Mein lyrisches Ich im Zeitalter seiner technischen Repoetisierbarkeit

Einer Einleitung, die darstellt, wie meine Beziehung zu Lyrik zwischen den Extremen schwankte, folgt die Vorstellung einer relativ neuen Lyrik-App namens Poesi. Wer sich nur dafür interesiert, möge direkt zur zweiten Überschrift scrollen.

Deutsche Gedichte_Fotor

There and back again…

Zu meiner Lesesozialisation gehörte Lyrik von Anfang an dazu, nicht nur Kinderklassiker wie Wilhelm Busch und der Struwelpeter, auch Erwachsenenklassiker wie Goethe und Schiller, auch neueres z. B. von Ernst Jandl. Mein Vater hat gern gedichtet und uns Kinder dazu animiert, am Esstisch Quatschverse zu verfassen (Im Jahre fünzehnhundertzwanzig,/ es war heiß, die Butter ranzig,/ lag auf dem Ohr/ der Herr Pastor) oder ein Akrostichon auf unseren Nachnamen (Wer immer sich strebend – kraft innerer Reife – charakterlich härtet, erliegt nimmermehr). Und unfehlbar jedes Mal, wenn es Klöße gab, hob mein Bruder an, Erich Kästner zu zitieren: Der Peter war ein Renommist. Ihr wisst vielleicht nicht, was das ist. Ein Renommist, das ist ein Mann, der viel verspricht und wenig kann… (Unter anderem behauptet er, manchmal äße er 30 Klöße. Deshalb.)

Später wurde mein Geschmack etwas ernsthafter, ich las gern Politische Lyrik, dann bekam ich auch – wie alle meine Geschwister – meine eigene Ausgabe Deutsche Gedichte von Echtermeyer/von Wiese. Es war eine Zeit, in der man noch nicht das Internet mit sich herumtragen konnte und auch keine elektronische Bibliothek, und der Echtermeyer/von Wiese ist ein ziemlicher Brocken. Ich musste viel auf Züge und Busse warten und hatte mir für den Fall meine Lieblingsgedichte in ein kleines Büchlein geschrieben. Da ich aber materielle Dinge im Gegensatz zu ideellen oft vergaß, habe ich die Allerbesten gleich noch auswendig gelernt, um sie mir beim Warten vorzusagen. Eine geglückte Lyriksozialisation, sollte man meinen.

Doch mit der Zeit zerbrach mein unbefangenes Verhältnis zur Lyrik: Meine einzige Vier in Deutsch bekam ich für die Analyse eines Gedichtes, das ich offenbar gar nicht verstanden hatte. Mein Vater behauptete, ich rezitierte jedes Gedicht, als wäre es von Heine. Mir wurde bewusst, dass die Gedichte, die ich selbst schrieb, keine waren.

Irgendwann war ich überzeugt, dass Lyrik nichts für mich ist. Sie verursachte mir Minderwertigkeitsgefühle, und ich mied sie. In meinem Studium der Allgemeinen und Vergleichenden Literaturwissenschaft spielte sie kaum eine Rolle, was allein auf meine Kursauswahl zurückzuführen war.

Doch in den letzten Monaten fing ich an, meine Lyrikabstinenz zu bedauern. Ich möchte mich repoetisieren.

Repoetisierung per App

Da kommt mir die Poesi-App gerade recht. Wie der Echtermeyer/von Wiese beinhaltet sie Deutschsprachige Lyrik vom 12. bis zum 20. Jahrhundert (der E/vW hat noch ein paar wenige frühere Texte). Neben der modernen, minimalistischen Optik gefällt mir, dass die Gedichte auf vielfältige Weise „gefunden“ werden können: Die Startseite stellt neben einer Suchmaske und einem wechselnden Zitat zwei Buttons bereit: Zufälliges Gedicht und Gedicht des Tages. [Adorno würde zwar wahrscheinlich Zustände kriegen, aber gut.] Zusätzlich gibt es viele spannende Filtermöglichkeiten: Nach Jahrhundert, nach Thema, nach Epoche, aber man kann natürlich auch nach einer bestimmten Dichterin, einem bestimmten Dichter suchen.

