Unterstreichungen und Marginalien

An diesem Thema scheiden sich die Geister: Die einen empfinden Anstreichungen und Marginalien in Büchern als Sakrileg, die anderen gestehen verschämt oder postulieren selbstbewusst – je nach Charakter und Haltung -, dass sie gar nicht mehr ohne Stift in der Hand lesen können. Aber Unterstreichungen als Motiv in Romanen wird überraschend wenig Aufmerksamkeit zuteil, obwohl es ein lohnender Untersuchungsgegenstand ist.

 

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Eskalierte Unterstreichungen in Benjamins Surrealismus-Essay

Ich selbst habe auf der Schule als hemmungslose Unterstreicherin angefangen, beschränke diese Tätigkeit aber inzwischen auf Kopien und Ebooks; in gedruckten Büchern markiere ich Stellen nur noch durch diese kleinen bunten Index-Haftstreifen. Will man einen Text intensiv bearbeiten, reicht das jedoch nicht aus.

 

Unterstreichen als Steigerungsform des Lesens

Texte mit Unterstreichungen und handschriftlichen Marginalien zu versehen, gehört zum Grundrepertoire literaturwissenschaftlichen Arbeitens und erfüllt viele Funktionen: Argumentations-, Erzähl- oder sonstige rhetorische Strukturen sollen hervorgehoben werden; Stellen, die man zu zitieren gedenkt, werden markiert, um sie später schneller wieder zu finden; Marginalien können Querverweise zu anderen Texten, anderen Kunstwerken oder anderen Stellen des selben Textes sein oder eigene Gedanken. Oft entwickeln sich dabei persönliche Strategien und Zeichensysteme, mitunter fast bis ins Zwanghafte gesteigert.

Beim „privaten“ Lesen ist die Unterstreichung eine Möglichkeit, für sich selbst im Moment des Lesens die Bedeutung des Gelesenen zu betonen, zum Beispiel Zustimmung oder Ablehnung Ausdruck zu verleihen. Das kann rein impulsiv geschehen oder bereits mit der Absicht, die Stelle später wiederzufinden und selbst noch einmal zu lesen oder einem anderen zu zeigen.

Das Unterstreichen und Annotieren stellt in jedem Fall eine Intensivierung des Leseprozesses dar. Der Leser verhält sich zum Text, setzt sich zu ihm in Beziehung, interpretiert ihn und macht ihn dabei zu etwas Eigenem. Der expressive Duktus der Unterstreichung gibt dabei viel von der Haltung dem Text gegenüber preis, mitunter auch vom Wesen des Unterstreichenden: So verrät eine mit dem Lineal mit stets der gleichen Strichstärke im stets gleichen Abstand zur Textzeile absolut parallel gezogene Linie vielleicht weniger über das Verhältnis des Lesers zur Textstelle, aber doch etwas über dessen Akuratesse und damit über seinen (zwanghaften?) Charakter.

Unterstreichungen und oft auch Randbemerkungen sind oft verhältnismäßig vage. Aus Unterstreichungen anderer gezogene Rückschlüsse bleiben daher meist hochgradig spekulativ. Dadurch geben sie aber auch ein fruchtbares Motiv in Romanen und Erzählungen ab, denn ein Kunstwerk lebt von seiner Bedeutungsvielfalt. Fontane verwendet das Motiv besonders eifrig, aber auch bei Stifter, Musil und ein paar weiteren kann man Beispiele finden.

Unterstreichungen bei Theodor Fontane

Fontane scheint eine besondere Vorliebe für Unterstreichungen gehabt zu haben: In der Mehrzahl seiner Romane (Vor dem Sturm, Graf Petöy, Cécile, Irrungen, Wirrungen, Quitt, Unwiederbringlich, Effi Briest) und in zwei Erzählungen (Schach von Wuthenow, Mathilde Möhring) und damit während der gesammten Zeit seines literarisches Schaffens verwendet er das Motiv als Gestaltungsmittel.

Es dient Fontane hauptsächlich zur indirekten Charakterisierung seiner Figuren. Die Figuren erkennen etwas über sich selbst, als sie Unterstreichungen anderer lesen oder selbst gemachte Unterstreichungen später wieder betrachten; sie schließen aus Unterstreichungen anderer auf deren Charakter oder ziehen für sich nützliche Informationen daraus; oder die Verschiedenheit der Unterstreichungspraxis zweier Figur führt dem Leser nochmals deren kongruente charakterliche Verschiedenheit vor Augen. Formal fungieren die Unterstreichungen mitunter als Wendepunkt oder Pointe.

