wieder in der Vorweihnachtszeit geht mir durch den Kopf, was Adorno in Minima Moralia übers Schenken schrieb:

Wirkliches Schenken hatte sein Glück in der Imagination des Glücks des Beschenkten. Es heißt wählen, Zeit aufwenden, aus seinem Weg gehen, den anderen als Subjekt denken: das Gegenteil von Vergeßlichkeit.¹

Horkheimer freut sich über Adornos Geschenk
Horkheimer und Adorno. Foto © Jeremy J. Shapiro

Eines der aufwendigsten Geschenke, die ich je gemacht habe, war ein in rotes Leinen gebundenes Notizbuch, das ich wochenlang in Schönschrift gefüllt habe mit Gedichten, Kurzgeschichten, Auszügen aus theoretischen Schriften und ähnlichem. Keinen eigenen, nur selbst ausgewählten. Während des Schreibens das Glück der Beschenkten zu imaginieren, machte mich glücklich und die Erinnerung daran wurde zum Geschenk an mich selbst. Damals war ich 17, und da ich niemals Hausaufgaben gemacht habe, hatte ich unendlich viel Zeit, die mir heute fehlt. Die Bücher werden demnach schon vollgeschrieben gekauft. Aber ich wähle immer noch mit Bedacht aus, was drin steht.

Über mir wie ein Damoklesschwert die Stunde des Geschäftsschluss‘ und ich spute mich

Kurz vor Weihnachten schnell noch das nächstbeste Verlegenheitsgeschenk kaufen für jemanden, den man ganz vergessen hatte – vielleicht sollte man das einfach lassen und nur etwas schenken, wenn einem die Person wirklich wichtig ist. Aber auch dann kann es vorkommen, dass einem ewig nichts Passendes einfällt. Und während man unkreativ im vorweihnachtlichen Delirium umhertaumelt, rückt Heiligabend immer näher.

Zu meinem großen Glück lesen die meisten meiner Zubeschenkenden gern Bücher, oder schauen sich zumindest gern die Bilder an (Kinder, Künstler … ). Sollte also noch ein Geschenk fehlen, ist der erste und meist letzte Nothafen immer eine gute Buchhandlung. Entscheidend ist, etwas zu finden, das mit der Person, idealer Weise zusätzlich mit meiner Verbindung zu ihr, zu tun hat und das die Person überrascht und bereichert. Ein Buch der Lieblingsautorin können (wahrscheinlich sogar: werden) die Zubeschenkenden sich auch selbst kaufen (oder schlimmer noch: schon gekauft haben). Größer ist vielleicht die Freude über die Entdeckung eines neuen Autors, eines neuen Genres, einer neuen Art zu lesen – wie wäre es zur Abwechslung mal mit eBooks? Die lassen sich sogar noch in allerletzer Minute verschenken, und sogar über weite Strecken an Personen, die kein Paket vor Weihnachten mehr erreichen würde.

Wie kann man eBooks verschenken?

Heutzutage dürfte fast jeder ein Gerät haben, auf dem sich eBooks lesen lassen: Smartphone/iPhone, Tablet/iPad, eReader, sogar auf dem Desktop oder Laptop könnte man eBooks lesen (z.B. mit Calibre oder iBooks). Liest der Empfänger schon regelmäßig eBooks, wäre es gut zu wissen, welcher eReader benutzt oder ob das Smartphone bevorzugt wird. Hier ein paar Beispiele, wie man vorgeht:

iBooks für iPhone, iPad oder Mac(Book)

Man sucht im iBooks Store nach dem Buch, das man verschenken möchte, klickt auf den Winkel rechts neben dem Preis und wählt die erste Option „Buch verschenken“ aus. Im nächsten Schritt gibt man die Email-Adresse der Empfängerin an und wählt aus, wann das Buch verschenkt werden soll (max. 90 Tage im Voraus). Optional kann man eine persönliche Nachricht hinzufügen.

Für Tolino, Smartphones und Tablets mit Android

Das Vorgehen ist hier im Prinzip identisch mit dem bei iOS, mit dem Unterschied, dass man ein Kundenkonto benötigt. Man wählt in einem Onlinestore wie z.B. eBook.de (Hugendubeltochter) das Buch aus, das man verschenken möchte, ruft die Produktseite auf, indem man auf das Cover oder den Titel klickt, und wählt die dritte Option unter dem Preis: „Verschenken“.

Als nächstes muss man ein kostenloses Kundenkonto einrichten oder sich einloggen. Dann folgt man dem Bestellprozess, gibt die Email-Adresse des Beschenkten sowie den Zeitpunkt des Versands an (nice: hier kann man sogar die Uhrzeit festlegen, zu der der Beschenkte die Email mit dem Link bekommt – also pünktlich zur Bescherung). Auch hier kann man optional einen Text eingeben, der mit der Email versendet wird.

