Europe, que me veux-tu?

Bei Frohmann Verlag erscheint derzeit eine vom Goethe-Institut herausgegebene siebensprachige Buchreihe, die sich mit europäischen Identitäten befasst. Dazu wurden zehn Autoren eingeladen, sich zwei europäische Städte mit Goethe-Institut auszusuchen, eine davon in Deutschland. Dort wurden sie mit Einwohnern ins Gespräch gebracht und lasen aus ihren Werken. In welcher Form sie anschließend darüber schreiben wollten, blieb ganz ihnen überlassen. Daher sind die Bücher der Reihe, trotz des gemeinsamen Konzepts, ganz unterschiedlich.

Noch sind nicht alle Bände erschienen, und ich habe erst fünf der bereits erhältlichen Beiträge gelesen: Marie Darrieussecq, Jordi Puntí, Alina Bronsky, Annelies Verbeke und Sasha Marianna Salzmann.

Für die übrigen warte ich auf die am 21. März erscheinende Anthologie. Diese versammelt die Texte der genannten Autoren, sowie die von Guy Helminger, Gonçalo M. Tavares, David Wagner, Michela Murgia, Katja Lange-Müller.

Marie Darrieussecq: Naples-Dresde en Europe

Marie Darrieussecqs Essay ist ein Geflecht aus Textzitaten und deren Reflexion. Der rote Faden, der sich durch dieses Geflecht zieht, ist die zerstörte Stadt: Neapel und Dresden, die beiden Städte, die sie im Rahmen des Projekts besucht hat; Malaparte, Klemperer und Vonnegut, die über die Zerstörung dieser Städte geschrieben haben. Hinzu kommen Hiroshima und Nagasaki, Pompeji und Gernika, Aleppo und Alesia. Zerstörte Städte von der Antike bis zur Gegenwart. Darrieussecq setzt sie in Beziehung und lässt so die veschiedenen und doch vergleichbaren Ereignisse sich gegenseitig beleuchten. Sie zieht aus dem so in neuem Licht Besehenem ihre Schlüsse und ermisst die Bedeutung für Europa. Das ist sowohl hinsichtlich der Textgestaltung, als auch rein inhaltlich, spannend nachzuvollziehen.

Europa ist weder eine vom Stier entführte Jungfrau noch das Riesenrad eines Jahrmarkts. Europa ist durch die Vernichtungslager geschritten, durch Dresden und Gernika, Pompeji und Alesia, durch Athen und die Wälder der Goten. Europa ist eine Amphore, ein Wikkinger-Drakkar, ein thrazischer Kelch, diverse untergegangene Königsgeschlechter, Schützengräben und Stacheldraht. […] Europa ist ein gemischtes Land, sehr alt, sehr schmerzhaft und sehr schön, voller Hoffnung und Furcht, und es wird die Metaphern ebenso überleben wie die Faschisten, die Terroristen, die Arbeitslosigkeit und die Korruption, selbst seine eigenen Mythen wird es überleben, ich weiß nur nicht, in welchem Zustand. Vielleicht nur als tektonischer Sockel. [S. 80f./311].

Jordi Puntí: La paciència

Der katalanische Schriftsteller Jordi Puntí erzählt in La paciència sein Erzählersein:

Ich wüsste nicht zu sagen, welche Art von Erzähler ich bin. Manchmal gehe ich wild entschlossen auf die Jagd, und manchmal, wahrscheinlich häufiger, bleibe ich sitzen und versuche zu angeln. Diese Gedanken machte ich mir im Zug, und mir fiel auf, dass ich im Moment beides zugleich tat: Ich war unterwegs an einen unbekannten Ort, auf der Suche nach einer Geschichte, und zugleich saß ich still und schaute mir die Landschaft an. [S. 62/257]

Was ihm begegnet, prüft er unwillkürlich auf seine Eignung als Geschichte: Das liegendelassene Schmicketui einer Amerikanerin, die ihm gegenüber saß, löst eine Flut fiktiver Möglichkeiten aus: „Aber ich sage mir: Ruhe bewahren.“ [S. 68/257]

In Nancy angekommen, legt er sich im Hotel aufs Bett, und damit beginnt unvermittelt die Fiktion, markiert nur durch die Grammatik, durch den Übergang von der ersten zur dritten Person.