Unterstreichungen bei Adalbert Stifter

Adalbert Stifter setzt das Motiv nur im Nachsommer ein;[1] hier ist das Motiv allerdings von besonderer Bedeutung und von größerer Komplexität als bei Fontane. Es gibt zwei Stellen im Nachsommer, in denen Untersteichungen eine Rolle spielen: Die erste Stelle beschreibt, wie die alte Fürstin, mit der Heinrich Drendorf in der Stadt bekannt ist, Unterstreichungen wieder liest, die sie vor vielen Jahren gemacht hatte.[2] Diese Passage ist eng verbunden mit dem speziellen Bildungskonzept, das dem Nachsommer zugrunde liegt, und das ich in seiner Komplexität hier nicht darstellen kann. Erdbildung und Bildung der Persönlichkeit werden parallel geführt, die Unterstreichungen sind gedanklich verwoben mit Fossilien und Falten des Gesichts.

Die zweite Stelle beschreibt, wie Mathilde dem Sohn Gustav ihre Gesamtausgabe der Werke Goethes schenkt. Er ist beglückt; als er jedoch die Unterstreichungen gewahrt, will er die Bände nicht annehmen, weil diese Unterstreichungen ihr Eigentum seien und er sie nicht berauben wolle. Die Mutter betont, dass die Unterstreichungen ein Band zwischen ihnen darstellen:

Wenn du in den Büchern liesest, so liesest du das Herz des Dichters und das Herz deiner Mutter, welches, wenn es auch an Werthe tief unter dem des Dichters steht, für dich den unvergleichlichen Vorzug hat, daß es dein Mutterherz ist. Wenn ich an Stellen lesen werde, die ich unterstrichen habe, werde ich denken, hier erinnert er sich an seine Mutter, und wenn meine Augen über die Blätter gehen werden, auf welche ich Randbemerkungen niedergeschrieben habe, wird mir dein Auge vorschweben, welches hier von dem Gedruckten zu dem Geschriebenen sehen und die Schriftzüge von Einer vor sich haben wird, die deine beste Freundin auf der Erde ist. So werden die Bücher immer ein Band zwischen uns sein, wo wir uns auch befinden. [3]

Die Goethe-Bände verbinden Mutter und Sohn emotional, aber das Band zwischen den Zeilen – die Unterstreichung – stellt auch eine Lenkung der Lektüre dar: das Band wird zur Leine, die verhindert, dass Gustav im Geiste wandern kann, wohin auch immer es ihn verschlagen mag; wird mithin zu einem Sicherungsband, das, ähnlich wie das Sicherungsseil beim Bergsteigen, eine Katastrophe verhindern soll.[4] Denn Kunst ist im Nachsommer immer auch gefährlich, wenn der leicht zu beeindruckende jugendliche Geist unbegleitet und unvorbereitet auf sie trifft.

Das „Band zwischen uns“ ist rhetorisch betrachtet ein Unterpunkt der ubiquitären Bandmetapher im Nachsommer: Das Wort „Band“ taucht in metaphorischen wie wörtlichen Bedeutungen vielfach in der Erzählung auf (Landschaftsbeschreibungen, Hortikultur, Gestaltungselement, Familienbande); alle Bedeutungen sind miteinander in Beziehung zu setzen. Die Bandmetapher ist wiederum mit anderen Metaphern und Symbolen verwoben zu einem extrem dichten, extrem interessanten Text.

Unterstreichungen bei Robert Musil

In Robert Musils Der Mann ohne Eigenschaften bekommt das Unterstreichen und die dadurch mögliche Beeinflussung des späteren Lesers vollends eine unheimliche Nuance. Im Rahmen der Parallelaktion bemüht sich General Stumm von Bordwehr, Diotima, in die er verliebt ist, „den erlösenden Gedanken […] zu Füßen zu legen.“[5] Um diesen „Gedanken, nach dem Diotima sucht“[6] zu finden, begibt er sich in die Staatsbibliothek, wo er von den unfassbaren Mengen an Büchern überwältigt ist. Er bittet einen Bibliothekar um Hilfe, der ihm, nach einem längeren Gespräch darüber, was Stumm eigentlich möchte, die Bücher bringt, die Diotima sich hat reservieren lassen. Die Suche nach dem „erlösenden Gedanken“ tritt in den Hintergrund angesichts des Vergnügens, das diese Konstellation dem General zu bieten vermag:

[W]enn ich jetzt in die Bibliothek komme, ist das geradezu wie eine heimliche geistige Hochzeit, und hie und da mach ich vorsichtig mit dem Blei an den Rand einer Seite ein Zeichen oder ein Wort undweiß, daß sie es am nächsten Tag finden wird, ohne eine Ahnung zu haben, wer da in ihrem Kopf drinnen ist, wenn sie darüber nachdenkt, was das heißen soll!“[7]