Will die Beschenkte das eBook öffnen, braucht sie ein Kundenkonto und einen Tolino oder die kostelose Tolino App, die man auf Androidgeräte laden kann (übrigens auch auf iOS-Geräte). Dass man den Beschenkten praktisch nötigt, ein Kundenkonto zu eröffnen – kostenlos hin oder her – empfinde ich allerdings als gewissen Nachteil.

Für Kindle

Laut Website kann man eBooks für Kindle nur als Gutschein verschenken, d.h. gar nicht, denn ein Gutschein ist kein Buch. Um nochmal auf Adorno zurück zu kommen:

Der Verfall des Schenkens spiegelt sich in der peinlichen Erfindung der Geschenkartikel, die bereits darauf angelegt sind, daß man nicht weiß, was man schenken soll, weil man es eigentlich gar nicht will. Diese Waren sind

beziehungslos wie ihre Käufer. Sie waren Ladenhüter schon am ersten Tag. Ähnlich der Vorbehalt des Umtauschs, der dem Beschenkten bedeutet: hier hast du deinen Kram, fang damit an, was du willst, wenn dir’s nicht paßt, ist es mir einerlei, nimm dir etwas anderes dafür. Dabei stellt gegenüber der Verlegenheit der üblichen Geschenke ihre reine Fungibilität auch noch das Menschlichere dar, weil sie dem Beschenkten wenigstens erlaubt, sich selber etwas zu schenken, worin freilich zugleich der absolute Widerspruch zum Schenken gelegen ist.²

Der Gutschein, den es zur Zeit der Niederschrift der Minima Moralia wohl noch nicht gab, ist im Grunde ein Umtauschzettel, bei dem der Umtausch übersprungen wird. Ein Gutschein sagt: Du würdest eh umtauschen, was ich Dir schenken würde, also versuche ich es gar nicht erst.

Einen Link verschenken? Wie sieht das denn aus? Das kann man doch gar nicht anfassen!

Damit es auch optisch und haptisch ein schönes Geschenk wird, kann man eine Karte dazu basteln, z.B. eine, die vorn das Cover des Buches zeigt, hinten einen Klappentext und innen eine Erklärung bereithält, wie der Beschenkte das eBook lesen kann (falls nötig). Eine ausführliche Erklärung wie man eBooks liest, findet man auf mikrotext. Tania Folaji vom Blog Elektro vs. Print schlug letztes Jahr vor, diese Anleitung doch gleich ausgedruckt und laminiert mit zu verschenken. Ich plädiere dafür, die Anleitung dem Beschenkten anzupassen und entsprechend zu verkürzen.

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Zum Schluss noch ein paar Empfehlungen von eBook first/only Veröffentlichungen, die ich auf dem Blog bereits besprochen habe:

© CulturBooks

Pippa Goldschmidt: Von der Notwendigkeit den Weltraum zu ordnen

 

 

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Sasha Marianna Salzmann: In das Maul des Wolfes will ich Dich stecken. Reihe Hausbesuch (Sammelrezension)

 

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David Wagner: Welche Farbe hat Berlin

 

 

Cover – Alan Mills – Hacking Coyote

Alan Mills: Hacking Coyote

 

 

Jane Gardam: Hetty

Jane Gardam: Hetty

 

 

Natürlich kann man nicht nur eBook-first- und eBook-only-Veröffentlichungen verschenken. Nahezu jede Neuveröffentlichung und viele Backlisttitel gibt es heute auch als eBook. Manche schönen Backlisttitel sogar nur noch als eBook, zum Beispiel das – gerade für die Jahreszeit – sehr empfehlenswerte Jugendbuch Jetzt ist hier von Tamara Bach.


¹ Adorno, Theodor W.: Minima Moralia. In: Gesammelte Schriften. Band IV, Franfurt a. M. (Suhrkamp) 1980, S. 46-48.

² Ebd.

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3 Gedanken zu “Imaginiere das Glück des Beschenkten

  1. Mit Adorno gedacht ist ja auch nicht nur die aufgewendete Zeit Teil des Geschenks, sondern das Geschenk erhält und erinnert eine Beziehung über eine Zeit hinweg: über ein Geschenk denkt man an die Person, die geschenkt hat. Und diese schöne Beziehungen über eine Zeit hinweg, verlängert man noch durch das Schenken eines Abos, hier gibt es sogar eines für E-Books. Überraschungen alle ein bis zwei Monate, die federleicht zu den Lesern kommen, ohne weitere Anmeldungen. Aktuell gibt es sogar einen schon vorbereiteten Geschenkgutschein dazu, zum Selbstausdrucken und persönlich Überreichen oder zum Verschicken per E-Mail oder Post. https://steadyhq.com/de/mikrotext-abo

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