Träume der Kieferninseln

Dies ist keine Rezension. Marion Poschmanns Roman Die Kieferninseln ist zu Recht breit besprochen worden, es waren auf unzähligen Blogs und in einschlägigen Zeitungen x Inhaltsangaben und Beurteilungen zu lesen. Da muss ich nicht, dachte ich mir, die x+1te schreiben. Stattdessen möchte ich über etwas schreiben, das mich am Roman beschäftigt hat: Gilberts Träume und ihre Deutung.

Wer Die Kieferninseln noch nicht gelesen hat, erhält hier vielleicht mehr Informationen, als wünschenswert. Allerdings glaube ich, dass bei einem Roman, der so wenig auf Suspense angelegt ist, kein Spoiler möglich ist – es geht hier schließlich um die Erfahrung beim Lesen, um das Wie, nicht das Was.

godaido_at_matsushima_by_takahashi_yuichi
Godaido auf Matsushima von Takahashi Yuichi ca. 1881

Nüchtern

Gilbert Silvester träumt, seine Frau betrüge ihn. Von diesem Traum erwacht, macht er einen folgenschweren Schritt: er frühstückt nicht. Walter Benjamin schreibt in Einbahnstraße:

Eine Volksüberlieferung warnt, Träume am Morgen nüchtern zu erzählen. Der Erwachte verbleibt in diesem Zustand in der Tat noch im Bannkreis des Traumes. Die Waschung nämlich ruft nur die Oberfläche des Leibes und seine sichtbaren motorischen Funktionen ins Licht hinein, wogegen in den tieferen Schichten auch während der morgendlichen Reinigung die graue Traumdämmerung verharrt, ja in der Einsamkeit der ersten wachen Stunde sich festsetzt.¹

Gilbert ist nüchtern im physiologischen, nicht im logischen Sinn: Er hält den Traum für Realität und lässt sich von Mathilda nicht davon abbringen. Er verharrt in der Traumdämmerung und verlässt sie über die gesamte Länge des Romans nicht.² Traum und Wirklichkeit vermischen sich – gibt es Yosa Tamagotchi, ist er ein Geist, ist er ein Traum?

Alles im Traum ist ein Aspekt des Träumers selbst

Ich bin gewiss keine Expertin in psychoanalytischer Traumdeutung, und eine solche von außen an einer fiktiven Person vorzunehmen, wäre auch ohnedies unredlich. Doch als Gedankenspiel, als Interpretationsmöglichkeit, ohne zu behaupten, damit den Schlüssel zum Roman in Händen zu halten – die eine Wahrheit gibt es ohnehin nicht in der Kunst – sei es erlaubt.

Wie ich die tiefenpsychologische Traumdeutung verstehe, ist alles im Traum Anteil der Psyche des Träumenden, d.h. Mathilda ist im Traum nicht Mathilda, sondern ein Symbol für einen Aspekt Gilberts: Nicht seine Frau betrügt ihn, er betrügt sich selbst. Er ist unzufrieden – mit seinem Job, seiner Beziehung, seinem Leben. Aber er übernimmt keine Verantwortung dafür, sondern gibt die Schuld den anderen: dem Wissenschaftsbetrieb, in dem es nicht auf Begabung, sondern auf Beziehungen ankommt; seiner Frau, die ihn im Traum betrügt, und damit dazu drängt, nach Japan zu reisen, ein Land das er nicht mag. Schließlich trifft er Yosa Tamagotchi, einen jungen Mann, der es nicht einmal schafft, sich würdevoll umzubringen. Yosa dient ihm als Projektionsfläche seiner eigenen Selbstmordgedanken, die er schon im Flugzeug andeutet, und fortan kann er Yosa dafür verachten, dass er nicht mal einen Suizid zustande bringt, anstatt sich selbst dafür verachten zu müssen.

Verdächtig ist schon der Name des Japaners: Tamagotchi – ein elektronischer Haustierersatz, Yosa – ein Joghurtersatz auf Haferbasis. Zwei Dinge, die das eigentliche nur vorstellen.³ Yosa war andererseits das Pseudonym eines großen japanischen Dichters, der auf den Pfaden seines Vorbilds Matsuo Bashō wandelte, wie auch Yosa mit Gilbert den Bashō-Pfad begehen soll. In Die Kieferninseln taucht der Dichter unter seinem früheren Pseudonym Saigyō auf: Im Park Saigyō Modoshi no Matsu („Die-Kiefer-an-der-Saigyō-umkehrte“) hofft Gilbert, Yosa möge niemals zurückkehren.

1599px-haiku_monument_of_matsuo_basho_in_yuno_pass
Haiku-Monument von Matsuo Bashō am Yuno-Pass

Küchenpsychologische Ferndiagnose: Narzissmus

Seit Donald Trump Präsident ist, sind psychologische Ferndiagnosen en vogue, insbesondere der Begriff Narzissmus wird häufig gebraucht. Narzissmus ist ein natürlicher Anteil der Persönlichkeit jedes Menschen. Erst wenn er den Menschen selbst oder seine Mitmenschen beeinträchtigt, spricht man von einer narzisstischen Störung. Ein stark narzisstischer Mensch veranschlagt – unbewusst – seinen Selbstwert gering: er muss etwas leisten, um geliebt zu werden; wenn das nicht gelingt, darf es bloß nicht seine Schuld sein. Dabei redet er sich selbst und der Welt ständig ein, er sei der Größte.

