Etwas Besseres als den Tod findest Du überall. Außer im Heim: „Die Unerwünschten“ von Dimitri Verhulst

Der flämische Schriftsteller Dimitri Verhulst erlangte 2007 auch in Deutschland größere Bekanntheit durch seinen Episodenroman Die Beschissenheit der Dinge, in dem er erzählt und reflektiert, wie es war, mit Vater, Oma und drei ständig alkoholisierten Onkeln auf dem Dorf aufzuwachsen. Seine Zeit im Kinderheim, die dort ausgespart wurde, bietet nun den autobiografischen Hintergrund für zwei Geschichten, die im Band Die Unerwünschten 2016 auf Deutsch erschienen sind.

Gianna sagte: „Das Problem ist nicht , dass es zu viele Menschen auf der Welt gibt. Das Problem sind die vielen Unerwünschten!“ / Und du wusstest: Um diesen Satz je zu vergessen, müsstest du Alzheimer bekommen. [S. 39]

In beiden Geschichten, die auf wahren, zum Teil autobiografischen Begebenheiten beruhen, sorgen die Unerwünschten selbst dafür, dass sie wieder weniger werden.

Lieber tot als im Heim bleiben

Die Unerwuenschten von Dimitri Verhulst

Die stille Gianna ist aus dem Fenster ihres Kinderheims gesprungen. Der Erzähler, der dort einige Jahre mit ihr gelebt hat, besucht ihre Beerdigung und führt dabei ein stummes Selbstgespräch – der Text ist in der 2. Person Singular geschrieben, aber es ist deutlich, dass er sich selbst anspricht. Er denkt dabei nicht nur an Gianna zurück, sondern auch an Hartwig und Gerda, das Heimleiterehepaar, deren Ehe an der Aufgabe fast gescheitert wäre, den kleinen Willem, dessen Mutter ihn einst mit den Worten: „Ich komm meinen Kleinen hier abliefern, ich will ihn nicht mehr“ [S. 56] im Heim entsorgt hatte. Er beschreibt die Zustände im Heim, das unstillbare Sexbedürfnis der Jungen und Mädchen, die Zurückweisung, die sie immer wieder erfahren. Die Beschreibungen sind dabei mitunter eindrücklich, wenn Details – pars pro totum – für das Leben im Heim stehen:

Sollten sie sich erstmal umsehen, das Spielzeug auf dem Boden betrachten, die abgerissenen Puppenköpfe mit denen die Kleinsten Szenen aus ihrer bereits sehr bewegten Vergangenheit nachspielten, das schlaff gespannte Netz des Pingpongtisches mit den eingedellten Bällen drum herum, den Billardstock ohne Leder. [S. 26]

Manchmal verliert sich Verhulst aber auch in Formulierungen, reiht sie aneinander, als habe er sich nicht für das richtige Bild entscheiden können:

Schließlich wart ihr Chamäleons geworden, gewohnt in einem fort umzuziehen. Pendler, Zigeuner. Schachfiguren, die vom Jugendamt lustlos übers Spielfeld geschoben wurden. [S. 64 f.]

Die mitunter zu hohe Dichte an geschwätzigen rhetorischen Figuren (Periphrasen, Litotes, Accumulatio, Floskeln…) in bewusst umständlich konstruierten Sätzen soll wohl einen komischen Kontrast zum niedrigen gesellschaftlichen Ansehen der beschriebenen Personen herstellen, wirkt jedoch oft nur albern manieriert.

Das Selbstgespräch des Erzählers wird immer wieder unterbrochen von Satzfetzen der katholischen Begräbnisliturgie. Dass die Manierismen und Floskeln zum Teil eingesetzt werden, um diese typische Kirchensprache zu karrikieren, ist daher möglich. Es ist aber nicht wahrscheinlich, da der Kontrast zwischen vulgärem Inhalt und gehobenem Sprachgestus auch in anderen Werken Verhulsts das hervorstechendste Merkmal seines Stils ist, der allerdings in „Die Beschissenheit der Dinge“ origineller und treffender umgesetzt ist und daher sein Ziel besser erreicht.

Das Nebeneinander verschiedener Sprachebenen findet sich gleich im Titel der ersten Erzählung: Requiem für eine Fotze. „Requiem“ ist hier ein Euphemismus für die lieblose Bestattungsfeier, „Fotze“ eine Beleidigung, die der Wachmann eines Einkaufzentrums Gianna einst an den Kopf warf. Nicht erschlossen hat sich mir, wieso der Originaltitel Kaddisj voor een kut die Zeremonie mit einem Kaddisch in Verbindung bringt. Das Kaddisch ist im Judentum ein Lobgebet auf Gott, der von einem Minjan (10 mündigen Juden, im liberalen Judentum auch Frauen) in jedem Gottesdienst gesprochen wird, aber auch zum Totengedenken, für gerade Verstorbene und am Grab, obwohl sein Text keinen Bezug zum Tod hat. Sind nur 10 Menschen bei auf der schlecht besuchten Feier? Gibt es einen lobpreisenden Subtext? Ist der Bezug zum Lobpreis sarkastisch gemeint? Möglich, dass mir ein Schlüssel zum Verständnis des Textes entgangen ist. Möglich, dass Verhulst den Begriff lediglich aufgrund der Alliteration wählte. Im niederländischen Original ist Kaddisj voor een kut auch der Gesamttitel des Buches; diese Vulgariät hat der Luchterhand Verlag offenbar gescheut und sich für den leiseren Titel Die Unerwünschten entschieden, den ich durchaus für beide Geschichten treffend finde.