Wie sehr der General schon allein den Gedanken an diese heimliche Hochzeit genießt, wird im Anschluss noch deutlicher: „Der General machte eine selige Pause. Aber danach riß er sich zusammen, bitterer Ernst strömte in sein Gesicht[.]“[8] Dieser Genuss steht im Konflikt mit Diotimas Gefühlen dem General gegenüber, wie sie nach seinem ersten Besuch bei ihr dargestellt werden: Sie verabscheut ihn zutiefst, ist extrem aufgewühlt und empfindet seine Gegenwart und seine Blicke als unbestimmte Beleidigung. Sie nimmt den objektiv wenig furchteinflößenden, etwas naiv wirkenden Stumm von Bordwehr als Bedrohung wahr, sowohl für sich persönlich, als auch für die Parallelaktion, und glaubt, sich durch „die Macht der Idee“[9] vor seinem Zugriff schützen zu können.

Gerade diese Suche nach einer großen Idee ist es aber dann, die Stumm von Bordwehr in die Bibliothek treibt und so die heimliche Zudringlichkeit via Unterstreichung initiiert. Die Vorstellung des Generals von einer „heimlichen geistigen Hochzeit“ könnte als romantisch aufgefasst werden, wenn nicht zugleich offenkundig wäre, wie erschreckend und abstoßend Diotima ihn findet, also mit einer Hochzeit gleich in welchem Sinne niemals einverstanden wäre und sich schon von dem Ansinnen beleidigt fühlen würde. Besonders unheimlich wird sein Verhalten durch den Genuss, den ihm die Vorstellung bereitet, dass Diotima nicht wissen kann, wer es ist, der in ihren Kopf eindringt und durch die Marginalien Macht auf ihre Gedanken ausübt. Er zwingt ihr die Verbindung auf; dass er ihr keine Freiheit zur Zustimmung oder Ablehnung lässt, schützt ihn vor Zurückweisung und Entwertung. Die „heimliche geistige Hochzeit“ krankt an der Beziehungsasymetrie einer Zwangsehe.

Wie ist steht Ihr zu Anmerkungen und Marginalien? Macht Ihr selbst welche? Und wie findet ihr es, wenn Ihr in Bibliotheksexemplaren welche findet?

Vor allen Dingen würde mich auch interessieren, ob Ihr weitere Texte kennt, in denen Unterstreichungen eine Rolle spielen.

 


  1. Auch in der Erzählung Kalkstein aus der Sammlung Bunte Steine werden Unterstreichungen beschrieben, diese haben aber keinen Bezug zu einer Figur, den zu untersuchen sich lohnte, sie haben auch keinerlei Auswirkungen auf das Geschehen, und gleichen somit nicht den anderen Beispielen, die ich hier vorstellen möchte. Vgl.: Stifter, Adalbert; Doppler, Alfred [Hrsg.]; Frühwald, Wolfgang [Hrsg.]: Werke und Briefe. Historisch-kritische Gesamtausgabe, Band 2,2. Bunte Steine. Buchfassungen, herausgegeben von helmut Bergner, Stuttgart (Kohlhammer) 1982, S. 108. Im Folgenden Stifter HKG
  2. Stifter HKG 4,2, S. 56.
  3. Stifter HKG 4,1, S. 250.
  4. Heinrich verwendet ein solches Sicherungsband auf einer Bergwanderung mit seinen Arbeitern (HKG 4,3, S. 108f.): „Wir banden uns die Stricke um den Leib, und leißen ein ziemlich langes Stück von der Leibbinde des einen zu der des anderen gehen, damit, wenn einer, da wir jetzt über eine sehr schiefe Fläche zu gehen hatten, gleiten sollte, er durch den anderen gehalten würde.“ Ein Abgleiten im metaphorischen Sinne zu verhindern, ist auch eine Aufgabe der Unterstreichungen und der Vorauswahl der Bücher (Heinrich darf nur diejenigen Werke Goethes lesen, welche sein Ziehvater für ihn auswählt).
  5. Musil, Robert; Frisé, Adolf [Hrsg.]: Gesammelte WErke in neun Bänden. Band 2, zweite verbesserte Auflage, Reinbek bei Hamburg (Rowohlt) 1981, S. 459. Im Folgenden: Musil GW.
  6. Ebd.
  7. Ebd. S. 463f.
  8. Ebd. S. 464.
  9. Musil GW 1, S. 268.
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