Ein Jüngling liebt ein Mädchen 2.0

Tamara Bachs Roman Jetzt ist Hier widmet sich dem alten, ewig neuen Thema der vergeblichen Liebesmüh.

Tamara Bach: Jetzt ist Hier

Ein Jüngling liebt ein Mädchen,
Die hat einen Andern erwählt;
Der Andre liebt eine Andre,
Und hat sich mit dieser vermählt.

Das Mädchen heiratet aus Ärger
Den ersten besten Mann,
Der ihr in den Weg gelaufen;
Der Jüngling ist übel dran.

Es ist eine alte Geschichte,
Doch bleibt sie immer neu;
Und wem sie just passieret,
Dem bricht das Herz entzwei.¹

 

Es war schon 1822, als Heinrich Heine das Gedicht schrieb, eine alte Geschichte, und doch bleibt sie auch 2007, als Tamara Bach Jetzt ist Hier veröffentlichte, immer neu. Die Figurenkonstellation ist geringfügig anders und geheiratet wird auch nicht – schließlich sind die Protagonisten erst Schüler der Oberstufe. Zanker, Bowie, Mono und Fienchen, drei Jungen, ein Mädchen. Sie sind – anders als im Gedicht – eng miteinander befreundet. Aber können sie das auch bleiben?

Wir wissen jedenfalls von Anfang an, dass etwas passieren wird, denn im Prolog sitzen die Jungen – ohne Fienchen – im Büro des Direktors. Etwas muss vorgefallen sein. Unerlaubtes Fernbleiben vom Unterricht? Ein harmloser Streich? Etwas harmlos Gedachtes, das zu etwas Schlimmem eskalierte? Wir wissen es nicht. Nur, dass ein Lied eine gewisse Rolle spielte.

Das Buch erzählt die letzten Tage der Weihnachtsferien, von Sylvester bis zum 9. Januar, dem ersten Schultag. Es spielt also schonmal nicht in Berlin, denn so lange Weihnachtsferin gibt es hier nicht. Es spielt in einer Stadt mit Universität, die aber nicht besonders groß ist, wahrscheinlich irgendwo im Osten. Erfurt vielleicht?

Überhaupt wird vieles nicht ausgesprochen in diesem Buch, das Absatz für Absatz alternierend aus der Sicht der vier Protagonisten erzählt wird. Alle drei Jungen reden nicht viel: Zanker, weil er es nicht nötig hat – die Mädchen fliegen auf ihn, dass es schon lästig wird – die anderen, weil sie nicht wissen, wie sie sagen sollen, was sie umtreibt – aber Bowie sieht beim Schweigen wenigstens cool aus. Mono mögen die Coolnesscodes seiner Altersgenossen nicht geläufig sein, aber er ist doch mein heimlicher Held – familiär ergibt sich für ihn eine neue Rolle, die er wunderbar auszufüllen lernt:

„Soll Papa nicht mal Gute Nacht sagen?“, fragt er leise. 

Ziska dreht sich zur Wand und rollt sich ein. Mono zögert, streicht ihr dann über den Rücken.

„Ziska, Papa und Mama … „, aber wie erklärt man Bankrott, eventuellen, und muss sie das denn wissen? „Papa hat das nicht so gemeint. Dich hat er nicht gemeint.“

„Papa hat geschimpft.“

„Ja, aber nicht mit dir.“

Ziska schweigt. Mono legt sich sanft neben sie, auf den geringen Platz, den die Matratze bietet, liegt da viel zu groß, zu lang, zu knochig. Seine Hand auf Ziskas Kopf, in ihren feinen Haaren.²

Jetzt ist hier ist sprachlich vielleicht nicht so ambitioniert wie Tamara Bachs neuste Erzählung Vierzehn, aber hat einen eigenen Klang, der sich gut liest. Nicht zu Unrecht ist der Roman mehrfach ausgezeichnet worden, unter anderem mit dem Luchs des Jahres der ZEIT. Schön an Tamara Bachs Erzählungen und Romanen ist auch immer wieder, dass sie so unpädagogisch sind. In einem Interview mit Der Blauen Seite erklärt sie, dass sie so gern über Jugendliche schreibt, weil sie der Lebensabschnitt interessiert:

Ich kann einfach Geschichten erzählen. In der Pubertät passieren extrem viele Sachen zum ersten Mal und werden komplett anders wahrgenommen, weil sie zum ersten oder vielleicht auch zum zweiten Mal passieren. Es ist nicht, weil ich meine Pubertät aufarbeiten möchte. Ich habe keinen Auftrag, Jugendlichen irgendetwas
beizubringen oder den moralisch rechten Weg zu weisen. Niemals.³

Rätselhaft fand ich die Stelle, als am 6. Januar alle drei Jungen zufällig zur selben Zeit mit Geschenken vor Fienchens Tür auftauchen. Die Assoziation zu den Heiligen Drei Königen drängt sich auf, aber es war mir nicht möglich, daraus sinnvolle Schlüsse zu ziehen. Ich konnte keinen Bezug zur Geschichte herstellen, würde mich aber über Ideen freuen.