Lieber töten als ins Heim geben

Der zweite Teil handelt von Sarah Smeekens und Stefaan Cools, die der aufmerksame Leser vielleicht als Nebenfiguren des ersten Teils wiedererkennt. Dimitri Verhulst war ihr Mitbewohner im Kinderheim. Als er in der Zeitung lesen musste, wie das Ehepaar seine beiden kleinen Kinder in einem Hotelzimmer ermordet hatte, nahm er sich vor, schließlich doch über seine Zeit im Heim zu schreiben.

Der Text ist in sieben, mit römischen Zahlen numerierte Abschnitte gegliedert und entweder kursiv gesetzt oder, in der Art eines Theatertextes, als direkte Rede von Sarah oder Stefaan. Mitunter wurde der Text daher von der Kritik als Theaterstück aufgefasst – die kursiven Anteile sind allerdings keine Bühnenanweisungen, sondern eine dritte Stimme, die aus ihrer Perspektive von den Beiden erzählt und die zum Teil auf deren Aussagen eingeht.  Im Niederländischen ist der Text als „stemmentekst“ (Stimmentext) untertitelt, die deutsche Übersetzung bietet keinen Paratext, der über die Form Auskunft gäbe. Das Verhältnis, in dem die Stimmen zueinander stehen ist wechselhaft: Mal spricht der Erzähler (kursiv) über Sarah und Stefaan, als ob sie nicht anwesend seien, aber sie reagieren auf ihn, mal ist es umgekehrt, mal gibt es einen gesprächsähnlichen Austausch, mal gibt der Erzähler in indirekter Rede Aussagen weiterer Personen wieder (Zeugen, Richter), dazwischen sprechen Stefan und Sara miteinander – manchmal im Präsens, als ob wir live hörten, was sie im Hotelzimmer sprechen; manchmal im Präteritum, als ob sie sich im Gerichtssaal erinnerten, was sie getan haben. Präteritum in der direkten Rede wirkt im Deutschen befremdlich, ungewöhnlich – Perfekt ist im mündlichen Deutsch vorherrschend. Das ist im Niederländischen nicht so; hier bringt die Übersetzung vielleicht eine Nuance hinein, die das Original (das ich nicht gelesen habe) eventuell nicht so stark hat.

Der Text spricht kein deutliches Urteil über die beiden Kindsmörder. Sarah und Stefaan wirken bis zuletzt uneinsichtig, scheinen weder Schuld noch Strafe zu begreifen, obgleich ein Gutachten zitiert wird, das sie als durchschnittlich intelligent und schuldfähig ausweist. Ihre Gefühle bleiben dem Leser verborgen, es scheint fast, sie hätten keine, vielleicht fehlen auch nur die Kapazitäten, sie auszudrücken. Die Vorgeschichte der beiden wird ausgebreitet ohne direkt als Rechtfertigung oder gar Entschuldigung zu dienen. Dass sie am Ende erklären, sie hätten ihre Kinder getötet, aus Angst, diese könnten sonst im Kinderheim landen, wirkt plakativ. Hat Stefaan tatsächlich so etwas gesagt?

Ich wusste nicht viel, aber eins wusste ich: Meine Kinder würden sie nicht in ein Heim stecken. Nur über meine Leiche. Also, was sollten wir tun? Wir haben unsere Kinder kaputtgemacht. Zu ihrem eigenen Besten. [S. 141 f.]

Ich hatte immer wieder Schwierigkeiten, die Stimmen des Textes als authentisch wahrzunehmen, obwohl es sich um einen realen Fall handelt. Wahrscheinlich weil alle Stimmen trotz allem nach Dimitri Verhulst klingen.

 


Die Seitenzahlen hinter den Zitaten beziehen sich auf die Ausgabe:

Verhulst, Dimitri: Die Unerwünschten. Zwei Geschichten nach wahren Begebenheiten. Aus dem Niederländischen von Rainer Kersten, München (Luchterhand) 2016.

Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 144 Seiten, 12,5 x 20,0 cm

ISBN: 978-3-630-87479-1

€ 18,00 [D] | € 18,50 [A] | CHF 24,50* (* empfohlener Verkaufspreis)

Erschienen: 03.10.2016

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3 Gedanken zu “Etwas Besseres als den Tod findest Du überall. Außer im Heim: „Die Unerwünschten“ von Dimitri Verhulst

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