Auch wenn Gilbert sicher kein Narzisst in Reinform ist, so zeigt er doch eine leichte Ausprägung einer solchen Störung. Er stellt seine Bedürfnisse über die seiner Frau, und erwartet noch, dass sie sich dafür entschuldigt. An seinen Misserfolgen will er selbst keine Schuld tragen. Auf Yosa und die Traditionen der „Teeländer“ sieht er überheblich herab. Selbst bei der Bildung seines Charakters geht es ihm um Außenwirkung:

Gilbert hatte sich in den vergangenen Tagen daran gewöhnt, daß man einen Ausflug unternahm, um Bäume zu bewundern, eine vollkommen nutzlose Sitte, die aber in der japanischen Kultur tief verwurzelt blieb. Es handelte sich nicht um eine Bildungsreise im europäischen Stil, mit der man sich hinterher brüsten konnte, so wie man nach Rom fuhr und dann ein für allemal eine Person war, die die Sixtinische Kapelle gesehen hat, das Kolosseum und die Thermen und das Porträt von Innozenz X. Die Schau der Naturerscheinung war weder mit Kunst noch mit Architektur, noch mit Geschichte verbunden, sie war zart und geheimnisvoll, und wenn daraus doch eine Form von Bildung erwuchs, ließ sie sich hinterher weder erklären noch abrufen. [S. 163]

Er flieht seinen Traum und stellt sich ihm doch

Statt sich mit seinem Ehebruchstraum analytisch auseinanderzusetzen, flieht er nach Japan, ein Teeland, ja sogar die „höchste Steigerungsstufe des Teelandes“ [S.15], ins – für ihn – maximal Fremde. Dahin, wo es wehtut. Zwar blickt er überheblich auf die kontemplativen Traditionen, lässt sich aber doch auf sie ein: er trinkt – widerwillig – Tee, er dichtet Haikus, er sucht mit Yosa typische Selbstmordorte auf, er bereist den Bashō-Pfad nach Matsushima, zur Kieferninsel. Und trotz aller Gegenwehr bildet ihn diese Reise, auf unerklärliche und nicht abrufbare Weise. Das zeigt sich erst im letzten Absatz:

Er würde sie anrufen, sagte er sich. Mathilda, Liebste, würde er sagen. Wir treffen uns in Tokyo, nahm er sich vor zu sagen, es ist ganz einfach, komm zu mir nach Japan. Die Laubfärbung beginnt. [S. 165]

Als Gilbert vor Jahren eine Gastprofessur in den USA hatte, kam Mathilda ihn besuchen, um ihn, aber auch um die spektakuläre Laubfärbung zu sehen. Damals war ihm das unverständlich geblieben. Mathildas Wunsch war ihm nur Störung. Sie kam zu früh, und obwohl sie stundenlang durch Neuengland fuhren, bekam Mathilda keine Laubfärbung zu sehen.

Jetzt kann Gilbert über sich selbst hinwegsehen und Mathildas Wünsche ernstnehmen. Jetzt ist der richtige Zeitpunkt gekommen: Mathilda wird die Laubfärbung sehen. Eine schöne Metapher für die Verwandlung, die auch Gilbert in Japan durchlebt, und zu der er in Neuengland noch nicht bereit war.


¹ Benjamin, Walter: Einbahnstraße, Frankfurt a. M. (Suhrkamp) 1955, zuerst: Berlin (Rowohlt) 1928, S. 8.

² Zu dieser Traumhaftigkeit passt auch, dass Japan nur von seiner kontemplativen, sauberen, minimalistischen Seite geschildert wird. Das schrille, grellbunt leuchtende, übertriebene Japan, das ja schließlich auch gibt, wird ausgespart.

³ Beim Joghurtersatz sage ich das mit Vorbehalt, da Japan keine Milchprodukttradition hat, man also z.B. nicht sagen kann, die seit Jahrtausenden verwendete Sojamilch sei ein Ersatz für Kuhmilch. Wie es mit Joghurt auf Haferbasis aussieht, kann ich nicht beurteilen.

Die Seitenangaben der Zitate beziehen sich auf die Ausgabe:

Kieferninsel_FotorPoschmann, Marion: Die Kieferninseln, Berlin (Suhrkamp) 2017.

Gebunden, 168 Seiten
ISBN: 978-3-518-42760-6
Auch als E-Book erhältlich

D 20,00 EUR; A 20,60 EUR; CH 28,90 sFr

MerkenMerken

MerkenMerken

Advertisements

3 Gedanken zu “Träume der Kieferninseln

Kommentar verfassen (Ihre Kommentareingaben werden zwecks Anti-Spam-Prüfung an den Dienst Akismet gesendet. Wir nutzen die eingegebene E-Mailadresse zum Bezug von Profilbildern bei dem Dienst Gravatar. Hinweise zum Widerrufsrecht finden sich in der Datenschutzerklärung.)

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.