 

Dichterinnen gibt es allerdings noch nicht so viele: Von momentan 101 Dichtern zähle ich 10 Frauen. Mein Echtermeyer/von Wiese hat ein ähnliches Verhältnis von 18 Frauen unter 180 Dichter/innen, davon allerdings die Mehrheit (15) im 20. Jahrhundert. Poesi hat bereits jetzt mehr ältere im Programm und es werden noch mehr werden. Denn das ist für mich einer der spannendsten Aspekte an der App: Sie entwickelt sich noch. Peu à peu werden weitere Gedichte hinzukommen, in den Einstellungen gibt es die Möglichkeit, die App per Knopfdruck oder automatisiert mit der Datenbank zu synchronisieren – selbstredend entgeltfrei, nachdem man die App einmal gekauft hat (momentan für 3,49€). Was alles noch hinzukommen wird, verrät Entwickler Lukas Hermann weiter unten im Interview.

Als Komparatist legt er übrigens besonderen Wert auf die Zitierfähigkeit der Gedichte – für mich essentiell. Jedes Gedicht hat einen Infobutton, über den man erfahren kann, wann das Gedicht zuerst veröffentlicht wurde (soweit feststellbar) und nach welcher Ausgabe das Gedicht zitiert wurde. Der Infobutton zu den Dichter*innen bietet Lebensdaten und Links zu Wikipedia und zu Deutsche Biografie. Seine eigene Sammlung kann man erstellen, indem man Gedichte favorisiert 💙.

Interview mit App-Entwickler Lukas Hermann

Seit wann gibt es Poesi und was hat Dich dazu veranlasst, die App zu entwickeln?

Poesi ist jetzt seit etwa zwei Monaten für iOS und Android erhältlich. Ich wollte mit der App zunächst selbst einen eigenen Traum verwirklichen, nämlich den, all meine Lieblingsgedichte mit dabei zu haben. Zugleich wollte ich aber natürlich auch andere Menschen für Lyrik begeistern bzw. ihnen helfen, ihre liebsten Gedichte zu entdecken. Ein drittes Ziel war es außerdem, mit Zitaten aus wissenschaftlich gültigen Ausgaben Studenten und Forschern ein kleines Hilfsmittel buchstäblich an die Hand zu geben.

Wieso „fehlt“ im Namen Poesi das e?

Weil ich der App einen Namen geben wollte, den man wiedererkennt, der aber auch in anderen Sprachen verständlich ist – und weil er zu unterhaltsamen Diskussionen über die korrekte Aussprache führt.

[Anmerkung Eva: Meine Theorie war zunächst, dass das e schon dadurch enthalten ist, dass es sich um ein e-lektronisches Medium handelt, und deshalb im Namen weggelassen werden konnte. Hier zeigt sich wieder mein Hang zur Überinterpretation. Das schöne ist ja aber, das Literatur dafür offen ist.]

Werden auch Gedichte aus anderen Sprachen hinzukommen?

Ja! Ich habe bereits 300 englischsprachige Gedichte in die Datenbank eingetragen und hoffe, im Frühjahr eine repräsentative Auswahl vorlegen zu können. Danach werden französische und italienische Gedichte folgen.

Momentan reicht das zeitliche Spektrum der Gedichte vom 12. bis zum 20. Jahrhundert. Werden auch Gedichte aus dem 21. Jahrhundert in Zukunft vertreten sein?

Da die App momentan (noch) ein studentisches Nebenprojekt ist, kann ich mir Rechte an Gedichten von zeitgenössischen oder noch nicht so lang verstorbenen AutorInnen aktuell nur schwerlich leisten. Mit Nelly Sachs, Elisabeth Borchers, Günter Eich, Gottfried Benn und Wilhelm Lehmann sind aber schon ein paar Namen, die näher an unserer Gegenwart liegen, vertreten – und weitere werden langsam aber sicher folgen.