Auf der Suche nach einer Geschichte lässt Puntí nun seinen fiktiven Autor Felipe Quero durch die Stadt streifen, die mysteriöserweise von Schriftstellern und Literaturenthusiasten überlaufen ist. Es stellt sich heraus, dass ein großes Literaturfestival stattfindet, das er zu meiden versucht, denn: „Geschichten mit Schriftstellern als Hauptfiguren waren ihm zuwider.“ [S. 75/257]

Es ist ein Spiel der Fiktionsebenen: Puntí erzählt zwar von einem Aufenthalt in Nancy auf Einladung des Goethe-Instituts, aber als Fiktion eines Schriftstellers, der einen Schriftsteller auf der Suche nach einer Geschichte durch Nancy schlendern lässt, wo er einem Mann begegnet, der seine Faru dabei fotografiert, wie sie Monumente betrachtet. Schließlich tritt auch noch ein Schriftsteller namens Jordi Puntí auf den Plan …

Alina Bronsky: Menschen kennenlernen

Alina Bronsky folgt in ihrem Text einem journalistischen Ansatz. Sie berichtet – ich bin versucht zu schreiben: brav – über ihren Besuch in Turin, angereichert mit italienischen Kochrezepten. Das Ergebnis könnte so auch im Zeit-Magazin stehen. Dass Bronsky ihre Schwierigkeiten mit der Textgestaltung und der reflexiven Tiefe anspricht, macht es nicht wirklich besser:

Ich werde das Gefühl nicht los, dass nun irgendwas zum großen europäischen Gedanken angesagt ist. Ich weiß aber auch, dass mir das nicht gelingen wird. Große gesellschaftliche Themen kann ich, wenn überhaupt, weder frontal noch direkt aufgreifen. Und leider auch nicht mit dem nötigen Ernst. [S. 38/168]

Ernst wäre auch nicht nötig bewesen. Aber ich werde das Gefühl nicht los, dass sie sich ein bisschen mehr Mühe hätte geben können. Andererseits bin ich vielleicht nur deshalb etwas enttäuscht, weil ich mir von Alina Bronskys Text viel versprochen hatte – ich habe erst im vergangenen Jahr ihre Erzählung Baba Dunjas letzte Liebe mit Enthusiasmus gelesen.

Annelies Verbeke: Al die mensen, al die eeuwen

Auch Annelies Verbeke beschreibt ihre Aufenthalte in Genua und Schwäbisch Hall, allerdings in der distanzschaffenden Perspektive der dritten Person und mit ansteckender Reiselust: In Genua gibt sie sich mit Wonne dem Verlorengehen hin, genießt die Überraschungen der Stadt und fotografiert exzessiv die schönen Mosaikfußböden, und selbst im kleinen Schwäbisch Hall besucht sie mehrere Museen. Zugleich ist ihr Text politischer als der von Alina Bronsky: Der Titel All diese Menschen, all diese Jahrzehnte bezieht sich auf die Migration, die seit Jahrhunderten Europa prägt.

In Genua, Italiens bedeutendster Hafenstadt, begegnet sie dem Thema überall, im Palazzo Rosso und im Palazzo Bianco beim Betrachten von Gemälden:

Ihre Schöpfer kamen überwiegend aus Antwerpen nach Genua: Rogier van der Weyden, Joos van Cleve, Frans Pourbus, Jan Wildens, Jan Roos, Abraham Teniers, Jan Provost, Gerard David, Jan Massys, Joachim Beukelaer, Peter Paul Rubens, sie alle sind hier versammelt. Sie wurden eingeladen, blieben viele Jahre hier hängen und werden nun, Jahrhunderte nach ihrem Tod, noch immer auf Händen getragen. Erfolgsmigranten. [63/211]

ebenso wie auf der Straße, wo ein Akkordeonspieler Astor Piazzolla spielt:

Denn plötzlich trifft es sie mitten ins Herz: die Erkenntnis, dass Piazollas Eltern nach Argentinien ausgewanderte Italiener gewesen sein müssen. Die Unabwendbarkeit der Migration überwältigt sie, die Vitalität der Entscheidung, die Tragik des Hintersichlassens und Wiederaufbauens, all die Menschen, die sich seit vielen Jahrhunderten einschiffen, die auf der Durchreise sind, sich auf neuem Boden wiederfinden. [S. 63f./211]

Verbeke bespricht das Thema auch bei den Hausbesuch-Veranstaltungen. Sowohl in Genua als auch in Schwäbisch Hall scheint es, trotz aller Kosmopolität, vor allem Besorgnis hervorzurufen, wobei in Genua die größte Sorge immer noch die Mafia bleibt.

Am Ende zieht Verbeke ein Fazit, das für fast alle der von mir bisher gelesenen Hausbesuch-Texte gelten könnte:

Von ihrem Hausbesuch nimmt die Autorin die Erkenntnis mit: Nicht sie hat das Thema der Migration als roten Faden für ihren Reisebericht gewählt, es hat sie aufgenommen, weil es schon dagewesen, allgegenwärtig ist. [S. 77/211]

Tatsächlich ist es auffällig, aber keineswegs überraschend, dass viele Texte das Thema Migration so prominent behandeln. Es ist einerseits die große, gemeinsame europäische Aufgabe unserer Zeit, anderseits hat sie die europäische Kultur schon immer stark geprägt. Und genau darum geht es schließlich in der Reihe.

Sasha Marianna Salzmann: In das Maul des Wolfes will ich Dich stecken

Salzmanns Erzählung ist gewiss der freieste der fünf Beiträge – von einer Einladung des Goethe-Instituts ist nirgendwo die Rede. Die Erzählerin ist in Palermo und hängt dort in Gedanken einer vergangenen Liebe nach:

Ich höre Blut in meinen Ohrmuscheln, höre deine Stimme sprechen. Sehe die Bewegung deiner Lippen. Du sagst so viele Sätze und sagst nichts. SieklebenaneinanderohneAbstand du konntest nie das sagen, was du sagen wolltest, suchtest nur das, was dir entglitt. Wiederholtest, holtest nach, holtest auf, verstolpertest dich in Wörtern, die alle gleich klangen, fielst über das Einfache, versuchtest mir etwas zu erklären. Und du hast, ich wollte nicht verstehen. Du warfst mich raus, immer und immer wieder, es war kalt, der Geruch von Katzenpisse an den Hauswänden, ich stieß meinen Kopf dagegen, wollte rein, so oft, bis ich verschwand, weg war, dann wolltest du mich, sofort wolltest du mich, sofort wolltest du wissen, wo ich bin, sagtest, ich gehöre dir, so würde es sich gehören, dass ich bei dir Bericht abllege über ein Leben, dass du nicht verstehst. Ich schlug mich weit und dir gelang es trotzdem, kaum war ich weg, irgendeine Katastrophe und ich rief an, lief zurück. Nicht dieses Mal. Ich bin für immer weg. [29f./206]

Gleichzeitig beginnt sie eine Affäre mit einer jungen Frau, die die Flucht über das Mittelmeer überlebt hat:

Wenn man hier Tiere aus dem Meer isst, isst man die Ertrunkenen. Schwertfisch, Thunfisch – alle haben Leichen gefressen, die sie hätte sein können, sagt Angela. [S. 29/206]

Salzmann beschäftigt sich nicht distanziert-philosophisch mit Flucht, Migration, Terrorismus und Krieg, sondern unmittelbar, ungeschönt, als rauer Lebensrealität, in einer eindringlichen Sprache, die alle Sinne aufrührt – man sieht, riecht, hört, schmeckt und fühlt, was sie schreibt. Ob man will oder nicht.

