Eine Banane im Jahr des Affen

Que Du Luus „Im Jahr des Affen“ ist ein Entwicklungsroman, an dessen Ende die Brüche in der Identität der Protagonistin zwar nicht verwachsen sind, sie aber aus der erzwungenen Beschäftigung mit ihnen erwachsener hervorgeht.

Que Du Luu Im Jahr des Affen

Mit sechzehn Jahren hat sich Minh Thi an ihr Leben im kleinen westfälischen Herford gewöhnt, daran, dass sie die einzige Chinesin in ihrem Umfeld ist, keine blonden Haare hat und es auf ihren Kindergeburtstagsfeiern statt Kuchen Hühnersalat mit Fischsoße und gebratene Nudeln mit Garnelen gibt. Aber sie schämt sich ständig – für ihr Aussehen, ihren Vater, ihre ärmliche Wohnung. An ihr Leben in Vietnam und an die Flucht im Kleinkindalter kann sie sich fast gar nicht erinnern, es interessiert sie zuerst auch nicht besonders. Sie wäre gern wie die anderen Kinder und ist es nicht, doch wie ihr Vater ist sie auch nicht. Sie wirft ihm vor, sie seien „überhaupt nichts Richtiges“ [S. 89]:

Ich hatte mir immer gewünscht, wir wären Christen. Bei denen gab es nur Jesus. Meine Religionslehrerin hatte mich in der fünften Klasse gefragt, welchem Glauben wir angehörten.

Zu Hause fragte ich meinen Vater. Er sagte, er sei zum kleinen Teil Buddhist, zum Teil Taoist, und zu einem großen Teil sei er gar nichts.

Das hat sich durch das ganze Leben gezogen. Wenn er doch Vollbuddhist gewesen wäre, wenn wir doch richtige Vietnamesen gewesen wären, oder wenigstens richtige Chinesen. „Wo kommst du wech?“ – „Aus Vietnam.“ – „Ah, Vietnamesen also.“ – „Nein, Chinesen.“ – „Ni hau!“ – Nein, Chinesen, die Kantonesisch sprechen.“ – „Hong-Kong-Chinesen?“ – „Nein, aus Vietnam, hab ich doch gesagt.“ [S. 89]

Sie hat sich damit abgefunden, so scheint es wenigstens. Doch dann überschlagen sich die Ereignisse und erschüttern die Routine: Sie verliebt sich in den Schwarm ihrer Freundin, und gerät darüber mit ihr in Streit. Ihr Onkel kommt aus Australien zu Besuch und macht ihr permanent Vorwürfe, sie sei so frech, sie sei so faul, sie könne so schlecht Chinesisch, kurz: sie sei eine Banane – außen gelb, aber innen weiß. Und als ihr Vater dann kurz hintereinander zwei Herzinfarkte hat, muss sie sich plötzlich um das schlecht laufende Restaurant kümmern und Verantwortung für die beiden Angestellten übernehmen, von denen einer, Ling, keine Arbeitserlaubnis und der andere, Bao, keine Wohnung hat und heimlich im Keller des Restaurants schläft. Doch da gibt es noch andere Geheimnisse um Bao, die mit ihrer Flucht zu tun haben, und die plötzlich auch Minhs Vater in ein anderes Licht rücken.

Besonders gut hat mir gefallen, wie Que Du Luu das Verhältnis, das Minh Thi zu ihrer entfremdeten Muttersprache Chinesisch hat, in den Text integriert. Da sie in Herford keine chinesischen Freunde finden konnte und sie mit ihrem Vater kaum mehr als das Nötigste spricht, kann sie es nicht gut; für ernsthafte Gespräche fehlen ihr oft die Worte. Auf der anderen Seite nimmt sie die Bildlichkeit der Sprache viel genauer wahr, weil ihr die Redewendungen nicht so sehr in Fleisch und Blut übergegangen sind, dass deren wörtliche Bedeutung unkenntlich geworden wäre. Beispielsweise nennt ihr Vater die kaukasischen Deutschen „Gwai Lou“ – Gespenstermenschen, weil ihre Haut so weiß ist:

Mein Vater wollte sofort einen eigenen Schlafanzug anziehen, was klar war. In diesen weißen Krankenhaus-Flatterhemden sah man ja aus wie ein Gespenst.

Ich witzelte: „Du ähnelst einem Gespenstermenschen.“

Mein Vater verstand nicht, was ich meinte.

„Wegen der weißen Kleidung“, fügte ich hinzu, aber er verstand immer noch nicht.

Wahrscheinlich dachte er bei Gwai Lou nur an einen Deutschen, und die wörtliche Bedeutung kam ihm gar nicht mehr in den Sinn. [S. 124 f.]

Im Jahr des Affen von Que Du Luu ist für den Deutschen Jugendbuchpreis 2017 nominiert. Doch wie auch das ebenso nominierte Vierzehn von Tamara Bach ist es meines Erachtens mitnichten ein Buch allein für Jugendliche.


Seitenangaben in eckigen Klammern beziehen sich auf die Ausgabe:

9783551560193Que Du Luu (Text)
Im Jahr des Affen
Königskinder Verlag
ISBN: 978-3-551-56019-3
€ 16,99 (D), [als E-Book 11,99]
Ab 13

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3 Gedanken zu “Eine Banane im Jahr des Affen

  1. Das ist aber eine schöne Besprechung, die Lust aufs Lesen macht! Ich finde diese kurzen Rezensionen eigentlich viel sympathischer als die umfangreichen. Wenn ich ein Buch nicht kenne, lese ich ungern eine ewig lange Besprechung, um dann am Schluss festzustellen, dass das doch nichts für mich ist. Entscheidend sind für mich außerdem die Zitate, weil nur da Sprache und Stil des Buches zum Zuge kommen. Und das ist mir nun mal wichtig.

    Und was dieses Buch angeht: Ich finde den Blick von außen auf Deutschland, die Deutschen immer sehr spannend. Da kann man viel draus lernen, über beide Seiten. Und die Sprache, in diesem Fall die Bildlichkeit, über die Du schreibst, ist ein weiterer Reiz. Also: danke für den Lesetipp!
    Wolfgang

    Gefällt 1 Person

    1. Freut mich, dass es Dich anspricht. Mich stört bei Rezensionen oft, dass zu viel vom Inhalt wiedergegeben wird. Zwar lese ich ein Buch ohnehin nicht aufgrund des Inhalts allein. Aber eine Besprechung, die suggeriert, ich müsse das Buch jetzt nicht mehr lesen, da ich den Inhalt schon kenne und es anscheinend sonst nichts zu entdecken gibt (denn die Rezension deutet nichts dergleichen an) will ich auch nicht lesen.
      Vielen Dank für das Lob – es bedeutet mir viel, dass ich meinem eigenen Anspruch an Rezensionen zumindest hier gerecht zu werden scheine.

      Gefällt mir

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