Patricia McCormick: Der Tiger in meinem Herzen

Arn ist elf Jahre alt, als die Roten Khmer 1975 in Kambodscha die Herrschaft übernehmen. Alle Stadtbewohner werden aufs Land getrieben, um dort Reis anzubauen. Schon auf diesem Gewaltmarsch sterben viele Menschen an Hunger und Erschöpfung, oder sie werden ermordet, weil sie nicht schritthalten können. Familien werden auseinandergerissen, die Arbeitsgruppen eingeteilt nach Männern, Frauen, Kindern. Die Arbeit ist extrem hart, die Verpflegung völlig unzureichend, Krankheiten grassieren. Arn schafft es zu überleben, sich durchzuwinden, allerdings nicht ohne sich an der Gewalt der Roten Khmer zu beteiligen.

Jetzt passiert etwas Merkwürdiges. Etwas Schönes. Aber sehr Merkwürdiges. Auf meinem Gesicht breitet sich ein Lächeln aus. Kein falsches Lächeln, wie wenn wir die Lieder über die Angka singen. Sondern ein echtes Lächeln. Sogar ein Lachen. Und Nässe auf meinen Wangen, wie Regen, aber es sind Tränen. Drei Jahre lang war Lachen verboten, Weinen verboten. Jetzt auf diesem Pferd lache ich so sehr, dass ich weine. [S. 127]

Patricia McCormick gelingt es überzeugend, die Geschehnisse aus Sicht eines Kindes zu schildern. Sie erreicht dies zum einen durch eine einfache, durch Parataxen strukturierte Sprache. Das gewählte Erzähltempus Präsens unterstützt in diesem Fall den Eindruck des Kindlichen, da es nachempfinden lässt, wie der Ich-Erzähler Arn von Augenblick zu Augenblick überlebt, immer bereit, sich den ständig willkürlichen wechselnden, unübersichtlichen Gegebenheiten anzupassen.

Dazu passt auch, dass er als Kind keinen historischen Überblick hat, der es ihm ermöglichte, das Geschehen einzuordnen. Darüber erfahren demnach auch die Lesenden nichts: Sie lesen von mehreren Reisernten pro Jahr, völlig ausgelaugten Böden, Arbeitsschichten von fünfzehn bis unfassbaren zwanzig einhalb Stunden – für Kinder.

Heute Abend wird ein neuer Zeitplan vorgestellt. Wir arbeiten jetzt von 1 Uhr bis 7 Uhr, 7 Uhr 30 bis 13 Uhr, 13 Uhr 30 bis 19 Uhr, 19 Uhr 30 bis 23 Uhr. Tag und Nacht sind jetzt gleich.

Das Wort „schlafen“ ist nicht mehr erlaubt. „Pause“ darf man sagen, aber nicht „schlafen“. Das Wort gibt es nicht mehr. [S. 101]

Dass die Regierung 1976 einen Vier-Jahres-Plan aufgestellt hat, der vorsah, die landwirtschaftliche Produktivität Kambodschas zu verdreifachen (ohne entsprechende Produktionsmittel und Infrastruktur), um Devisen ins Land zu bringen, muss man aus seinem Vorwissen ergänzen oder sich paralell anlesen. Es ist ein guter Ansatz, die Geschichte des Terrorregimes auf einer persönlichen Ebene zu erzählen, zumal es dem Vorhaben der Roten Khmer zuwider läuft, alles Individuelle vollständig zu tilgen. Noch besser wäre freilich, wenn die Lektüre dazu anregt, sich mit diesem Teil der Geschichte Kambodschas auch noch auf anderen Ebenen zu befassen.

Überrascht hat mich, welch große Bedeutung Musik für die Bevölkerung hat. Arn beschreibt das gleich auf der ersten Seite:

 

Am Abend ist in unserer Stadt überall Musik, Bei den Reichen. Bei den Armen. Alle haben Musik.

Radios. Plattenspieler. Kassettenrekorder. Selbst die Rikschafahrer haben kleine Radios auf dem Lenker und singen für ihre Passagiere.

In dieser Stadt ist die Musik wie Luft, sie ist überall.

Die Musik hat später wesentlichen Anteil an Arns Überleben. Innerhalb von fünf Tagen sollen er und ein paar andere Kinder im Lager ein Instrument lernen, die Khim. Er ist der einzige, der es schafft. Die anderen Kinder und der Lehrer werden getötet. Alle alten Musiklehrer werden getötet, damit die traditionelle kambodschanische Musik vergesen wird. Doch die Roten Khmer wissen nicht, dass der alte Lehrer Arn nicht nur das Khimspielen, sondern auch die alten Melodien begebracht hat. Arn bringt daraufhin anderen Kindern die neuen Kampflieder der Roten Khmer bei, schnelle Lieder mit schrecklichen Texten. Diese Lieder dienen zur Unterhaltung der Anführer, aber sie haben auch noch einen anderen grausamen Zweck…

Der Tiger in meinem Herzen behandelt nicht nur die Jahre im Lager, sondern auch Arns Zeit in Amerika, wo er über Kambodscha berichten soll. Hier wird deutlich, dass das Grauen nicht einfach vorbei ist, wenn man ihm räumlich entkommen ist. Was Arn gesehen und getan hat, hat tiefe Wunden hinterlassen. Doch auch hier hilft ihm die Musik, sie zu heilen.

Der Roman wird mich sicher lange nicht loslassen und hat mich dazu angeregt, mich weiter mit dem Thema zu beschäftigen. Neben Sachbüchern habe ich mir eine weitere (Auto-)Biografie vorgenommen, die Ähnliche Themen verbindet, aber ganz anders darstellt: Durch die Stille der Nacht. Mein Überleben mit der Macht der Musik im Kambodscha der Roten Khmer von Daran Kravanh und Bree Lafreniere, schildert die Geschichte nicht als unmittelbares Geschehen, sondern als bereits reflektiertes Vergangenes, das historisch eingeordnet wird.

Der Tiger in meinem Herzen von Patricia McCormick war 2016 für den Deutsche Jugendliteraturpreis (Preis der Jugendjury) nominiert. Als Lesealter wird dort „ab 16 Jahre“ angegeben, für jüngere Leser ist es m.E. auch nicht geeignet.


Die Zitate in eckigen Klammern beziehen sich auf die Ausgabe:

Patricia McCormick Der Tiger in meinem Herzen

McCormick, Patricia: Der Tiger in meinem Herzen, Frankfurt a. M. (S. Fischer) 2015. ISBN 978-3-596-85580-3

Die amerikanische Originalausgabe erschien unter dem Titel Never Fall Down 2012 bei Balzer & Bray, einem Imprint von Harper Collins. Aus dem Amerikanischen von Maren Illinger.

Taschenbuch ISBN 978-3-596-81197-7 (7, 99 EUR), auch als E-Book erhältlich.

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