So viele Menschen, so viele Sprachen, so viele Gedankenräume

Die Diversität der Buchreihe ist ihre große Stärke, ganz so wie es die große Stärke Europas ist. Was mich an Europa schon immer fasziniert hat, ist die Menge an verschiedenen Sprachen und Kulturen auf engem Raum. Je mehr dieser Sprachen man lernt, desto mehr werden Unterschiede, vor allem aber Gemeinsamkeiten bewusst.

Der beste Freund meines Vaters, der schon sehr viele Sprachen spricht und immer noch mehr lernt, erklärt seine Motivation damit, dass er verstehen will, wie die jeweiligen Muttersprachler denken. Die Sprache formt das Denken, das Denken formt die Sprache. Grammatische Strukturen, Bildsprache, Sprachklang teilen etwas mit, dass nicht immer übersetzbar ist. Deshalb ist es für die europäische Verständigung – nicht nur auf kommunikativer Ebene – wichtig, möglichst viele Sprachen zu lernen.

Und deshalb ist es so wichtig, dass die Texte der Hausbesuch-Reihe als siebensprachige Ausgaben erscheinen. Man kann sich erst einmal am Originaltext versuchen (zum Glück haben Ebooks eine eingebaute Wörterbuchfunktion), dann die zu einem passende Übersetzung lesen, Vergleiche anstellen, schauen, wie bestimmte Passagen in andere Sprachen übersetzt wurden … Die Reihe Hausbesuch mit ihrem überzeugenden Gesamtkonzept ist eine große Bereicherung und ich freue mich schon sehr auf die Anthologie.


Ich zitiere nach:

Darrieussecq, Marie: Hausbesuch. Naples-Dresde en Europe 
(Neapel-Dresden in Europa, Nápoles-Dresde en Europa, Napoli-Dresda in Europa, Napels – Dresden in Europa, Nápoles-Dresden na Europa), Reihe Hausbesuch, hg. vom Goethe-Institut,
Vol. 1, E-Book (ePub/mobi), Berlin (Frohmann) 10.01.2017

Jordi PuntíHausbesuch. La paciència
(Geduld, La paciencia, La patience, Ospiti a casa, La pazienza, Het geduld, A paciência), Reihe Hausbesuch, hg. vom Goethe-Institut, Vol. 4, E-Book (ePub/mobi), Berlin (Frohmann)
31.1.2017

Alina BronskyHausbesuch. Menschen kennenlernen
(Conocer gente. Faire connaissance. Conoscere persone nuove. Mensen leren kennen. Conhecer pessoas), Reihe Hausbesuch, hg. vom Goethe-Institut, Vol. 3, E-Book (ePub/mobi), Berlin (Frohmann) 24.01.2017

Annelies VerbekeHausbesuch. Al die mensen, al die eeuwen
(All diese Menschen, all diese Jahrzehnte / Toda esa gente, todos esos siglos / Tous ces gens, des siècles durant / Tutta quella gente, per tutti quei secoli / Todas essas pessoas, todos esses séculos), Reihe Hausbesuch, hg. vom Goethe-Institut, Vol. 7, E-Book (ePub/mobi), Berlin (Frohmann) 21.2.2017

Sasha Marianna SalzmannHausbesuch. In das Maul des Wolfes will ich dich stecken
(Quiero meterte en la boca del lobo, Je veux te fourrer dans la gueule du loup, In bocca al lupo, In de bek van de wolf wil ik je stoppen, É na boca do lobo que te quero pôr), Reihe Hausbesuch, hg. vom Goethe-Institut, Vol. 2, E-Book (ePub/mobi), Berlin (Frohmann), 17.1.2017

Da die E-Books keine festen Seiten haben, gebe ich dazu an, wie viele Seiten das Buch auf meinem Gerät bei meinen Einstellungen insgesamt hat. [80/311] heißt also: Seite 80, wenn die Gesamtseitenzahl 311 ist. Ich hoffe, diese Angabe ist annähernd genau genug.

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