Beabsichtigst Du, Dichterinnen fürderhin stärker zu berücksichtigen?

Auf jeden Fall. Ich habe mich bei meiner ersten Auswahl an der allgemeinen deutschen Literaturgeschichte orientiert, in der deutlich mehr Männer vertreten sind. Gräbt man aber etwas tiefer, so wird offenbar, wie viel Lyrik von Frauen zu allen Zeiten gedruckt wurde. Deshalb war es mir auch wichtig, aus jeder Epoche von Beginn an auch mindestens eine weibliche Stimme vertreten zu haben. Nach der Veröffentlichung wurden mir dann auch weitere Dichterinnen und von ihnen auch konkrete Gedichte vorgeschlagen, die ich mehr als freudig direkt in Poesi aufgenommen habe – und ich hoffe, dass das in Zukunft auch weiterhin so sein wird.

Ich danke Lukas Hermann für das Interview und das Bereitstellen der App.

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10 Gedanken zu “Mein lyrisches Ich im Zeitalter seiner technischen Repoetisierbarkeit

    1. Ja, das wäre wünschenswert (im Echtermeyer ist sie drin), aber wie schon im Interview steht, ist es momentan nicht möglich, Dichter*innen in die App zu integrieren, die noch nicht so lange tot sind (mindetsens 70 Jahre, soweit ich weiß). Das ist zwar schade, aber es gibt ja auch vieles Alte zu entdecken und die App ist ja nicht das einzige Mittel zur Repoetisierung!

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    1. Ein Notizbuch ist natürlich schöner, weil es persönlicher ist. Ich hatte in meinem Notizbuch damals in Ansätzen versucht, eine jeweils zum Gedicht passende Schrift zu wählen (Kalligraphie war auch so eine Passion von mir, die ich später etwas vernachlässigt habe). Ich überlege auch, ob ich nicht wieder damit anfange; wenn man ein Gedicht auswählt, schön abschreibt, eventuell noch eine Zeichnung integriert, ist das auch eine sehr intensive Form der Auseinandersetzung mit dem Werk. Ich würde das weniger machen, um es bei mir zu tragen, als einfach um es zu machen.
      Die App bietet halt den Vorteil, dass man auch unterwegs ein neues Gedicht entdecken kann. Aber klar, man braucht es nicht zwingend, und ich verstehe auch, wenn einem diese Art der Lektüre nicht zusagt.

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      1. Kaligraphie habe ich auch mal gemacht. Ist sehr lange her. Ich schreibe heute noch gerne Texte ab und gestalte manchmal etwas drum herum, was man Künstlerbuch nennen könnte, einfach um des Schreiben willens. Durch mit der Hand Schreiben wird es körperlicher. Da ich selbst Lyrik schreibe und male und zeichne, ist mein Ziel die Veröffentlichung eines Gedichtbands mit eigenen Illustrationen. Ich arbeite dran … Hast du mit Feder und Tusche kalligraphiert?

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      2. Hauptsächlich mit verschiedenen Federn und Tinte, aber auch mit unterschiedlichen Stiften, darunter Pinselstifte. Ich mach es noch gelegentlich, meistens als Geschenk. Auch mir gefällt das Körperliche der Handschrift. Und eben das Individuelle, weshalb ich unperfekte Kalligraphien mag. Dadurch, dass wir heute Texte in verschiedensten Schrifttypen einfach ausdrucken können, ohne die geringsten Abweichungen im Schriftbild, hat das Makellose, für das man Kalligraphen früher bezahlte, an Reiz und an Wert verloren, finde ich. Obwohl natürlich auch ein „perfekt“ mit der Hand geschriebener Text etwas ganz anderes ist, als ein gedruckter.

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