Weltalphabetisierungstag

Es ist ja jeden Tag irgendein Tag, oft sogar ein Welttag. Wie ich gerade erst auf Twitter erfahren habe, ist heute Weltalphabetisierungstag. Das möchte ich zum Anlass nehmen, über etwas zu schreiben, dass mir sehr am Herzen liegt, über das ich schon länger einmal schreiben wollte, von dem ich nur nicht wusste, ob es hier auf den Blog passt: Mein Leben als Lesepatin.

Nürtingen-Grundschule_Fotor
Beispielhafte Kreuzberger Grundschule

Als Lesepatin gehe ich einmal pro Woche für zwei Schulstunden in eine Grundschulklasse (seit diesem Schuljahr in zwei), und lasse mir da von Kindern vorlesen. „Meine“ Schule praktiziert Jahrgangsübergreifendes Lernen (JüL), das heißt, es sind immer 3 Jahrgänge zusammen in einer Klasse (1/2/3 und 4/5/6, pro Klasse ca. 24 Kinder). Ich strukturiere die Leseförderung so, dass jeweils zwei Kinder mit mir für 45 Minuten in einen separaten Raum gehen, jedes Paar fünf Wochen hintereinander. Das muss aber nicht so gemacht werden, und mit der 1/2/3 Klasse, die ich jetzt zu meiner 4/5/6 dazu bekomme, werde ich sicher anders vorgehen. In der 4/5/6 habe ich es bisher so gemacht: Am Anfang stelle ich ihnen Bücher vor, die ich für angemessen halte, daraus wählen sie eines aus und dann lesen sie abwechselnd daraus vor, manchmal lese ich auch ein bisschen, wenn ich merke, dass die Kinder an dem Tag vielleicht etwas müde sind, oder wir das Buch in den fünf Wochen sonst nicht schaffen. Das hat sich alles bewährt.

Die allermeisten sind mit Feuereifer dabei, auch die nicht so starken LeserInnen. Wenn ich in die Klasse komme, drängeln sie sich schon um mich: „Darf ich heute lesen?“ – „Bin ich heute dran?“ – „Ich war noch gar nicht!“ Manche Kinder motiviert man am besten mit dem iPad zum Lesen, andere wollen lieber „richtige“ Bücher (und nennen das auch tatsächlich so). Bei mir können sie zwischen E-Book und Print wählen, sofern es beides gibt.

In Deutschland gibt es 7,5 Mio. funktionale, 2,3 Mio. vollständige Analphabeten

Es ist interessant zu beobachten, wie unterschiedlich gut die Kinder bereits lesen. Es ist spannend und lustig, sich mit ihnen zu unterhalten. Ich merke, es tut nicht nur mir gut, sondern auch den Schülern. Und es ist eine wichtige Aufgabe, denn 7,5 Millionen Menschen in Deutschland sind funktionale Analphabeten, sie können zwar einzelne Sätze lesen und schreiben, jedoch keine zusammenhängenden Texte, nicht mal kurze. 2,3 Millionen sind sogar vollständige Analphabeten, die höchstens ihren Namen und einzelne Wörter, keine Sätze, lesen und schreiben können.¹ Aber ohne Lesekompetenz läuft heute wirklich gar nichts mehr.

Ziel der Lesepatenschaft ist es, die Lese- und Lernmotivation zu steigern, neue Literatur zu vermitteln und die Lesekompetenz zu stärken. Und natürlich jede Menge Spaß zu haben und den Kindern eine Auszeit im Schulalltag zu gönnen. Für mich ist dieses Ehrenamt wahnsinnig bereichernd und ich hoffe, für meine Lesekinder auch (es hat aber den Anschein…).

Wer sich auch für eine Lesepatenschaft interessiert und in Berlin lebt, kann sich beim VBKI melden, der die Lesepatenschaften organisiert und die Freiwilligen auf die Grundschulen verteilt. Es werden immer welche gesucht!


¹ Vgl.: Bundesministerium für Bildung und Forschung: Dekade für Alphabetisierung

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