Tamara Bach: Vierzehn

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In Berlin ist es heute wieder so weit: Erster Schultag nach den Sommerferien. Die Schüler haben ihre Freunde vielleicht Wochen nicht gesehen, vielleicht ist was passiert, das sie selbst oder die anderen verändert hat – mit Vierzehn kann es schnell gehen, dass plötzlich alles ganz anders ist. Dazu kommen Anpassungsschwierigkeiten bei der Umstellung von Ferien- auf Schulalltagsmodus (biologische Uhr, Schreibkrämpfchen u.ä.). Passen die alten Freunde noch und was ist mit der Neuen in der Klasse? Hoffentlich gibt es neue Lehrer. Coolere.

Von so einem ganz normalen ersten Schultag nach den Sommerferien handelt Tamara Bachs für den Deutschen Kinder- und Jugendbuchpreis 2017 nominierte Erzählung Vierzehn. Beh konnte nicht mit ihren Freundinen ins Feriencamp fahren, weil sie krank war, und hat jetzt eine riesige Informationslücke, die sie erst auffüllen müsste. Es interessiert sie aber nicht besonders, denn ihre Ferien waren auch nicht ereignislos; die Eltern lassen sich scheiden, und sie hat einen Jungen kennengelernt. Die Neue setzt sich neben Beh, scheint ganz nett zu sein, man weiß nicht, was daraus wird.

So weit so durchschnittlich. Das Besondere an Vierzehn ist, dass Tamara Bach diese Durchschnittlichkeit formal reflektiert.

Die Erzählung ist ganz in der zweiten Person Singular Präsens geschrieben.

Du hast schon wieder vergessen, wie das geht, erster Schultag. Dass KLS Klassenlehrerstunde heißt. Dass es den Stundenplan eigentlich online gab und ihr gleich gesammelt zur Schulbuchausgabe gehen werdet. Jetzt sucht man sich die Plätze, die man den Rest des Jahres behält. Das ewige Handtuch auf dem Liegestuhl am Pool. [S. 16]

Noch im 19. Jahrhundert war das Präsens ein Indikator fürs Faktuale, Fiktion wurde im epischen Präteritum geschrieben. Goethe ließ es sich zwar nicht nehmen, auch schon mal mitten im Satz ins Präsens zu wechseln; die intendierte kontrastive Wirkung konnte sich aber nur vor dem Hintergrund eines ansonsten stabilen Präteritums entfalten. Auch die Avangarden des frühen 20. Jahrhunderts verwendeten das Präsens noch mit der Intention, antinarrativ und antifiktional zu schreiben.¹

In der inzwischen über hundertjährigen Geschichte des Präsensromans hat sich die Wirkung des Tempus auf den Leser gewandelt. Vierzehn wirkt als Fiktion, als geschlossenes Narrativ. Wie auch das Epische Präteritum im Roman nie einfach Vergangenheit anzeigte („Morgen war Weihnachten.“²), verliert auch das „Epische Präsens“ seine grammatische Funktion:

Du bist müde. Der Tag ist gerade mal halb rum. Du fragst Dich, warum Du so müde bist.

Weil Du so lange krank warst. Weil dein Körper immer noch an allem arbeitet, was kaputt war. Weil du außerdem wächst. Die zwei Zentimeter in den letzen Wochen waren noch nicht das Ende der Fahnenstange. Du wirst noch einen weiteren Zentimeter wachsen. Das schlaucht.

Du bekommst auch in der Tagen deine Tage. Das sagt dir morgen dein Handy.

Du denkst, dass man das wohl einfach wieder üben muss, Schule. Aufstehen am Morgen. Sitzen und nach vorn gucken.

Klingeln, rausgehen, Pause haben, klingeln, Unterricht, sich beteiligen, Synapsen bilden. (Morgen hast Du Bio.) [S. 67]

In einen Abschnitt, der Aspekte eines inneren Monologes zeigt, wird Zukunftswissen einer auktorialen Erzählinstanz eingeflochten („Du wirst…“, „Du bekommst…“), an anderer Stelle kann das Futur hingegen Teil der Gedanken der Protagonistin sein („Morgen hast du Bio.“). Der stark elliptische Stil der Erzählung führt hier zu Unsicherheit, wer spricht.

Die zweite Person wird als durchgehende Erzählperspektive eher selten in Romanen, aber gerne – und wie mir scheint zunehmend – in Kurzgeschichten und Erzählungen verwendet. Mit 107 Seiten ist auch Vierzehn nicht umfangreich, wie übrigens auch die anderen Bücher der Autorin. Sie versteht es meisterhaft, sich kurz zu fassen, was ich sehr schätze.

