Nele Pollatschek – Das Unglück anderer Leute

Liebe, Enttäuschung, Reibung, Fürsorge, Auflehnung, Vergebung, Verzweiflung, Scham – ein breites Spektrum der Gefühle, die man in einer weit verzweigten Familie erleben kann, findet in Nele Pollatscheks Familienroman „Das Unglück anderer Leute“ seinen Platz. Auch wenn der erste Absatz anderes behauptet:

„Ich hasse sie, ich hasse sie, ich hasse sie“, sagte ich. Nicht voller Wut. Voller Wahrheit. Wut hatte ich hinter mir gelassen. Meistens zumindest. Nun sprach ich nur noch aus, was sowieso alle dachten. Klar und ruhig, laut und deutlich, ohne Wenn, ohne Aber: Ich hasste meine Mutter. [S. 9]

Die Widersprüchlichkeit und Unzuverlässigkeit der Erzählerin wird hier bereits deutlich. Die Aussage im ersten Satz kommt gar nicht „klar und ruhig“ daher, sondern als Epizeuxis. Und  auch wenn wir uns diese nicht als Exclamatio denken (ein Ausrufungszeichen ist nicht da), wirkt es eindeutig pathetisch und übertrieben. Sie regt sich über ihre Mutter auf, sie ist von ihr genervt und enttäuscht. Mit Hass ginge der Wunsch einher, ihr auch zu schaden, den hat die Protagonistin Thene nicht. Was ist aber so schlimm an Thenes Mutter?

Die exzentrische Mutter, stets feuerrot gekleidet und mit weißblond gefärbtem Pixie-Kurzhaarschnitt, glaubt jeden retten zu müssen: Männer aus ihrem eintönigen Alltag, eine schwangere Frau vor der Abschiebung ihres Ex-Ehemannes, einen Informanten vor der Mafia und dann noch die ganze Welt mithilfe ihres Blogs. Konventionen sind ihr dabei so egal wie Realitätssinn und Gesetze. Je geringer die Aussicht auf Erfolg, desto besser.

Schlimm daran ist für Thene, wie im Laufe des Romans deutlich wird, dass jeder diesem „Manic Pixie-Dream-Girl“ [S. 97] wichtiger zu sein scheint als ihre Kinder. Außerdem befürchtet Thene, dass die Mutter ihr mit ihren unmöglichen Ideen die feierliche Verleihung ihres Mastergrads in Oxford verderben wird. Und tatsächlich: Die Mutter besteht darauf, auf der Autobahn abgeholt zu werden und wird prompt vom Laster überrollt.

Thene ist fassungslos und wütend, aber nicht eigentlich traurig über ihren Tod; die zur Schau getragene Trauer des Vater regt sie nur auf, sie kommt ihr pathetisch und falsch vor. Im Hintergrund des Romans entwickeln sich Reflexionen über Gefühle, angemessenes Verhalten, die Schicksalhaftigkeit des Charakters. Auch die Beziehungen zwischen den anderen Familienmitgliedern sind schwierig, alle sind mehr oder minder exzentrische Persönlichkeiten. Nur ihren Halbbruder Elijah liebt Thene vorbehaltlos und fürsorglich. Dieser wiederum hat Schwierigkeiten mit seinem Vater, der sich fünf Jahre nach Elis Geburt zum orthodoxen Judentum bekannte und die Familie verließ. In dieser Ausnahmesituation, in der all diese eigensinnigen Charaktere gezwungenermaßen auf engstem Raum zusammen sind, werden Fragen nach Wahrscheinlichkeit, Jenseits und Zusammenhang immer drängender. Insbesondere als die Handlung (bewusst!) zunehmend unglaubwürdiger wird. Ganz am Ende – das ich jetzt nicht vorwegnehmen möchte – wechselt die Erzählung von einer, wie mir schien, fiktiv-realistischen auf eine rein metaphorische Ebene, die die Erzählung wie ein Rückstrahler in einem neuen Licht erscheinen lässt und die vorherige Lektüre in Zweifel zieht. Die Erzählerin gelangt zu einer Einsicht und mit ihr der gewillte Leser.

Gestört hat mich an dem Roman bisweilen die clichégesättigte Flapsigkeit der Erzählerin, die wohl komisch wirken soll:

Trotz der üblichen bürokratischen Unfähigkeit am Leihwagenschalter, die allen Engländern zusammen mit der Fähigkeit, sich Sonnenbrand auch bei Regenschauern zuzuziehen und um neun Uhr abends schon kotzend vor dem Pub zu stehen in die Wiege gelegt werden, saßen wir bereits dreißig Minuten später in einem lilafarbenen Vauxhall Vectra B. [S. 55]

Derartige Stellen gibt es mehrere, ganz so schlimm ist es nicht durchgehend. Komisch wirkt das nicht, eher unbeholfen. Dennoch fand ich den Ton für eine 25-jährige, leicht egozentrische Oxford-Doktorandin nicht unglaubwürdig und Thene verändert sich auch im Laufe des Geschehens, was sich in geringem Maße sprachlich niederschlägt.

Die Figuren kamen mir nicht besonders glaubwürdig vor, in dem Sinne, dass sie nicht wie reale Personen wirkten. Diese überzeichnete Typenhaftigkeit lässt den Versuch einer Exemplifikation philosophischer Thesen zur Zufälligkeit des Daseins deutlicher hervortreten. Die Thesen weden zusätzlich noch im Gespräch der Figuren reflektiert. Einem Leser, dem die Geschehnisse, speziell gegen Ende des Romans, zu unrealistisch vorkommen, könnte man Elis Erklärung, warum der Shuffle-Mode beim iPod nicht wirklich zufällig ist, entgegenhalten:

Am Anfang war der Shuffle-Mode wirklich zufällig generiert. Aber die Kunden haben sich furchtbar aufgeregt, wenn das gleiche Lied dreimal hintereinander kam. Weil Menschen nicht verstehen, dass, wenn sie 100 Lieder auf dem iPod haben und eines davon ist I Got You Babe, dann die Chance, dass I Got You Babe gespielt wird, bei jedem Mal genau 1 zu 100 ist. Also, dass die Wahrscheinlichkeit, dass beim nächsten Mal I Got You Babe gespielt wird, immer noch 1 zu 100 ist. Also hat Apple den Shuffle-Mode weniger zufällig gemacht, damit er zufälliger wirkt. [S. 201]

In ähnlicher Weise erwarten viele Leser von (realistischer) Literatur, dass sie die Wirklichkeit nicht einfach abbildet (mal angenommen, das ginge), sondern eine Wirklichkeit konstruiert, die real wirkt, weil sie schlüssig ist. Die reale Wirklichkeit wirkt hingegen manchmal so unrealistisch, wie man es – zumindest in unserem immer noch (oder vielmehr wieder) ziemlich auf Realismus fixierten Literaturbetrieb – keinem Roman durchgehen lassen würde. Das spielt Nele Pollatschek in „Das Unglück anderer Leute“ gedanklich durch, und ich fand das kurzweilig und ziemlich unterhaltsam.


Nele Pollatschek Das Unglück anderer Leute Ich zitiere nach der Ausgabe:

Nele Pollatschek: Das Unglück anderer Leute, Berlin (Galiani) 2016

224 Seiten, gebunden mit SU, ISBN 978-3-86971-137-9

Erschienen am: 11.08.2016

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