Zum Schluss nach eine Frage zur Ausrichtung des Blogs an meine Leser*innen:

In den letzten Monaten las ich zum großen Teil Kinder- und Jugendliteratur, was mit meiner Weiterbildung zur Lese- und Literaturpädagogin zu tun hat. Ich habe von April bis August keine Beiträge veröffentlicht, weil ich nicht sicher war, ob diese Literatur hier auf Interesse stößt – dann habe ich ausgewählte Jugendbücher, die ich nicht als reine Genreliteratur empfand, hier vorgestellt. Ich überlege nun, ob ich einen eigenen Blog für Kinder- und Jugendliteratur erstellen sollte, auf dem ich dann auch Bücher vorstellen würde, die sich an ein sehr viel jüngeres Publikum wenden, oder ob ich hier weiter Bücher einbringen soll, die Gradwanderer sind. Besteht Interesse daran? Über Feedback freue ich mich sehr!


¹ Heinrich Heine: Buch der Lieder. Lyrisches Intermezzo XXXIX.

² Tamara Bach: Jetzt ist hier, Hamburg (Oetinger) 2007, S. 240. Diese Ausgabe ist nur noch antiquarisch erhältlich. Eine E-Book-Ausgabe kann über den Carlsen Verlag bezogen werden.

³ Die Blaue Seite: Interview mit Tamara Bach.

 

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8 Gedanken zu “Ein Jüngling liebt ein Mädchen 2.0

  1. Ich möchte nicht gehen, ohne den erbetenen Kommentar zu hinterlassen. Was soll ich sagen: Dein Blog, deine Entscheidung. Ich selbst lese eigentlich keine Kinder/Jugendliteratur, habe aber in deine letzten Rezensionen gerne hinein gelesen, da ich immer mal nach Literatur für meinen Jüngsten (12) schaue. Ich finde schon, dass du sie auch hier beheimatet lassen kannst, mit einem reinen Kinder/Jugendbuchblog erreichst du aber vielleicht mehr Leser, die speziell daran interessiert sind. Wie auch immer, ich schaue immer wieder gern vorbei. Gruß, Petra

    Gefällt 2 Personen

  2. Liebe Eva,
    meiner Ansicht nach, brauchst Du keine separate Webseite für Kinder- und Jugendbuchvorstellungen.

    Bei meinen LESELEBENSZEICHEN gibt es eine große Genrevielfalt (fast wie in einer gut sortierten Buchhandlung), und ich widme meine Aufmerksamkeit SEHR gerne guten Kinderbüchern und Bilderbüchern. Denn Sprachbildung beginnt nicht erst beim Lesen- und Schreibenlernen, sondern viel früher. Bilder-, Kinder- und Jugendbücher tragen auf spielerisch, vorbildlich-anregende Weise ein beträchtliches Scherflein zur Erweiterung des Wortschatzes und zur Spannbreite von Formulierungsvariationen bei.

    Die Ignoranz vieler erwachsener Leser gegenüber Kinderbüchern zeugt entweder davon, daß sie vergessen haben, wie sehr sie als Kind bestimmte Bücher lesegeliebt haben oder schlicht von Unerfahrenheit.

    Als gelernte Buchhändlerin habe ich schon so manchem Erwachsenen vermittelt, wie WERTVOLL und sprachlich bereichernd Kinderbücher sein können. Besonders Eltern, die ihren Kindern vorlesen, sollten auf die inhaltliche und sprachliche Qualität der Kinderbücher achten, dann macht nämlich auch das Vorlesen mehr Vergnügen.

    Außerdem gibt es ausgesprochen WEISE Kinderbücher z.B. alle Bücher von Paul Biegel und das „alte“ Kinderbuch von Paul Gallico: Vom mutigen Manxmaus Mäuserich
    https://leselebenszeichen.wordpress.com/2016/02/29/vom-mutigen-manxmaus-maeuserich/
    und
    Hurz Burz und seine Freunde (von Wilhelm Topsch)
    https://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/02/14/hurz-burz-und-seine-freunde/

    Wenn Du dann noch eine Weile gezielt Blogs besuchst, die mit Kindern, Kindererziehung, Schule, Kindergarten usw. zu tun haben und dort Deine digitalen Spuren hinterläßt, wirst Du auch genug Leser für Kinderbücher anziehen.

    Belesene Grüße
    Ulrike von Leselebenszeichen

    Gefällt 1 Person

    1. Vielen Dank für Deine hilfreiche Antwort, liebe Ulrike.
      Ich stimme völlig mit Dir überein, dass es einige literarisch wertvolle Kinder- und Jugendbücher gibt, und habe auch das Gefühl, dass diese nicht nur auf exklusiven Kinderplattformen besprochen werden sollten. So fand ich es zum Beispiel sehr schade, dass die Zeit vor einigen Jahren Kinderbuchrezensionen vom Feuilleton auf die Kinderseite verschoben hat.
      Dein Vorschlag, gezielt nach neuen Lesern mit Interesse am Kinderbuch zu suchen, weist wahrscheinlich in die richtige Richtung. Vielen Dank dafür! Es muss ja nicht jedem Leser immer jeder Beitrag gefallen.

      Gefällt 1 Person

      1. Gerne habe ich meinen berufs- und blogerfahrenen Senf zum Thema Kinderbuch beigetragen, liebe Eva.
        Ich sehe es wie Du: Es muß nicht jedem Leser immer jeder Beitrag gefallen. Wesentlich wirkungsvoller ist es, den eigenen, möglichst differenzierten Lesegeschmack und Stil zu kultivieren. Nach und nach findet sich das Publikum, mit dem man eine ausreichende Interessensschnittmenge teilt. 🙂

        Gefällt 1 Person

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