Die Wirkung der Zweiten Person als Erzählperspektive variiert je nach Kontext. LeserInnen können persönlich angesprochen werden, Assoziationen zu Computerspiel-Lösungen („Du gehst in die Bar und redest mit dem betrunkenen Piraten.“) können sich aufdrängen. Hier jedoch macht die Erzählperspektive die Allgemeingültigkeit deutlich, die Austauschbarkeit. Die Erzählung stellt das Allgemeine – Vierzehn sein – im Besonderen – Beh ist Vierzehn – vor. Der für Tamara Bach typische stark elliptische Stil (kunstvoll umgesetzt, ohne künstlich zu sein) lässt viel Raum für Einbringungen des Lesers, was den Eindruck des Allgemeinen im Besonderen noch verstärkt.

Eine weitere Metaebene erhält die Erzählung durch die Hausaufgabe der Kunstlehrerin, funktionale Ort zu fotografieren, die verlassen wurden. Ein leerer Schulhof am Wochenende, ein spätsommerliches Freibad kurz vor der abendlichen Schließung, „Bushaltestelle. Eine Bank ohne Sitzfläche, vergilbter Fahrplan, übermalt. Angekokeltes Plastik. Dahinter Rapsfelder. Farbe.“[S. 44] Mir schien es, als spiegle diese Aufgabe die Erzähltechnik der Autorin, ihre Ellipsen und inhaltlichen Auslassungen, die Reduktion auf das Wesentliche. Ohne Menschen, die diese Orte nutzen, sind sie dysfunktional, wirken trostlos, etwas Entscheidendes fehlt. Wie auch der Kunst, der Literatur, ohne Menschen, die sie rezipieren, etwas Entscheidendes fehlt. Alexander Kluge spricht oft davon, dass es im Kino die Hälfte der Zeit dunkel ist (wegen der Transportphase zwischen den einzelnen Bildern).³ Das ist der Moment, in dem der Zuschauer sich unbewusst einbringt: Dadurch dass das Gehirn mehr Zeit hat, das Gebotene aufzunehmen, werden eigene Bilder dazuassoziiert. Bach operiert hier mit verschiednen literarischen Möglichkeiten, solche Leerstellen zu erzeugen und den Leser so zu eigenen imaginären Bildern anzuregen.

In meinen Augen ist Vierzehn weniger ein Jugendbuch, als eine literarische Erzählung über eine Jugendliche. Mein Eindruck ist, dass die meisten Jugendbücher irgendein Problem behandeln – Teenieschwangerschaft, Gewalt, Drogenkonsum, Flucht. Jugendlichen durch literarisches Erzählen die verschiedenen Möglichkeiten der menschlichen Existenz erlebbar zu machen, ist auch gut und wichtig. Wichtig ist aber auch, ihnen an einer Existenz, die nah an ihrer eigenen sein dürfte, die Möglichkeiten literarischen Erzählens begreifbar zu machen. Das leistet Vierzehn, weshalb die Erzählung für mich der Favorit um den Jugendbuchpreis ist, den Tamara Bach 2004 schon einmal – für ihr ebenfalls sehr lesenswertes Debüt Marsmädchen – bekommen hat.

Die Bekanntgabe der Preisträger des Deutschen Kinder- und Jugendbuchpreises findet am 13. Oktober auf der Frankfurter Buchmesse statt.


Seitenangaben in eckigen Klammern beziehen sich auf:

Bach, Tamara: Vierzehn, Hamburg (Carlsen) 2016.

¹ Vgl.: Avanessian, Armen; Hennig, Anne [Hrsg.]: Der Präsensroman [Narratologia Bd. 36], Berlin/Boston (De Gruyter) 2013. Einleitung, S. 1-23, hier S. 1.

² Hamburger, Käte: Die Logik der Dichtung, Stuttgart (Klett) 1957. Hamburger argumentiert, dass ein Satz wie „Morgen war Weihnachten“ nur in der Dichtung sinnvoll sei.

³ Vgl. z. B. Kluge, Alexander: Der Angriff der Gegenwart auf die übrige Zeit. Abendfüllender Spielfilm, 35 mm, Farbe mit s/w-Teilen, Format 1:1,37. Drehbuch, Frankfurt a. M. (Syndikat) 1985, S. 56. Das gilt streng genommen nur für Filme auf Zelluloid, nicht für Fernsehübertragungen und nicht für digitale Kinofilme. Auch das wird von Kluge reflektiert.

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